
Die französische Filmikone Catherine Deneuve über kleine Rollen, ihre Mutter, das Altern und ihre unstillbare Neugier auf das Kino.
In einem Interview spricht die französische Schauspielerin Catherine Deneuve über ihre Rollenauswahl, die enge Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter, den Tod von Marjane Satrapi und ihre ungebrochene Leidenschaft für das Kino.
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Catherine Deneuve ist eine der bekanntesten französischen Schauspielerinnen und blickt auf eine über sechzigjährige Karriere zurück.
Madame Deneuve, kann es sein, dass Sie vollkommen frei von Eitelkeit sind?
Ich bin stolz, aber ich bin nicht eitel. Das stimmt. Warum?
Würden Sie sonst eine so winzige Rolle wie in „Gentle Monster“ annehmen, selbst wenn es eine ganz wunderbare Figur ist?
Der wichtigste Grund war tatsächlich Marie Kreutzer. Ich bewundere sie sehr und hatte ihren Film „Corsage“ gesehen, den ich einfach großartig fand. Das war entscheidend – und die Qualität des Drehbuchs. Sie haben recht, meine Rolle ist nicht sehr groß, aber das Drehbuch ist wirklich ausgezeichnet. Ich fand es sehr mutig, sehr originell, und deshalb habe ich zugesagt.
Marie Kreutzer bringt in der Geschichte den Verdacht auf, dass ein Familienvater pädophil sein könnte.
Die Geschichte handelt von einem jungen, schönen Paar, das sich liebt. Genau in diese Liebesbeziehung dringt dieser Verdacht ein und vergiftet ihr Leben. Wenn Pädophilie sonst in Filmen thematisiert wird, wird die betreffende Person meist von Anfang an als zwielichtig gezeichnet. Hier ist das anders: Dieser Mann liebt seine Frau, sie haben ein Kind. Aber etwas Entscheidendes habe ich noch gar nicht erwähnt: Léa Seydoux. Für mich war sie ein sehr wichtiger Grund, sie spielt diese junge Frau einfach herausragend. Ganz außergewöhnlich! Ich hätte es vollkommen gerechtfertigt gefunden, wenn sie dafür in Cannes ausgezeichnet worden wäre.
Ihre Figur, die Mutter, steht ihrer Tochter bei. Spiegelt die im Film dargestellte Mutter-Tochter-Beziehung für Sie ein Ideal wider: unbedingter Schutz und gleichzeitig größtmögliche Autonomie?
Zwischen einer Mutter und ihrer Tochter kann eine sehr starke Bindung entstehen. Aber genau darin kann auch ein Problem liegen: Wenn die Beziehung zu mächtig wird, kann sie einer Tochter ihre Unabhängigkeit nehmen. Eine eigentlich starke und schöne Beziehung kann zu einem Risiko werden, wenn sie zu wichtig wird, zu viel Raum einnimmt – gerade bei derjenigen, der geholfen werden soll. Hier spürt man, dass es zwischen Mutter und Tochter eben nicht so ist. Und genau das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Eine Form der Komplizenschaft also?
Weniger Komplizenschaft als Intimität. Mich berührt vor allem die Intensität dieser intimen Nähe der beiden. Ich erkenne etwas darin wieder, das mich selbst mit meiner Tochter Chiara verbindet. Ich kann diese besondere, sehr innige Beziehung gut nachvollziehen, denn ich habe immer eine Idealbeziehung zu meiner Tochter gehabt. Aber ich habe auch eine ideale Tochter!
Waren Sie eine ideale Tochter? Wie wurden Sie zu der modernen, unabhängigen, oft unkonventionellen, neugierigen Frau, die sich bis heute ihren Eigensinn bewahrt hat?
Wir waren ja vier Mädchen in unserer Familie. Meine Mutter hat mit uns sehr viel gesprochen, häufig beim Mittagessen – mein Vater war eher abends da. Und sie hat schon damals oftmals Themen angesprochen, über die man zu jener Zeit nicht so offen und detailliert mit seinen Kindern sprach: das Leben, Schwangerschaft, Geburt ... Innerhalb unserer Familie wurde kaum etwas als Tabu behandelt, es gab nie den Moment der großen „Enthüllung“, auch nicht, dass unsere älteste Schwester von einem anderen Vater stammte. Es war einfach Teil unseres Familienlebens. Ich glaube, das war sehr stark ein Verdienst meiner Mutter.
Sie selbst haben immer wieder gezeigt, dass Sie wenig auf Konventionen geben – bis heute. Sind Sie kritisch – oder rebellisch?
(lacht laut) Ich bin doch nicht rebellisch!
