Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin wird von der türkischen Medicana Health Group übernommen, was bei Gemeinde und Gewerkschaften Kritik auslöst.
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Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin mit über 270-jähriger Tradition steht vor der Übernahme durch die türkische Medicana Health Group, da der Berliner Senat die Sanierungskosten ablehnte.
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Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin (JKB) wird von einem türkischen Betreiber übernommen. Das Krankenhaus ist seine Schulden, der Berliner Senat die Verantwortung los. Der Name soll bleiben, die jüdische Tradition des Hauses will die neue Eigentümerin, die Medicana Health Group, respektieren. Da kann man nicht meckern, wie der Berliner sagt.
Dennoch meckern einige. Die Gewerkschaft Ver.di etwa kritisiert die Privatisierung „eines vom Senat als versorgungswichtig eingestuften Krankenhauses“. So weit, so vorhersehbar. Die Gewerkschaft weist aber auch darauf hin, dass die Jüdische Gemeinde und das Land Berlin mit dem Verkauf „die Entscheidungshoheit über das JKB und seine weitere Zukunft“ verlieren. „Das Jüdische Krankenhaus Berlin entspricht damit zukünftig nur noch dem Namen nach seiner mehr als 270-jährigen Tradition.“
Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wird im Gespräch noch deutlicher: Er sei vom Senat „maßlos enttäuscht“. Die Gemeinde sei vom Insolvenzverwalter, der Rechtsanwaltskanzlei Görg, übergangen worden, andere Möglichkeiten der Rettung des Hauses seien von Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) nicht ernsthaft erwogen worden.
Erwogen wurden sie wohl. Finanzsenator Stefan Evers (CDU) ließ noch im Juli berechnen, wie viel die landeseigene Krankenhausgesellschaft Vivantes bei einer Übernahme des JKB aufbringen müsste. Das Ergebnis: 35 Millionen Euro Schulden plus 180 Millionen Investitionen in Gebäude, Geräte und IT‑Systeme. Das wollte Evers wohl nicht verantworten. Er will Berlins nächster Regierender Bürgermeister werden und kandidiert unter der Losung „Neue Besen kehren gut“. Da passen Altlasten wie das Jüdische Krankenhaus nicht ins Bild.
Medicana hingegen ist ein aufstrebendes Unternehmen. Erst 1992 gegründet, betreibt die Gruppe in der Türkei 17 Krankenhäuser, elf medizinische Zentren und 500 Polikliniken und hat maßgeblich auch zur Entwicklung des Gesundheitstourismus in der Türkei beigetragen. Es ist klar, dass ein Unternehmen dieser Größenordnung ohne halbwegs gute Beziehungen zum Erdogan-Regime kaum bestehen könnte; jedoch betonen türkische Oppositionelle auf Anfrage, dass von einer Kontrolle durch Erdogans islamistische AKP keine Rede sein könne.
Inzwischen expandiert das Unternehmen nach Europa, etwa mit Häusern im bosnischen Sarajewo und im englischen Winchester. Deutschland bietet sich als Investitionsstandort an, weil drei- bis vierhundert kleinere Krankenhäuser unrentabel sind und im Zuge der Krankenhausreform schließen müssen, wenn sie keine Investoren finden. Und das JKB liegt im Stadtteil Wedding, mit einem geschätzten muslimischen Bevölkerungsanteil von 20 bis 30 Prozent.
„Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde“ prangt in Stein gemeißelt über dem Eingang des imposanten, kurz vor dem Ersten Weltkrieg errichteten ehemaligen Hauptgebäudes in der Iranischen Straße. Die Ironie dieser Adresse ist nicht zufällig. Denn die Nazis benannten die vormalige Exerzierstraße zu Ehren des damaligen islamischen Kaiserreichs um, mit dem sie sich durch eine angeblich „arische“ Abstammung verbunden fühlten.
Gegründet 1756 als „Jüdisches Lazarett“ unweit vom Berliner Stadtschloss, wurde das Krankenhaus bald nicht nur für jüdische Patienten zu einer der wichtigsten medizinischen Einrichtungen der Stadt, wuchs entsprechend und musste zweimal umziehen. Im Arbeiterbezirk Wedding war das Krankenhaus in den 1920er-Jahren wichtiger Teil der vom jüdischen Stadtarzt Salo Drucker organisierten Gesundheitsreform.
Drucker wurde von den Nazis 1933 entlassen und 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet. Im JKB durften keine „arischen“ Patienten behandelt werden, nichtjüdische Angestellte mussten kündigen. Das jüdische Pflegeheim wurde 1941 geräumt, die Bewohner ins KZ Theresienstadt deportiert. Das Krankenhaus wurde zum Getto, schließlich zur Sammelstelle für Juden, deren Transport in die Vernichtungslager vorgesehen war.
Schwangere Frauen durften dort entbinden, bevor sie nach sechs Wochen mit ihren Babys in die Züge geladen wurden. Juden, die sich erfolglos umzubringen versuchten, wurden gesund gepflegt und dann ebenfalls zur Ermordung nach Osten geschickt. In dieser Hölle versuchte das verbliebene Personal, mit fingierten Operationen und Krankschreibungen möglichst viele Aufschübe zu erwirken; als die Rote Armee das Krankenhaus 1945 befreite, waren immerhin 370 Patienten und 1000 Internierte, darunter 96 Kinder, noch am Leben.
Das JKB nahm sofort den Betrieb wieder auf, bald unter der Ägide der neu gegründeten Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Aber die kleine Gemeinde konnte die Kosten nicht mehr stemmen. 1962 wurde das JKB vom Land Berlin gekauft und einer Stiftung übereignet, in deren Kuratorium Vertreter des Landes, der Gemeinde und der Beschäftigten sitzen.
