
Mutmaßliche Brandanschläge mit DHL- und DPD-Paketsendungen führen vor Gericht in Litauen und Polen, während Behörden die Drahtzieher bei russischen Geheimdiensten sehen.
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Im Juli 2024 kam es in Logistikzentren in Leipzig, Birmingham und Warschau zu Bränden durch präparierte Frachtsendungen aus Vilnius.
„Ich gestehe alles“, sagt Daniilas J. „Aber ich wusste nicht, dass ich für eine terroristische Gruppe gearbeitet habe.“ Ihm sei klar gewesen, dass die ganze Sache irgendwie illegal war, aber er habe nicht geglaubt, dass es sich um ein schweres Verbrechen handle – und seine finanzielle Lage sei schwierig gewesen, gab Daniilas J. laut Berichten litauischer Medien Anfang August vor dem Bezirksgericht in Vilnius an. Er habe vermutet, in dem Paket mit Sexspielzeug, Massagekissen und Cremes, das er transportierte, sei vielleicht Rauschgift versteckt gewesen. In Wirklichkeit waren in den Cremedosen brandverstärkende Chemikalien.
J. ist einer the fünf Angeklagten, denen in Litauens Hauptstadt derzeit wegen Brandanschlägen mit Sendungen der Paketdienste von DHL und DPD im Juli 2024 der Prozess gemacht wird. Auf dem Flughafen Leipzig, in einer Lagerhalle in Birmingham und in einem Lastwagen in Warschau gingen damals Pakete in Flammen auf, die in Vilnius abgeschickt worden waren; ein weiteres Paket wurde von den polnischen Sicherheitskräften rechtzeitig entdeckt und entschärft.
Bei den Bränden entstand nur Sachschaden, doch Leipzig entging schon vor zwei Jahren womöglich knapp einer Katastrophe: Als sich das Paket kurz vor sechs Uhr morgens in einem Wagen auf dem Flugfeld entzündete, hätte es eigentlich schon in einem Frachtflugzeug von DHL in der Luft sein sollen.
Daniilas J. ist nicht allein mit der Behauptung, er habe nichts von den Brandsätzen gewusst. Die anderen Angeklagten in Vilnius beharren ebenfalls darauf, dass ihnen nicht klar gewesen sei, woran sie mitwirkten. Und auch die Männer, die in einem wegen dieser Anschläge gleichzeitig in Warschau stattfindenden Prozess vor Gericht stehen, geben sich unwissend. Gestanden haben sie alle nur ihre Rolle beim Transport der Pakete, von deren Zweck und Inhalt sie angeblich nichts wussten.
Dennoch sind die Behörden in Litauen und Polen sicher, dass die Drahtzieher der Anschläge bei den russischen Geheimdiensten zu suchen sind. Aus den Aussagen der Angeklagten vor Gericht, ihren Verbindungen und Vorgeschichten setzt sich wie ein Mosaik ein Bild zusammen, das zwar an vielen Stellen noch lückenhaft und unscharf ist, aber deutlich die Konturen einer von Russland aus gelenkten Operation zeigt.
Seit mehr als zwei Jahren erlebe Litauen ein „gleichbleibend hohes Niveau hybrider Bedrohungen“, sagt Vilmantas Vitkauskas, der Leiter des Nationalen Krisenmanagement-Zentrums der litauischen Regierung. Auch bei zwei weiteren Brandanschlägen im Jahr 2024 gab es Spuren nach Russland: der Brandstiftung in einem IKEA-Markt in Vilnius und einem versuchten Brandanschlag auf ein Unternehmen in Šiauliai im Norden Litauens, das Funkausrüstung für die ukrainische Armee herstellt. Doch die Brandanschläge mit den Paketen seien bisher „der Vorfall, der bei uns die größte Besorgnis hervorgerufen hat“, so Vitkauskas: „Das war ein neues Mittel im Arsenal der asymmetrischen Kriegsführung. Und es ging nicht nur um Litauen und Europa, sondern konnte globale Auswirkungen haben.“ Es gebe Anzeichen dafür, dass die Brandsätze der Anfang einer groß angelegten Operation sein sollten.
