
Wegen niedriger Füllstände prüft das Bundeswirtschaftsministerium neue Instrumente. Die Branche verweist auf das französische Modell.
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Nach dem Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen und veränderten globalen LNG-Märkten funktionieren traditionelle Sommer-Winter-Preisspreads für die Gasbevorratung nicht mehr.
Das Bundeswirtschaftsministerium überlegt, ob Kapazitätsbuchungen bei Gasspeichern mit der Pflicht verbunden werden sollten, das Gas auch physisch einzuspeichern.
Uniper befürwortet eine Befüllungsverpflichtung und verweist auf Frankreich, wo Speicherbetreiber ein reguliertes Umlagesystem nutzen und Kunden verpflichtet sind, gebuchte Kapazitäten zu nutzen.
Sebastian Heinermann vom Verband Ines fordert eine zeitnahe Diskussion über Speicherverpflichtungen, um die Speicherbefüllung auf eine verlässliche Grundlage zu stellen.
Die Trading Hub Europe GmbH hat Long Term Options ausgeschrieben, um flexibel Gasmengen zu einem definierten Preis abzurufen.
Berlin. Der niedrige Gasspeicherfüllstand bleibt für die Versorgung Deutschlands ein Problem. Noch immer bewegt sich der Füllstand unter dem Durchschnittswert der vergangenen Jahre.
Um künftig höhere Füllstände zu erreichen, zeigt sich das Bundeswirtschaftsministerium offen für Forderungen, die Buchung von Speicherkapazitäten mit der Pflicht zu verknüpfen, das Gas auch physisch einzuspeichern. „Das ist ein Punkt, den sollten wir diskutieren“, sagte Bernhard Kluttig, zuständiger Abteilungsleiter, kürzlich bei der Handelsblatt Jahrestagung Gas in Berlin.
Kapazitätsbuchungen haben sich in der Vergangenheit oft als trügerisch erwiesen. So hatte auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in den vergangenen Wochen gelegentlich darauf hingewiesen, die Speicher seien gut gebucht.
Doch das ist keine Gewähr dafür, dass die Buchungen auch tatsächlich genutzt werden. Bildlich gesprochen: Es wirft jemand ein Handtuch auf die Liege am Pool, nutzt die Liege aber nicht. Würde es etwas bringen, Buchungen mit der Pflicht zu verknüpfen, auch tatsächlich Gas einzuspeichern?
Uniper verweist auf Frankreich
In der Branche überwiegt die Zustimmung. Beim bundeseigenen Energiekonzern Uniper heißt es, eine Befüllungsverpflichtung könne ein sinnvoller Baustein sein und bei richtiger Ausgestaltung dazu beitragen, die Speicher zum Winterbeginn stärker zu befüllen. „Andere europäische Länder setzen bereits auf solche Modelle“, sagte ein Sprecher. „Entscheidend ist, dass klar geregelt ist, wer verpflichtet wird, welches Absicherungsniveau erreicht werden soll und wie die Verpflichtung mit dem Erhalt ausreichender Speicherkapazitäten zusammenspielt.“
Uniper, das als wichtigster deutscher Gasimporteur und größter Gasspeicherbetreiber aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Frage schaut, denkt über die Befüllungsverpflichtung hinaus und propagiert seit Langem das französische Modell. In Frankreich wird den Speicherbetreibern ein Teil des wirtschaftlichen Risikos abgenommen. Reichen ihre Einnahmen nicht aus, um die Kosten zu decken, wird die Lücke durch ein Umlagesystem geschlossen. Finanziert wird das System mit einem Aufschlag auf das Entgelt, das Verbraucher für die Nutzung der Gasnetze entrichten müssen.
Erhebliche Herausforderung im nächsten Jahr
Im Ergebnis erwirtschaften die Speicherbetreiber also eine „regulierte Rendite“ – ähnlich wie die Betreiber von Strom- und Gasnetzen. Zugleich sind die Kunden der Speicherbetreiber verpflichtet, gebuchte Speicherkapazitäten auch tatsächlich zu nutzen. Sie dürfen nicht ungenutzt verfallen.
Sebastian Heinermann, Chef des Verbandes Ines, in dem sich die Speicherbetreiber zusammengeschlossen haben, sagte, die Offenheit des Bundeswirtschaftsministeriums für strukturelle Reformen im Speichermarkt sei zu begrüßen. „Wir sollten die vom Ministerium angeregte Diskussion über Speicherverpflichtungen zeitnah führen und uns auf deren konkrete Ausgestaltung konzentrieren, um die Speicherbefüllung möglichst rasch auf eine verlässliche Grundlage zu stellen“, sagte er.
