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Was das Opfer über die eigene Ermordung zu berichten wusste
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Die Welt4 hours agoCrime5 min readGermanyView translation

Was das Opfer über die eigene Ermordung zu berichten wusste

Vor Jahren wurde der ehemalige FSB-Mitarbeiter Alexander Litwinenko in London mit Polonium-210 vergiftet. Eine Rekonstruktion der Tat und der radioaktiven Spuren.

Quick Look

  • Der Überläufer Alexander Litwinenko starb 2006 in London an einer Vergiftung mit Polonium-210.
  • Britische Ermittler und Berichte rekonstruierten den radioaktiven Anschlag in einer Hotelbar durch Kontakte aus dem Geheimdienstmilieu.

AI-generated summary

Why It Matters

Alexander Litwinenko war ein ehemaliger russischer Geheimdienstmitarbeiter, der 2003 nach Großbritannien überlief und dort politischer Flüchtling wurde.

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Geigerzähler lügen nicht: Wo sie anschlagen, findet sich mehr Radioaktivität als natürlich. Das Gleiche gilt für Alpha-Detektoren, spezielle Messgeräte, mit denen man feststellen kann, wie viel α-Strahlung es irgendwo gibt. Enorm überhöht fielen die Werte am Tisch in der Ecknische der Pine Bar im luxuriösen Millennium Hotel in London-Mayfair aus, noch höher nur noch an der rechten Seite eines der Cocktailsessel. Bei drei weiteren der eleganten Polsterstühle, von denen zwei bei der Messung durch Experten der britischen Gesundheitsbehörde an einem Tisch in der Raummitte standen und der letzte in der nächsten Nische, wurde immer noch eine deutlich erhöhte α-Strahlung festgestellt.

Und das sogar nach mehr als vier Wochen. Denn so lange, da waren sich die Ermittler sicher, lag zwischen der Kontamination und ihrer Dokumentation. Am 1. November 2006 gegen 16 Uhr hatte sich Alexander Litwinenko, abtrünniger Mitarbeiter des russischen Sicherheitsdienstes FSB und inzwischen als politischer Flüchtling in Großbritannien anerkannt, an eben jenen Tisch in der Pine Bar gesetzt, in dessen Mitte später die zweithöchste Strahlenbelastung festgestellt wurde. Und offenbar in eben jenen Stuhl, dessen Seitenpolster innen auch einen Monat später noch am meisten strahlte.

22 Tage nach seinem Besuch in der Pine Bar, genau am 23. November 2006, starb Litwinenko auf der Intensivstation des University College Hospital in London an den Folgen einer massiven radioaktiven Verstrahlung. Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass er eine tödliche Dosis des starken Alpha-Strahlers Polonium 210 im Körper hatte.

Das radioaktive Schwermetall entsteht einerseits auf natürliche Weise beim Zerfall von Uran 238; andererseits kann es künstlich hergestellt werden, indem man das Element Bismut in einem Kernreaktor mit Neutronen bestrahlt. Polonium 210 ist wie die meisten Alphastrahler eigentlich ungefährlich. Denn bereits die oberste Hautschicht oder ein einziges Blatt Papier stoppen die α-Teilchen.

Deshalb kann man Polonium 210 in einem verschlossenen Behälter risikolos bei sich tragen. Gelangt Polonium 210 allerdings durch Verschlucken oder Einatmen in den Körper, gegebenenfalls auch durch eine offene Wunde, wird es zu einem der schlimmsten bekannten Gifte: Schon zwölf Millionstel Gramm Polonium wirken tödlich.

Zwar hat die Alpha-Strahlung von Polonium 210 im menschlichen Körper nur eine Reichweite von etwa 0,04 Millimetern. In diesem Umkreis jedoch bombardieren die energiereichen zerfallenden Atome die umliegenden Zellen und zerstören sie. Insbesondere an den Nieren, der Leber und der Milz werden binnen kürzester Zeit irreparable Schäden angerichtet; eine Behandlungsmethode gibt es nicht.