Der bisher öffentlich bekannte Teil dieser Operation hat laut den Erkenntnissen eines Rechercheverbunds des öffentlich-rechtlichen litauischen Senders LRT mit Onlinemedien in Polen und Lettland im Juni 2024 mit einer etwas eigenartigen, aber harmlos wirkenden persönlichen Bitte begonnen: Alexandr M., in der Sowjetunion Kapitän eines Atom-U-Bootes, ruft seinen einstigen Untergebenen Nikolaj S. an und bittet ihn, für ihn den Transport eines Pakets mit Massagekissen nach Vilnius zu organisieren. Dort werde es dann von Verwandten abgeholt.
Andrej B., gleichfalls ein Bekannter aus U-Boot-Zeiten, der in Sankt Petersburg seit den Neunzigerjahren eine Logistikfirma betreibt (die jetzt laut LRT auch Dienstleistungen zur Umgehung der EU-Sanktionen gegen Russland anbietet), lässt das Paket von einem weiteren Bekannten persönlich nach Narva in Estland bringen. Der übergibt es einem dort lebenden russischen Staatsbürger, der es mit einem Kurierdienst nach Riga schickt.
In der lettischen Hauptstadt wird das Paket von dem aus der Ukraine stammenden Wassilij K. angenommen, der mit dem Petersburger Geschäftsmann und Ex-Marineoffizier B. seit Langem verbunden ist: B. ist der Taufpate von K.s Sohn. Wassilij K. bringt das Paket gemeinsam mit einem Neffen nach Vilnius. Dort begegnen sie dem vorgesehenen Empfänger aber nicht, sondern lassen das Paket in ihrem nicht abgeschlossenen Auto, aus dem es in ihrer Abwesenheit jemand nimmt, den sie nicht kennen und den sie nie gesehen haben wollen.
Dieser Mann steht in Warschau vor Gericht: Der Ukrainer Wjatscheslaw Tsch., Spitzname „Pfannkuchen“, soll laut Anklage den Inhalt dieses Pakets in einer über Airbnb auf falschen Namen angemieteten Wohnung in Vilnius auf vier Pakete verteilt und die Zünder darin aktiviert haben. An diesem Punkt geht die Operation Ende Juni 2024 fast schief: Der litauische Staatsbürger Aleksandras Š. soll die Pakete aus der Wohnung holen und sie bei DHL und DPD aufgeben. Š. lebt zwar in Vilnius, findet die Wohnung in einem Neubauviertel der Stadt aber trotzdem nicht. Der „Pfannkuchen“ muss zurück in die Wohnung und die Zünder wieder deaktivieren.
Nun beginnen die gefährlichen Pakete eine dreiwöchige Reise durch mehrere Staaten, die vermutlich dazu dient, nach dem missglückten ersten Anlauf Spuren zu verwischen. Sie führt sie erst nach Kaunas, in Litauens zweitgrößte Stadt, wo mutmaßlich Daniilas J. an ihrer Weiterleitung beteiligt war. Dann geht es nach Polen, von dort auf unbekannten Wegen in die Republik Moldau, bis die Pakete schließlich in einem Linienbus aus der moldauischen Hauptstadt Chișinău wieder nach Riga gelangen. Dort werden sie, nachdem sie kurz bei einem weiteren alten Kameraden aus sowjetischen U-Boot-Zeiten zwischengelagert waren, wieder von Wassilij K. und seinem Neffen angenommen und abermals nach Vilnius transportiert.
