
Aktuelle PISA-Ergebnisse zeigen einen drastischen Einbruch der Lesekompetenzen. Forscher warnen vor den Folgen für das menschliche Denken.
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Aktuelle PISA-Studien zeigen einen weltweiten und besonders in Deutschland starken Rückgang der Lesekompetenz bei Jugendlichen.
Die Menschen, die dabei halfen, ein Rätsel der Leseforschung zu lösen, lebten in Chennai, einer Millionenstadt im Süden von Indien. 97 Frauen und Männer aus armen Vierteln der Stadt, die meisten konnten kaum oder gar nicht lesen. Nur 32 waren geübte Leser. Sie ließen sich auf eine Art Spiel ein, bei dem ihr Bildgedächtnis getestet werden sollte. Welche Gruppe würde sich Aufnahmen von Autos, Fahrrädern und Gesichtern besser merken können?
Das Ergebnis beeindrucke ihn immer noch, sagt Falk Huettig, der das Experiment vor einigen Jahren geleitet hat. Huettig will herausfinden, wie Lesen das Gehirn verändert, er forscht auf dem Gebiet der Psycholinguistik. Für seine Studien ist er schon oft nach Indien gereist. Er braucht Probanden, die nicht lesen können oder das Lesen erst lernen. In Indien leben Analphabeten oft neben Nachbarn, die lesen können, sonst aber ein ganz ähnliches Leben führen. So konnte Huettig untersuchen, was die Gehirne von Lesern und Nichtlesern unterscheidet.
Das wiederum hilft, eine Frage zu beantworten, die sich mit zunehmender Dringlichkeit stellt. Was passiert, wenn die Menschheit das Lesen wieder verlernt? Oder gar nicht mehr richtig erlernt? In dieser Woche sind die neusten Ergebnisse der PISA-Studie erschienen. Alle drei Jahre werden die Fähigkeiten von Fünfzehnjährigen untersucht. Die Ergebnisse sind insgesamt deprimierend, die Leistungen der Schüler in Deutschland sinken in fast allen 91 Ländern der Studie.
Am schlimmsten ist der Einbruch beim Lesen, keine „Kompetenz“ der Teenager ist stärker zurückgegangen. Im Vergleich zu der Generation, die vor zehn Jahren getestet wurde, sei es, als fehlten ihnen anderthalb Jahre beim Lesenlernen. Das „hastige Lesen“, bei dem die Schüler schnell über einen Text fliegen, aber nichts richtig verstehen, hat zugenommen.
In Deutschland hat fast jeder dritte Jugendliche es nicht geschafft, die Hauptaussage eines mittellangen Textes zu erfassen und somit Stufe 1 verfehlt. Vor drei Jahren war jeder vierte daran gescheitert. Die höchsten Kompetenzstufen 5 und 6 haben beim Lesen nur noch sieben Prozent der Mädchen und Jungen erreicht. Mehr als 90 Prozent der Teenager waren nicht in der Lage, lange, ungewohnte Texte zu verstehen und kritisch einzuordnen.
Vor etwa 6000 Jahren haben die ersten Menschen angefangen, Texte zu verfassen und somit zu lesen. Es dauerte Jahrtausende, bis sich das Lesen als Kulturtechnik etablierte. Und nun geben viele Menschen es auf. Nicht komplett, aber doch, soweit es eben geht. Sie schauen Videos, statt Zeitungstexte zu lesen, senden einander Sprachnachrichten, lassen sich Fachbücher, Aufsätze, E-Mails von Künstlicher Intelligenz auswerten. Sie meiden längere Texte. Zugleich ist diese neue Welt voller Textchen. Instagram-Tafeln, Chatnachrichten, KI-Zusammenfassungen.
Das amerikanische Magazin „The Atlantic“ hat im Sommer in einer Titelgeschichte schon „Das Ende des Lesens“ ausgerufen. Und die Folgen ausgemalt: Wenn die Menschheit das Lesen aufgibt, verliere sie die Fähigkeit, komplex zu denken. Eine maßlose Übertreibung? Keinesfalls, sagt der Psycholinguist Falk Huettig: „Je mehr wir lesen, desto größer werden unsere kognitiven Fähigkeiten, und zwar in verschiedenen Bereichen. Das lässt darauf schließen, dass diese Fähigkeiten zurückgehen, wenn wir nicht mehr lesen.“ Huettig, der am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht, hat gerade ein Buch veröffentlicht, das die Erkenntnisse zu den Effekten des Lesens auf Gehirn und Geist zusammenträgt.
Die Probanden seines Experiments in Chennai wurden in drei Gruppen aufgeteilt, Analphabeten, schlechte und gute Leser. Huettig wollte wissen, ob sich ihre Erinnerungsfähigkeit unterschied. Alle sahen sich Fotos auf Laptops an, die später zwischen neuen Bildern auftauchten. „Je besser die Menschen lesen konnten, desto besser schnitten sie ab, vor allem bei den Gesichtern“, sagt Huettig.
