Russische Angriffe auf ukrainische Bahn: Wirtschaftsschwächung und psychologische Wirkung
Quick Look
- Russland greift ukrainische Eisenbahninfrastruktur an, um die Wirtschaft zu schwächen, den psychologischen Druck zu erhöhen und die Ukraine von der Welt abzuschneiden.
- Dabei werden vor allem Güterzüge und Lokomotiven angegriffen, wobei 60 Prozent der Angriffe auf den Güterverkehr entfallen.
- Die Ukraine setzt auf Reparaturen, internationale Lieferungen und neue Abfangdrohnen zum Schutz.
AI-generated summary
Why It Matters
Seit Beginn des Krieges greift Russland die ukrainische Infrastruktur an, um die Wirtschaft zu schwächen und die Widerstandsfähigkeit zu unterminieren. Die Eisenbahn spielt eine zentrale Rolle für den Export von Gütern und den Personenverkehr, insbesondere zu den Häfen wie Odessa.
Herr Perzowskyj, wir erleben in den vergangenen Wochen vermehrt Angriffe auf Züge und Bahnanlagen in der Ukraine. Welche Strategie verfolgt Russland damit?
In erster Linie geht es ihnen darum, unsere Wirtschaft zu schwächen. Man muss das mit der russischen Blockade der Häfen von Odessa in Zusammenhang bringen. Sie wollen uns daran hindern, unsere Güter zu exportieren. Selbst wenn der Hafen funktioniert, können wir nicht exportieren, falls die Bahn nicht fährt. Ein Großteil der Waren wird nämlich mit der Eisenbahn zu den Häfen transportiert. Deshalb greift Russland auch die Grenzübergänge an. Sie wollen unseren Warenexport stoppen.
Zweitens geht es ihnen um den psychologischen Effekt, besonders in den frontnahen Gebieten. Sie wollen die Grauzone ausweiten, Städte wie Sumy, Charkiw und Saporischschja vom Eisenbahnnetz abtrennen. Wir werden Verbindungen künftig anpassen müssen. Die Fahrgäste werden zu einem sicheren Punkt mit der Bahn transportiert und den Rest der Strecke dann mit Bussen. Sie kennen dieses Prinzip in Deutschland ja vom Ersatzverkehr.
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Und drittens?
Drittens wollen sie uns von der Welt abschneiden. Die Russen stört es, dass man recht effizient in die Ukraine reisen kann. Die meisten ausländischen Gäste reisen schließlich mit dem Zug in die Ukraine. Nicht nur Diplomaten und Politiker, sondern auch Geschäftsleute, Künstler und so weiter. Auch der Angriff auf den Grenzübergang Jagodin, während internationale Besucher in der Nähe waren, war ein klares Signal. Nach der Abreise der amerikanischen Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner mit dem Zug waren die Russen so wütend, dass sie sogar S-Bahnen angegriffen haben. Die haben ja nun wirklich keinen strategischen Wert.
Die Medienberichterstattung ist sehr auf Angriffe auf Personenzüge fokussiert. Welchen Anteil haben Angriffe auf den Güterverkehr?
Das Verhältnis beträgt 60 zu 40, würde ich sagen. Also 60 Prozent der Angriffe gelten Güterzügen, auch weil es davon viel mehr gibt.
Russland greift mit seinen neuen Drohnen mit Strahlantrieb vor allem Lokomotiven an. Pro Monat werden derzeit etwa 40 Lokomotiven beschädigt oder zerstört. Gelingt es Ihnen noch, genügend zu reparieren, oder müssen Sie bald schon Verbindungen streichen?
Sie treffen auch unsere Umspannwerke, Brücken, Stationen und Depots. Aber die Angriffe auf Lokomotiven sind besonders schwierig für uns. Zum einen bringen Angriffe auf fahrende Züge Menschen in Gefahr, wir müssen schnell reagieren. Zum anderen sind die Lokomotiven unser wertvollstes Gut. Da wir eine andere Spurbreite verwenden als in Westeuropa sind sie auch schwer zu ersetzen. Entscheidend für unseren Schutz ist die Entwicklung von neuen Abfangdrohnen, die schnell genug sind.
