
Ein Ehepaar in Eberbach hat ein Haus gebaut, das ohne konventionelle Klimaanlage bei starker Sommerhitze kühl bleibt. Experten sehen darin einen wichtigen Trend für den Bausektor.
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Steigende Temperaturen infolge des Klimawandels erfordern neue Ansätze im Bauwesen, um Gebäude ohne energieintensive Klimaanlagen kühl zu halten.
Draußen brennt die Sonne, das Thermometer misst über 30 Grad im Schatten im baden-württembergischen Eberbach. Im Inneren des Hauses dagegen ist es mit 24 Grad deutlich angenehmer. Dass die Sommerhitze draußen bleibt, daran haben Günter und Claudia Holl für ihr eigenes Zuhause drei Jahre lang gearbeitet, obwohl Innenarchitekt Holl eigentlich schon länger im Ruhestand ist.
Ihr Ziel ist ein klimafreundlich gebautes Haus, das gleichzeitig auf den Klimawandel vorbereitet ist. Schon auf der Baustelle merkt man, das scheint zu klappen mit der Kühle im Innenraum. "Die Handwerker sind alle überrascht", erklärt Günther Holl. Gelungen ist das durch eine Kombination aus guter Planung, natürlichen Baustoffen, cleverer Haustechnik und einer besonderen Fassade.
Angenehmes Raumklima durch Lehmdecke
Statt einer konventionellen Klimaanlage hat der Innenarchitekt in der Decke mehrerer Wohnräume Lehmmodule verbaut. Lehm ist ein natürlicher Baustoff, regional verfügbar und mit besserer Klimabilanz als Beton oder Gipskarton. Vor allem aber wirkt Lehm wie ein Puffer für Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
"Lehm ist ein Material, das Feuchtigkeit aufnehmen kann, Feuchtigkeit abgeben kann und dadurch temperaturausgleichend ist. Deshalb habe ich immer ein angenehmes Raumklima", erklärt Holl. Wenn die Luft im Raum feuchter wird, nimmt der Lehm Wasser auf, bei trockener Luft gibt er es wieder ab. Das stabilisiert die Temperatur und macht Hitze erträglicher.
Durch die Deckenmodule aus Lehm verlaufen auch die Wasserleitungen der Deckenheizung. Diese wird im Winter über eine Wärmepumpe mit warmem Wasser versorgt. Im Sommer kann hier aber bei Bedarf kühles Wasser durch die Rohre geleitet werden, wodurch die Räume zusätzlich gekühlt werden. Und das ohne den Lärm oder die Abwärme herkömmlicher Klimaanlagen oder Kühlgeräte.
Sonneneinstrahlung bedenken
Bei der Planung des Hauses wurde auch berücksichtigt, von welchen Seiten und in welchem Winkel die Sonne auf das Haus einstrahlt und es von außen aufheizt. Für die Bauphysikerin Pia Krause ist das ein entscheidender Faktor. Sie forscht am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart zu klimaangepassten Gebäuden.
Empfehlenswert sind aus ihrer Sicht möglichst wenige unverschattete Fensterflächen in Richtung Westen. Außerdem rät sie zu gegenüberliegenden Fensterfronten, die in den kühlen Morgenstunden ein effektives Querlüften ermöglichen. Und sie empfiehlt möglichst helle Farben für die Außenwand von Gebäuden.
Holzfassade mit Luftstrom
Innenarchitekt Holl setzt bei seinem Haus auf eine Fassade aus hellen Holz-Lamellen. Sie schützen die Dämmung aus Holzfaser, liegen aber nicht direkt auf ihr auf.
Zwischen Lamellen und Dämmung bleibt ein Spalt von etwa drei Zentimetern. So entsteht "eine Luftströmung, die noch mal ein bisschen einen Kühleffekt bringt", erklärt er.
