EEX-Chef Tobias Paulun lehnt Einsatz von Reservekraftwerken zur Strompreisdämpfung ab
Die Debatte um den Einsatz von Reservekraftwerken zur Senkung der Strompreise spaltet Experten und Politik: Während Unionspolitiker auf Kohlekraft setzen, warnen Marktbetreiber vor Marktverzerrungen.
Quick Look
- Tobias Paulun, Chef der Energiebörse EEX, warnt vor dem Einsatz von Reservekraftwerken zur Senkung der Strompreise.
- Er befürchtet Marktverzerrungen und Vertrauensverlust.
- Unionspolitiker Sepp Müller fordert hingegen deren Nutzung, um Gas zu sparen und Preise zu decken.
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Why It Matters
Aktuell befinden sich Kraftwerkskapazitäten von rund acht Gigawatt in der Netzreserve, die nur bei Netzinstabilität einspringen. Die Debatte dreht sich um deren Nutzung zur Senkung der Börsenstrompreise.
Berlin. Tobias Paulun, neuer Chef der Energiebörse EEX, lehnt den Einsatz von Reservekraftwerken zur Dämpfung der Börsenstrompreise ab. „Auf eine Marktteilnahme von Reservekraftwerken sollte verzichtet werden, da wenig positive Effekte, aber ein massiver Vertrauensverlust zu erwarten sind“, sagte Paulun dem Handelsblatt.
„Problematisch ist die verzerrende Wirkung im Strommarkt, weil Investitionen in neue Erzeugungskapazitäten und Flexibilität beeinträchtigt werden, was in Summe zu höheren Kosten führt“, warnte der CEO der EEX. Paulun ist seit dem 1. August im Amt. Die EEX spielt eine Schlüsselrolle im Energiehandel, insbesondere im Handel mit Strom.
Unionsfraktionsvize Sepp Müller (CDU) hatte im Interview mit der „Wirtschaftswoche“ gesagt, er wolle Kohlekraftwerke stärker nutzen, um die Preise an der Strombörse zu dämpfen. „Es geht um die Kohlekraftwerke, die im Moment nur einspringen, wenn der Strom in den Dunkelflauten ohne Wind und Sonne sehr knapp ist“, sagte der CDU‑Politiker. „Diese Kohlekraftwerke sollten wieder ständig laufen.“
Das könne nicht nur helfen, die Strompreise zu senken, sondern auch helfen, teures Gas zu sparen – und so auch dazu beitragen, die Gasspeicher für den Winter zu füllen, argumentierte Müller.
Er verwies auf die besondere Lage durch den Irankrieg, der die Gaspreise in die Höhe schnellen lässt, und auf den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD. Darin heißt es: „Ein größeres Energieangebot dient der Stabilisierung und Reduzierung der Stromkosten. Dazu sollen künftig Reservekraftwerke nicht nur zur Vermeidung von Versorgungsengpässen, sondern auch zur Stabilisierung des Strompreises zum Einsatz kommen.“
Der Preis an der Strombörse für alle Stromerzeuger richtet sich nach dem teuersten Kraftwerk, das noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken – und das sind während vieler Stunden des Jahres Gaskraftwerke.
Steigen die Gaspreise, zieht das daher automatisch den gesamten Strompreis nach oben, selbst wenn nur wenig Gas tatsächlich verstromt wird und ein großer Teil des Stroms aus günstigeren erneuerbaren Energien kommt. Wenn es gelingt, den Einsatz von Gaskraftwerken zu reduzieren, kann das preisdämpfende Effekte für den gesamten Strommarkt haben.
Nach Überzeugung Pauluns ist der Einsatz der Reservekraftwerke zur Preisdämpfung dennoch ein Irrweg. Sein Alternativvorschlag: „Zur Dämpfung von Preisspitzen sollte das Energieangebot strukturell ausgeweitet werden durch Zubau erneuerbarer Energien und steuerbarer Leistung sowie durch das Erschließen von mehr Flexibilität.“ Er warnt, der Einsatz der Reservekraftwerke könnte auch die Versorgungssicherheit beeinträchtigen, da die Kraftwerke nicht mehr ihrer Reserveaufgabe nachkommen könnten.