Ein wenig schon.
Was stimmt, ist, dass ich schon sehr jung unbedingt ein Kind haben wollte. Aber deshalb unbedingt eine Ehe eingehen zu müssen, erschien mir nicht notwendig. Ich habe ja später tatsächlich geheiratet. Aber ich hatte schon früh ziemlich klare Vorstellungen davon, wie ich leben wollte – und vor allem davon, was ich nicht bereit war hinzunehmen.
Die Einschränkung Ihrer Autonomie nahmen Sie nie hin. War das Ihrer liberalen Erziehung geschuldet oder den besonderen Umständen Ihres eigenen Lebens – Ihrem plötzlichen Durchbruch mit 21, dem tragischen Tod Ihrer Schwester 1967, Ihr immenser und vor allem bis heute anhaltender Ruhm?
Was ich entscheidend fand, war der Esprit, der bei uns zu Hause herrschte. Mein Vater und meine Mutter bewahrten sich immer eine gewisse Distanz zu den Dingen. Und beide besaßen großen Sinn für Humor. Für die damalige Zeit waren die beiden schon sehr ungewöhnliche Menschen! Das galt auch für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, das war damals nicht so entspannt.
Ihrer Mutter wurde ein außergewöhnliches Lebensalter zuteil ...
Oh ja ...
Vor fünf Jahren starb sie dann im Alter von 109 Jahren.
Unglaublich, oder? Aber offen gesagt: Ich würde das niemandem wünschen. Wirklich niemandem. So am Leben gehalten zu werden, wenn der Körper schon dabei ist zu gehen, wenn man nicht mehr lesen, nicht mehr wirklich zuhören oder am Leben teilnehmen kann … Meine Mutter konnte zwar noch gut hören, aber sie hatte kaum noch Möglichkeiten, etwas zu tun. Sie in dieser Schwäche und Müdigkeit zu sehen, war für mich sehr schwer. Irgendwann muss es auch ein Ende geben dürfen – im Interesse des Menschen selbst, nicht der anderen.
Würden Sie sich die Entscheidungsfreiheit über selbstbestimmtes Sterben wünschen?
Natürlich gibt es außergewöhnliche Fälle von Menschen, die in einem unglaublichen Alter noch aktiv und wach sind. Aber wenn das nicht mehr der Fall ist, wenn jemand nur noch in einer Einrichtung lebt und eigentlich fast ausschließlich ruht, dann empfinde ich das nicht unbedingt als würdevoll.
Vor Kurzem hat Sie auch der Tod der begnadeten Regisseurin und Comic-Autorin Marjane Satrapi schwer getroffen ...
Marjane mochte ich ungeheuer gern, wirklich sehr. Ihr Tod hat mich tief bestürzt. Ich war mit meiner Tochter auch bei ihrer Beerdigung. Ihre Entscheidung hat mich sehr erschüttert. Nach dem Tod ihres Mannes Mathias mochte sie nicht mehr weiterleben. Das hatte sie deutlich gesagt. Es ist unglaublich – gerade weil Marjane Satrapi eine so starke Persönlichkeit war, eine wirklich sehr starke Frau. Aber zugleich war diese Liebe etwas vollkommen Außergewöhnliches, etwas Einzigartiges und ihre Lebensbasis.
Satrapis Karriere haben Sie entscheidend gefördert, als Sie den Erfolg ihres Debütfilms „Persepolis“ damit befeuerten, dass Sie und Chiara ihre Stimmen den Figuren von Mutter und Tochter liehen und den Film auch gemeinsam in Cannes vorstellten. Liegt Ihnen die Rolle der Mentorin?
Oh nein, nein. Überhaupt nicht. In einer Familie sollte man natürlich eine wichtige Rolle füreinander spielen, wie ich es bei meinen Schwestern oder Nichten tat. Aber als Mentorin sehe ich mich sonst nicht. Seltsamerweise war es lange so, als wir schon lange erwachsen waren und die ganze Familie zusammenkamen – die Kinder, Nichten, Enkel –, dass unsere Gespräche nicht mehr dieselbe Qualität hatten wie früher. Es blieb oft bei klassischen, fast etwas banalen Themen. Das habe ich ihnen oft vorgeworfen, dass wir uns nicht wirklich austauschten. Später, als sie älter wurden, hat sich das völlig verändert, da entstand eine ganz andere Form des Austauschs.
Dennoch verleiht allein Ihr Mitspielen einem Film eine höhere Wertigkeit. Beeinflusst das Ihre Rollenwahl? In „Parallele Leben“ von Asghar Farhadi spielen Sie ebenfalls eine überraschend kleine Rolle. War der Mikro-Auftritt eine Hommage an den gefeierten Oscarpreisträger, oder konnten Sie bei dem hochkarätigen Ensemble der allergrößten Namen Frankreichs einfach nicht fehlen?
