
Vor dem Investitionsgipfel der Bundesregierung fordert Warburg-Pincus-Chairman René Obermann mehr Planungssicherheit, Reformen und politische Stabilität in Deutschland.
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Am 20. Oktober findet der Investitionsgipfel der Bundesregierung statt, um ausländisches Kapital anzulocken. René Obermann ist Chairman Europa bei Warburg Pincus.
Vor dem Investitionsgipfel der Bundesregierung warnt der Chairman von Warburg Pincus vor politischem Chaos in Deutschland – und fordert mehr Mut von Managern beim Kampf für die Demokratie.
René Obermann: Gegenseitiges Vertrauen und Planungssicherheit als Voraussetzung für Investitionen.
Frankfurt. Herr Obermann, am 20. Oktober findet der große Investitionsgipfel der Bundesregierung statt, der mehr ausländisches Kapital ins Land locken soll. Bringen solche Veranstaltungen tatsächlich etwas, oder ist das nur Symbolpolitik?
Ausländisches Kapital brauchen wir in Deutschland und Europa dringend, sowohl für Wachstum durch Innovation als auch für die anstehenden Transformationen. Insofern ist es wichtig, dass die Bundesregierung ein Zeichen setzt und den Austausch mit Investoren aus dem Ausland sucht.
Was erwarten Sie vom Gipfel? Was müsste am Ende stehen, damit man ihn als Erfolg werten kann?
Ich finde wichtig, dass Politik und Wirtschaft einander besser zuhören. Die Politik hat große Anliegen bezüglich der Vorgehensweisen, zum Beispiel von Private-Equity-Investoren – schließlich sind die Bedingungen hier die der Sozialen Marktwirtschaft, nicht die des angloamerikanischen Raums. Umgekehrt müssen Investoren ihre Anliegen auch vortragen können. Daraus muss ein Dialog entstehen und kurze Wege für künftige Abstimmungen. Investitionen werden in viel größerem Maße fließen, wenn es mehr gegenseitiges Vertrauen und Planungssicherheit gibt.
Das klingt eher nach Meinungsaustausch als nach der Zusage von Milliardensummen. Reicht das?
Damit wäre schon viel gewonnen.
Der französische Präsident Emmanuel Macron scheint etwas ehrgeiziger zu sein. Er hat bei seinem „Choose France“-Gipfel – mittlerweile der neunte – vor wenigen Wochen konkrete Investitionszusagen eingesammelt, darunter ein Projekt des Tech-Investors Softbank über 75 Milliarden Dollar. Bräuchten nicht Finanzminister Lars Klingbeil und Bundeskanzler Friedrich Merz ähnliche Erfolgsmeldungen?
Kaum vorstellbar, dass ein solcher Gipfel die Unternehmen dazu veranlasst, spontan Milliardenbeträge in die Waagschale zu werfen. Ich glaube eher, dass sich dadurch Aufmerksamkeit erzeugen lässt und Rahmenbedingungen verbessern lassen. Von reinen Ankündigungsveranstaltungen halte ich nicht viel, vom intensiven Austausch zu Sachfragen dagegen eine ganze Menge. Ordnungspolitik und Regulierung müssen vernünftig sein und die verschiedenen Interessenlagen berücksichtigen.
Die Berater von EY messen Jahr für Jahr, wie attraktiv Europas Staaten für ausländische Investitionen sind. Frankreich liegt im EY-Attractiveness-Barometer zum siebten Mal vorn, Deutschland auf Platz drei. Was machen die Franzosen besser?
Präsident Macron hat sich schon früh um attraktive Investitionsbedingungen bemüht, zum Beispiel wenn es um steuerliche Förderung von Venture-Capital oder Mitarbeiterbeteiligungen geht – damit hat sich Deutschland lange schwergetan. Macron ist zudem als Person ein Attraktor für die jüngere, unternehmerisch geprägte Generation.
Deutschland holt das aber schnell auf. Wir gründen wieder mehr und mit größeren Ideen! Nur drei Beispiele: Proxima Fusion im Bereich Kernfusion, das Weltraumunternehmen Isar Aerospace oder die KI-Firma Langdock. Wir müssen uns als Standort überhaupt nicht verstecken. Ausländische Investoren schauen übrigens deutlich positiver auf Deutschland als wir selbst, jedenfalls bisher.
Wenn der Standort so attraktiv ist, führen wir dann die Reformdebatte zu verbissen?
