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BackSynthetische Opioide: Estlands Kampf gegen eine neue Drogenwelle
Synthetische Opioide: Estlands Kampf gegen eine neue Drogenwelle
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Tagesschau Ausland7 hours agoHealth3 min readGermany

Synthetische Opioide: Estlands Kampf gegen eine neue Drogenwelle

Synthetische Opioide wie Cychlorphin und Nitazen haben den Drogenmarkt in Estland praktisch übernommen. Trotz früherer Erfolge stehen Polizei und Hilfsorganisationen vor neuen Herausforderungen.

Quick Look

  • Estland kämpft mit einer neuen Welle hochwirksamer synthetischer Opioide wie Cychlorphin und Nitazen, die Heroin fast vollständig verdrängt haben.
  • Trotz früherer polizeilicher Erfolge gegen Fentanyl steigen die Zahlen der Drogentoten wieder an.

AI-generated summary

Why It Matters

Estland war vor mehr als 20 Jahren eines der ersten Länder, die von Fentanyl überschwemmt wurden, konnte die Krise durch Polizeieinsätze jedoch zeitweise eindämmen.

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"Dieses Cychlorphin haut dich einfach um", sagt Julia auf einer Parkbank am Stadtrand von Tallinn. Die 34-Jährige hat eine lange Drogenkarriere hinter sich: Heroin, Fentanyl, Amphetamin und zuletzt Nitanze und Cychlorphin.

Es sind Stoffe, die Drogenexperten weltweit gerade alarmieren. Denn sie sind hundertfach wirksamer als das natürlich hergestellte Heroin. Schon eine winzige Überdosis kann tödlich sein. In Estland dominieren diese synthetischen Opioide fast vollständig den Drogenmarkt und haben Heroin praktisch verdrängt.

Mart Kalvet, der für Lunest arbeitet, eine Interessenvertretung der Drogensüchtigen in Estland, beschreibt die Situation so: "Wir sind seit ein paar Jahren zu einer Art Testmarkt für synthetische Opioide geworden." Dahinter vermutet er kriminelle Netzwerke. Das größte Problem sei, dass die Leute häufig nicht wüssten, was sie konsumieren: "Das Zeug sieht immer gleich aus. Aber du siehst nicht, welche Moleküle da drinstecken." Auch deshalb spitzt sich die Krise zu.

"Wir dachten, wir hätten die Krise bewältigt"

Dabei hat Estland eigentlich eine Erfolgsgeschichte im Kampf gegen Drogen zu erzählen. Der baltische Staat war eines der Länder, in dem sich Fentanyl vor mehr als 20 Jahren verbreitete - lange bevor das ursprüngliche Schmerzmittel in den USA zu einer Massendroge wurde. Nach nur wenigen Jahren wurde der gesamte Drogenmarkt von Fentanyl bestimmt.

Dann schlug die estnische Polizei zu und legte den kriminellen Netzwerken das Handwerk. Der Erfolg stellte sich ein: Die Zahl der Drogentoten ging bis 2018 um mehr als 50 Prozent zurück.

"Wir dachten, wir hätten die Krise bewältigt", sagt Rait Pikaro von der Kriminalpolizei in Tallinn heute. Die Zahl der Toten im Zusammenhang mit Fentanyl erreichte einen Tiefpunkt. Aber der Erfolg war nicht von Dauer. Schon wenige Jahre später tauchten in Estland neue Stoffe auf.

Synthetische Drogen lassen sich überall mischen

Zuerst Nitazen, dann Cychlorphin. Beides sind synthetische Opioide, deren Grundsubstanzen aus der Arzneimittelindustrie stammen. Sie lassen sich in mobilen Laboren zusammenmischen. Für diese Drogenküchen gebe es keine geographischen Grenzen mehr, klagt Rait Pikaro. "Die Zutaten kommen aus Asien oder anderen Ländern. Aber dann werden die Stoffe irgendwo gemixt und aufereitet. Es ist eine ständige Jagd nach diesen Laboren."

