Pariser Familien-Clan wegen Ausbeutung von Minderjährigen zu Haftstrafen verurteilt
Ein Pariser Gericht hat Mitglieder eines Familien-Clans zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie Minderjährige systematisch zum Taschendiebstahl in Paris und Disneyland zwangen.
Quick Look
- Ein Pariser Gericht verurteilte Mitglieder eines Familien-Clans zu mehrjährigen Haftstrafen.
- Sie zwangen Minderjährige zum Taschendiebstahl in Paris und Disneyland, misshandelten diese bei zu geringen Einnahmen und finanzierten so einen luxuriösen Lebensstil.
AI-generated summary
Why It Matters
Die Ermittlungen gegen den Clan dauern seit Jahren an; bereits 2010 gab es Verurteilungen wegen Menschenhandels. Die Staatsanwaltschaft beschreibt das System als generationenübergreifend.
Wer nicht genug Geld nach Hause brachte, wurde geschlagen oder sexuell missbraucht. Wegen solcher Verbrechen hat ein Gericht in Paris mehrere Mitglieder eines Familien-Clans zu langjährigen Haft- und hohen Geldstrafen verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts haben sie über Jahre hinweg Minderjährige eingesetzt, um Touristen in der Pariser Metro und im Disneyland Paris zu bestehlen. Das berichtet die britische Zeitung „The Guardian“.
Auch in Frankreich polarisiert der Fall: Es handele sich um „ein System, das Minderjährige nutzt, um sich eine Form von Straflosigkeit zu sichern, ein System, das einen belastenden und schmerzhaften Alltag hervorgebracht hat“, wird Staatsanwältin Alice Guillet in französischen Medien zitiert.
Die höchste Strafe erhielt der 48-jährige Kopf des Netzwerks: Roberto H. Das Gericht verhängte gegen ihn acht Jahre Haft und eine Geldstrafe von 500.000 Euro. Seine Ehefrau Lejla H. wurde zu sechs Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 300.000 Euro verurteilt. Unter den weiteren Familienmitgliedern waren auch zwei Söhne – einer von ihnen trägt den Spitznamen „Gony“. Sie erhielten wie ein Neffe und zwei weibliche Verwandte Freiheitsstrafen zwischen fünf und sieben Jahren.
Zudem entschied das Gericht, dass die Clan-Mitglieder nach ihrer Entlassung ausreisen und nicht nach Frankreich zurückkehren dürfen. Nach Angaben französischer Medien soll es sich bei ihnen um einen Roma-Clan mit bosnischen Wurzeln handeln.
Das Diebstahl-Netzwerk des Clans bestand aus Gruppen von sechs bis neun Minderjährigen, die täglich zu Einsatzorten in Paris gebracht worden sein sollen. Zu ihren Zielorten gehörten demnach die Metro, der Flughafen Charles de Gaulle und das Disneyland Paris. Zahlreiche Reporter hatten die Ermittler immer wieder im Kampf gegen die Taschendiebe begleitet. Besonders im Visier der Täter: ausländische Touristen. 75 Prozent aller Taschendiebstähle in der Pariser Metro sollen so auf das Konto des Clans gegangen sein, berichtet auch die französische Nachrichtenagentur AFP und bezieht sich dabei auf Polizeiangaben.
Schätzungen zufolge brachte das Netzwerk auf diese Weise durchschnittlich bis zu 25.000 Euro pro Tag ein. Wer doch erwischt wurde, sollte sein Alter mit zwölf Jahren angeben. Damit galten die jungen Täter als strafunmündig. In Frankreich liegt die Strafmündigkeit bei 13 Jahren. Weil verantwortliche Erwachsene meist nicht erreichbar waren, mussten die jungen Täter wieder laufen gelassen werden.
Vor Gericht schilderte die Staatsanwaltschaft die furchtbaren Lebensbedingungen der Minderjährigen, die zum Stehlen gezwungen worden sind. Wer nicht genügend Geld ablieferte, sei misshandelt worden. Einige Betroffene berichteten den Ermittlern zufolge zudem von sexuellem Missbrauch, andere wurden mit Verbrennungen traktiert. „Das einzige Mittel gegen ein solches System ist Härte. Das sendet eine Botschaft“, sagte darum Staatsanwältin Alice Guillet.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die erwachsenen Familienmitglieder mit den Einnahmen einen luxuriösen Lebensstil finanzierten. Französischen Medien zufolge lebten sie zeitweise in teuren Hotels, trugen Designer-Kleidung, besuchten Casinos und fuhren hochwertige Autos. Ihre Kinder nannten sie „Dior“ oder „Al Capone“, berichtet auch die französische Zeitung „Le Monde“. Insgesamt wird das Vermögen des Ehepaars auf rund zwei Millionen Euro geschätzt. Ein Teil des Geldes soll nach Ermittlerangaben allerdings im Ausland verborgen worden sein.
Die Ermittlungen gegen die Familie reichen viele Jahre zurück. Bereits 2010 nahm die französische Polizei einen Verwandten des später verurteilten Clan-Chefs fest, der später wegen Menschenhandels verurteilt wurde. Es folgten zwar immer wieder Verfahren und Verurteilungen, doch das System lief weiter. Die Staatsanwaltschaft sprach deshalb im aktuellen Verfahren von einem generationenübergreifenden System. Mehrere der heute Verurteilten seien selbst bereits als Kinder zum Stehlen gezwungen worden. Guillet sagte dazu: „Sie wurden von Opfern zu Tätern.“
Die Angeklagten bestritten die Vorwürfe. Die Verteidigung erklärte nach dem Urteil, die Strafen seien zu hart ausgefallen. Für den Vorwurf des Menschenhandels habe es nach ihrer Auffassung keine ausreichenden Beweise gegeben.
Tatsächlich soll während des Prozesses nur eine einzige Betroffene ausgesagt haben, berichtet der Sender TFinfo: eine volljährige, junge Frau. Sie war mit einem der Söhne verheiratet worden – und wollte erzählen, was sie erlebt hatte. Die als Taschendiebe eingesetzten Kinder wurden nach den Festnahmen von Sozialbehörden betreut und teilweise in Pflegefamilien untergebracht. Die meisten sollen von dort allerdings längst wieder verschwunden sein.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Ausreise der verurteilten Clan-Mitglieder nach Haftverbüßung.
Very likely · Within years
Open Questions
- Wo verbleiben die Kinder, die aus Pflegefamilien verschwunden sind?
- Wie hoch ist der tatsächliche Anteil des im Ausland verborgenen Vermögens?