Nein. Deutschland ist ein starkes Land mit einer robusten industriellen Basis und hohem Potenzial, aber auch ein Land mit großem Reformbedarf – bei den sozialen Sicherungssystemen, beim Arbeitsmarkt, der zu starr ist für die Zukunft der Arbeit unter Einsatz moderner Technologien, in der Verwaltung, bei Energie und auch bei Infrastruktur für KI, Verkehr und Logistik. Die Bahn ist nur ein Beispiel dafür, wie Bürger den Staat als zunehmend dysfunktional erleben. Wir brauchen also Reformen auf allen Ebenen und zugleich internationalen Austausch und Handel. Wir dürfen uns keinesfalls protektionistisch einigeln!
Lassen Sie uns für einen Moment beim Arbeitsmarkt bleiben: Heißt das, Sie fordern flexiblere Arbeitszeiten und einen gelockerten Kündigungsschutz?
Ja. But not, um für die Menschen die Bedingungen zu verschlechtern oder ihnen Arbeit wegzunehmen, sondern um Flexibilität und Chancen zu schaffen. Unternehmen stellen hierzulande nur zögerlich ein, weil sie wissen, dass sie unter Anpassungsdruck kommen. Sie können dann nicht flexibel auf Markt- und Technologieveränderungen reagieren – also würden sie weniger wettbewerbsfähig, und am Ende gehen vielleicht alle Arbeitsplätze verloren. Zugleich brauchen wir, aufgrund der rasanten Entwicklungen bei KI und Automatisierung, einen neuen Pakt zwischen Wirtschaft und Politik, um die Unternehmen und ihre Menschen auf diese neue Arbeitswelt vorzubereiten.
Was wären die wichtigsten Punkte für diesen Pakt?
Beispielsweise eine gezielte steuerliche Förderung von KI-Fortbildung und damit zusammenhängender Entwicklungsmaßnahmen für Beschäftigte. Arbeitgeberseitig gute Angebote und Förderung solcher Fortbildung, damit der Umgang mit KI, die in jeden Bereich Einzug hält, geübt wird. Dazu brauchen wir in Deutschland die nötige KI-Infrastruktur: also bezahlbare Rechenkapazität, Zugang zu den führenden Modellen, Sicherheitsstandards. Nicht zuletzt vertrauensbildende gemeinsame Kommunikation zur Zukunft der Arbeit.
Sie haben vorhin die Bedeutung von Verlässlichkeit und Planungssicherheit für die Investoren betont. Wie schneidet der Standort Deutschland hier ab?
Mal abgesehen von der wiederholten unbegründeten Stimmungsmache gegen private Investoren, etwa im Gesundheitsbereich, hat Deutschland insgesamt noch Nachholbedarf. Das zeigt auch unsere eigene Erfahrung.
Sie spielen vermutlich auf die Übernahme des Softwarekonzerns PSI an. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte im Januar ein Investitionsprüfverfahren eingeleitet, weil PSI als europäischer Marktführer bei Netzleitsystemen für Strom und Gas als kritische Infrastruktur eingestuft wird. Wie waren Ihre Erfahrungen?
Es ist zu begrüßen, dass das Wirtschaftsministerium nun ein Investitionsprüfungsgesetz vorlegt. Ein Gesetz ist besser als politische Willkür, die Regeln müssen für alle gleich sein. Unsere Erfahrung mit dem Wirtschaftsministerium in dem Fall war wirklich gut, dort wurde sehr professionell, sachlich und zügig gearbeitet. Im Übrigen aber war sie verbesserungsfähig.
Wo genau sehen Sie Defizite?
Aus anderen Ministerien kamen unbegründete Bedenken. Das galt auch für faktisch nicht fundierte, recht krasse Äußerungen einzelner Politiker. Dadurch wurde das Verfahren in die Länge gezogen. Besonders bemerkenswert: Offenbar wurden auch Kunden des betroffenen Unternehmens direkt aus Ministerien angesprochen, was eine erhebliche und unnötige, potenziell schädliche Verunsicherung auslöste. Solche Erfahrungen sind für den Investitionsstandort Deutschland nicht gerade förderlich.
Schrecken solche Verfahren ausländische Investoren ab?
Entscheidend ist, dass die Prüfverfahren nach klaren, nicht willkürlichen Kriterien und innerhalb eines zeitlich absehbaren Rahmens ablaufen. Das scheint die neue Gesetzesvorlage jetzt zu adressieren.
Spielt die politische Stabilität in Deutschland eine Rolle für Investoren – Stichwort Aufstieg der AfD, Wahlsieg der Linken in Berlin, Gefährdung der Regierungskoalition auf Bundesebene?
Ja, natürlich. Die Sorge um politische Stabilität wird zunehmend ein Thema für Manager, Aufsichtsräte und Investoren. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern stehen wir bislang noch recht gut da, aber eine regelbasierte Ordnung, Demokratie und Freiheit sind unsere höchsten Güter – dafür müssen wir uns alle einsetzen.
