
Frankfurt rutscht im Global Financial Center Index um 14 Plätze auf Rang 29 ab – Experten fordern Reformen bei Bürokratie, Steuern und Arbeitsrecht.
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Frankfurt fiel im Global Financial Center Index um 14 Plätze auf Rang 29. Der Index bewertet internationale Finanzplätze anhand verschiedener Kriterien.
Frankfurt. Für den Finanzplatz Frankfurt ist es eine bittere Nachricht: Die Metropole hat die Top 20 der wichtigsten Finanzzentren der Welt verlassen und belegt nur noch den 29. Platz. Das zeigt der Global Financial Center Index, der als wichtigste Rangliste internationaler Finanzplätze gilt und zweimal jährlich erscheint.
Die Stadt ist um 14 Plätze gefallen. In Westeuropa liegt Frankfurt auf Rang neun hinter London, Zürich, Genf, Luxemburg, Lugano, Paris, Kopenhagen und Amsterdam. Innerhalb der Europäischen Union (EU) belegt die deutsche Finanzmetropole Rang fünf. Im globalen Vergleich haben insbesondere asiatische Städte zugelegt.
Der Bedeutungsverlust ist nicht nur für Frankfurt ein Problem. Verliert das Finanzzentrum der Bundesrepublik an Relevanz, leidet der Wirtschaftsstandort Deutschland.
„Ein Finanzplatz ist Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur“, sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. „Wenn der an Bedeutung verliert, kann der Zugang zu großen Kapitalbeträgen für deutsche Unternehmen schwieriger werden – besonders für kleinere Unternehmen, die weniger leicht auf internationale Märkte ausweichen können“, sagt er.
Für Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), sei ein international wettbewerbsfähiger Finanzplatz auch deshalb wichtig für die deutsche Wirtschaft, weil er „Investitionen und Innovationen unterstützt und damit Wachstum und Transformation mitfinanziert“, sagt er.
Andreas Prechtel vom Verband Internationaler Banken (VIB) zufolge ist Deutschland stark auf Export- und Projektfinanzierungen im Ausland angewiesen. Internationale Banken bringen dafür Netzwerke ein. „Ihre Präsenz in Deutschland ist ein wichtiger Standortvorteil“, sagt er.
Das Handelsblatt hat mit zahlreichen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gesprochen. Sie erklären, warum Frankfurt im Ranking zurückgefallen ist – und zählen sieben Maßnahmen auf, wie der Finanzplatz wieder an die europäische Spitze zurückkehren kann.
1. Talente an Frankfurt binden
Als zentralen Hebel nennen die Experten Fachkräfte vor Ort. „Ein lebendiger Finanzplatz bringt Talente zusammen“, sagt Burghof. Dort treffen Fachwissen und Ideen aufeinander. „Frankfurt ist die Stadt, in der über Geld geredet wird“, sagt er. Wenn Kompetenzen ins Ausland abwandern, verliere Deutschland an Innovationskraft und Entwicklungspotenzial.
Hubertus Väth, Geschäftsführer der Standortinitiative Frankfurt Main Finance, ergänzt: „Der Wettbewerb der Finanzplätze ist ein Wettbewerb um internationale Fachkräfte.“ Frankfurt habe dafür gute Voraussetzungen: eine hohe Dichte an Finanzinstituten, kurze Wege, eine gute Verkehrsanbindung und internationale Schulen. Doch bei Standortentscheidungen zähle auch die Frage, wie schnell Fachkräfte und ihre Familien tatsächlich ankommen können, sagt Väth.
2. Internationalen Fachkräften Ankunft erleichtern
In Deutschland sei es „ein separater und aufwendiger Prozess, auch die Arbeitsgenehmigung für Partner zu erhalten“, sagt Väth. „Das ist heute lebensfremdes und archaisches Denken.“ Es könne in Deutschland zu Wartezeiten von mehreren Monaten kommen, sagt der Experte, während es in Amsterdam, Luxemburg, Kopenhagen und Paris nur Tage seien.
Abhilfe schaffen soll eine Novelle, die eine Bearbeitung der Fälle von unter vier Monaten garantiert, sagt Väth. „Das ist schlicht nicht wettbewerbsfähig.“
3. Steuerliche Standortbedingungen verbessern
Steuerliche Fragen spielen für den Finanzplatz eine Rolle, um internationale Fachkräfte zu gewinnen und Kapitalerträge grenzüberschreitend abzuwickeln.
Bei der Besteuerung von Kapitalerträgen setzt Markus Erb vom Verband Internationaler Banken in Deutschland (VIB) auf die EU-Richtlinie FASTER. Sie soll Verfahren zur Erstattung überzahlter Quellensteuer vereinheitlichen, beschleunigen und digitalisieren, und ab 2030 angewendet werden.
