Luther in Wittenberg und die Landtagswahl: Zorn und Realität
Ein Bericht aus Wittenberg am Tag der Landtagswahl zeigt eine erschöpfte Öffentlichkeit und einen politischen Gegner, dem es um Symbolik statt Lösungen geht.
Quick Look
- Ein Stimmungsbild aus Wittenberg am Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
- Zwischen Schlosskirche, Gottesdienst und ARD-Public-Viewing zeigt sich eine erschöpfte Öffentlichkeit gegenüber einem destruktiven politischen Gegner.
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Why It Matters
Am Sonntag fand in Sachsen-Anhalt eine Landtagswahl statt. Beobachter blickten nach Wittenberg, wo Martin Luthers Erbe auf die politische Gegenwart trifft.
Martin Luther war ein zorniger Mann, er war oft dagegen. Gegen das Allermeiste: Rom und Aristoteles, Werkgerechtigkeit und Bauernaufstand, Menschenstolz und Letzte Ölung. Noch Katholik, war er schon ein Protestant. Der Mensch taugte für ihn nicht viel, die Natur fast gar nichts. Simul iustus et peccator sei der Mensch, zugleich gerecht und Sünder. Auf das Zugleich war aber wenig zu geben. Denn der Mensch war für ihn ziemlich viel mehr ein Sünder als gerechtfertigt. Mit dem Irdischen war es nichts für Luther. Dennoch hielt er die Gläubigen an, fröhlich zu sein. Vor fünfhundert Jahren galt paradoxes Handeln nicht als widersprüchlich, sondern als fromm.
Wir sind in Wittenberg, am vergangenen Sonntag, 10 Uhr morgens. In der Schlosskirche, an deren Tür Luther im Oktober 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, findet der Gottesdienst statt. Luther schaut mit einem Ganzkörperbildnis von der inneren Südseite herab. Sonst kommt er aber nicht vor. Evangelische wie katholische Gemeinde haben den Tag unter den merkwürdigen Titel „Gebete auf dem Weg zur Landtagswahl“ gestellt. Es gibt Lesungen, Tauferinnerungen, ein Konzert des Landesjugendchors und eben Gebete. „Eines Christen Handwerk ist Beten“, sagt Luther.
Ein „besonderer Tag“
In der Predigt, die von der Superintendentin gehalten wird, ist „von diesem besonderen Tag“ die Rede. Viel ausdrücklicher wird sie nicht. Wir sind zumindest in Wittenberg aus den Zeiten heraus, in denen Priester die Gemeinde ermahnten, ihr Kreuz doch bitte an der richtigen Stelle zu machen. Die älteren süddeutschen Katholiken unter uns können sich an solche Wahlpredigten noch erinnern.
Immerhin singt die Gemeinde „Herr, der Du vormals hast Dein Land mit Gnaden angeblicket“. Vormals. Das Drama in Sachsen-Anhalt bleibt im Gottesdienst auf diese Zeile beschränkt, und die Referenz auf Luther ergibt sich nur ganz indirekt, weil die Melodie, die den Worten Paul Gerhards unterlegt ist, eigentlich zum Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ gehört. Dessen Text stammt vom Reformator. Die tiefste Not hält sich also in den Grenzen einer Anspielung.
Luther: eine Größe aus Sachsen-Anhalt
Ganz gefüllt ist die Schlosskirche, baulich mit dem Wittenberger Schloss verbunden, nicht, aber gut 150 Plätze in ihren Bänken sind besetzt. Konfirmanden aus Berlin sind angereist und eine Gruppe aus der niedersächsischen Grafschaft Bentheim. Auf dem Plakat zum Gebetsprogramm des Wahltages stand, der Eintritt sei heute frei. Sonst nämlich erhebt die Gemeinde einen Beitrag, weil die meisten ihrer Besucher Touristen sind und der Erhalt der Kirche kostspielig ist.
In ganz Wittenberg gibt es bei knapp 50.000 Einwohnern weniger als 8.000 Christen. Die Schlosskirche war den Protestanten vor zehn Jahre im Jubiläumsjahr der Reformation nach einer acht Millionen Euro teuren Renovierung von Sachsen-Anhalt übertragen worden. Das Land entlastete sich damals von weiteren Unterhaltskosten. Die Linke hatte sich beim entsprechenden Parlamentsbeschluss enthalten, von rechts wurde wütend gegen die „Verschleuderung von Staatseigentum“ geschimpft. Luther hat Tillschneider und den Seinen zufolge kaum etwas mit der heutigen Evangelischen Kirche zu tun, dafür umso mehr mit einstiger sachsen-anhaltinischer Größe. Er gehört für sie, zusammen mit dem Bismarckkritiker Nietzsche, der den Deutschen mehr Latinität empfahl, zur Straße der Besten im germanisch nationalen Leistungswettbewerb.