Es war Farhadi, natürlich. Er fragte mich, und tatsächlich dauerte der Dreh für mich nur einen einzigen Drehtag. Aber er ist ein sehr großer Regisseur, und das Drehbuch war außergewöhnlich. Ich fand den fertigen Film am Ende vielleicht ein wenig lang, aber das Drehbuch war sehr gut.
Hat Ihre Unterstützung auch eine politische Dimension?
Ja sicher. Vielleicht manchmal sogar unbewusst.
Sie haben über sechzig Jahre Berufserfahrung. Vermag das Kino Menschen eine Stimme zu geben, für die öffentliches Sprechen gefährlich geworden ist, wie im Falle des Iraners Farhadi? Oder überschätzen wir manchmal die politische Macht des Kinos?
Ich glaube nicht, dass diese Unterstützung die eigentliche Aufgabe des Kinos ist. Natürlich gibt es Filme, die in dieser Hinsicht besonders prägend sein können. Aber ich glaube, dass ein echtes Verständnis und auch die Unterstützung solcher Menschen vor allem damit zusammenhängen, dass man informiert ist, was in der Welt vor sich geht. Und dabei kann ein Film essenziell sein.
Eine der erstaunlichsten, extremsten Rollen, in der man Sie sah, war Lars von Triers „Dancer in the Dark“.
Ja, ach ja ... Ich hatte große Lust, mit ihm zu arbeiten. Ich hatte einen seiner Filme gesehen, den ich großartig fand, las dann ein Interview mit ihm und schrieb ihm daraufhin. Ich sagte, wie sehr mich sein Film bewegt hatte und dass ich sehr gern mit ihm arbeiten würde, falls er nach Frankreich käme. So kam es dazu. Meine Rolle war übrigens ursprünglich für eine schwarze amerikanische Schauspielerin geschrieben worden.
Sie hätten es nicht nötig, einen dänischen Regisseur anzuschreiben und sich zu bewerben ...
(lacht) Warum nicht?
War es eine Rolle, mit der Sie sich noch einmal eine neue Dimension geöffnet haben? Sind Sie seitdem nicht mehr nur die Ikone, sondern wieder mehr Deneuve, die Schauspielerin?
Ach, das weiß ich nicht – das kann ich wohl selbst gar nicht genau beurteilen. Das hat sich ganz natürlich entwickelt. Wirklich.
Haben Sie sich selbst von der Last der Legendenhaftigkeit befreit?
Ja. Es gab vieles, was ich nicht akzeptiert habe.
Meinen Sie Rollenangebote – oder Ihren Status?
Was mich am meisten interessiert, ist das Kino selbst. Ich liebe Kino, und ich gehe auch sehr häufig ins Kino, um Filme zu sehen. Für meine Arbeit zählen die Qualität des Drehbuchs und die Neugier, die eine Rolle für mich auslöst. Und „interessant“ bedeutet nicht automatisch lang. Eine Rolle muss nicht groß sein. Entscheidend ist, dass sie wesentlich ist.
Dört es Sie, wenn Sie bei privaten Kinobesuchen erkannt werden?
Nein. Natürlich werde ich erkannt, aber das gehört eben dazu. Ich habe das Glück, in einem Viertel zu wohnen, in dem das wunderbar möglich ist, im sechsten Arrondissement, nahe Saint-Germain-des-Prés. Zu Premieren gehe ich selten. Die Atmosphäre ist einfach nicht dieselbe. Ich bevorzuge es, mit anderen Menschen in einem Saal zu sitzen. Man spürt die Atmosphäre des Publikums. Selbst wenn man nichts Bestimmtes hört, ist da etwas im Raum, eine besondere Stimmung – und das ist für mich sehr wichtig.
Empfinden Sie es als kurios, dass Sie heute Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses sind?
(Pause) Nein!
Sie sagen, dass Ihr Antrieb bis heute Ihre Neugier sei. Was fasziniert Sie heute noch stärker als noch mit 30 Jahren?
Ich glaube, meine Neugier und mein Wissensdurst sind im Grunde dieselben geblieben: Ich interessiere mich für so viele Dinge des Lebens – und natürlich das Kino. Ich habe mich gemeinsam mit dem Kino entwickelt. Ich habe sehr jung angefangen, es war von Anfang an Teil meines Lebens, und so bin ich gewissermaßen mit ihm gewachsen. Das Kino hat sich verändert. Und ich mich auch.
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