Aktuell befinden sich Kraftwerkskapazitäten von rund acht Gigawatt (GW) in der sogenannten Netzreserve. Sie springen nur ein, wenn dies zur Stabilisierung des Netzes erforderlich ist. Sie nehmen nicht regulär am Strommarkt teil.
Große Stromverbraucher aus der Industrie fordern seit Monaten, die Reservekraftwerke zumindest in Phasen hoher Börsenstrompreise am Markt teilnehmen zu lassen. So argumentiert etwa der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), Reservekraftwerke könnten in angespannten Versorgungslagen einen befristeten Beitrag zur Marktberuhigung leisten. Es gehe darum, temporär Preisspitzen vorzubeugen und sie zu kappen.
Gerade mit Blick auf die Straße von Hormus, die hohen Gaspreise und den niedrigen Füllstand der deutschen Gasspeicher sei es zunehmend fragwürdig, Erdgas zur Stromerzeugung zu verfeuern, wenn es Alternativen gibt, heißt es beim VIK. Im VIK haben sich große Energieverbraucher aus der Industrie zusammengeschlossen.
Einige der Betreiber der Reservekraftwerke würden die Anlagen gerne wieder regulär am Markt teilnehmen lassen. Zu diesen Betreibern zählt insbesondere Steag Iqony. Gundolf Schweppe, Chef der Steag Iqony Group, hatte dem Handelsblatt im Mai gesagt, es müssten jetzt die nötigen Vorkehrungen getroffen werden, damit eine ernste Energiekrise im Herbst unwahrscheinlich bleibe. „Dafür braucht es die Reserve – als Anti-Krisen-Kraftwerke, die Strompreise senken und knappes Gas einsparen“, sagte Schweppe.
Die Kraftwerke in der Reserve ließen sich schnell aktivieren, sagte Unionsfraktionsvize Müller. „Wir werden das nun in der Koalition besprechen.“ Die deutsche Wirtschaft könne so pro Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag sparen, sagte der Abgeordnete. Innerhalb der Koalition ist das Thema umstritten.
Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, lehnt Müllers Vorschlag ab: „Fossile Überangebote durch zugeschaltete Kohlekraftwerks-Reserven entsprechen weder physisch noch preislich der aktuellen Bedarfslage“, erklärte sie. Dies würde den Hochlauf erneuerbarer Energien und von Speicherkapazitäten hemmen. „Ein solches Hemmnis würde uns preislich belasten und nicht entlasten sowie fossile Abhängigkeiten verfestigen, statt sie aufzulösen. Das wäre das Gegenteil der Energiesicherheit, auf die es nun ankommt.“
EEX-Chef Paulun sieht auch rechtliche Hürden: „Die beihilferechtliche Genehmigung für die Reservekraftwerke in Deutschland erfolgte unter der Bedingung, dass die Anlagen außerhalb des Marktes vorgehalten werden und sie keinen Einfluss auf die Preisbildung im Strommarkt haben“, sagte er.
Das Bundeswirtschaftsministerium hatte die Rückkehr der Reservekraftwerke an den Strommarkt in den vergangenen Monaten nicht aktiv vorangetrieben und äußerte sich auch jetzt wieder zurückhaltend. Der Einsatz der Reservekraftwerke sei „aus fachlichen und ökonomischen und auch europarechtlichen Gründen nicht ganz einfach“, sagte ein Sprecher. „Wir prüfen weiter, ob sich da ein Instrument sinnvoll gestalten lässt.“
Ein möglicher Einsatz der Reservekraftwerke müsse sich am Ende auch lohnen. Es handele sich um relativ alte und ineffiziente Anlagen. „Das heißt, man müsste schauen, ob man damit überhaupt einen positiven Einfluss auf die Strompreise erzielen könnte.“
What to Watch
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Koalitionsinterne Gespräche über den Einsatz der Reservekraftwerke.
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