Wird hier noch jemand zornig?
Die Predigt der Superintendentin macht von Luther keinen Gebrauch. Genauer: Sie erfolgt zwar von der schönen schlichten Wittenberger Kanzel herab, ist aber nicht auf Luthers Emotion gestimmt, nicht auf Protest und Anklage. Thesen, die aufwühlen, schlägt hier niemand mehr an. An der „Thesentür“ ginge das auch gar nicht, sie ist lange schon aus schwerem Metall.
Der Ton, in dem in der Predigt die Stelle des Evangeliums mit dem reichen Zolleinnehmer Zachäus (Lukas 19) für die Gegenwart gedeutet wird, ist, wie die Stelle selbst, alles andere als zornig. Die Würde aller Menschen wird unterstrichen, der Frieden miteinander, das bunte Land. Es gehe um Gemeinschaft, meint eine andere Pfarrerin. Womöglich muss man inzwischen gar nicht deutlicher werden. Womöglich ist man aber auch zu freundlich und erbaulich geworden, um noch zornig zu sein. Womöglich auch langsam zermürbt.
Nicht mal Siegmund kann sich auf seine Leute verlassen
Wenn der CDU-Kandidat des Wahlkreises, den wir später treffen, von seinen politischen Erlebnissen mit den Rechten erzählt, ist auch er nicht zornig. Nico Elsner, fünfundzwanzig Jahre alt, schüttelt nur oft den Kopf. Das Problem mit den Leuten Ulrich Siegmunds sei, dass nicht einmal der sich auf sie verlassen könne. Deswegen habe er die Ansprüche an die Mehrheit, von der an er sich vorstellen könne, eine Regierung zu bilden von „einfache Mehrheit“ auf „stabile Mehrheit“ erhöht. Zu unverlässlich sei ein Großteil seiner Parteigänger. Sie sagten im Ausschuss das eine, kurz danach im Wittenberger Stadtrat, dem Elsner angehört, oder im Magdeburger Landesparlament das Gegenteil.
Für die destruktive Einstellung dieses politischen Gegners hat er viele Beispiele. Wenn ein Vorschlag für höhere Polizeipräsenz am Arsenalplatz in Wittenberg gemacht werde, weil dort Jugendliche verhaltensauffällig sind, lehne es die Rechte ab. Weshalb? Weil der Vorschlag von einer anderen Partei kam. Außerdem, heißt es, würden dadurch ja nur Symptome bekämpft. Soll heißen: Die Asylbewerber sind das wahre Problem, auch wenn sie nachweislich am Arsenalplatz gar keine herausgehobene Rolle spielen. Es sollten für sie mehr Gefängnisse gebaut werden, wird gefordert, und weniger Bewährungsstrafen erteilt. Woher das Wachpersonal für die Gefängnisse kommen soll und ob die Sofortinhaftierung das Problem von Jugendkriminalität löst, ist denen, die sie fordern, egal. Hauptsache, es sehe so aus, Hauptsache, man wirkt radikal und kann einander auf die Schultern klopfen.
Döner-Imbisse als kulturfremd?
Wir sitzen in einem Café in der langen Schlossstraße. Parallel läuft die Coswiger Straße ebenfalls auf den Wittenberger Marktplatz zu. Der Vorschlag, diese weniger belebte, weniger schmucke Straße städtebaulich aufzuhellen und dadurch sicherer zu machen – ebenfalls abgelehnt. Weil er von der CDU kam. Weil die Ausländer das Problem sind. Damit sind nicht die Italiener gemeint, deren Lokale die Schlossstraße säumen. Aber ganz sicher sein kann man sich selbst da nicht, je nachdem, mit wem von den Migrationsgegnern man redet. Das Dutzend Döner-Imbisse, das es in Wittenberg gibt, galt dem einen oder anderen schon als „kulturfremd“.
Es sei mit den Rechten, so Elsner, ganz konkret kaum ein Problem zu lösen, solange ihnen an einer Verbesserung der Lebensumstände in Wittenberg und Sachsen-Anhalt viel zu wenig gelegen sei. Man könnte auch sagen: So lange sie die Malaisen, die tatsächlichen wie die erfundenen, genießen können. Fast jedes Thema wird so zu einem symbolischen. Wenn vorgeschlagen wird, den Kirchen deutlich weniger Mittel zukommen zu lassen – weil sie die Rechten durch migrantenfreundliches Verhalten geärgert haben –, läuft das für Elsner am Ende darauf hinaus, Stadt- wie Schlosskirche verfallen zu lassen. Dem politischen Gegner sei das gleichgültig, am Christentum sei er ohnehin nicht interessiert. Oder nur – siehe oben unter Luther – als nationale Vergangenheit. Wenn auf zwanzig Prozent aller Ärzte in Sachsen-Anhalt hingewiesen wird, die ausländischer Herkunft seien, heißt es, ganz viele von denen könnten ja nicht einmal Deutsch. Belastbare Zahlen? Fehlanzeige.