Auch die Einkommensteuerbelastung beeinflusst, wie attraktiv Frankfurt als Finanzplatz wahrgenommen wird. Väth verweist auf steuerliche Sonderregelungen für sogenannte Impatriates in anderen europäischen Ländern – internationale Fachkräfte, die aus dem Ausland in ein Land wechseln.
„Natürlich entscheidet niemand seinen Lebensmittelpunkt ausschließlich nach der Einkommensteuer“, sagt er. „Aber wer glaubt, solche Größenordnungen spielten bei internationalen Talenten keine Rolle, irrt.“
4. Weitere Lockerungen im Arbeitsrecht
Auch die Arbeitsmarktregeln für international tätige Finanzunternehmen entscheiden über die Standortwahl. Nach dem Brexit wurde bereits im Jahr 2019 der Kündigungsschutz für Risikoträger bedeutender Banken gelockert. Ein im Jahr 2024 geplantes zweites Zukunftsfinanzierungsgesetz sah vor, diese Regeln auf den gesamten Finanzsektor auszuweiten.
Die Koalition plant ab Januar 2027 eine branchenübergreifende Regel für Beschäftigte mit einem Bruttojahreseinkommen oberhalb von 177.450 Euro. Das Arbeitsverhältnis könnte dann gegen eine gerichtlich festgesetzte Abfindung aufgelöst werden, ohne dass der Arbeitgeber Auflösungsgründe darlegen muss.
Christian Picker, Arbeitsrechtsexperte der Universität Tübingen, sagt: „Dass Spitzenverdiener gegen eine gesetzlich begrenzte und damit für Arbeitgeber hinreichend planbare Abfindung ausscheiden können, ist ein wichtiger Reformschritt.“ Branchenübergreifend stärke diese Lockerung des hohen gesetzlichen Kündigungsschutzes den Standort.
5. Verlässliche Infrastruktur schaffen
Auch Infrastrukturverbesserungen bieten für Frankfurt Potenzial. „Verlässliche Infrastruktur sowie politische Stabilität gehörten lange zu Deutschlands wichtigsten Standortvorteilen. Jetzt gehören sie zu Deutschlands Schwächen“, sagt Väth.
Gerade für Frankfurt als einen der bedeutendsten Rechenzentrumsstandorte Europas seien eine verlässliche Stromversorgung und leistungsfähige Netze strategisch wichtig – für Cloud, Daten, KI und Cybersicherheit, sagt er.
Herkenhoff vom BdB zufolge sei das auch deshalb entscheidend, damit Banken digitale Geschäftsmodelle, Künstliche Intelligenz und neue Technologien schneller in die Anwendung bringen können.
Alexander Lorz (CDU), Finanzminister des Landes Hessen, sagt: „Mit unserer exzellenten digitalen Infrastruktur, dem internationalen Flughafen sowie der starken Präsenz von Europäischer Zentralbank (EZB), Bundesbank und globalen Finanzinstituten bietet Hessen ein attraktives Umfeld.“
6. Stärken infolge des Brexits ausbauen
Nach dem Brexit habe Frankfurt bei den Banken gewonnen, während Luxemburg und Dublin stärker von der Fondsindustrie profitierten, sagt Prechtel vom VIB. Sein Kollege Erb verweist auf die Präsenz der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Stadt, der Bafin und der Bundesbank.
Universitätsprofessor Burghof sieht die Lage allerdings kritischer als die Verbandsvertreter. „Nach dem Brexit verfügte Frankfurt über eine starke Ausgangsposition, gewann aber nicht so viel, wie möglich gewesen wäre“, sagt er. Der Sitz der Europäischen Bankenaufsicht ging nach Paris. „In London gehört die Förderung des Finanzplatzes zum Auftrag des Bürgermeisters. Deutschland hat eine vergleichbare politische Priorität nicht entwickelt.“
7. Zusammenarbeit der Finanzplätze fördern
Aktuell liegt Frankfurt im Fintech-Ranking auf Platz 45. Das Finanzministerium verspricht, die digitale Infrastruktur und die Ansiedlung von Fintechs in Hessen zu fördern.
Bemerkenswert ist der Vergleich mit München. München legte als einer der wenigen Finanzplätze der EU im Ranking zu. Die Stadt hat aus zwei starken Universitäten, der UnternehmerTUM, internationalem Talent, Unternehmen und privatem Kapital ein „sichtbares Innovationsökosystem gebaut“, sagt Väth.
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