Forscher hatten lange angenommen, dass das Gegenteil eintreten könnte. Dass Leser etwas von ihrer Fähigkeit einbüßen könnten, Gesichter zu erkennen. Weil das Lesenlernen auch Teile des Gehirns aktiviert, die eigentlich für die Gesichtserkennung zuständig sind. Der französische Neurowissenschaftler Stanislas Dahaene hatte die These vom „neuronalen Recycling“ aufgestellt: Das Gehirn nutzt Netzwerke, die für ähnliche Aufgaben angelegt sind, wenn es eine neue Fertigkeit erlernt. Das stimmt – aber anders, als das Wort Recycling vermuten lässt, geht dabei nichts verloren, damit etwas Neues entstehen kann.
Lesen ist eine „künstliche kulturelle Errungenschaft“, schreibt die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die sich in den USA seit Jahrzehnten mit dem lesenden Gehirn beschäftigt, in ihrem Buch „Schnelles Lesen, langsames Lesen“ von 2018. In der langen Evolution des Menschen nehme die Zeitspanne, in der er lese, „kaum mehr als eine Millisekunde vor zwölf“ ein. Eine viel zu kurze Zeit, um Spuren in der Biologie zu hinterlassen. Menschen kommen mit einer Veranlagung für das Sprechen und das Sehen auf die Welt. Aber nicht mit einer Veranlagung für das Lesen. Jedes Gehirn, das lernt, Schriftzeichen zu entziffern, muss „einen völlig neuen Schaltkreis für das Lesen einrichten“.
Wenn man darüber nachdenkt, was beim Lesen im Kopf geschieht, erscheint es wie ein Wunder. Man streift mit den Augen über Zeichen, die auf Papier oder einem Bildschirm aufgereiht sind. Und sieht auf einmal Bilder, folgt einer Geschichte. Man spürt Ärger in sich aufsteigen, muss lachen, sieht eine Sache ganz anders als vorher.
Für all das sorgt ein „gehirnweites System, von dem die wenigsten von uns etwas ahnen“, schreibt Wolf. Bereiche für die Verarbeitung von visuellen Reizen, für Kognition wie für Emotionen werden angesprochen, das gesamte Gehirn sei an diesem „Lesenetzwerk“ beteiligt. Sie sei „extrem besorgt“, dass der Leseschaltkreis künftigen Generationen verloren gehen könne, hat Wolf schon 2018 geschrieben. In den PISA-Studien hatte der Absturz der Lesefähigkeiten der Jugendlichen längst begonnen.
Der Leseschaltkreis wird schon heute seltener angeworfen, nicht nur bei Kindern. In Deutschland gaben in einer Umfrage aus dem Jahr 2025 nur noch 31 Prozent der Menschen an, dass sie im vorhergehenden Jahr gedruckte Bücher gelesen hätten. Befragt wurden Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren. Vier Jahre zuvor hatten noch 43 Prozent in Büchern gelesen. Seitdem sinkt die Zahl der Buchleser in jedem Jahr.
Aus der Zeitverwendungserhebung, mit der das Statistische Bundesamt alle zehn Jahre ergründet, wie Menschen von zehn Jahren an in Deutschland ihre Tage verbringen, weiß man, dass auch die Zeit für das Lesen schrumpft, von 37 Minuten am Tag im Jahr 2002 auf 27 Minuten im Jahr 2022 – über alle Altersgruppen hinweg.
Auch in den skandinavischen Ländern, die lange als Bildungsvorbilder galten, gehe die Lesefähigkeit der Schüler zurück, sagt Falk Huettig. In Großbritannien ist sie in der aktuellen PISA-Studie nicht gesunken, in einem Teil des Landes sogar gestiegen, eine weltweite Ausnahme. Das Land sei „ein auffällig positiver Ausreißer“ bei einem anderen Untersuchungsergebnis. In Großbritannien hätten besonders viele Schüler angegeben, dass sie „nie oder fast nie“ KI für die Schularbeiten nutzen, sagt Huettig. Auch in Japan, dem Land, das beim Lesen den dritten Platz belege, sei es ähnlich. Dieses Muster deute auf einen möglichen Zusammenhang hin, es lohne sich sicher, das genauer zu untersuchen.
Huettig hat in diesem Jahr in einem Buch seine Erkenntnisse und die von Kollegen zum lesenden Gehirn zusammengetragen, sein Buch, das bisher nur auf Englisch erschienen ist, heißt „The perks of being a Bookworm“ (Vom Vorteil, ein Bücherwurm zu sein).