Außerdem versuchen wir, beschädigte und ausgemusterte Loks so schnell wie möglich zu reparieren. Unsere Werkstätten arbeiten rund um die Uhr und an wechselnden Orten, um kein leichtes Ziel zu bieten. Das ist mit enormem Aufwand verbunden. Außerdem haben wir alle internationalen Partner aufgerufen, uns Lokomotiven zu liefern, die mit unserer Spurbreite kompatibel sind. Das betrifft etwa Finnland und die Slowakei, aber auch in Deutschland hat DB-Cargo Lokomotiven, die in Betracht kommen. Wir wollen auch neue Lokomotiven im Ausland kaufen. Normalerweise braucht das viel Zeit, wir suchen nach Partnern, die schnell liefern.
Vor ein paar Tagen hieß es, dass seit Kriegsbeginn schon 500 Lokomotiven zerstört oder beschädigt wurden. In welchem Ausmaß haben Sie schon Lokomotiven aus dem Ausland erhalten?
Bislang sind wir noch auf Reparaturen angewiesen. Wir haben aber einige Vorvereinbarungen geschlossen. Leider gibt es in vielen Ländern gesetzliche Hürden für den Verkauf. Unser Außenminister und der Präsident arbeiten aber sehr effektiv an Lösungen.
Können Sie die Züge mit Störsendern gegen Drohnen schützen?
Wir ergreifen in diese Richtung schon viele Maßnahmen. Sie verstehen, dass ich da keine technischen Details nennen kann. Leider passen sich die Russen an und verbessern ihre Drohnen konstant. Die neuen Drohnen mit Strahlantrieb können bereits in einer Höhe von 5 bis 6 Kilometern Ziele einloggen. Wenn danach das Signal gestört wird, fliegt die Drohne trotzdem automatisch in ihr Ziel. Die größte Gefahr für die Zukunft ist die Entwicklung eines russischen Satelliteninternets „Rasswet“, eines Starlink-Äquivalents. Damit könnten die Russen Ziele überall im Land angreifen. Im Übrigen nicht nur hier, sondern auch überall in Europa.
Wer trifft die Entscheidung, ob ein Zug evakuiert wird oder nicht? Die Eisenbahn oder das Militär?
Die Entscheidung treffen wir. Wir haben Zugriff auf die Daten der Luftraumüberwachung, die sind ziemlich präzise. In unseren Sicherheitszentren entscheiden die Mitarbeiter auf Grundlage der Art der Bedrohung und der Entfernung zum Zug. Wir müssen früh reagieren, denn eine Evakuierung geschieht ja nicht in einer Sekunde. Der Zug muss anhalten, die Fahrgäste müssen aussteigen und sich entfernen. Wir stehen aber im engen Austausch mit den Luftstreitkräften. Das ist wichtig, falls etwa eine Drohne vom Radar verschwindet. Wir müssen verstehen, ob die Drohne abgeschossen wurde oder vielleicht nur nicht mehr erfasst wird. Im Zweifel gehen wir aber natürlich auf Nummer sicher.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Ukraine wird internationale Partner erfolgreich bewegen, kompatible Lokomotiven zu liefern.
Possible · Within months
Russland wird seine Drohnenangriffe auf die ukrainische Bahninfrastruktur fortsetzen und möglicherweise ausweiten.
Likely · Within weeks
Open Questions
- Wie effektiv sind die neuen ukrainischen Abfangdrohnen gegen russische Strahlantriebs-Drohnen?
- Wann und in welchem Umfang werden internationale Lokomotivlieferungen eintreffen?
- Wie entwickelt sich die Bedrohung durch das geplante russische Satelliteninternet 'Rasswet'?






