
Im Berliner Wahlkampf setzt der grüne Spitzenkandidat auf einen moderaten Kurs, um Koalitionsoptionen offenzuhalten und sein Image zu schärfen.
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Werner Graf ist seit 2022 Fraktionsvorsitzender der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Partei versucht nach den Konflikten um die Friedrichstraße ihr Image in der Verkehrspolitik zu korrigieren.
Das Glücksrad dreht sich auf dem Herrfurthplatz im Schillerkiez, einem jungen und politisch eher links-grün geprägten Viertel im Berliner Bezirk Neukölln. Bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl wurden die Grünen in diesem Teil des Bezirks mit deutlichem Abstand stärkste Kraft. Für ihren Spitzenkandidaten Werner Graf müsste der Wahlkampfauftritt hier also ein Heimspiel sein. Am Stand der Partei gibt es kleine Geschenke: Sticker, Tattoos oder einen Windfächer - natürlich mit Grünen-Logo.
Als Mario-Heinz Adergast-Schulze vorbeikommt, interessiert er sich aber nicht für das Partei-Merchandise. Er spricht den Spitzenkandidaten an, denn ihm ist Werner Graf bisher unbekannt. "Seien Sie nicht böse jetzt", sagt Adergast-Schulze, ein stämmiger älterer Mann im Shirt des Berliner Bundesligisten 1. FC Union. "Ich meine, ich kenne viele von den Grünen, aber Sie kenne ich praktisch überhaupt nicht." Werner Graf, Fan des anderen großen Berliner Fußballvereins Hertha BSC, nimmt es gelassen: "Nö nö nö, alles gut. Wir strengen uns jetzt an, dass der Name bis zum 20. September bekannt wird."
Die Begegnung passt zum Ergebnis des BerlinTrends, den Infratest dimap im Auftrag des rbb erhoben hat: Werner Graf ist der am wenigsten bekannte Spitzenkandidat im Berliner Wahlkampf. 64 Prozent der Befragten kennen ihn nicht.
Graf vermeidet zugespitzte Forderungen und öffentlichen Streit
Dabei ist Graf seit 2016 in führenden Positionen bei den Berliner Grünen. Er war von 2016 bis 2021 Co-Landesvorsitzender der Partei, seit 2021 sitzt er im Abgeordnetenhaus und ist seit 2022 auch Fraktionsvorsitzender. Der 45-Jährige ist Kandidat des linken Parteiflügels und gehört dem mächtigen grünen Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg an.
Geboren wurde Graf im bayerischen Neumarkt in der Oberpfalz. Er ist verheiratet und hat früher als journalistischer Herausgeber und politischer Referent gearbeitet.
Graf ist in den vergangenen zehn Jahren oft mit zugespitzten Forderungen aufgefallen. Noch im Wahlkampf 2023 wollte er jeden zweiten Parkplatz in Berlin abschaffen. Solche Schlagzeilen vermeidet er im aktuellen Wahlkampf ausdrücklich. Genauso wie einen aufgeladenen öffentlichen Streit wie über die Friedrichstraße vor gut drei Jahren. Damals wollte seine Vorgängerin als Spitzenkandidatin, die damalige grüne Verkehrssenatorin Bettina Jarasch, einen Teil der zentralen Einkaufsstraße in Berlin-Mitte dauerhaft für Autos sperren.
Nachdem ein Gericht die Sperrung für rechtswidrig erklärt hatte, forderte die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) die Öffnung für den Autoverkehr. Der öffentlich ausgetragene Konflikt prägte den Wahlkampf und wurde aus Sicht von Kritikern zum Sinnbild einer rigorosen grünen Verkehrspolitik.
An einem Wahlkampfstand in der Altstadt von Spandau, einem westlichen Außenbezirk Berlins, wird Graf mit dem damaligen Konflikt konfrontiert. Der Passant Georg Raab interessiert sich dafür, welche Lehren die Partei daraus gezogen habe. "Nach der letzten grünen Regierungsperiode hatte ich den Eindruck, dass sich die Grünen ein bisschen verkämpft haben", sagt Raab. "Ich hätte die Idee, dass man Themen wie den Friedrichstraßen-Radweg pragmatischer anfassen würde."
Weniger erhobener Zeigefinger, etwa in der Verkehrspolitik
Bei Werner Graf stößt er damit auf offene Ohren: "Wir haben aus der Friedrichstraße gelernt. Sie haben das von mir in diesem Wahlkampf noch nicht gehört, dass ich mit dem Kopf durch die Wand gehe." Der medial aufgeladene Streit damals sei ein "Fehler" gewesen, so Graf, man hätte das "ein bisschen relaxter" angehen sollen. "Und das machen wir jetzt auch gerade anders", sagt Graf und grinst. Generell wollen die Grünen nun offenbar mit weniger erhobenem Zeigefinger in der Verkehrspolitik auftreten und sich dadurch auch mehr Koalitionsmöglichkeiten offenhalten.
Inhaltlich sei seine Präferenz klar eine Koalition mit Linken und SPD - wobei Graf infrage stellt, wie regierungsfähig und -willig die Linke in Berlin ist. Auch eine Zusammenarbeit mit der CDU kann Graf sich vorstellen, wenngleich die programmatischen Schnittmengen da deutlich geringer sind. Inhaltliche Schwerpunkte setzt der grüne Kandidat auf einen besser funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, eine harte Regulierung von Vermietern und einen Umbau ungenutzter Büros zu Mietwohnungen.
Ist moderates Auftreten schlicht Taktik?
Bei den Berliner Grünen ist es übrigens sehr ungewöhnlich, dass in diesem Wahlkampf keine Frau an der Spitze steht. In der Partei rumorte es auch erst einmal, nachdem Graf für viele überraschend im Juli 2025 als Spitzenkandidat präsentiert wurde. Einzelne Mitglieder wie der Berliner Grünen-Abgeordnete Andreas Otto kritisierten, der engste Kreis des Parteivorstands habe die Entscheidung getroffen, statt die gesamte Mitgliederbasis in einem offenen Verfahren abstimmen zu lassen.
Nun setzt Werner Graf auf einen kontrollierten Wahlkampf, der ihm viele Optionen offenhalten soll - und aus seiner Sicht im Idealfall das Amt des Regierenden Bürgermeisters ermöglicht. Den Vorwurf, das moderatere Auftreten in diesem Wahlkampf sei schlicht Taktik, bestreitet er. Aus seiner Sicht sei eine ausgleichende Politik in der aktuellen Zeit das einzig Richtige, da die Demokratie aus verschiedenen Richtungen angegriffen werde.
Die einzige rote Linie ist für Graf eine Zusammenarbeit mit der AfD. Darüber hinaus will er für alle möglichen Koalitionen offenbleiben.
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Werner Graf wird versuchen, seine Bekanntheit bis zum 20. September zu steigern.
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