Die Ökonomin Miriam Beblo im Porträt: Warum Frauen nach wie vor wirtschaftlich benachteiligt sind
Die Volkswirtin Miriam Beblo erforscht, wie Geschlechternormen unsere Arbeit und Familienplanung prägen – und warum Gesetze oft an den falschen Stellen ansetzen.
Quick Look
- Die Hamburger Volkswirtin Miriam Beblo erforscht die ökonomischen Folgen von Geschlechternormen.
- Im Interview analysiert sie den Gender Pay Gap, die Auswirkungen des Ehegattensplittings und die Probleme traditioneller Arbeitsmodelle.
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Why It Matters
Miriam Beblo forscht als Volkswirtschaftsprofessorin an der Universität Hamburg zu den Schwerpunkten Arbeit, Familie und Geschlechterfragen.
Warum kehren unverheiratete Mütter nach der Babypause früher in den Beruf zurück als jene, die verheiratet sind? Warum ist ihre Anzahl im Osten Deutschlands größer als im Westen des Landes? Und warum geben Paare, in denen die Frau Hauptverdienerin ist, ihr Geld für andere Dinge aus als jene, bei denen die Rollen umgekehrt sind? Dass Miriam Beblo keine typische Ökonomin ist, wird an den Fragen deutlich, die sie in ihrer Arbeit zu beantworten versucht.
Miriam Beblo ist Professorin der Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg und forscht zu den Schwerpunkten Arbeit, Familie, Migration und Geschlechterfragen. Seit vielen Jahren untersucht sie, wie Paare Entscheidungen über Arbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit treffen und welche Rolle Geschlechternormen dabei spielen.
Lange wurden diese Zusammenhänge in der Volkswirtschaftslehre stiefmütterlich behandelt, nun aber fällt ihnen eine Schlüsselrolle zu. Das Alleinverdiener-Modell hat ausgedient, doch die Lust auf Familie scheint sich in Grenzen zu halten. Die Geburtenrate sinkt. Entsprechend gefragt ist Beblos Expertise. In knapp einem Dutzend Arbeitsgruppen, die das Familienministerium in Familien- und Gleichstellungspolitik, aber auch in Steuerfragen berät, war oder ist sie Mitglied. Einige Hindernisse wurden bereits aus dem Weg geräumt, zumindest, was die Rahmenbedingungen wie den Ausbau der Kinderbetreuung sowie flexiblere Arbeitszeitmodelle angeht. Fakt ist aber: „Noch immer sind Frauen weniger erwerbstätig als Männer, obwohl sie sich damit finanziell abhängig machen und viele auch laut Umfragen gerne mehr arbeiten würden“, stellt die Volkswirtin fest. Sie will wissen, warum das so ist. Denn eins ist auch klar: „Die Babypause allein reicht zur Begründung nicht aus.“
Beblo versucht auszuleuchten, welche Rolle das Geschlecht bei Entscheidungen spielt. Denn bei diesem Punkt stoßen bisherige Erhebungen schnell an eine Grenze. „Zum einen gibt es kaum verwertbare Daten, zum anderen werden die Ergebnisse, die es gibt, zu wenig hinterfragt.“ Ein Beispiel: Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen und Männer sich für unterschiedliche Berufe entscheiden und weitere, die zeigen: Frauen erreichen seltener eine Führungsposition. „Doch warum das so ist, das wissen wir immer noch nicht genau.“
Der Gender Pay Gap sei die Kumulation, eine Anhäufung von Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, die sich am Ende in der Bezahlung niederschlagen würde. Im Mittel verdienen Frauen nach wie vor rund 20 Prozent weniger als Männer. „Selbst wenn man berücksichtigt, dass Frauen und Männer oft unterschiedliche Berufe wählen und Frauen durchschnittlich öfter ihre Karriere unterbrechen, liegt der sogenannte bereinigte ‚Gender Wage Gap‘, also der Lohnunterschied bei gleichwertigen Tätigkeiten, noch immer zwischen sieben und acht Prozent.“
Um versteckte Ursachen für dieses Missverhältnis zutage zu fördern, muss Beblo an anderen Stellen ansetzen. Sie untersucht, welche geschlechterspezifischen Vorstellungen das Zusammenleben prägen, woher sie stammen und warum sie sich so hartnäckig halten. Auch, weil es dazu kaum belastbare Daten gibt. Und so schafft sie neue mithilfe von Experimenten und Feldstudien, bei denen die Befragten ins Labor eingeladen werden. „Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass wir echte Paare interviewen und mit ihnen Entscheidungsexperimente durchführen“, sagt Beblo. Das mache die Forschung zwar teurer und komplexer, erhöhe aber ihre Aussagekraft.
Je mehr Frauen verdienen, desto besser ist ihre Verhandlungsbasis
Dabei stieß sie auf eine Erkenntnis: Die Höhe des Einkommens wirkt sich auf die Dynamik in der Paarbeziehung aus. So geben Männer bei finanziellen Entscheidungen häufig den Ton an, vor allem dann, wenn sie den größeren Teil des Einkommens erwirtschaften. Mit jedem zusätzlichen Euro, den Frauen zum Haushalt beitragen, wächst ihr Einfluss auf gemeinsame Entscheidungen. „Wer wirtschaftlich stärker zum Familienbudget beiträgt, kann eigene Interessen häufiger durchsetzen“, fasst Beblo zusammen. So zeigte sich: Verdient die Frau mehr als das Geld, wird das Geld für andere Anschaffungen ausgegeben, als wenn er der Hauptverdiener ist.