Genau das geschah Alexander Litwinenko nach dem Treffen in der Pine Bar des Millennium Hotels. Er hatte sich dort auf Vermittlung des Unternehmers Wladislaw Sokolenko mit seinen beiden Landsleuten Dmitrij Kowtun, einem „Bisnesman“, und dem ehemaligen KGB- und FSB-Offizier Andrej Lugowoi getroffen. Angeblich wollten sie über ein „Geschäft“ sprechen.

Am selben Abend wurde Litwinenko auf einmal schlecht – und seine Beschwerden verschlimmerten sich rasend schnell: Er zeigte Symptome wie häufiges, heftiges Erbrechen, Übelkeit, starke Bauchschmerzen und Atemnot. Das waren klare Hinweise auf eine Vergiftung. Ab dem 3. November 2006 lag er auf der Intensivstation des regional zuständigen Barnet Hospitals, zwei Wochen später wurde er in die spezialisierte Klinik des University College London verlegt.

Hier vernahmen ihn vom 18. bis zum 20. November 2006 Ermittler von Scotland Yard. Noch tippten die Ärzte zwar auf eine schwere Vergiftung mit dem Schwermetall Thallium, aber trotzdem war bereits klar, dass der Patient kaum überleben würde. So ergab sich die seltene Situation, dass die Kriminalisten ein Mordopfer über die mutmaßlichen Täter befragen konnten.

Den Vormittag des 1. November hatte Litwinenko daheim verbracht. Gegen 12.30 Uhr fuhr er mit Bus und U-Bahn ins Zentrum von London und kam nach gut einer Stunde am Oxford Circus an. Von hier aus ging er zum Büro seines Bekannten Dean Attew, mit dem er um 14 Uhr für eine halbe Stunde war. Anschließend ging Litwinenko weiter in Richtung Piccadilly, wo er sich um 15 Uhr ein weiteres kurzes Treffen verabredet hatte, mit dem obskuren Italiener Mario Scaramella, der mal als Geheimdienstexperte, mal als russischer Kontaktmann in Westeuropa, mal als Aufschneider galt. Mit Scaramella suchte er das Sushi-Restaurant „itsu“ auf, wo sie etwa eine halbe Stunde blieben.

Gegen 15.40 Uhr ging Litwinenko zum Millennium Hotel, wo er nach knapp einer Viertelstunde ankam und gleich in die Pine Bar ging; hier wurde er erwartet. Nach den Ermittlungen der britischen Regierung war es Andrej Lugowoi, der auf dem Treffen bestanden hatte. „Die forensischen und sonstigen Beweise deuten stark darauf hin, dass Herr Litwinenko während dieses Treffens mit Polonium vergifteten grünen Tee getrunken hat“, heißt es im Ermittlungsbericht.

Nach den Erkenntnissen von Scotland Yard nahm Lugowoi ihn in Empfang und führte ihn zum Tisch in der Ecknische der Pine Bar. Laut Litwinenko unterhielt man sich, bevor Kowtun zu ihnen stieß; der FSB-Abtrünnige saß mit dem Rücken zur Pine Bar – in seiner Vernehmung sagte er: „Sofort kam ein Kellner auf uns zu … ich konnte ihn nicht sehen, weil er von hinten kam.“

Da auf dem Tisch noch eine Kanne mit grünem Tee stand, wie es sich in einem Hotel der Spitzenklasse gehörte: in der Mitte des Tisches, lehnten beide ab. Nur um eine „frische Tasse“ bat Lugowoi. „Ich schenkte mir etwas Tee aus der Teekanne ein, obwohl nur noch wenig am Boden übrig war und es gerade mal eine halbe Tasse ergab. Es war grüner Tee ohne Zucker und schon kalt: Er schmeckte mir aus irgendeinem Grund nicht“, berichtete Litwinenko dem Vernehmer der britischen Kriminalpolizei: „Nun ja, fast kalter Tee ohne Zucker, und ich trank ihn nicht weiter.“ Vielleicht drei- oder viermal habe er an der halbvollen Tasse genippt, sie nicht einmal ausgetrunken. Nach einer knappen halben Stunde endete das Treffen.