Aktuell kann die estnische Polizei keine größeren Ermittlungserfolge vorweisen. Aber sie wissen: Eine der vielen Spuren führt ins Nachbarland Lettland. Das erklärt der Kripochef im Interview mit der ARD. Es sei ein schwieriger Kampf, weil die Spuren sich kaum nachverfolgen lassen - im Gegensatz zu Heroin oder Kokain, bei denen das Naturprodukt irgendwie nach Europa kommen muss.

Aber der Kampf sei ist nicht hoffnungslos, sagt Pikaro: "Wir haben 500 Menschenleben retten können - das ist unsere Erfolgsgeschichte bei Fentanyl. Und sie zeigt, dass wir es noch einmal schaffen können." Aber er fügt auch hinzu: Solange es eine Nachfrage nach diesen Drogen gibt, werde es immer wieder Akteure geben, die mit neuen Substanzen auf den Markt kommen.

Eine Spritze nach der anderen

Weil die Krise nicht besser wird, ist auch Marju Petrov mit ihrer Kollegin fast jeden Tag unterwegs. Die beiden arbeiten für Convictus, die Drogenhife in Rakvere, einem Ort auf halber Strecke zwischen Tallinn und der russischen Grenze bei Narva. Die beiden halten saubere Spritzen, Kleidung und Medikamente bereit. Ihr Büro liegt gegenüber einem Einkaufszentrum in der Innenstadt von Rakvere. Aber sie fahren auch hinaus auf die Dörfer, um den Menschen vor Ort zu helfen.

An einem sonnigen Spätsommertag sind sie in Tapa unterwegs. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, weggeworfenes Drogenbesteck einzusammeln. Es dauert an diesem Vormittag nicht lange, bis eine Spritze nach der anderen in ihren gelben Behälter plumpst. Für sie ein kleiner Erfolg, auch wenn jede Spritze ein Zeichen der grassierenden Drogenflut ist. Ob ihre Arbeit einmal überflüssig werden könnte? Marju schüttelt den Kopf. "Nein, das nicht. Aber wenn auch nur einer oder eine im Jahr damit aufhört, ist das für uns Anlass zu großer Freude."

Ernüchternde Zahlen

Doch die Zahlen bleiben ernüchternd. In den ersten Monaten dieses Jahres hat es schon wieder einen neuen Rekord an Drogentoten in Estland gegeben. Deshalb müssen die Behörden umdenken, ist Mart Kalvet überzeugt. Er kämpft für die Entkriminalisierung des Drogenkonsums und fordert, dass Abhängige so schnell wie möglich in der Lage sein sollten, ihren Stoff vor dem Konsum testen zu lassen. Damit sie wissen, was sie konsumieren. "In diesem Punkt kann Estland viel von anderen Ländern lernen", meint er.

Kristin Mikko, die im estnischen Sozialministerium die Drogenpolitik koordiniert, ist stolz darauf, was ihr Land bei Fentanyl gelungen ist. Aber sie sieht ihre Aufgabe als ein ständiges Auf und Ab. "Wenn die eine Krise vorbei ist, musst du dich auf die nächste vorbereiten."

Zurück am Stadtrand von Tallinn. Die drogenabhängige Julia geht derzeit an Krücken. Sie hat ein entzündetes Knie. Seit ein paar Monaten ist sie in einem Methadon-Programm. Einen ersten Rückfall hatte sie schon. Auf der Parkbank zwischen ein paar jungen Birken sagt sie: "Vor dem Tod habe ich keine Angst mehr." Sie habe nur einen Wunsch: dass ihr Knie bald wieder gesund werde. Denn dann möchte sie wieder als Kurierfahrerin arbeiten.

Open Questions

  • Welche konkreten Maßnahmen ergreift Lettland im Zuge der Ermittlungen?
  • Wie schnell kann eine Entkriminalisierung in Estland umgesetzt werden?

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This article was originally published by Tagesschau Ausland.

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