Reeperbahn Festival unter Druck: Kürzungen der Bundesförderung gefährden Zukunft
Durch drastische Mittelkürzungen des Bundes sieht sich das Reeperbahn Festival gezwungen, bei der Eröffnung zu sparen. Veranstalter und Hamburger Kulturbehörde warnen vor langfristigen Schäden für den Musikstandort Deutschland.
Quick Look
- Das Reeperbahn Festival in Hamburg kämpft mit massiven Kürzungen der Bundesförderung durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
- Während das Programm 2025 stabil bleibt, gefährden geplante Mittelkürzungen für 2027 die Zukunft des bedeutenden Branchentreffs.
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Why It Matters
Das Reeperbahn Festival ist ein bedeutender Branchentreff für die Musikwirtschaft. Die Finanzierung durch den Bund wurde seit 2025 schrittweise reduziert.
Auf der Reeperbahn gibt es schlimmere Orte, an denen man nach einem Absturz mit leerer Brieftasche landen kann, als im Schmidts Tivoli. Dort wird in diesem Jahr erstmalig das Reeperbahn Festival eröffnet. Die Miete im Stage Operettenhaus, dem traditionellen Ort des Openings, kann das Festival nicht mehr aufbringen, denn es musste durch die Kürzungspolitik von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) bereits im laufenden Etat erhebliche Einschnitte verkraften. Hamburg kompensierte die überraschende Kürzung der Bundeszuschüsse um gut anderthalb Millionen Euro teilweise, indem die Stadt ihre Zuschüsse auf 1,66 Millionen Euro verdoppelte. Die verbleibende Lücke von rund 700.000 Euro schloss die Festivalleitung durch Sparmaßnahmen. Das Eindampfen der Eröffnungszeremonie zählte dazu, weitere Maßnahmen im Hintergrund ergänzten das Paket.
„Das alles gefährdet Kulturstaatsminister Weimer“
„Die Besucher werden von den Einsparungen in diesem Jahr, außer bei der Eröffnung, zum Glück noch nichts bemerken, das Programm ist nicht betroffen“, erklärt Detlef Schwarte, Chef des Reeperbahn Festivals, „aber im Haushaltsentwurf des Bundes für 2027 steht das größte Clubfestival Europas nur noch mit drei Millionen Euro.“ Alex Schulz, Geschäftsführer der Trägergesellschaft RBX ergänzt: „Mit dieser Summe, einer Halbierung der Förderung aus Sicht des Jahres 2025, wäre das Festival nicht mehr dasselbe. Seit 2012 hat es sich sowohl zum wichtigsten deutschen als auch zum internationalen Branchentreff entwickelt – mit einer langjährigen, verlässlichen Finanzierung durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), fortgeführt von Claudia Roth (Grüne) und mit Unterstützung der Kulturbehörde Hamburg. Das alles gefährdet Kulturstaatsminister Weimer jetzt ohne Not.“
Denn das von Monika Grütters etablierte Festival wäre, so Alex Schulz, in Kürze irreparabel beschädigt: „Das Festival stärkt den Musikstandort Deutschland, indem wir gerade für kleine und mittelständische Unternehmen einen Marktplatz anbieten. Da sind vom Bund viele Millionen investiert worden. Wenn man das über einen kurzen Zeitraum so stark runterfährt, wird vieles zerstört, was wir aufgebaut haben. Dann können wir die Funktion und die Bedeutung nicht aufrechterhalten.“
Hamburger Kulturbehörde fing kurzfristig Kürzungen auf
Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) erwidert: „Aufgrund seiner Relevanz für die gesamte Branche und den Musikwirtschaftsstandort Deutschland fördert der Bund das Reeperbahn Festival seit vielen Jahren maßgeblich und hat bereits 2025 begonnen, seine Förderung gegenüber dem Vorjahr deutlich zu reduzieren.“ Die Förderung des Bundes sank im angesprochenen Zeitraum von 8,2 Millionen um ein Viertel auf knapp 6,3 Millionen Euro. Die Hamburger Kulturbehörde konnte kurzfristig einen Teil der Kürzung auffangen.