Viele Manager tun sich schwer mit Aussagen zur Politik. Ist diese Vorsicht ein Problem in der aktuellen Situation?
Teilweise ja. Es geht nicht darum, Mitarbeitern Wahlempfehlungen zu geben – die Demokratie lebt von der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Aber Diskussion und Dialog, auch darüber, was Soziale Marktwirtschaft bedeutet oder welche Bedeutung der internationale freie Handel für das Unternehmen hat, welche Rolle Europas Binnenmarkt spielt, das wird von Mitarbeitenden geschätzt. Das Vertrauen in die Marktwirtschaft ist gesunken, vielleicht auch, weil wir in der Wirtschaft den Fehler gemacht haben, uns nicht viel mehr öffentlich dafür zu engagieren. Nun erklären die vermeintlichen Heilsbringer von rechts und links außen, wie einfach der Wohlstand zu haben ist, wenn man ihnen nur folgt.
Welche Folgen kann das haben?
Politische Stabilität ist längst zum Standortfaktor geworden, und auch hier lebt Deutschland inzwischen von der Substanz. Meine Sorge ist die Spaltung der Gesellschaft durch die, die etwa Fremdenhass schüren, Russlands Aggression verharmlosen oder gegen Wohnungsunternehmen mit dem Begriff „Mietmafia“ hetzen. Wenn der politische Diskurs weiter verroht, fügt das auch dem Wirtschaftsstandort erheblichen Schaden zu.
Ein anderes Thema, das Ihnen am Herzen liegt, ist die Stärkung der europäischen Verteidigung. Sie sind Mitautor der „Sparta 2.0“-Studien, die Vorschläge machen, wie sich die militärische Souveränität Europas verbessern lässt. Spielt das Thema auch für Sie als Investor eine Rolle?
Ja, absolut. Viele innovative Verteidigungsunternehmen und Zulieferer, die weniger im Rampenlicht stehen, haben Investitionsprobleme, weil ihnen Planungssicherheit zum Beispiel für Vorhaltekapazität fehlt oder weil die Zyklen von der Entwicklung bis zum Cash sehr lang sind. Diese oft hochspezialisierten Unternehmen brauchen finanziell einen langen Atem, auch weil die Auftragsvergabe der Bundeswehr trotz Verbesserungen immer noch recht lange dauert. Solche Investitionen sind gesellschaftlich sinnvoll und können zugleich risikoadäquate Renditen bringen.
Interessiert sich deshalb Warburg Pincus für den deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS?
Zur konkreten Firma kann ich nichts sagen. Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass sich Unternehmen besser entwickeln, wenn der Staat möglichst wenig Einfluss auf sie nimmt. Ich habe selbst an der Modernisierung von ehemaligen Staatsunternehmen mitgewirkt. Meine Erfahrung: Der Staat ist kein guter Unternehmer.
Seit mehreren Jahren stocken Unternehmensverkäufe, zugleich geraten die Bewertungen der Portfoliounternehmen unter Druck. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das aktuelle Umfeld für Private Equity?
Der Markt ist tatsächlich schwieriger geworden. Die Wirtschaft wächst nur schwach, und die Zinsen sind gestiegen. Das verteuert Investitionen und erschwert Exits. Für gut aufgestellte Firmen gibt es allerdings auch in anspruchsvolleren Zeiten Kaufinteressenten. In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat Warburg Pincus weltweit bereits zwölf Milliarden Dollar durch Exits realisiert – das Gesamtvolumen unseres Rekordjahres 2025. Wir konzentrieren uns auf einzelne Branchen und Unternehmen, bei denen wir tiefes Wissen haben und die gut positioniert sind.
Zumindest in Europa sind die Börsengänge hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Was müsste passieren, damit die Branche aus der Schwächephase herauskommt?
Wir brauchen einen stärkeren europäischen Kapitalmarkt. Eine Kapitalmarktunion könnte dafür sorgen, dass mehr erfolgreiche, stark wachsende Unternehmen hier an die Börse gehen und ihr Wachstum finanzieren. Für Tech-Firmen ist das Umfeld derzeit schwieriger: Auf den Hype folgt Sorge, auch wegen der noch hohen Investitionen in KI-Infrastruktur und der Nutzungskosten für Kunden. Mittel- und langfristig bin ich dennoch optimistisch – KI und Tech allgemein sind starke Wachstumstreiber. Voraussetzung sind aber stabile politische Rahmenbedingungen.
AI outlook — possibilities, not facts
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