Der russische Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin sieht eine wachsende Ablehnung des Ukraine-Krieges in der russischen Bevölkerung aufgrund wirtschaftlicher Folgen und Drohnenangriffe.
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Boris Nadeschdin ist ein bekannter russischer Oppositioneller, der 2024 versuchte, als Antikriegskandidat bei der Präsidentschaftswahl anzutreten. Er verließ Russland im Juli 2024 aus Furcht vor Repressionen.
Nach der Flucht aus seiner Heimat glaubt einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin, dass sich die Stimmung in Russland zunehmend gegen den Krieg wendet. „Immer mehr Menschen lehnen den Krieg ab“, sagte der russische Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin dem „Tagesspiegel“. Die Zahl der Menschen, die Friedensverhandlungen befürworteten, sei „stark gestiegen“. Inzwischen seien es „mehr als zwei Drittel der russischen Bevölkerung“.
Als Grund für den Stimmungswandel nennt Nadeschdin die Folgen des Krieges im eigenen Land. „Der Krieg ist nach Russland gekommen“, sagte er mit Verweis auf ukrainische Drohnenangriffe, wirtschaftliche Probleme und steigende Preise. Zuletzt hatte die Ukraine mit Drohnen erfolgreich Ölraffinerien und Logistikzentren in Russland angegriffen. Die Auswirkungen seien inzwischen für viele Menschen unmittelbar spürbar. „Die Stimmung ändert sich ganz langsam“, sagte Nadeschdin.
Putin warf der Ukraine daraufhin vor, mit ihren Angriffen auf die russische Wirtschaft die „Büchse der Pandora“ geöffnet zu haben. Kiew habe den „Geist aus der Flasche“ gelassen, die russischen Gegenmaßnahmen würden „nicht lange auf sich warten lassen“.
Der frühere Duma-Abgeordnete gehört zu den bekanntesten Gegnern des russischen Angriffskriegs. 2024 wollte er mit einer Antikriegsplattform bei der Präsidentschaftswahl antreten, wurde jedoch nicht zugelassen. Nach mehreren Verfahren gegen ihn verließ er Russland im Juli nach eigenen Angaben aus Furcht vor einer Festnahme. In dem Interview schildert er auch, wie er innerhalb von 24 Stunden seine Heimat habe verlassen müssen.
Nadeschdin wirft Putin weiter vor, die tatsächliche Lage im Land nicht mehr zu erkennen. „Putin glaubt aufrichtig, dass ihn alle unterstützen, abgesehen von ein paar wenigen Abtrünnigen“, sagte er. Das liege auch daran, dass der Präsident von seinem Umfeld abgeschirmt werde. Die Folge: „Deshalb treffen Autokraten mit der Zeit immer schlechtere Entscheidungen.“
Besonders kritisch bewertet Nadeschdin die Entwicklung von Putins Popularität. „Seine Beliebtheitsformel ,Wirtschaftswachstum, Sicherheit und Patriotismus‘ funktioniert nicht mehr“, sagte der Oppositionspolitiker. Putin könne seine Zustimmung in der Bevölkerung „nur zurückerlangen, indem er einen Waffenstillstand verkündet“.
Trotz Exil und politischer Verfolgung zeigt sich Nadeschdin überzeugt, dass sich die Verhältnisse in Russland verändern werden. „Sie werden sich ändern“, sagte er mit Blick auf die Machtverhältnisse im Land. Putin könne einzelne Kritiker ausschalten und Parteien von Wahlen ausschließen. „Putin kann mich aus dem Weg räumen, Jabloko die Teilnahme an Wahlen verbieten, aber Dutzende Millionen Menschen, die in einem friedlichen und freien Land leben wollen, lassen sich nicht unterkriegen.“
Eine Lösung für den Krieg sieht Nadeschdin vor allem in einem Waffenstillstand. Die Frage der Krim hält er dagegen für auf absehbare Zeit unlösbar. „Kein russischer Präsident gibt heute die Krim zurück“, sagte der Oppositionspolitiker. Deshalb müssten die Territorialfragen künftigen Generationen überlassen werden. Vorrang habe zunächst, die Kämpfe zu beenden: „In der Zwischenzeit müssen die Waffen schweigen.“

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