An den beiden nächsten Schritten sind zwei weitere Ukrainer beteiligt, die in Warschau vor Gericht stehen: Einer übernimmt die Pakete von K. und deponiert sie in Kaunas in einer Garage, der andere holt sie dort am nächsten Tag, dem 19. Juli 2024 ab, aktiviert mutmaßlich die Zünder und übergibt sie auf einem Platz im Zentrum von Vilnius an jenen Aleksandras Š., der die Aktion drei Wochen zuvor fast zu einem Fiasko hätte werden lassen. Dieses Mal erfüllt Š. seine Aufgaben ordentlich und liefert die Pakete unter falschem Namen bei DHL und DPD ein. Am Morgen darauf geht in Leipzig das erste DHL-Paket in Flammen auf. Aleksandras Š. wird später anhand der Aufnahmen von Überwachungskameras identifiziert.
Die meisten der Angeklagten haben eine Vorgeschichte, die einen Schatten auf sie wirft. Bei Wassilij K. in Riga wurden während einer Hausdurchsuchung eine Pistole mit abgeschliffener Registrierungsnummer sowie die Gerichtsunterlagen zu einem spektakulären Mordfall in Lettlands Mafiamilieu gefunden. Für beides hat er keine sinnvoll klingende Erklärung.
Aleksandras Š. war in Polen – mutmaßlich als Strohmann der tatsächlichen Eigentümer – Geschäftsführer einer Recyclingfirma, bei der es sich in Wirklichkeit um eine groß angelegte betrügerische Finanzpyramide handelte; er befand sich nur gegen Kaution auf freiem Fuß. Er wird zudem verdächtigt, dem Täter, der das Feuer im IKEA in Vilnius gelegt hat, die Brandsätze übergeben zu haben. Die in Warschau vor Gericht stehenden Ukrainer haben ein umfangreiches Vorstrafenregister, unter anderem wegen Vergewaltigung und Geldwäsche.
Daniilas J. ließ sich bewusst auf Aufgaben ein, bei denen ihm klar war, dass sie nicht ganz legal waren. Er hat die litauische und die russische Staatsangehörigkeit. Nachdem er aus Klaipėda in Litauen zu seiner kranken Mutter in die russische Exklave Kaliningrad gezogen war, wollte er damit Geld verdienen, dass er mit seinen zwei Pässen viel leichter als andere über die litauisch-russische Grenze reisen konnte, die seit Russlands Überfall auf die Ukraine immer verschlossener geworden ist. Seine Dienste bot er auf Telegram an.
Von einem Mann, von dem er nur den Vornamen Tomas kennt, bekam er laut seiner Aussage vor Gericht über den Messengerdienst den Auftrag, mehrere russische SIM-Karten nach Kaunas zu bringen und sie auf einem Friedhof zu vergraben. J. fand das angegebene Grab nicht und vergrub die Karten, einer neuerlichen Anweisung von Tomas folgend, unter einem Busch im Zoo der Stadt. Später wurde ihm befohlen, ein Paket aus einer Lagerhalle zu holen, Fotos der darin befindlichen Sexspielzeuge und Cremedosen zu schicken und das Paket in einem Park im Gebüsch zu verstecken. Der nächste Auftrag von Tomas war eine Reise nach Deutschland – nach seiner Ankunft dort sollte J. erfahren, was er tun sollte. Doch dazu kam es nicht mehr – gleich nach seiner Ausreise aus Russland wurde er in Litauen festgenommen.
Auch Aleksandras Š. und die in Warschau vor Gericht stehenden Ukrainer bekamen über Telegram Anweisungen von Personen, die unter Decknamen auftraten. Einen von ihnen, der sich „Jarik Deppa“ nennt, meinen die Ermittler als 38 Jahre alten Russen aus dem Gebiet Rostow am Don namens Jaroslaw Michailow identifiziert zu haben; es ist freilich nicht ganz sicher, ob das sein richtiger Name ist. Laut den Erkenntnissen der Journalisten des litauisch-polnisch-lettischen Rechercheverbunds wurde nach Michailow in Russland seit Mitte der Zehnerjahre wegen Schmuggels von Waffen, Sprengstoff und radioaktivem Material gefahndet. 2022 wurde er offenbar gefasst, blieb aber auf freiem Fuß.