Die erwartete starke Entleerung der deutschen Gasspeicher im kommenden Winter und der anschließend geplante Aufbau einer strategischen Gasreserve würden die Befüllung im nächsten Jahr erneut vor erhebliche Herausforderungen stellen, sagte Heinermann voraus.
Ministerin Reiche hatte vor einigen Monaten angekündigt, eine strategische Gasreserve aufbauen zu wollen. Die Reserve soll aber vom marktlichen Geschehen getrennt betrachtet und nur für außergewöhnliche Krisen, etwa eine Störung der Gasversorgungsinfrastruktur, vorgehalten werden. Der gesetzliche Rahmen ist noch in Arbeit. Die Reserve soll ab dem Winter 2027/2028 zur Verfügung stehen.
Gasbevorratung hat sich grundlegend gewandelt
David Bothe vom auf Energiethemen spezialisierten Beratungsunternehmen Frontier Economics sagte dem Handelsblatt, es könne nicht schaden, sich mit den Vor- und Nachteilen einer Einspeicherverpflichtung näher zu befassen. Eine solche Verpflichtung greife zwar in die unternehmerische Freiheit der Gashändler ein und mache konkrete Vorgaben für deren Beschaffungsstrategie. Andererseits zeigten Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, dass solche Instrumente durchaus funktionieren könnten.
Frontier Economics hatte in einem Ende Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium die Wirkung von Füllstandsvorgaben für Gasspeicher analysiert.
Mit dem Ukraine-Krieg hat sich die Gasbevorratung grundlegend gewandelt. In den Jahren vor dem Wegfall russischer Lieferungen von Pipelinegas folgte die Befüllung der Speicher allein den Gesetzen des Markts: Die Gaspreise waren im Frühjahr und Sommer wegen der geringeren Nachfrage regelmäßig niedriger als im Herbst und Winter. Darum lohnte es sich für Gashändler, ab dem Frühjahr damit zu beginnen, Gas einzuspeichern, um es ab dem Herbst mit einem Aufschlag wieder zu verkaufen.
Doch dieser Mechanismus funktioniert nicht mehr. Der Unterschied zwischen den Sommer- und Winterpreisen, der sogenannte „Sommer-Winter-Spread“, hat sich teilweise sogar umgekehrt: Gas ist im Frühjahr und Sommer mitunter teurer als im Winter. Damit entfällt der Anreiz, im Sommer Gas einzuspeichern.
THE hat Long Term Options ausgeschrieben
Das liegt daran, dass der Markt globaler geworden ist. Deutschland ist nach dem Wegfall russischer Lieferungen von Pipelinegas stärker auf den Import von verflüssigtem Erdgas („liquefied natural gas“, kurz LNG) angewiesen, das weltweit ganzjährig nachgefragt wird. Die saisonale Unterschiede verschwimmen dadurch. Außerdem hatte die Sperrung der Straße von Hormus für hohe Gaspreise im Sommer gesorgt.
In den vergangenen Wochen hat Reiche Initiativen ergriffen, um die Füllstände zu erhöhen. Im September hatte sie den bundeseigenen Gasversorger Sefe angewiesen, acht Terawattstunden Gas einzukaufen, um damit die Speicher zu befüllen.
Zudem hatte die Trading Hub Europe GmbH (THE) kürzlich sogenannte Long Term Options (LTOs) ausgeschrieben. Dabei sichert sich THE gegen Zahlung einer Gebühr das Recht, von den Kontraktpartnern im Bedarfsfall flexibel Gasmengen zu einem vorab definierten Preis abzurufen. Das sorgt für den Anreiz, Gas länger eingespeichert zu lassen.
Über den Einsatz entscheidet allerdings nicht das Ministerium, die Entscheidung liegt vielmehr in der Hand der THE‑Anteilseigner. Das sind die Betreiber der Gasfernleitungen in Deutschland. THE hat für das deutsche Gasnetz die gesetzlich definierte Rolle des Marktgebietsverantwortlichen. THE organisiert die Bilanzierung der Gasmengen und sorgt für den sicheren, stabilen Betrieb des Netzes.
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Diskussion über gesetzliche Speicherverpflichtungen im Wirtschaftsministerium
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