Visastopp, Reisewarnung, Beschimpfungen – Warum China ein winziges Land unter Druck setzt
Eswatini ist der letzte afrikanische Staat, der Taiwan diplomatisch anerkennt. Während die Bevölkerung von Entwicklungsprojekten profitiert, wächst der Druck durch China und die wirtschaftliche Abhängigkeit.
Quick Look
- Eswatini hält als letzter afrikanischer Staat an diplomatischen Beziehungen zu Taiwan fest.
- Dies sichert dem Land Entwicklungshilfe, führt jedoch zu wirtschaftlichen Nachteilen durch Chinas wachsenden politischen Druck und erschwerte Handelswege.
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Why It Matters
Eswatini ist der letzte afrikanische Staat mit offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan. Die Beziehung ist historisch gewachsen und eng mit dem Königshaus verknüpft.
Sihle Tsabedze sieht man ihren Beruf als Modeunternehmerin förmlich an. Sie trägt ein türkisblau-weißes Kleid voller kreativer Schriftzüge und Briefmarkenmotive, die blond gefärbten Haare passen zu den goldenen Ohrringen und der elegant geformten Brille. „Ich habe ein gutes Gespür für meinen Job“, sagt sie, „aber die Taiwanesen helfen mir wirklich bei Dingen wie Geschäftsplan und Buchhaltung.“
Seit den frühen Morgenstunden läuft das Seminar der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation TaiwanICDF in einer ländlichen Gegend Eswatinis, eines winzigen Königreichs im Süden Afrikas. Es gibt PowerPoint-Präsentationen, Instantkaffee und eine Menge Aufbruchsstimmung für rund 30 Kleinunternehmerinnen wie Tsabedze. Tsabedze will ihr Geschäft ausbauen, Leute einstellen. Hier bekommt sie das nötige Wissen.
Doch als das Gespräch auf ihre Lieferanten kommt, erzählt sie von einem Problem. Es sei schwieriger geworden, ein Visum für China zu bekommen. Im vergangenen Jahr konnte sie noch dorthin reisen und ihre Ware selbst auswählen. In diesem Jahr habe sie kein Visum bekommen. Online zu bestellen sei schwierig, sagt sie. Zu oft würden Größen oder Farben nicht stimmen. Sie profitiert von Taiwans Präsenz in Eswatini. Und leidet darunter.
Die Unternehmerin erlebt die Folgen einer außenpolitischen Entscheidung, an der das Königshaus seit Jahrzehnten festhält. Eswatini ist der letzte Staat Afrikas, der Taiwan diplomatisch anerkennt. China beansprucht die demokratisch regierte Insel als Teil seines Staatsgebiets und verlangt von Staaten, die Beziehungen zu Peking aufnehmen wollen, den Bruch mit Taipei.
Seit Burkina Faso im Jahr 2018 mit Taipei brach, steht Eswatini, das kleine Binnenland zwischen Südafrika und Mosambik, allein in Afrika da – und verzichtet entsprechend auf gewaltige Investitionen und Kredite aus China. Lediglich in der völkerrechtlich nur von Israel anerkannten Somaliland-Region hat Taiwan ebenfalls Repräsentanzbüros.
Doch zuletzt wurde die Treue zu Taiwan für Eswatini immer komplizierter – China verschärft selbst über andere Länder der Region den Druck. Das ließ sich im April über die Flugroute des taiwanischen Präsidenten Lai Ching-te gut beobachten. Die Seychellen, Mauritius und Madagaskar zogen kurzfristig Überfluggenehmigungen zurück. Lai musste seinen geplanten Besuch in Eswatini verschieben.
Anfang Mai kam Lai dennoch: in einem Flugzeug König Mswatis III., der vor einigen Jahren einen neuen Flughafen eröffnen ließ und den alten für Reisen seiner Familie und deren Besucher weiter betreiben lässt, während die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Der Besuch von Lai wurde erst mit seiner Ankunft bekannt. China reagierte mit Beschimpfungen und warf Politikern Eswatinis vor, von Taiwan ausgehalten zu werden.
Das Land mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern hält jedenfalls an seinem Kurs fest. Seit 1968, dem Jahr seiner Unabhängigkeit, unterhält das damalige Swasiland Beziehungen zu Taiwan. Das bedeutet auffallend große Entwicklungsprogramme. Und auffallend enge Beziehungen zum Königshaus. Es ist in Eswatini bekannt, dass sich die Königsfamilie medizinisch bevorzugt in Taiwan behandeln lässt.
Der südafrikanische China-Afrika-Experte Cobus van Staden sieht darin den entscheidenden Unterschied zu anderen Staaten. „Die persönliche Verbindung des Königshauses ist der Schlüssel zu dieser Beziehung, mehr als irgendeine nationale Planung“, sagt er. „Eswatini ist eine Monarchie mit einem stark zentralisierten Machtsystem. Die nationale Entwicklung ist deshalb nur eines der Themen, neben der eigenen Beziehung des Königs und seiner Familie zu Taiwan.“
Für andere afrikanische Länder hätten dagegen die größeren Investitionsmöglichkeiten Chinas den Ausschlag gegeben. „Bei der Zusammenarbeit mit China und Taiwan geht es um völlig unterschiedliche Größenordnungen. Taiwan ist viel kleiner, hat wesentlich weniger Geld und auch nicht annähernd so viele Unternehmen wie China“, sagt van Staden. „Für viele andere Länder wurde es deshalb aus praktischen Gründen und mit Blick auf Investitionen sinnvoll, mit China zusammenzuarbeiten.“
Ende August folgte dann völlig überraschend eine chinesische Reisewarnung. Peking riet seinen Bürgern von Reisen nach Eswatini ab und forderte die bereits dort lebenden auf, das Land möglichst rasch zu verlassen. Als Begründung wurden Sicherheitsrisiken und Internetkriminalität angeführt.