Beblo erforscht diese Zusammenhänge, um herauszufinden, ob und wenn ja an welcher Stelle Gesetze ansetzen müssen, um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen. Ein Beispiel: Im Zuge leerer Kassen stand das Familienministerium vor der Frage, wie man das Elterngeld kürzt, ohne das ursprüngliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Dieser bestand darin, die finanziellen Einbußen für Paare, die sich für Nachwuchs entscheiden, abzufedern. Der größte Einschnitt, die Absenkung der Einkommensgrenze, ist simpel: Seit April 2025 erhalten Paare und Alleinerziehende mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen von mehr als 175.000 Euro kein Elterngeld mehr.
Beschlossen wurde aber auch: Das maximale 14 Monate umfassende Elterngeld erhalten Paare nur dann, wenn nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater einen Teil der Betreuung übernimmt und beide jeweils mindestens zwei Monate Elterngeld beziehen. Die Stoßrichtung ist klar: Der Staat überlässt es Paaren, wie sie Familie leben, fördert aber nur jene Modelle, bei denen sich die Eltern die Betreuung des Kindes zumindest ansatzweise teilen.
Gesetze haben Einfluss auf die Art, wie Menschen leben. Manche davon schießen über ihr ursprünglich gestecktes Ziel hinaus. Verdeutlichen lässt sich dies am Beispiel der Teilzeitarbeit. Wurde der Anspruch ursprünglich zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingeführt, ist er heute ein Lebensmodell, das auch von Kinderlosen genutzt wird. Ein Antrag aus dem Wirtschaftsflügel der CDU (MIT), den Teilzeitanspruch zu begrenzen, hatte unlängst für heftige Diskussionen gesorgt. Das Argument dafür lautete: Es gebe zu viele Teilzeitbeschäftigte bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. Einerseits sieht Beblo den Anspruch als Errungenschaft, „schließlich kann die Entscheidung über die individuelle Arbeitszeit das Ergebnis einer ökonomischen Abwägung sein“. Ein Problem werde die Teilzeitarbeit dann, wenn man sie unter dem sozialen Aspect untersuche, so die Volkswirtin. „Viele entscheiden sich nämlich dafür, weil es ihnen kurzfristig sinnvoll erscheint, aber sie vernachlässigen dabei ihre langfristige ökonomische Eigenständigkeit.“
Befürworter einer Abschaffung brachten den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ ein. Der Anspruch solle nicht automatisch einklagbar sein, wenn Beschäftigte ihre Arbeitszeit lediglich zugunsten von mehr Freizeit reduzieren möchten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Meist ist es der Staat, der Mehrarbeit indirekt bestraft. Ein Beispiel: Steigert eine vierköpfige Familie in einer teuren Stadt wie Hamburg beispielsweise ihr Erwerbseinkommen von 3000 auf 5000 Euro, so bleibt das Haushaltseinkommen nahezu gleich. Denn der zusätzliche Lohn führt zu entsprechenden Kürzungen bei den staatlichen Transferleistungen.
Ein anderes steuerpolitisches Thema, das nach wie vor für Diskussionen sorgt, ist das Ehegattensplitting. Seit Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) vorgeschlagen hat, den bisherigen Splittingtarif für künftig geschlossene Ehen durch ein „fiktives Realsplitting“ zu ersetzen, hat die Debatte an Fahrt aufgenommen. Zur Begründung heißt es, das bisherige Modell entspreche nicht mehr dem modernen Ehe- und Familienbild und setze steuerliche Fehlanreize. Das Ehegattensplitting könne insbesondere für den geringer verdienenden Partner den finanziellen Anreiz schwächen, die Erwerbstätigkeit auszuweiten. Davon seien in der Praxis häufig Frauen betroffen.
Ziel der Reform sei, so argumentiert die SPD, eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen in Vollzeit. Beblo erklärt ein Missverständnis in der öffentlichen Debatte: „Nicht Familien profitieren vom Ehegattensplitting, sondern Ehepaare, und zwar ganz unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht. Wenn es darum ginge, Kinder zu fördern, gäbe es deutlich wirkungsvollere Mittel. Zudem ist der Steuervorteil zwischen den Ehepartnern ungleich verteilt.“ Um dies zu ändern, wäre ein erster wirkungsvoller Schritt, so Beblo, mit den Steuerklassen 3 und 5 die ungleiche Steuerbelastung der Ehepartner abzuschaffen. Eine Forderung, die bereits im Koalitionsvertrag der Ampelregierung stand, aber am Ende nicht umgesetzt wurde.
Die Witwenrente versucht einen Ausgleich zu schaffen, packt das Problem aber nicht an der Wurzel.
Die Hauptursache dafür, dass vor allem Frauen im Alter überproportional hoch von Armut gefährdet seien, sieht die 56-Jährige an anderer Stelle. Die Witwenrente sei aber der falsche Ansatz. „Sie versucht einen Ausgleich zu schaffen, packt das Problem aber nicht an der Wurzel. Indirekt zementiert sie das traditionelle Arbeitsteilungsmodell.“ Und das, obwohl es von einer immer größer werdenden Gruppe nicht mehr in Anspruch genommen werde.
Wer den Auslöser für Altersarmut, im Besonderen bei Frauen, an der Wurzel packen will, komme an der Abschaffung der Minijobs nicht vorbei. Dabei könnten bestimmte Personengruppen ausgenommen sein. Etwa Schüler, Studierende und Rentner. Miriam Beblo weiß: „Wer das politisch durchbringen will, muss ein dickes Brett bohren.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch: Es wäre nur eins von vielen dicken Brettern.
Open Questions
- Wann wird das Ehegattensplitting reformiert?
- Welche konkreten gesetzlichen Änderungen folgen aus den Studien?





