OECD-Bildungsdirektor Schleicher: KI trägt zum neuen Pisa-Schock bei
Im Interview spricht OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher über die Rolle von KI und Smartphones an Schulen, den Umgang mit schwachen Pisa-Ergebnissen und notwendige Bildungsreformen in Deutschland.
Quick Look
- Die Hälfte der deutschen 15-Jährigen nutzt laut OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher wöchentlich KI-Chatbots für die Schule, was zu schlechteren Leistungen beiträgt.
- Im Interview fordert er eine neue Pädagogik und schärfere Regeln für Smartphones.
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Why It Matters
Deutsche Schüler haben in der jüngsten Pisa-Studie historische Tiefstwerte erreicht, was eine heftige Debatte über die Ursachen wie Digitalisierung und Handynutzung auslöste.
Die Hälfte der deutschen 15-Jährigen nutzt mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots für die Schule. Das trage zum neuen Pisa-Schock bei, sagt OECD-Bildungsdirektor Schleicher im Interview.
Kind mit Roboter (Archiv): „KI liefert Antworten, die überzeugend, flüssig und plausibel klingen – auch wenn sie falsch sind.“ Foto: imago/Future Image
Berlin. Rutschen Schülerinnen und Schüler in ihren Leistungen durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI), sozialen Medien und Handys ab? Über diese Frage wird nach dem neuen Pisa-Schock heftig debattiert.
Der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht in KI einen zentralen Faktor für die schwachen Ergebnisse. Das sei aber kein Argument gegen eine Nutzung, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt.
Bei der Digitalisierung der Schulen müsse Deutschland ehrgeizig sein, forderte Schleicher. Es gehe nicht darum, die Schule von gestern zu digitalisieren, sondern Raum, Zeit, Personal und Technologie neu zu konfigurieren.
Lesen Sie hier das ganze Interview:
Herr Schleicher, deutsche Schüler haben in der Pisa-Studie historisch schlecht abgeschnitten. Aber auch in anderen OECD-Staaten zeigt sich ein Negativtrend. Lässt sich das eindeutig auf die Nutzung von KI, sozialen Medien und Handys zurückführen?
Sicher nicht nur, aber wir müssen die Digitalisierung neu denken. Deutsche Schülerinnen und Schüler verbringen bereits durchschnittlich 1,7 Stunden per Schultag mit digitalen Geräten für Lernzwecke. Gleichzeitig berichtet jeder dritte, dass digitale Geräte im Unterricht häufig ablenken – und erzielt acht Pisa-Punkte weniger als ein Schüler, der berichtet, nicht abgelenkt zu werden.
Was muss geschehen?
Technologie ist weder der Feind noch die Lösung. Entscheidend ist, was Pädagogik daraus macht. Bei KI zeigt sich das besonders deutlich. Die Hälfte der deutschen 15-Jährigen nutzt bereits mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots für schulische Zwecke. Mehr als ein Drittel lässt sich Texte zusammenfassen oder Schreibaufgaben vorbereiten. Nur neun Prozent nutzen KI für die von Pisa untersuchten Aufgaben praktisch nie. Die entscheidende Frage ist: Nutzen sie KI so, dass sie dadurch klüger werden – oder lediglich so, dass Schule leichter zu bewältigen ist?
Gibt es dazu denn Erkenntnisse?
Bislang ist das Bild ernüchternd: Schülerinnen und Schüler, die KI nutzen, schneiden im Durchschnitt schlechter ab als jene, die darauf verzichten. Das ist kein Argument gegen KI. Es ist ein Argument für eine andere Pädagogik: KI darf nicht Denkarbeit ersetzen, sondern muss sie anspruchsvoller machen.
Sollten mehr Schulen die Nutzung von Smartphones einschränken, damit sich die Schüler wieder mehr auf das Lernen konzentrieren können?
Ja. Die Schule ist einer der wenigen Räume, die wir gestalten können und in denen wir die menschlichen Fähigkeiten entwickeln können, die uns von der KI unterscheiden.
Was muss Schule heutzutage leisten?