Alle Probleme hängen mit den Asylbewerbern zusammen
Hinter der Brandmauer leben also politische Abenteurer, denen im Grunde egal ist, was stimmt. Als Ulrich Siegmund gefragt wurde, wie denn in seinem Wahlprogramm behauptet werden könne, an den Bühnen Sachsen-Anhalts würden keine deutschen Autoren gespielt, das stimme doch gar nicht, sagte er: Na dann sei doch alles in Ordnung. Normale Kommunikation ist mit solchen Leuten schwer möglich, denn sie liegt gar nicht in ihrem Interesse. Konkrete Probleme, die es beispielsweise mit Asylbewerbern gibt und die von anderen Parteien sowie Medien gern auch geleugnet werden, verschwinden bei den Rechten in ihrer Behauptung, so gut wie alle Probleme hingen irgendwie mit Asylbewerbern zusammen.
Von 17:30 Uhr an dann das „Public Viewing“ der ARD-Wahlsendung in der Evangelischen Akademie. „Public“ aber mehr im Sinne von „privat“, denn kaum zwei Dutzend Leute sind gekommen. „Viewing“ wiederum mehr im Sinne von meist schweigendem Zuschauen. Niemand empört sich, vielleicht ist man der Empörung müde geworden. Nicht einmal bei der Prognose geht ein Stöhnen durch die Reihen, man hat es wohl genauso erwartet. Hie und da ein Lacher, wenn dem politischen Personal ein besonders törichter Satz entfährt oder Franziska Brantner den Witz wiederholt, in der CDU habe mancher sich einen noch längeren Urlaub des Kanzlers gewünscht. Politische Öffentlichkeit kann das aber nicht genannt werden.
Ihr Begriff erscheint überhaupt revisionsbedürftig. Im Fernsehen heißt es, Siegmund habe durch Bratwurstpartys Anhänger gewonnen. Man sieht ihn tatsächlich mit dem Habitus eines Schlagersängers, der auf dem Ortskernfest vorfährt, um dort Evergreens zu spielen. Wir denken kurz an den Satz von Friedrich Merz, Deutschland sei nicht Kreuzberg, sondern Gillamoos. Damals hielten wir es für unsinnig zu sagen, Deutschland sei ein Volksfest. Wir hatten einfach Georg Büchners Weisung vergessen, stets dorthin zu gehen, wo unsere Phrasen verkörpert werden. Jetzt ist Merz von seiner eigenen Phrase eingeholt worden.
Die AfD als Vertreterin ostdeutscher Interessen?
Danach zeigt Jörg Schönenborn in der ARD eine Tabelle, für die jene Kompetenzen abgefragt wurden, die den Parteien bei der Bekämpfung von Kriminalität, bei der Vertretung ostdeutscher Interessen und bei der Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit zugeschrieben werden. In jeder Dimension lag die CDU deutlich im Hintertreffen. Was Schönenborn nicht sagte: Dass Siegmund und die Seinen noch nie und nicht einmal vergeblich Kriminalität bekämpft haben, noch nie ostdeutsche Interessen vertreten mussten oder sozialpolitisch etwas verwirklichen.
Die Wähler wurden also gebeten, enttäuschende Anstrengungen mit Wahlplakaten zu vergleichen, Gerichte mit Rezepten, Tatsachen mit Wünschen. Dass dieser Vergleich zugunsten der Wünsche ausgehen wird, hat schon Luther geahnt. Die Neigung, sich Versprechungen hinzugeben, die einem schmeicheln, hätte er sündhaft genannt. Zumindest was Versprechungen angeht, die keine göttlichen sind, sondern von aufgeblasenen Schlagersängern kommen. Aus Wittenberg sind wir darum am Abend dankbar und mit dem Eindruck nach Berlin zurückgefahren, es lasse sich noch viel aus dem Katholiken Luther für den Protest gegen den Irrsinn unserer Zeit herausholen.
Open Questions
- Wie stabil wird die kommende Regierungskoalition in Sachsen-Anhalt sein?
- Welche konkreten Konsequenzen hat das Wahlergebnis für die Kommunalpolitik vor Ort?



