Über den alltäglichen Rechtsextremismus und die schleichende Normalisierung
Eine persönliche Bestandsaufnahme zu Rassismus, rechtsextremen Vorfällen im Alltag und dem politischen Rechtsruck in Deutschland.
Quick Look
Die Autorin beleuchtet anhand persönlicher Anekdoten und aktueller Statistiken den wachsenden Rechtsextremismus und die Normalisierung rassistischer Äußerungen im deutschen Alltag.
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Why It Matters
Der Verfassungsschutz verzeichnete im Jahr 2025 zahlreiche rechtsextreme Straf- und Gewalttaten. Die AfD verzeichnete bei Landtagswahlen erhebliche Wahlerfolge.
Gerade muss ich oft an diese eine Straßenbahnfahrt vor sieben Jahren in Leipzig denken. Ich war auf dem Weg nach Hause. Feierabendverkehr, die Straßenbahn war gefüllt. Vor mir saßen zwei ältere Damen, weiße Haare, praktische Kurzhaarfrisur, beige Regenjacken. Die Ampel an der Eisenbahnstraße Ecke Hermann-Liebmann-Straße sprang auf Grün. Die Straßenbahn fuhr an, bremste ab.
An der Fußgängerampel hatte eine gestresste Mutter ihre zwei kleinen, übermütigen Kinder im letzten Moment von der Fahrbahn gezogen. Schade, sagte eine Dame zu der anderen, zwei weniger wäre kein Verlust gewesen, es gibt ja ohnehin viel zu viele von denen. Ihre weißhaarige Freundin nickte. Es war natürlich klar, wen sie mit „von denen“ meinte. Die Mutter und ihre beiden Kinder hatten schwarze Haare, braune Augen.
Die Straßenbahn fuhr wieder an, und während ich noch überlegte, was ich diesen beiden Damen entgegnen sollte, waren sie schon aufgestanden und bei der nächsten Haltestelle ausgestiegen. „Geht’s noch?!“, schien mir angesichts ihres moralischen Totalausfalles zu schwach, wüste Beleidigungen, die mir auch durch den Kopf gingen, zu hilflos, ein argumentatives Dagegenhalten im Sinne von „Warum man niemandem den Tod wünschen sollte“ absurd. Natürlich sollte man niemandem den Tod wünschen. Was gab es da zu diskutieren? Und darüber hinaus: Was ist schiefgelaufen, dass da zwei alte Damen, beiläufig plappernd, derartiges Zeug in den halböffentlichen Raum der Straßenbahn äußern?
Ich könnte diese Anekdote um weitere ergänzen: den Nazi, der in eine Leipziger Studentenkneipe einfiel und sein Bier mit Reichsmark bezahlen wollte. Zwei weitere alte Damen an einer Straßenbahnhaltestelle in Chemnitz, die sich darüber unterhielten, dass man die Arbeitsscheuen doch wieder wie früher in den Steinbruch schicken sollte. Die Besucher eines Festivals in Chemnitz, die vor einer Kunstinstallation in einer Kleingartenanlage standen und von „entarteter Kunst“ sprachen.
Die beiden Neonazis in Weimar, die mich mit meinem eingepackten Dürüm in der Hand als „Dönerfresserin“ beschimpften und immer ungehaltener wurden, sodass ich an der nächsten Haltestelle aus dem Bus sprang und die restliche Strecke zu Fuß zum Bahnhof lief. Man könnte meine Anekdoten noch um ein paar aktuelle Zahlen, Daten, Fakten ergänzen: 36.951 rechtsextreme Straf- und Gewalttaten zählt der Verfassungsschutz allein im Jahr 2025. Die Dunkelziffer will man sich gar nicht erst vorstellen.
Und es sind nur die Straftaten, sehr viel rechtsextremes Gerede ist bekanntermaßen von der Meinungsfreiheit gedeckt. Im Schnitt sind es 2025 also über 101 Straftaten pro Tag. Das ist ein Anstieg von rund 8,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und bei der Wahl in Sachsen-Anhalt holte die AfD 43,8 Prozent. 43,8 Prozent der Wähler wählten also eine rechtsextremistische Partei. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 38,2, in Berlin 16,3 Prozent.