Eswatinis Regierung verwies auf eine Polizeiaktion gegen mutmaßliche organisierte Cyberkriminalität, an der überwiegend chinesische Staatsbürger beteiligt gewesen seien. Das belege die Arbeit der Sicherheitsbehörden, argumentierte sie, keine allgemeine Gefährdung im Land. Van Staden sieht darin ein politisches Signal. „Ich denke, generell sendet das einfach eine Botschaft“, sagt er. Dass diese auch andere Staaten von einer Annäherung an Taiwan abschrecken solle, hält er für möglich.
Was Taiwan seinerseits bietet, lässt sich bei einem Besuch seiner Entwicklungsprojekte besichtigen. Mars Shiue leitet Taiwans Mission in Eswatini und zeigt innerhalb weniger Stunden Projekte von Obstbau und Tierzucht bis zu Gesundheit, Berufsbildung und der Unterstützung kleiner Unternehmen.
Stolz präsentiert er Erdbeerpflanzen, von denen jährlich etwa 40.000 bis 60.000 Jungpflanzen an Bauern abgegeben werden. Auf den Verpackungen der Erdbeeren steht: „Supported by TaiwanICDF“. In Taipei haben sie – anders als so manche europäische Initiative in Afrika – verstanden, dass sie ihre Unterstützung im Wettbewerb mit China sichtbarer machen müssen.
Die Sache mit der öffentlichen Wahrnehmbarkeit leidet schließlich schon an anderer Stelle. So lässt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, Taiwan in ihren Jahresberichten bei gemeinsamen Projekten unerwähnt. Wohl auch mit Blick auf die eigene Finanzierung. China gehört zu den größten Geldgebern der FAO.
Dass die Entwicklungsprojekte auch die diplomatische Bindung an Taiwan sichern sollen, räumt Shiue offen ein. „Ja, das ist definitiv einer der Gründe. Wir arbeiten sehr eng mit der Regierung zusammen, insbesondere mit den verschiedenen Ministerien, um zu sehen, was sie wirklich brauchen“, sagt er.
Der Oppositionsaktivist Wandile Dludlu in Mbabane sieht die Treue zu Taiwan kritisch. Er glaubt, dass sie auch mit Druck aus den USA zu erklären sei. „Wir haben es nie geschafft, eine tragfähige Wirtschaft aufzubauen, die uns ein gewisses Maß an Unabhängigkeit geben würde“, sagt er. Das erkläre auch Eswatinis Bereitschaft, dem „amerikanischen Projekt namens Taiwan“ Raum zu geben.
Aus seiner Sicht sucht das Königshaus die Gunst der USA, statt eine eigenständige Außenpolitik zu verfolgen – das zeige auch die Abschiebung von rund 30 Migranten aus den USA in ein Hochsicherheitsgefängnis in Eswatini. Investitionen aus China würden seiner Ansicht nach deutlich mehr Entwicklungschancen für das Land bieten.
Die Nähe zu Taiwan zeigt sich auch beim Reed Dance, dem traditionellen Fest, bei dem Mädchen und junge Frauen vor dem König und der Königinmutter auftreten. Taiwan ist dort regelmäßig mit Botschaftspersonal vertreten. Bei der Veranstaltung im September waren taiwanische Teilnehmer zu sehen, die sich vor dem König verbeugten.
„Ich halte das für schlecht für Taiwans Ansehen. Taiwan hat eine lebendige Demokratie und politische Kultur“, sagt van Staden. Die Vorstellung, Taiwan arbeite ausschließlich mit Demokratien und China ausschließlich mit Autokratien, sei aber nicht realistisch. „China arbeitet sowohl mit Demokratien als auch mit Autokratien. Und Taiwan ist in vieler Hinsicht sehr ähnlich.“
Schaden nahm der Ruf in Eswatini auch durch eine Kontroverse um den bisherigen taiwanesischen Botschafter Jeremy Liang. Das oppositionelle Medium „Swaziland News“ berichtete im Juli, Liang sei im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen rund um ein Ölreserveprojekt vorzeitig abgezogen worden. Bestätigt ist das nicht, eine Interviewanfrage lehnte Taiwans Botschaft in Eswatini ab.
Taiwans Außenministerium hatte die Korruptionsvorwürfe bereits im April als unbelegt zurückgewiesen. Auch Berichte, Liang habe auf die Absetzung des Premierministers hingewirkt, bestritt Taipei. Modeunternehmerin Tsabedze liest derartige Meldungen nicht, sie will sich weiter aus der großen Politik raushalten. Weil Reisen nach China immer schwieriger werden, importiert die junge Frau mehr Kleidung aus der Türkei und Thailand. Sie werde ihren Weg schon finden, sagt sie.
Open Questions
- Wie wird sich der chinesische Druck auf Eswatinis Wirtschaft langfristig auswirken?
- Gibt es konkrete Pläne für eine diplomatische Neuausrichtung Eswatinis?





