Ein internationales Forscherteam hat Daten zur Entwicklung von mehr als 200.000 Gletschern zusammengetragen. Die Folgen des Klimawandels sind dramatisch.
Ein internationales Forscherteam unter Leitung der ETH Zürich und der Vrije Universität Brüssel hat eine interaktive Karte vorgestellt, die den dramatischen weltweiten Gletscherschwund für über 200.000 Gletscher visualisiert und die Folgen des Klimawandels aufzeigt.
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Gletscher reagieren empfindlich auf steigende Temperaturen und veränderten Niederschlag, was zu weltweitem Eisschwund führt.
Erst wenig Schnee im Winter, dann mehrere Hitzewellen im Sommer – in diesem Jahr haben die Gletscher in den Alpen bereits extrem viel Eis verloren, und die abschließenden Messungen laufen noch. Es könnte eines der schlimmsten Jahre für die Alpengletscher seit Beginn systematischer Aufzeichnungen werden.
Wie dramatisch sich die Gletscher nicht nur in den Alpen, sondern weltweit zurückziehen, zeigt diese neue interaktive Karte.
Unter Leitung der ETH Zürich und der Vrije Universität in Brüssel hat ein internationales Forscherteam wissenschaftliche Daten und Prognosen zur Entwicklung von mehr als 200.000 Gletschern zusammengetragen.
Lander Van Tricht, der Leiter des Projekts, verweist darauf, dass Zahlen zum Gletschersand oft sehr abstrakt wirken. „Mit dieser Website können Nutzer in ihr eigenes Tal oder ihre Bergregion hineinzoomen und sehen, was unterschiedliche Ausprägungen der globalen Erwärmung für die Gletscher in ihrer Umgebung bedeuten können.“
Denn Gletscher sind mehr als nur große Eismassen. Sie prägen Landschaften und Ökosysteme und sind ein Anziehungspunkt für Touristen. Ihr Schmelzwasser speist im Sommer die Flüsse, was zur Wasserversorgung beiträgt und vielerorts die Binnenschifffahrt überhaupt erst möglich macht. Hinzu kommt oft eine starke kulturelle und emotionale Bedeutung für die lokale Bevölkerung.
„Hinter jedem verschwindenden Gletscher steht ein Ort, eine Geschichte und oft eine Gemeinschaft, die seinen Verlust zu spüren bekommen wird“, sagt Van Tricht und warnt: „Das Gletschersterben ist kein fernes Problem zum Ende des Jahrhunderts. Es findet jetzt statt.“
Die Karte ist den Angaben der Forscher zufolge die erste globale Bewertung des Gletscherschwunds und zeigt, dass die Welt auf eine Phase beispiellosen Gletschersterbens zusteuert. Für jeden einzelnen Gletscher ist aufgeführt, wann er voraussichtlich verschwinden wird und wie stark dieser Zeitpunkt von der zukünftigen Erwärmung abhängt.
Sichtbare Folge des Klimawandels
Bei einer globalen Erwärmung um 1,5 Grad Celsius, so die Prognosen, werden pro Jahr weltweit etwa 2000 Gletscher verschwinden. Bei vier Grad dürfte sich diese Zahl in etwa verdoppeln. Beim Vier-Grad-Szenario würden bis zum Jahr 2100 mehr als 90 Prozent der heutigen Gletscher verschwunden sein. In den Alpen wären, so die Forscher, dann nur noch 20 Gletscher übrig.
Ein Gletscher gilt dann als verschwunden, wenn er 99 Prozent seines ursprünglichen Eisvolumens verloren hat oder seine Eisfläche weniger als 10.000 Quadratmeter beträgt.
Das Zurückweichen der Gletscher ist eine der deutlich sichtbaren Folgen des Klimawandels. Von den Anden über die Alpen bis zum Himalaja schrumpfen die Eismassen. Nach Berechnungen des World Glacier Monitoring Service verschwanden seit Mitte der 1970er-Jahre weltweit bereits mehr als 9000 Gigatonnen Gletschereis (eine Gigatonne entspricht einer Milliarde Tonnen).
Ein Gletscher existiert nur dann dauerhaft, wenn der Schneefall im Winter und das Abtauen im Sommer in einem Gleichgewicht stehen. Steigende Temperaturen verlängern die Schmelzperiode und verkürzen die Zeit, in der sich neuer Schnee ansammeln kann.
Hinzu kommt, dass als Folge des Klimawandels in vielen Gebirgsregionen zunehmend mehr Niederschläge nicht als Schnee, sondern als Regen fallen, wodurch den Gletschern der Nachschub fehlt und sie immer kleiner werden.
Nun haben sich Gletscher schon immer verändert. Vor etwa 20.000 Jahren, auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, erreichte ihre Ausdehnung ihr Maximum. Weite Teile Nordamerikas und Nordeuropas waren von mächtigen Eisschilden bedeckt. Der Meeresspiegel lag nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung mehr als 100 Meter tiefer als heute.
Vor etwa 10.000 Jahren waren diese großen Vergletscherungen weitgehend verschwunden und der Meeresspiegel entsprechend gestiegen. Das heutige Warmzeitklima begann. Seither kam es zu wärmeren und kühleren Phasen, in denen sich die Gletscher zurückzogen oder ausdehnten – weltweit und in den Alpen.
Ein spektakulärer Beleg für die dynamische Geschichte der Alpengletscher ist die Gletschermumie Ötzi, die 1991 in den Ötztaler Alpen an der Grenze zwischen Österreich und Italien gefunden wurde. Der Mann starb zum Ende des sogenannten holozänen Klimaoptimums vor rund 5300 Jahren.
Kurz nach seinem Tod wurden seine sterblichen Überreste vom Eis der wieder vorrückenden Gletscher bedeckt und über Jahrtausende konserviert. Im 16. und 17. Jahrhundert erreichten die Gletscher auf dem Höhepunkt der sogenannten Kleinen Eiszeit ihre größte Ausdehnung.
Dass die Mumie jetzt im schmelzenden Eis wieder auftaucht, zeigt, wie stark die Gletscher derzeit auf dem Rückzug sind. Während die Eismassen in der Vergangenheit in Zeiträumen von Jahrhunderten und Jahrtausenden auf Klimaveränderungen reagierten, ziehen sich die Gletscher gegenwärtig innerhalb von Jahrzehnten zurück.
Extreme Hitzesommer wie 2022 und 2026 beschleunigen diesen Prozess. Wo die Gletscher fehlen, fehlt auch ein Wasserreservoir. Ganze Regionen werden sich darauf einstellen müssen, mit weniger Wasser auszukommen.
Und dafür, so Van Tricht, ist es wichtig, die zu erwartenden Gletscherverluste zu erfassen. Die interaktive Karte soll dabei eine Orientierung geben. Van Tricht: „Wir hoffen, dass sie auch den lokalen Gemeinschaften hilft, sich auf eine Zukunft mit weniger Gletschern vorzubereiten.“

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