
Trotz offizieller Unabhängigkeitserklärung steht die Ukrainische Orthodoxe Kirche unter staatlicher Beobachtung und internationaler Kritik.
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Die UOK erklärte im Mai 2022 ihre Unabhängigkeit von Moskau. Der ukrainische Staat bezweifelt jedoch die vollständige Loslösung und geht rechtlich gegen die Kirche vor.
Stolz hält Serhij Juschtschyk eine Urkunde mit dem „Ehrenkreuz“ in die Kamera. Der Geistliche hat es jüngst vom ukrainischen Verteidigungsministerium für seine Tätigkeit in einem von Freiwilligen betriebenen mobilen Krankenhaus erhalten. Seine Kirche meldet diese Auszeichnung prominent auf ihrer Internetseite. Solche Ereignisse dienen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) dazu, sich als solidarische und patriotische Institution zu präsentieren.
Denn seit dem Beginn der russischen Vollinvasion hat die nach Zahl der Gemeinden, Klöster und Priester größte Kirche in der Ukraine einen schweren Stand. Zwar hatte die Ukrainische Orthodoxe Kirche im Mai 2022 die „vollständige Eigenständigkeit und Unabhängigkeit“ vom Moskauer Patriarchen Kyrill erklärt, der die Invasion einen „heiligen Krieg“ nennt. Der ukrainische Staat unterstellt Klerikern der UOK aber weiterhin, sich nicht von der russischen Orthodoxie gelöst zu haben.
Ein vor zwei Jahren verabschiedetes Gesetz verbietet Glaubensgemeinschaften, vom Feindesland aus geleitet zu werden. Auf dieser Grundlage strengt die ukrainische Religionsbehörde ein Verfahren nach dem anderen an. Vorige Woche leitete die Behörde eine Untersuchung gegen die Diözese Saporischschja ein. Der dortige Metropolit Luka ist einer der Geistlichen, die den Moskauer Patriarchen weiter in ihre Gebete einschließen. Zugleich betont der einstige Gegner der Euromajdan-Bewegung, dass er seit Beginn der Vollinvasion nicht mehr mit Kyrill kommuniziere.
Schon länger geht die Religionsbehörde gegen die Kiewer Metropolie vor, deren Oberhaupt Onufrij an der Spitze der Ukrainischen Orthodoxen Kirche steht. Fast zwei Jahre nachdem das ukrainische Parlament im Namen der „spirituellen Unabhängigkeit“ das gegen die UOK gerichtete Gesetz verabschiedet hat, wächst in der Ukraine die Kritik daran, dass bisher keine der angeblich mit Moskau verbundenen Einheiten aufgelöst wurde. Der Leiter der Religionsbehörde, Viktor Jelenskyj, verteidigte das Vorgehen jüngst mit der Aussage, man gehe „demokratisch“ und „zivilisiert“ vor. „Wir sind nicht in Nordkorea“, sagte Jelenskyj dem Portal „Hromadske“.
Es kursiert unter Kennern der religiösen Lage in der Ukraine aber auch eine andere Version. Nämlich die, dass der Staat davor zurückschreckt, kirchliche Einheiten tatsächlich aufzulösen. Er habe den Eindruck, dass Gerichte im Einklang mit politischen Vorgaben die Verfahren verzögerten, sagte der in den ukrainischen Kirchen gut vernetzte Münsteraner Ostkirchenfachmann Thomas Bremer der F.A.Z. Der Wunsch, mit dem „Moskauer Patriarchat“ ein für alle Mal zu brechen, kollidiert mit dem außenpolitischen Risiko, als Unterdrücker von Glaubensgemeinschaften dazustehen.
Das erscheint vor allem mit Blick auf die wechselhafte Ukrainepolitik der USA als Gefahr. Jelenskyj selbst erwähnte gegenüber „Hromadske“ den von der UOK engagierten amerikanischen Anwalt Robert Amsterdam. Nach der Konfrontation Wolodymyr Selenskyjs und Donald Trumps im Oval Office Anfang vorigen Jahres attackierte Amsterdam in der Sendung des damaligen MAGA-Einflüsterers Tucker Carlson den ukrainischen Präsidenten als Kirchenverfolger.
Kritik am Gesetz, das zur Auflösung kirchlicher Einheiten führen könnte, äußerte auch die UN. Die Ukraine habe „die Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme nicht nachgewiesen“, so das Hochkommissariat für Menschenrechte. Kiew habe nicht darlegen können, warum Schritte gegen fehlbare Einzelpersonen nicht ausreichten.
Jelenskyj betonte jüngst einmal mehr, seine Behörde verlange von der UOK weder, dass sie ihre Liturgie in Ukrainisch statt in Kirchenslawisch zelebriert, noch dass sie Weihnachten am 25. Dezember statt am 7. Januar feiert. Man erwarte auch keinen Übertritt zur konkurrierenden Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU). Die wurde 2018 als ein früheres Projekt „spiritueller Unabhängigkeit“ von Moskau in der Amtszeit von Präsident Petro Poroschenko geschaffen. Der heutige Religionsbehördenleiter Jelenskyj war damals ein kirchenpolitisch engagierter Abgeordneter einer Regierungsfraktion.
Die Feindschaft zwischen den beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine ist so tief, dass selbst Kritiker der Kirchenführung in der UOK einen Übertritt zur OKU ablehnen. Kern ihrer innerkirchlichen Kritik ist, dass die 2022 erklärte Unabhängigkeit der UOK vom Moskauer Patriarchen auf halbem Weg stehen geblieben sei. So fehlte in der Erklärung der Begriff der „Autokephalie“, der in der Orthodoxie die vollkommene Autarkie einer Nationalkirche meint.
„Im Episkopat der UOK gibt es eine starke Strömung, die eine endgültige Abkehr von Moskau anstrebt“, sagt Kirchenkenner Bremer. Mehrheitsfähig ist das aufgrund eines ablehnenden und eines abwartenden Flügels aber noch nicht. Russische Luftangriffe auf Kirchen der UOK lassen Fürsprecher eines harten Bruchs aber lauter werden.
Von Russland angegriffen wurde in diesem Sommer auch das Kiewer Höhlenkloster, das wichtigste geistliche Zentrum der Ukraine. Dort ist ein skurriles Nebeneinander der beiden orthodoxen Kirchen zu beobachten. Das Höhlenkloster wurde der UOK im Jahr 2023 per Kündigung des Nutzungsvertrags entzogen.
Mittlerweile zelebriert das Oberhaupt der OKU, Metropolit Epiphanius, in den Hauptkirchen Gottesdienste. Der UOK-Metropolit Onufrij und Dutzende UOK-Mönche gehen in den Nebenkirchen aber weiter ein und aus. Auch das spricht für die Vermutung, dass der ukrainische Staat vor Räumungen von Gotteshäusern zurückschreckt.

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