Sachsen-Anhalt-Wahl: CDU-Krise, AfD-Zuwachs und strategische Wählerwanderungen
Quick Look
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigt eine schwächelnde CDU unter Friedrich Merz, Zugewinne für SPD und Grüne durch strategische Wähler, kein FDP-Comeback unter Wolfgang Kubicki, das BSW als Machtfaktor trotz innerparteilicher Querelen und einen starken AfD-Zuspruch bei ehemaligen Nichtwählern.
AI-generated summary
Why It Matters
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fand statt, wobei die CDU unter Friedrich Merz stark abrutschte, während SPD und Grüne durch strategische Wählerzugewinne profitierten. Die AfD gewann ehemalige Nichtwähler hinzu, während die FDP kein Comeback erzielte und das BSW trotz innerparteilicher Konflikte als Machtfaktor blieb.
1. Der Kanzler wackelt noch mehr
"Sie wählen hier nicht den Bundeskanzler", war ein häufiger Satz am Wahlkampfstand in Sachsen-Anhalt. Die CDU-Basis versuchte so, die Unbeliebtheit von Friedrich Merz aus Magdeburg, Dessau oder Gröningen fernzuhalten. Die wenigen Termine, die Merz im Land wahrnahm, dienten vor allem einem Ziel: Ihn in einem möglichst kontrollierten Setting fernab der normalen Bevölkerung auftreten zu lassen.
Nach dieser Wahl scheint es fast ausgeschlossen, dass die CDU mit Merz noch einmal einen Bundestagswahlkampf bestreitet. Eher stellt sich die Frage: Wie lange hält er sich noch?
Schon am Wahlabend kamen aus den hinteren Reihen der Union erste Rücktrittsforderungen: Die Partei brauche einen "personellen und politischen Neuanfang", fordert Tim Brand, Vorstandsmitglied der Jungen Union Brandenburg. "Friedrich Merz sollte deshalb als Bundeskanzler und als CDU-Vorsitzender zurücktreten." Die Frage ist, ob solche Forderungen auch weiter oben in den kommenden Tagen und Wochen erhoben werden.
2. Strategische Wähler stützen SPD und Grüne
Deutliche Zugewinne, aber der Jubel bleibt bei vielen nach kurzem Durchrechnen im Hals stecken: So sah es bei der grünen Wahlparty während der Prognose am Sonntagabend aus. Auch die SPD hatte sich auf wesentlich schlechtere Zahlen eingestellt. Beide Parteien trieb noch vor Wochen die Angst, an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern.
"Zwei Herzen schlagen in meiner Brust, das eine ist schwer", so fasste Felix Banaszak, grüner Parteichef, seine erste Reaktion zusammen. Die Grünen erzielen das beste Ergebnis ihrer Geschichte in Sachsen-Anhalt und wissen doch: Viele Kreuze sind Leihstimmen und eine Reaktion auf starke AfD-Zahlen.
Grüne und SPD haben in diesem Wahlkampf immer wieder gewarnt: Wenn sie es in den Landtag schaffen, sinke die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Alleinregierung deutlich. Vor allem von der Union konnten beide profitieren. Die erste Analyse der Wählerwanderungen von infratest dimap geht von rund 18.000 CDU-Anhängern aus, die den Grünen ihre Stimme gaben. 13.000 Stimmen könnten von der CDU zur SPD gewandert sein.
Auf diese Wähler kann man sich nicht dauerhaft verlassen, das wissen auch Parteistrategen in Berlin. Die Zahlen können kaum als stark steigender Bundestrend interpretiert werden. "Aber um strategisch die Grünen zu wählen, muss man die Partei zumindest okay finden", heißt es hinter den Kulissen. Man hofft, dass doch einige Wähler sich dauerhaft gewinnen lassen.
3. Kein Kubicki-Comeback für die FDP
Er machte Wahlkampf auf einem Weinberg an der Unstrut, lud in Magdeburg zum "Tresentalk", empfing im Schlosshotel zum Wirtschaftsgespräch. Dieser Wahlkampf war Wolfgang Kubickis erste Bewährungsprobe seit seiner Wahl zum Parteivorsitzenden im Mai 2026 - und er war sehr präsent. Sein Kurs: stark gegen die Bundesregierung und vor allem Friedrich Merz zu wettern. Die CDU habe "nichts geliefert" und für Merz sei das "Amt des Bundeskanzlers zu groß".