Ich bin in München geboren und in Oberbayern aufgewachsen. Meine ersten Neonazis habe ich als Jugendliche gesehen, es muss um das Jahr 2010 gewesen sein. Die NPD hatte eine Kundgebung in Freising angemeldet, der Stadt, in der ich zur Schule ging. Natürlich gingen meine Freunde und ich hin. Und wir waren nicht die Einzigen, der Marktplatz war voll. „Freising ist bunt statt braun“ stand auf selbstgebastelten Schildern. Wir warteten eine ganze Weile. Es gab ein Absperrgitter, einige Polizisten. Und als die Neonazis dann schließlich auftauchten, musste ich lachen. Das war alles, was die zu bieten hatten? Zehn schwarz gekleidete Hanseln mit so dämlichen schwarz-weiß-roten Flaggen.
Als ich nach Hause ging, war ich guter Dinge. Natürlich wusste ich auch damals, dass die Welt nicht so sehr in Ordnung war, wie sie mir an diesem Tag vorkam. Mein Vater wurde einmal bei der Arbeit von einem Mann mit den Worten „Leute wie dich sollte man ins Gas schicken“ beschimpft. Als er den Umstehenden sagte, er werde Anzeige erstatten, wollte niemand etwas gehört haben. Doch diese Dinge waren nicht an der Tagesordnung. An meiner Schule wurden keine Rechtsrock-CDs verteilt. Rechtsextremismus schien in den Nullerjahren in Oberbayern keine Sache, über die man sich groß Sorgen machen musste.
2011 wurden dann die Taten des NSU bekannt. Das änderte die Perspektive. Wenige Jahre später gründete sich die AfD. 2017 zog sie in den Bundestag ein. Auf einem Hof im Nachbarort, wo ich aufgewachsen bin und wo vom Sommerfest des Kindergartens bis zur Goldenen Hochzeit alle möglichen Feierlichkeiten abgehalten wurden, fand eine AfD-Wahlveranstaltung statt. Von diesem oder jenem hörte man, der nun AfD wähle, gar Mitglied geworden sei. Der Kunde im örtlichen Schreibwarenladen, der lautstark gegen Flüchtlinge wetterte. Der Handwerker, der den Mitarbeiter der Speditionsfirma anbrüllte, weil der Deutsch mit Akzent spricht. Fielen einem diese Dinge nun einfach mehr auf als früher? Oder fühlten sich die Leute jetzt bestärkt, all ihren Ressentiments und autoritären Sehnsüchten freien Lauf zu lassen?
Überflüssig zu sagen, dass die AfD in Bayern noch immer keine Mehrheit hat, dass soundso viele Leute nicht die AfD gewählt haben. Soundso viele Leute haben nicht die AfD gewählt, wurde jetzt auch nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wieder gesagt. Natürlich, aber was will man damit sagen? Trost spenden? Nach dem Motto: Jetzt ziehen diese ganzen illustren Rechtsextremisten mit ihren illustren Rechtsextremisten-Mitarbeitern in die Landtage ein und übernehmen in Sachsen-Anhalt womöglich die Regierung, aber hey, nicht traurig sein, es waren ja auch ganz, ganz viele Leute dagegen.
Seit ihrer Gründung hat sich die Partei immer weiter radikalisiert. Das, was vor zehn Jahren schockiert hat, schockiert heute nicht mehr. Oder es schockiert so sehr, dass am Ende gar nichts mehr schockiert. Mittlerweile hat man sich an die Remigrations-Rufe gewöhnt, Begriffe wie „kulturfremd“, „Umvolkung“ und „Überfremdung“ gelernt. Rechtsruck, sagen die einen, es sei schon immer da gewesen, die anderen. Vermutlich haben beide recht. Etwas hat sich aber verschoben.
Das, was lange ein Randphänomen war oder zu sein schien, ist ins Zentrum gerückt. Die bundesrepublikanische freiheitlich-demokratische Grundordnung ist nicht mehr Konsens. Ein wenig fühlt es sich in diesen Tagen an wie auf dieser Straßenbahnfahrt vor sieben Jahren in Leipzig. Man will etwas entgegnen, aber „Geht’s noch?!“ scheint zu schwach, wüste Beschimpfungen hilflos und das argumentative Dagegenhalten im Sinne von „Warum man nicht mit Rechtsextremen gemeinsame Sache machen soll“ absurd. Natürlich sollte man nicht mit Rechtsextremen gemeinsame Sache machen. Aber vielleicht bleibt einem, wenn man schon kein Verbotsverfahren anstrengen will, am Ende nichts anderes zu sagen als das.
Open Questions
- Wie lässt sich die Verschiebung der gesellschaftlichen Normen aufhalten?
- Welche konkreten Gegenmaßnahmen ergreifen Staat und Zivilgesellschaft?



