
Künstliche Intelligenz verlässt die Rechenzentren und erobert die reale Welt. Experten raten Anlegern, statt auf Roboter-Hersteller auf die Infrastruktur dahinter zu setzen.
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Physische KI integriert KI in Maschinen, die in der realen Welt agieren. Dies unterscheidet sich von bisheriger KI, die primär in Rechenzentren operierte.
KI verlässt die Rechenzentren und kommt in die reale Welt. Roboter lernen, sehen und handeln – doch die Gewinner am Aktienmarkt sitzen womöglich ganz woanders.
Düsseldorf. An der Börse kehrt die Begeisterung für Künstliche Intelligenz (KI) langsam zurück. Am vergangenen Dienstag erreichte der Technologieindex Nasdaq 100 in den USA den höchsten Stand in seiner bisherigen Geschichte.
Profitiert haben von der bisherigen KI-Rally vor allem die Betreiber großer Rechenzentren, sogenannte Hyperscaler, und damit verbundene Ausrüster und Zulieferer, zu denen nahezu die gesamte Chipindustrie zählt. Doch die nächsten KI-Gewinner könnten aus anderen Branchen kommen.
Ulrike Hoffmann-Burchardi, Anlagestrategin bei der Vermögensverwaltung der Großbank UBS, sagt: „Wir sind offiziell in das Zeitalter der physischen KI eingetreten.“ Das Handelsblatt erklärt, was damit gemeint ist, welche Regionen führend sind und wie Anleger investieren können.
Was ist physische KI?
Physische KI bezeichnet Künstliche Intelligenz, die in Maschinen integriert ist und in der realen Welt wahrnimmt, entscheidet und handelt. So kann ein Robotiksystem zum Beispiel Gegenstände greifen, sortieren oder bewegen.
Ein zentraler technologischer Baustein ist das sogenannte In-Context-Lernen. Denn traditionell mussten Roboter für neue Aufgaben aufwendig programmiert oder über lange Trainings- und Simulationsprozesse angepasst werden. „Man musste Millionen digitaler Simulationen durchführen, ein Modell wochenlang trainieren und die exakten Parameter anschließend fest in die Maschine einprogrammieren“, erklärt Hoffmann-Burchardi.
In-Context-Lernen stellt diesen Ansatz nun auf den Kopf. Moderne Roboter können beobachten, wie ein Mensch eine Aufgabe ausführt, und ihr Verhalten anschließend unmittelbar anpassen. „Sie erfassen die Aufgabe unmittelbar und lösen sie genau in diesem Kontext“, sagt die Anlagestrategin.
Das Feri Cognitive Finance Institute, das strategische Forschungszentrum des Investmenthauses Feri, kommt in einer gemeinsamen Studie mit dem Fraunhofer-Institut daher zu dem Ergebnis, dass physische KI die Automatisierung grundlegend umwälzen kann.
„Wir sehen den Beginn einer rapiden Transformation der Robotik, die weltweit enorme Konsequenzen nach sich ziehen wird“, sagt Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter der Bad Homburger Denkfabrik.
Was sind die Vorteile?
Der wichtigste Vorteil der physischen KI liegt in ihrer Flexibilität und Lernfähigkeit. „Das In-Context-Lernen hat Maschinen die nötige Agilität verliehen, um direkt am Arbeitsplatz zu lernen“, sagt Hoffmann-Burchardi. Die physische KI kann neue Aufgaben durch Beobachtung erlernen, sich schneller an veränderte Umgebungen anpassen, unmittelbar auf reale Situationen reagieren, ohne vollständige Neuprogrammierung unterschiedliche Tätigkeiten ausführen und präzise mit ihrer Umgebung interagieren.
Die Technologie soll insbesondere in Bereichen wie Logistik, Fertigung und Gesundheitswesen einen wirtschaftlichen Mehrwert schaffen.
Rapp weist auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels auf die Bedeutung physischer KI hin. Denn das Angebot an Fach- und Arbeitskräften dürfte in einer alternden Bevölkerung sinken. Ebenso machen steigende Lohn- und Lohnnebenkosten den Einsatz der neuen Technologie interessant sowie der international sich verschärfende Wettbewerbsdruck.
„Diese Kräfte erzwingen weltweit massive Investitionen in Automatisierung. Robotik wird so letztlich zur unverzichtbaren Säule gesellschaftlicher Souveränität und Existenzsicherung“, sagt Rapp.
Welche Teilbereiche gibt es auf dem Robotik-Markt?
Bislang ist die Industrierobotik der größte und wirtschaftlich bedeutendste Teilmarkt. Durch die Fortschritte im KI-Bereich befindet sich der globale Robotik-Markt allerdings in einer Phase struktureller Veränderungen.
So wächst der globale Markt für Serviceroboter dynamisch. Sie agieren in Umgebungen, die sich häufig verändern, wie etwa im Transport und in der Logistik. Die größten Wachstumsfantasien unter Anlegern lösen aber humanoide Roboter aus. Im vergangenen Jahr investierten Risikokapitalgeber laut dem Finanzdatenanbieter Pitchbook rund 6,1 Milliarden Dollar in diesen Bereich.