Doch einen Anti-Merz-Wahlkampf machten in Sachsen-Anhalt viele, auch die AfD. Andere haben von der Unbeliebtheit des Bundeskanzlers mehr profitiert als die FDP. Das Comeback ist mit Kubicki ausgeblieben. Stattdessen muss die FDP hinnehmen, dass wohl rund 19.000 Stimmen von den Liberalen zur AfD wanderten. Die Liberalen bewegen sich im Osten allerdings traditionell in "liberalem Niemandsland", heißt es in medialen Analysen immer wieder.
Spannend wird es womöglich in einem liberalen Kernland. Wenn es in Nordrhein-Westfalen bei den Landtagswahlen im April 2027 nicht klappt, geht es für die Partei deutlich in Richtung Bedeutungslosigkeit.
4. BSW: Trotz Querelen ein Machtfaktor
Viele Umfragen sahen das BSW noch im Frühjahr bei maximal vier Prozent in Sachsen-Anhalt. Seitdem hat sich der Streit in der Partei zugespitzt: In Thüringen sind Fraktion und Ministerriege aus der Partei ausgetreten, haben just am Wahlabend im Nachbarland eine neue Partei gegründet. Ein Hauptgrund: Man wolle "keine Flirts mit Rechtsradikalen", so formulierte es Thüringens Finanzministerin Katja Wolf.
Wolf und ihre Mitstreiter waren entsetzt, wie sehr Parteigründerin Sahra Wagenknecht in den vergangenen Wochen die Nähe der AfD suchte. Man könne sich zum Gespräch treffen, bot Wagenknecht Thüringens AfD-Chef Björn Höcke an. Für Sachsen-Anhalt signalisierte das BSW, man könnte mit der AfD gemeinsam einen Ministerpräsidenten wählen.
Kursstreit und Chaostage - anscheinend hat das dem Bündnis auf den letzten Metern nicht geschadet. Es könnte sogar zu strategischem Wahlverhalten am rechten Rand geführt haben: Laut Wählerwanderung von Infratest dimap gaben 2.000 AfD-Anhänger dem BSW die Stimme - womöglich, weil das Bündnis versprochen hat, die Brandmauer einzureißen. Trotzdem bleibt die Frage: Wofür steht die Partei wirklich? Wie verhält sie sich in Parlamenten? Und: Würde sie der AfD zur Macht verhelfen?
5. Nichtwähler strömen zur AfD
Sachsen-Anhalt hat wiederholt, was schon mehrfach zu beobachten war: Wenn die Wahlbeteiligung steigt, profitiert davon oft am stärksten die AfD. Fast 160.000 Nichtwähler konnte sie nach ersten Analysen vom Urnengang überzeugen - so viele wie keine andere Partei.
Sie hatte Erfolg mit einem Wahlkampf, der auf niedrigschwellige, teils fast unpolitisch wirkende Angebote setzte: vom Familienfest bis zum gemeinsamen Moped-Ausflug. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund gab sich dabei stets lächelnd. Dass die AfD noch einmal deutlich stärker abschnitt als in vielen Umfragen zuvor, zeigt, dass viele ehemalige Nichtwähler sich offenbar in den letzten Tagen vor der Wahl entschieden haben. Für die anderen Parteien ist das zwiespältig: Je mehr sie gegen die AfD mobilisieren, desto heftiger wird die Gegenmobilisierung.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Friedrich Merz wird innerhalb der nächsten Monate als CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat zurücktreten.
Likely · Within months
Die AfD wird ihren Zulauf bei ehemaligen Nichtwählern in Sachsen-Anhalt in den nächsten Landtagswahlen teilweise halten können.
Possible · Within months
Das BSW wird trotz innerparteilicher Querelen weiterhin als potenzieller Koalitionspartner in ostdeutschen Landtagen diskutiert werden.
Possible · Within months
Open Questions
- Wie lange wird Friedrich Merz als CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat im Amt bleiben?
- Werden die strategischen Wählerwanderungen von CDU zu Grünen und SPD langfristig anhalten?
- Kann das BSW seine Position als potenzieller Koalitionspartner behaupten, trotz der AfD-Nähe-Debatte?
- Wird die AfD ihren Zulauf bei ehemaligen Nichtwählern in zukünftigen Wahlen halten können?