Schule muss junge Menschen dazu befähigen, selbstständig zu denken und gemeinsam mit anderen zu handeln, mit Empathie, im Beruf sowie als Bürgerinnen und Bürger. Schule muss jungen Menschen helfen, einen klaren moralischen Kompass zu entwickeln: ein Gespür für richtig und falsch, ein Verständnis dafür, wo die Grenzen unseres individuellen und gemeinsamen Handelns liegen, sowie die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen und auch in schwierigen Situationen verantwortungsvoll zu urteilen. Wenn Bildung diese Werte und menschlichen Fähigkeiten nicht mit aller Entschlossenheit stärkt und schützt, dann könnte KI am Ende die Fundamente unserer Gesellschaften untergraben. Deshalb sollten wir diesen Raum nicht den Smartphones überlassen. Ich halte ein Smartphoneverbot auch für völlig kompatibel mit der gezielten Nutzung digitaler Technologien mit pädagogischem Wert.
In anderen erfolgreichen Ländern haben Technologien ihren festen Platz in der Schule. Was läuft da besser?
Wir werden nicht fit, indem wir uns Sport anschauen. Wir werden fit, indem wir selbst Sport treiben. Beim Lernen ist es genauso. Lernen braucht geistige Anstrengung. Lernen braucht Reibung. Lernen braucht oft auch Mühe. Deshalb kommt es darauf an, wie Lehrerinnen und Lehrer die KI einsetzen.
Worauf kommt es konkret an?
Wenn KI zum bequemen Weg zu einer fertigen Antwort wird, wird sie Lernen untergraben. Wenn Lehrkräfte KI dagegen nutzen, um Schülerinnen und Schüler herauszufordern, Erklärungen miteinander zu vergleichen, Denkfehler aufzudecken, Argumente zu schärfen und bessere Fragen zu stellen, dann kann KI zu einem außergewöhnlichen Beschleuniger werden. Genau hier setzen erfolgreiche Bildungssysteme an.
An deutschen Schulen läuft die Digitalisierung allerdings nur schleppend.
Deutschland sollte hier ehrgeizig sein. Es bringt nichts, die Schule von gestern zu digitalisieren: Es geht darum, Raum, Zeit, Personal und Technologie neu zu konfigurieren, sodass neue Lernerfahrungen entstehen. Und es gibt Grund für Optimismus. Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind neugierig, viele glauben an ihre eigene Lernfähigkeit, und das System bringt trotz aller Rückschläge weiterhin starke Leistungen hervor.
Beim Lesen zeigt sich allerdings besonders deutlich ein Abwärtstrend. Junge Leute lesen zu hastig. Sie überfliegen, statt zu verstehen. Sie antworten schnell, aber falsch.
Ja, und es geht ja um weit mehr als Textverständnis. Eine Zahl hat mich dabei besonders nachdenklich gemacht. Fast jeder zweite deutsche 15-Jährige sagt: Wenn Evidenz und Bauchgefühl kollidieren, sollte das Bauchgefühl gewinnen. Natürlich sehen wir Ähnliches auch in anderen Ländern. Aber in einer KI-Welt ist das brandgefährlich. KI liefert Antworten, die überzeugend, flüssig und plausibel klingen – auch wenn sie falsch sind.
Was ist also zu tun?
Wer die Zukunft meistern will, muss lernen, nicht der plausibelsten Antwort zu folgen, sondern der bestbegründeten. Das Problem hier ist nicht, dass deutsche Lehrkräfte zu wenig Physik, Chemie oder Biologie unterrichten. Das Problem ist, dass zu wenige Schülerinnen und Schüler lernen, wie Wissenschaft funktioniert: Fragen stellen, Zweifel zulassen, Belege prüfen, Hypothesen testen. Zu oft unterrichten wir Naturwissenschaften wie Religion: Wir erklären eine Theorie, lassen sie einüben und prüfen am Ende, ob die vorgegebene Antwort sitzt. Aber genau das kann die KI besser.
Die Aufgabe der Schule ist nicht länger, Fertigwissen zu reproduzieren. Sie muss junge Menschen befähigen, Wissen zu prüfen, zu hinterfragen und neu zu bewerten.