Im Gegensatz zur Industrie- und Servicerobotik befinden sich humanoide Roboter aber noch in einer frühen Phase der Kommerzialisierung, schreiben die Experten des Feri-Instituts in ihrer Studie: „Neben ersten Pilotprojekten und industriellen Feldtests dominieren Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie Investitionen in künftige Produktionskapazitäten.“
Mehrere Investmenthäuser sehen für die kommenden Jahrzehnte ein erhebliches Wachstumspotenzial. Die Investmentbank Goldman Sachs Research prognostiziert bis 2035 ein globales Marktvolumen von rund 38 Milliarden Dollar, die Großbank Morgan Stanley schätzt den globalen adressierbaren Markt bis zum Jahr 2050 auf rund fünf Billionen Dollar.
Morgan Stanley weist jedoch ausdrücklich auf erhebliche Unsicherheiten hin. Auch Feri warnt vor überzogenen Erwartungen. Aus ihrer Sicht ist es aktuell unwahrscheinlich, dass humanoide Robotersysteme bestehende Robotiklösungen kurzfristig ersetzen: „Stationäre Industrieroboter, kollaborative Systeme und autonome mobile Roboter bleiben in vielen standardisierten Anwendungen bei Produktivität, Zuverlässigkeit und Kostenstruktur überlegen.“
Wie können Anleger investieren?
Wer als Anleger in physische KI investieren möchte, dem empfiehlt Hoffmann-Burchardi einen Rat von André Kostolany zu beherzigen. Der legendäre, 1999 verstorbene Investor, sagte einmal: „Investiere bei einem Goldrausch nicht in die Goldgräber, sondern in Schaufeln!“
Übertragen auf die aktuelle Situation bedeutet das, dass Anleger sich stärker auf Zulieferer und Infrastrukturunternehmen konzentrieren sollten. Nico Baum, bis August KI-Chef bei der Berenberg Bank, warnte Anleger bereits im Mai davor, den Blick auf die Robotikstars zu verengen. „Die ersten Gewinner der Physical-AI-Welle sind weniger die Roboter selbst als die Infrastruktur dahinter“, sagte er dem Handelsblatt.
Hoffmann-Burchardi führt aus: „Physische KI erfordert eine neue Hardware-Lieferkette. Diese fortschrittlichen Roboter benötigen hoch spezialisierte physische Körper, um das, was sie lernen, auch ausführen zu können.“ Die UBS-Expertin nennt dabei drei entscheidende Ebenen der Lieferketten: Aktuatoren und Präzisionsgetriebe, Sensorik und Wahrnehmung sowie Edge Computing und Energieinfrastruktur.
Auch Rapp hält ein Investment in vorgelagerten Wertschöpfungsstufen gegenüber einzelnen Robotikanbietern für den besseren Ansatz. Er betont: „Ganz gleich, welches spezifische Robotersystem sich durchsetzt – Zulieferer für Sensorsysteme, Simulationssoftware und KI-Infrastruktur profitieren in jedem Fall.“
Welche Aktien könnten von physische KI profitieren?
Dem Rat der Experten zu folgen, ist nicht so einfach. Denn um in passende Aktien zu investieren, müssen Anleger Unternehmen aufspüren, bei denen physische KI entweder bereits einen Großteil des Geschäfts ausmacht, ein wichtiges Teilgeschäft ist oder ein elementarer Wachstumsmarkt ist. Fündig werden Anleger dann vor allem in China, Südkorea, Japan und in den USA.
Cognex aus den USA ist etwa ein Anbieter von Bildverarbeitungslösungen für Fertigung und Logistik. Die chinesischen Unternehmen Hesai und Robosense sowie Ouster aus den USA entwickeln und produzieren jeweils Lidar-Sensoren zur dreidimensionalen Erfassung der Umwelt. Harmonic Drive Systems aus Japan wiederum stellt hochpräzise Antriebstechnik her, die bei der Automatisierung wichtig sind.
Zu beachten ist allerdings, dass die Unternehmen zum Teil noch relativ klein sind und für deutsche Anleger hierzulande schwierig zu handeln sind. Dadurch kann es beim Kauf zu Preisaufschlägen und beim Verkauf zu Preisabschlägen kommen. Der alternative Handel über ausländische Börsen kann mit höheren Kosten verbunden sein.
Zudem ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch unsicher, welche Unternehmen sich langfristig auf dem jeweiligen Feld durchsetzen werden. Die Aktien sind also eine Wette auf die Zukunft. Baum mahnt daher zur Vorsicht: „Nicht jede Robotik-Fantasie wird am Ende ein profitables Geschäftsmodell.“
AI outlook — possibilities, not facts
Massive Investitionen in Automatisierung aufgrund demografischen Wandels.
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