Die Paketanschläge sind nicht die einzigen Aktionen, mit denen „Jarik Deppa“ in Verbindung steht. Sein Name tauchte auch im Zusammenhang mit den Brandanschlägen auf einen IKEA in Vilnius und einen Baumarkt in Łódź in Polen auf. Die polnische Staatsanwaltschaft vermutet ihn in aserbaidschan und hat dort seine Auslieferung beantragt. Das ist vielleicht der Grund, weshalb er laut LRT-Recherchen auch wieder auf russischen Fahndungslisten auftaucht: Das gäbe Russland im Falle einer Festnahme einen Grund, selbst seine Auslieferung zu verlangen.
Die meisten der Beteiligten haben Geld für ihre Dienste bekommen. Die Summen waren nicht groß – sie liegen zwischen 500 und 2000 Euro. Wassilij K. aus Riga gibt an, kein Geld erhalten zu haben. Aber warum macht er dann wegen Paketen, die angeblich nur harmlose Massagekissen und Cremes enthalten, zweimal mit dem Auto den 300 Kilometer langen Weg von Riga nach Vilnius?
Die Anschläge, über die nun in Vilnius und Warschau vor Gericht verhandelt wird, sollten womöglich nur der Auftakt zu einer Serie solcher Aktionen werden. Einem der Angeklagten in Polen, dem „Pfannkuchen“ Wjatscheslaw Tsch., wirft die polnische Staatsanwaltschaft vor, zur Vorbereitung weiterer Sabotageakte Pakete in die USA und nach Kanada aufgegeben zu haben.
Einen gefährlichen Inhalt hatten diese Sendungen nicht: „Wir konnten eine Testphase sehen“, sagt Vilmantas Vitkauskas vom Nationalen Krisenmanagement-Zentrum Litauens. Es sei darum gegangen, die Abläufe bei Paketsendungen zu erkunden: Wie lange lagert ein Paket an welchen Orten? Welche Zwischenstationen gibt es auf dem Weg zum Bestimmungsort? Wie wird auf den Flughäfen damit umgegangen? Welche Gegenstände und Materialien kann man verwenden?
„Die russischen Dienste suchen nach immer neuen Methoden und Ansätzen“, sagt Vitkauskas. Aber die Geschichte der Paketanschläge zeige auch, welche Schwierigkeiten die russischen Geheimdienste damit hätten, das richtige Personal für ihre Aktionen zu finden: „Nach unseren Erfahrungen fällt es ihnen nicht leicht, hier Leute zu rekrutieren.“ Der Kontakt zu potentiellen Tätern stellen die russischen Dienste nach Erkenntnis der litauischen Behörden meist mit unschuldig wirkenden Angeboten auf Telegram her, leicht und schnell Geld zu verdienen. Aber mit den Leuten, die sie dabei finden, erhöht sich das Risiko von Fehlschlägen.
Die Irrwege von Daniilas J. auf einem nächtlichen Friedhof in Kaunas und Aleksandras Š. in einem Neubauviertel in Vilnius, die die ganze Operation gefährdet haben, sind nicht die einzigen Beispiele. Der Brandanschlag auf das Funktechnik-Unternehmen in Šiauliai im September 2024 ist wegen des Dilettantismus der dafür aus Spanien angereisten Staatsangehörigen Spaniens, Kolumbiens und Kubas gescheitert.
„Für bestimmte Aktivitäten braucht es Kenntnisse, etwa im Umgang mit Sprengstoffen. Da ist es schwierig, mit Leuten zu arbeiten, die nicht das Training haben“, sagt Vilmantas Vitkauskas. Grund zur Beruhigung ist das für ihn nicht: „Unsere Gesellschaften sollen eingeschüchtert werden. Das Vertrauen in Institutionen soll untergraben werden, indem vorgeführt wird, dass unsere Dienste nicht in der Lage sind, mit solchen Bedrohungen klarzukommen.“

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