Lesen fördere die kognitiven Fähigkeiten nicht nur, weil man sich durch Bücher oder Artikel neue Fakten, Gedankenwelten, Argumente erschließt, und das in einer Sprache, die sich von der Alltagssprache im Wortreichtum und im Satzbau unterscheidet. Diese Vorzüge – Huettig nennt sie die „sekundären Effekte des Lesens“ – könnten auch Hörbücher oder Podcasts hervorbringen. Ein besseres Wortschatzgedächtnis, ein besseres Arbeitsgedächtnis, eine verbesserte Aufmerksamkeit zählen zu den sekundären Effekten. Wenn man einen Roman liest oder hört, muss man im Kopf behalten, wer mit wem verfeindet ist oder Geheimnisse voreinander verbirgt.
Es gebe aber auch die „primären Effekte“ des Lesens. Nur wer Buchstaben oder Schriftzeichen im Kopf in Geschichten verwandelt, schaltet das gesamte Lesenetzwerk im Gehirn an.
Es fange mit den visuellen Fähigkeiten an. Die Augen etwa würden beim Lesen so trainiert, dass sie immer schon die Umrisse des nächsten Buchstabens oder Schriftzeichens wahrnähmen. „Das führt dazu, dass sich die Vorhersagefähigkeit auch in der gesprochenen Sprache verbessert.“ Wer lesen lernt, lernt auch, Spiegelbilder besser zu unterscheiden: Ein kleines „b“ sieht anders aus als ein kleines „d“. Kinder, die lesen und schreiben lernen, verdrehen die Bäuche der Buchstaben oft.
Lesen lernen ist mühsam, die meisten Kinder brauchen Jahre, bis sie sicher darin werden. Falk Huettig warnt davor, es den Kindern in der Schule dabei einfacher zu machen, womöglich als Reaktion auf die PISA-Ergebnisse. Sie immer kürzere Texte lesen zu lassen, die Sprache zu vereinfachen. Das könne bestenfalls der Einstieg in das Lesenlernen sein. Man müsse die Schwierigkeit der Texte weiter und weiter steigern.
Geht, auch für erwachsene Leser, etwas verloren, wenn Texte und Sätze kürzer und einfacher werden? „Wer tief liest, entwickelt die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu durchdenken. Das Lesen von schwierigen Texten trainiert diese Fähigkeit besonders gut“, sagt Huettig. Im Umkehrschluss bedeute das: Der Trainingseffekt falle geringer aus, je einfacher die Texte seien.
Trainieren, dieses Wort fällt oft, wenn man mit Huettig spricht. Er hat einen halbwüchsigen Sohn, er kenne das Problem, dass vor allem Jungs irgendwann nicht mehr lesen. Er erzähle jungen Männern gern, dass es mit dem Gehirn wie mit den Muskeln sei, für die sie ins Fitnessstudio gehen. Sämtliche Studien, in denen Analphabeten, schlechte und geübte Leser verglichen wurden, hätten gezeigt, dass mit der Fähigkeit, Texte zu verstehen, die Fähigkeiten zum logischen, zum abstrakten und zum kritischen Denken steigen.
Man braucht nur ein Buch, das ein bisschen fordernder ist, als Bücher, die man sonst liest. Eine Scheibe mehr auf der Hantel für das Gehirn. Der Forscher rät zu Texten auf Papier. In einem Buch kommen keine Nachrichten an, ploppen keine Apps auf, die einem aus dem Lesefluss reißen.
Vielleicht werde in Zukunft eine neue Technologie entwickelt, „die uns genauso stark fordert und unsere kognitiven Fähigkeiten so stark trainiert wie das Lesen“. KI sei es – so wie die meisten sie im Alltag nutzen, zur Vereinfachung von Denkaufgaben – nicht.
Als Forscher wolle er sich weiter mit dem Lesen und seinen Auswirkungen auf das Gehirn befassen, sagt Falk Huettig. Mit einer Kulturtechnik, die möglicherweise an ihr Ende kommt. In dieser Woche, nachdem er die PISA-Ergebnisse gelesen hat, wechselt er seine Rolle. Er frage sich nicht als Forscher, sondern „als Bürger unseres Landes“, warum das Problem, der Rückgang der Lesekompetenz, nicht endlich so ernst genommen werde, wie es ist.
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Since 2016, the Rhineland-Palatinate MINT strategy has created eleven MINT regions, 23 projects and over 400 partners to reach over 30,000 young people. Despite progress in the proportion of girls and teachers, deficits in computer science and physics remain. A further 300,000 euros are planned for daycare centers and schools by 2026.

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In Bavaria, the new school year begins with 1.77 million students, the highest level in 15 years. Around 132,000 first graders start their school careers. The teaching provision is described as “very strained”, despite promises of stability from the Minister of Education. Innovations include flexible timetables, more physical education classes and a ban on cell phones until seventh grade.
After six weeks of summer holidays, the new school year begins in Bavaria with 1.77 million students - an increase of around 20,000 compared to the previous year and the highest level in 15 years. Around 132,000 first graders start their school careers. The teaching provision is described as “very tense” but “stable” despite security. Innovations include flexible timetables, more physical education classes and a ban on private cell phone use until seventh grade.

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