Noch zu Beginn des Jahrtausends konnte man im JKB auch eine Beschneidung durchführen lassen. „Man rief in der Chirurgie an und arrangierte das“, erinnert sich Walter Rothschild, damals Gemeinderabbiner. „Der Arzt war Jude. Wenn er ‚jetzt!‘ sagte, rezitierte ich den Segen für die Beschneidung.“
Das ist lange her. Seit Jahren – vor allem seit dem Wegzug des jüdischen Pflegeheims – beschränkt sich der jüdische Charakter des Krankenhauses weitgehend auf den Namen. In der kleinen Synagoge steht noch das Lesepult, die Bima, mit der hebräischen Inschrift „Ich habe Adonai allzeit vor Augen“; aber die Synagoge hat keinen Rabbiner und heißt nun „Raum der Stille“. Auf der Website des JKB heißt es: „Wir sind ein multikulturelles Krankenhaus.“ Tippt man auf „Seelsorge“, erscheint die evangelische Pfarrerin Elisa Sgraja.
Dennoch hat die Jüdische Gemeinde seit 1963 grundbuchlich verbriefte „unentgeltliche“ Nutzungsrechte am Krankenhaus: nämlich „der zurzeit als Pflegeheim, als Synagoge und für die Verwaltung der jüdischen Gemeinde genutzten Räume“ im Hauptgebäude, von denen viele jetzt leerstehen. Daran dachte wohl Andreas Nachama, rabbinischer Leiter des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam, wo liberale Rabbiner und Rabbinerinnen ausgebildet werden. Am 16. Juli erfuhren die Studenten: „Heute beim Frühstück kündigte Rabbiner Nachama an, dass die Universität Potsdam den Mietvertrag mit dem Kolleg gekündigt hat.“ Die Rabbinerschule werde daher „irgendwann in der Zukunft permanent in das Jüdische Krankenhaus Berlin umziehen“.
Eine solche Nutzung hätte dazu beigetragen, den jüdischen Charakter des Hauses zu wahren. Doch in einer Stellungnahme für WELT AM SONNTAG schreiben die künftigen Besitzer: „Bis heute liegt Medicana keine konkrete, schriftliche Anfrage vor, die als Grundlage für eine Prüfung der Nutzung oder Überlassung bestimmter Teile des Krankenhauses an ein Rabbinerseminar dienen könnte. Daher besteht zum jetzigen Zeitpunkt weder eine Entscheidung in dieser Frage noch ein dafür vorgesehener Krankenhausbereich.“
Weiter heißt es in der Erklärung: „Die Pflege und der Ausbau der historischen Verbindungen des Jüdischen Krankenhauses Berlin zur jüdischen Gemeinde sind für uns von großer Bedeutung. Daher möchten wir den Austausch, den wir bisher mit Vertretern der jüdischen Gemeinde gepflegt haben, fortsetzen und diesen Dialog in Zukunft noch weiter vertiefen.“ Doch weiß in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin niemand etwas von einem solchen Dialog.
Vielmehr heißt es, dass Medicana wegen der ablehnenden Haltung Gideon Joffes mit anderen jüdischen Akteuren spreche: etwa mit der orthodoxen Chabad-Gemeinde des rührigen Rabbiners Yehuda Teichtal und mit Elio Adler von der „WerteInitiative deutsch-jüdische Positionen“. Adler erscheint es glaubhaft, dass die türkischen Investoren nicht nur den Namen, sondern auch den jüdischen Charakter des Krankenhauses – sofern man davon noch sprechen könne – erhalten wollen.
Adler verhandelt mit den Investoren über einen „Code of Conduct“ für das Personal. Der soll sicherstellen, dass das Krankenhaus ein „safe space“ für jüdische Patienten bleibt. Etwa indem Ärzte oder Pfleger keine „Free Palestine!“-Anstecker tragen. In der Synagoge sollen jüdische Feiertage begangen werden. Adler mennt, es könne sogar ein Beitrag zur Entspannung zwischen Juden und Muslimen sein, wenn vermehrt muslimische Patienten in ein Krankenhaus kommen, das immerhin dem Namen nach jüdisch ist. Was den Namen betrifft, so soll er, wie die neuen Besitzer schreiben, „neben dem Namen Medicana erhalten“ bleiben. Die Präposition „neben“ lässt Raum für Interpretationen.
Sehr klar hingegen ist die Satzung der Stiftung: „Das Jüdische Krankenhaus verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke. (…) Das Stiftungsvermögen ist (…) ungeschmälert zu erhalten.“ Der Insolvenzverwalter behauptet, durch die Insolvenz seien diese Bestimmungen hinfällig. Da wäre allerdings zu fragen, warum die Stadt – allen voran der Finanzsenator – nicht wenigstens die Mittel aufbringen konnte oder wollte, die Insolvenz so lange abzuwenden, bis die Zukunft des traditionsreichen Krankenhauses in einer öffentlichen Diskussion geklärt werden konnte.
Vielleicht hätte diese Diskussion ergeben, dass die jetzige Lösung die beste ist. Womöglich wäre herausgekommen, dass jenseits aller Feiertagsreden über eine Wiederbelebung des jüdischen Lebens die finanzielle, politische und organisatorische Situation der Juden in der Hauptstadt so schlecht ist, dass ein „Jüdisches Krankenhaus“ keine Zukunft hat. Aber dass diese Diskussion gar nicht erst geführt wurde, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

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