Brosda sagt weiter: „Die ab 2027 im vom Bund vorgelegten Haushaltsplanentwurf vorgesehene Kürzung der Förderung auf drei Millionen Euro würde einen weiteren empfindlichen Einschnitt bei der Finanzierung bedeuten. Eine Kompensation dieser weiteren kurzfristigen und drastischen Kürzung aus dem Hamburger Haushalt ist nicht möglich. Das liegt nicht nur an der angespannten Haushaltslage, sondern auch daran, dass mit den Bundesgeldern Unterstützung für die bundesdeutsche Musikbranche gewährleistet wird, die nicht von Hamburg allein übernommen werden kann.“
Es geht darum, die Qualität zu sichern
Der Kultursenator gibt sich noch nicht geschlagen: „Es bleibt die Hoffnung, dass sich in der Beratung des Bundeshaushalts noch Möglichkeiten ergeben, eine Finanzierung des Bundes sicherzustellen. Ich hoffe, dass der Bund die herausragende Bedeutung der Musikwirtschaft und des Reeperbahn Festivals als eine der global wichtigsten Musikveranstaltungen und als Leuchtturm der deutschen und europäischen Musikbranche anerkennt. Wenn die bisherigen Entscheidungen des Bundes nicht korrigiert werden, droht eine empfindliche Schwächung des ganzen Musikstandorts Deutschland.“
Derweil bedeutet für Alex Schulz bereits die Verlagerung der Eröffnung aus dem auch medial stark wahrgenommenen Operettenhaus eine Verschlechterung des Events: „Nicht jeder muss Fan vom Roten Teppich und dem Musical-Theater sein, aber die Eröffnung dort wurde schon als Wertschätzung erlebt, als guter Auftaktmoment. Jetzt kann nur noch die Hälfte der Besucher an der Eröffnung teilnehmen, das ist schade.“ Detlef Schwarte verweist darauf, dass es darum geht, die Qualität sowohl beim Publikumsfestival in den Clubs und Freilichtbühnen als auch beim Branchentreff zu sichern. Schon heute habe sich die Struktur des Festivals verändert.
Anna von Hausswolff in der Elphi – und sechs Geheimtipps
Schwarte: „Natürlich sind wir auch abhängig von der Güte des Programms, von der Strahlkraft der Künstlerinnen und Künstler, die wir präsentieren – weil wir mit diesen Angeboten ja auch Tickets verkaufen müssen. Das ist leichter, wenn man ein paar bekannte Namen im Line-up hat.“ Aktuell laufe der Vorverkauf, so der Festivalchef, genauso gut wie in den vergangenen Jahren. Zu den bekannteren Namen zählt schwedische Sängerin und Pianistin Anna von Hausswolff, die am Samstag, 19. September, von 22.45 Uhr an in der Elbphilharmonie im großen Saal auftritt. Zuvor spielt dort ab 19 Uhr das Moses Yoofee Trio seinen hypnotisierenden Jazz.
Zu seinen Geheimtipps des Festivals zählen, so Schwarte, alle sechs für den Festivalpreis, den Anchor Award, nominierten Acts. Der Award wird bei einer Show am Freitag, 18. September, ab 18 Uhr im St. Pauli-Theater vergeben. Zuvor wetteifern unter anderem die australische Electro-Pop-Queer-Ikone Big Wett und das französische Trio Dov‘è Liana mit seinem Mix aus French Touch, Italo-Disco und House-Pop um die Trophäe. Beide Kandidaten halten ihre bürgerlichen Namen bewusst geheim. Die ukrainische Musikerin Ganna Gryniva tritt unter ihrem Vornamen Ganna auf und erfindet als Komponistin, Pianistin und authentische Jazzsängerin die Folklore ihrer Heimat beeindruckend neu.
600 Konzerte und Live-Acts
Das aufstrebende britische Party- und Electro-Duo Just For Fun, bestehend aus den Sängerinnen Charlotte und Neave, kann sich ebenfalls hören lassen. Unbefangen und frech nehmen die beiden ihr Publikum mit. Die britisch-ghanaische Soul- und R&B-Künstlerin Nectar Woode schreibt und singt ihre Songs selbst und wird ihren Weg machen, ob mit oder ohne Preis. Das gilt auch für Sonic Interventions. Das transdisziplinäre, futuristische Jazzkollektiv aus Berlin gewann im vergangenen Jahr bei dreifacher Nominierung den deutschen Jazzpreis als „Newcomer des Jahres“.
Insgesamt werden beim Reeperbahn Festival vom Mittwoch, den 16. September, bis zum Samstag, 19. September, 600 Konzerte und Live-Acts in 90 Locations angeboten. Wie im Vorjahr rechnen die Veranstalter mit 45.000 Zuschauern. Bei der Conference für die Musikwirtschaft und andere Bereiche der Veranstaltungsbranche werden erneut Tausende Besucher zu Vorträgen, Diskussionen über aktuelle Themen erwartet.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Kürzung der Bundesförderung auf 3 Millionen Euro im Jahr 2027
Likely · Within months
Open Questions
- Wird der Haushaltsentwurf für 2027 noch angepasst?
- Wie reagiert die Musikbranche langfristig auf die Kürzungen?