Lugowoi hatte, wie Scotland Yard festhielt, seinen Gast nicht gedrängt, von dem Tee zu trinken, sondern etwa Folgendes gesagt: „Wenn Sie etwas möchten, bestellen Sie sich etwas selbst, aber wir werden bald gehen. Wenn Sie Tee möchten, dann ist hier noch etwas übrig.“

Zweifellos war der Tee in der Kanne, die mitten auf dem Tisch in der Nische der Pine Bar stand, massiv mit Polonium 210 versetzt: Das Geschirr konnte noch Wochen später anhand der weiter wirkenden α-Strahlung identifiziert werden. Ebenso gab es einen „Hotspot“ mitten auf dem Bartisch, der stark strahlte (allerdings nicht gesundheitsgefährlich).

In der Pine Bar gab es, anders als in vielen weiteren Bereichen des Millennium Hotels, keine Überwachungskameras. Das dürfte der langjährige Geheimdienstmitarbeiter Lugowoi gewiss mit einem Blick festgestellt haben, sofern es ihm nicht sowieso bekannt gewesen war.

Bei der Untersuchung nach Litwinenkos Tod wurde auch im Zimmer 848 im Londoner Sheraton-Hotel, in dem Lugowoi in den Nächten vom 25., 26. und 27. Oktober 2006 gewohnt hatte, eine hohe Kontamination mit Polonium 210 gefunden. Ebenso in Zimmer 382 des Millennium Hotels, in dem Kowtun am 1. November eingecheckt hatte. Offenbar war die Vergiftung in der Pine Bar bereits der (mindestens) zweite Anlauf, Litwinenko zu töten.

„Ich bin mir sicher, dass Mr. Lugowoi und Mr. Kowtun am 1. November 2006 in der Pine Bar das Polonium 210 in die Teekanne gegeben haben. Ich bin mir außerdem sicher, dass sie dies in der Absicht taten, Mr. Litwinenko zu vergiften“, heißt es in der Zusammenfassung des Untersuchungsberichts von Sir Robert Owen, des Richters, der für das britische Parlament den Fall Litwinenko untersuchte und 2016 seinen Abschlussbericht vorlegte.

Viel klarer ist selten ein Mordfall aus dem Geheimdienstmilieu anhand von Indizienbeweisen aufgeklärt worden. Bleibt nur eine Frage: Warum und auf wessen Befehl wurde Alexander Litwinenko vergiftet?

Die Antwort gibt Christopher Nehring, Historiker und Geheimdienstexperte: „Litwinenko hatte über 20 Jahre für die russischen Geheimdienste KGB und FSB gearbeitet, auch im Kampfeinsatz. Dann wechselte er die Seiten und lief 2003 zum britischen Geheimdienst MI6 über. Fortan machte er vor allem durch Anschuldigungen gegen den russischen Präsidenten von sich reden, von Pädophilie bis hin zu Anschlagsplänen.“

Natürlich weist Russlands Machthaber Wladimir Putin diesen Vorwurf immer wieder zurück. Doch die Dementis sind blutleer und werden konterkariert beispielsweise von der Verleihung eines Ordens für „Verdienste um den Staat“ an Andrei Lugowoi 2015.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Die DDR und die Bundesrepublik gehören zu seinen Themenschwerpunkten. Mit Geheimdienstgeschichte hat er sich in vielen Facetten auseinandergesetzt, unter anderem als Mitautor des Buches „Hauptstadt der Spione“.

Open Questions

  • Wer gab den direkten Befehl zur Vergiftung?

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This article was originally published by Die Welt.

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