Im Bildungssystem bräuchte es also eine neue Geisteshaltung?
Stagnation bei Bildungsreformen bedeutet in einem anspruchsvoller werdenden Umfeld Rückschritt bei den Ergebnissen. Was gestern gut genug war, reicht morgen nicht mehr: nicht für eine Arbeitswelt, die ständig neue Kompetenzen verlangt; nicht für eine KI-Welt, in der wir neu definieren müssen, was Menschen besser können als Maschinen. Und nicht für eine polarisierte Gesellschaft, in der die Fähigkeit, Brücken zu bauen, über Zusammenhalt entscheidet.
Bildungsministerin Karin Prien hat zugegeben, dass sich Deutschland zu spät auf eine immer heterogenere Schülerschaft eingestellt hat. Dass die Probleme auch was mit Zuwanderung zu tun haben. Was ist da falsch gelaufen?
Zuwanderung ist für viele Bildungssysteme eine große Herausforderung, keine Frage. Ein Fehler war, die Zuwanderung in wenigen Schulen mit geringen Leistungsanforderungen, vorwiegend Hauptschulen, zu konzentrieren. Damit wurden die Herausforderungen schwer lösbar. Auch die frühe Förderung kam nur schwer in Gang, obwohl sich hier inzwischen viel getan hat. Ein verbindlicher Kindergarten mit gezielter Sprachförderung ist für Kinder mit Migrationshintergrund besonders wichtig.
Gibt es weitere Versäumnisse?
Wir haben zu oft geglaubt, dass sich die Probleme von allein lösen. Das tun sie nicht. Wenn wir Schülern mit Migrationshintergrund nicht schnell helfen, mit gezielter Förderung den Anschluss zu finden, wird es schwer. Außerdem haben wir Lehrkräfte zu langsam und zu wenig auf diese Herausforderungen vorbereitet.
Was ist mit bildungsbenachteiligten Kindern?
Kinder aus privilegierten Familien werden im Leben fast immer offene Türen finden. Ihre Eltern können ihnen Nachhilfe bezahlen, Netzwerke öffnen und Rat geben. Für ein benachteiligtes Kind gibt es oft nur eine einzige Tür – eine gute Schule.
Welche Rolle spielen die Eltern?
Ein Beispiel von Pisa: Allein die Frage „Was hast du heute in der Schule gemacht?“ hängt mit einem Leistungsvorsprung von deutlich mehr als einem Schuljahr zusammen – selbst wenn man soziale und wirtschaftliche Unterschiede berücksichtigt. Und hier kommt die beunruhigende Erkenntnis: Während die Unterstützung durch Lehrkräfte insgesamt zugenommen hat, ist die Unterstützung durch Familien seit der letzten Pisa-Erhebung 2022 in Deutschland stark zurückgegangen.
Was folgt daraus?
Vielleicht ist nach all den Debatten über digitale Geräte eine der wichtigsten Technologien für gutes Lernen erstaunlich altmodisch geblieben: eine Lehrkraft, die sich interessiert, eine Familie, die Rückhalt gibt, und ein junger Mensch, der weiß: „Da ist jemand, dem nicht nur wichtig ist, was ich lerne – sondern auch, wer ich einmal werde.“
Wird Deutschland bei Pisa wieder besser werden?
Deutschland war nie ein Land, dem es an Ingenieurskunst oder institutioneller Stärke gefehlt hätte. Deutschland hat sich nach einem verheerenden Krieg neu erfunden. Es hat eine Industriegesellschaft in eine führende Exportnation verwandelt. Es hat nach der Wiedervereinigung Millionen Menschen integriert. Und wenn Deutschland entscheidet, dass etwas wirklich zählt, dann erzielt es Ergebnisse. Die Frage ist nicht, ob Deutschland bei Pisa besser werden kann – sondern, ob es den Mut dazu aufbringt.
Open Questions
- Wie genau wollen deutsche Schulen die Nutzung von KI pädagogisch sinnvoll steuern?
- Welche konkreten Maßnahmen ergreift das Bildungsministerium gegen die ungleiche Verteilung von Zuwandererkräften?