Fassadenbegrünung: Pflanzen als natürliche Klimaanlage
Wie eine begrünte Fassade zur Kühlung beitragen kann, zeigt ein Forschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart. Bauphysikerin Krause erklärt die doppelte Wirkung der Pflanzenwand: "Einerseits kühlen die Pflanzen durch den Prozess der Verdunstung selbst und andererseits schützen sie die Fassade dahinter vor der direkten Sonneneinstrahlung."
Die Fassadenbepflanzung ist aber teuer und aufwendig. Für Wohnhäuser empfiehlt die Wissenschaftlerin deshalb eine einfachere Variante: Begrünung vor der Wand statt direkt auf der Fassade. Das kann etwa eine bewachsene Pergola sein, aber auch Kletterpflanzen in Töpfen mit Rankgittern, die vor der Außenwand aufgestellt werden. Solche Lösungen sind günstiger und es besteht weniger Gefahr, dass die Fassade beschädigt wird.
Klima in der Bauplanung immer wichtiger
Fraunhofer-Forscherin Krause beobachtet, dass Klimarisiken wie Hitze bei der Bauplanung eine immer größere Rolle spielen. Die gute Nachricht: Sie sieht hier noch viel Potenzial, gerade im Wohnungsbau. Wenn konsequent Klimaresilienz in der Planung berücksichtigt würde, schätzt Krause, könne in Deutschland vielerorts noch lange auf Klimaanlagen verzichtet werden. Ausgenommen sind davon allerdings Gebäude für Risikogruppen wie etwa Krankenhäuser und Seniorenheime.
Laut Bauphysikerin Krause sei es wichtig, dass der Bausektor selbst dazu beiträgt, den Klimawandel nicht weiter anzuheizen: Klimaschutz und Klimaanpassung müssten "Hand in Hand gehen und beim Planen und Bauen auch immer gemeinsam gedacht werden und umgesetzt werden".
Wie Bauwirtschaft und Verbände den Wandel sehen
Aus Bauwirtschaft und Verbänden kommt die Einschätzung, dass Hitzeschutz beim Bauen an Bedeutung gewinnt. "Bei Neubauten sind Maßnahmen für den sommerlichen Wärmeschutz gesetzlich vorgeschrieben", sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe. Die Branche spüre einen Wandel: "Unsere Betriebe berichten, dass Bauherren heute von sich aus fragen, wie warm das Dachgeschoss im August wird oder ob die Wärmepumpe eine Kühlfunktion hat. Noch vor ein paar Jahren waren diese Fragen selten."
Gleichzeitig warnt Christine Lemaitre von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), dass viele Bauherrinnen und Bauherren weiterhin den vermeintlich einfachen Weg über Klimaanlagen gehen, "weil sich dadurch an der klassischen Bauweise nichts ändern muss" - mit hohem Energieverbrauch und Wartungsaufwand als Folge.
Deutschland stehe "gerade vor einem Paradigmenwechsel", so Lemaitre. In den vergangenen Jahren drehte sich vieles darum, wie Gebäude effizient geheizt und warmgehalten werden können. Nun müsse man sich genauso Gedanken um Hitzeschutz machen und beides gemeinsam denken. Gut geplanter Hitzeschutz helfe nicht nur im Sommer, sondern könne auch im Winter beim Energiesparen unterstützen, etwa durch bessere Dämmung und Speichermassen.
Umdenken im Bausektor
Innenarchitekt Holl hofft nach vielen Jahren in der Baubranche vor allem auf Veränderungen in den Köpfen: "Die größte Herausforderung wird sein, dass die Leute zum Umdenken kommen, dass sie lernen, mit anderen Materialien umzugehen, die Ressourcen sparen und wenn der Lebenszyklus vom Haus abgelaufen ist, das auch wieder in den Kreislauf zurückführen können."
Sein eigenes Haus in Eberbach baut er gleich so, dass dessen Bestandteile am Ende wieder recycelt werden können.

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