
Die Bundesregierung wirbt um Investoren, doch Pharmakonzerne und Energieunternehmen kritisieren mangelnde Planungssicherheit und widersprüchliche Politik.
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Die Bundesregierung versucht, durch den „Invest in Germany“-Gipfel das Vertrauen internationaler Investoren zu stärken. Gleichzeitig belasten Sparpläne im Gesundheitswesen und unklare Regulierungen im Energiesektor das Verhältnis zur Wirtschaft.
Die Bundesregierung lädt internationale und heimische Unternehmen zum ‚Invest in Germany‘-Gipfel ein, um Investitionen in Deutschland zu fördern.
CEOs von Pharmakonzernen sagen ihre Teilnahme am ‚Invest in Germany‘-Gipfel ab, hauptsächlich wegen Sparplänen im Gesundheitswesen.
In der Energiebranche sorgen unklare Regeln etwa bei Batteriespeichern für Verunsicherung; Unternehmen kritisieren zusätzliche Auflagen bei der Netzentgeltbefreiung und drohen mit geringerer Investitionsbereitschaft.
Investoren beklagen Widersprüche in der deutschen Energiepolitik und fordern von der Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur Förderung der Energiewende und Elektrifizierung.
Düsseldorf, München. Kurz vor der wichtigen Investoren-Veranstaltung der Bundesregierung in Berlin ist die Stimmung in einigen Branchen schlecht. Mehrere wichtige Energie-Gesetze stehen seit Monaten aus und verunsichern Unternehmen. Und in der Pharmabranche sorgen die Sparpläne im Gesundheitswesen für Frust.
Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Kabinett wollen signalisieren, dass Investitionen willkommen sind und Deutschland ein attraktiver Standort dafür ist. Deshalb haben sie mithilfe ihres Investitionsbeauftragten Martin Blessing für Montag und Dienstag heimische und internationale Unternehmen zum Gipfel „Invest in Germany“ eingeladen. Viele Vorstandsvorsitzende können dort persönliche Gespräche mit Kanzler und Ministern führen.
Der Zeitpunkt ist grundsätzlich gut. Yves Meyer-Bülow, Partner bei dem Infrastrukturinvestor I Squared, sagt: „Deutschland hat die historische Chance, seine Infrastruktur wieder zu einem Wettbewerbsvorteil zu machen. Nach zwei Jahrzehnten unzureichender öffentlicher Investitionen ist der Nachholbedarf erheblich.“
Auch Roman Waleczek, Managing Director beim Finanzdienstleister Rothschild, sagt: „Deutschlands Industriestandort bietet gerade in der Skalierung und Modernisierung der Wirtschaft große Investitionschancen. Der ‚Invest in Germany Summit‘ setzt dafür ein wichtiges Signal.“
Doch die konkrete Politik der vergangenen Monate stimmt viele Unternehmen alles andere als zuversichtlich. Einige üben hinter vorgehaltener Hand Kritik, andere offen – und eine Reihe von Managern hat die Gipfelteilnahme sogar abgesagt.
„Die linke und rechte Hand wissen nicht, was die jeweils andere tut“
Besonders groß ist der Missmut in der Pharmabranche. Nach Handelsblatt-Informationen kommt bis auf eine Ausnahme keiner der 36 internationalen Pharmakonzerne, die der Delegation des Biopharmaceutical CEOs Roundtable (BCR) angehören, zu dem Gipfel. Die einzige Konzernchefin der Branche, die teilnimmt, soll Sanofi-Chefin Belén Garijo sein, die bis Ende April 2026 den Darmstädter Konzern Merck leitete.
Der BCR ist ein globaler Zusammenschluss der führenden Köpfe der weltweiten Pharmaindustrie. Die Delegation hatte bereits im November 2025 in Berlin getagt und dabei auch mit Bundeskanzler Merz und Mitgliedern der Bundesregierung gesprochen, unter anderem über Rahmenbedingungen für pharmazeutische Innovationen.
Die Gipfel-Absage hat eine Vorgeschichte: Bereits im Juni hatte das Handelsblatt exklusiv berichtet, dass Pfizer-Chef Albert Bourla und Eli-Lilly-Chef Dave Ricks ihre Teilnahme abgesagt hatten. Bourla begründete dies in einem Brief an Merz damit, dass die Sparpläne im Gesundheitswesen die nötige Planungssicherheit gefährdeten.
In der Branche wächst der Ärger über die Sparmaßnahmen der Regierung und über eine fehlende Gesprächsbasis mit dem Kanzler. Eine Antwort des Kanzlers auf den Brief gab es nicht.
Eli Lilly hatte bereits im Juni angekündigt, eine geplante 2,3-Milliarden-Euro-Investition in ein Werk in Rheinland-Pfalz zu halbieren. Auch Boehringer Ingelheim stoppte Investitionen von mehr als 900 Millionen Euro.
Andere internationale Pharmachefs beobachten die deutschen Investitionsbedingungen ebenfalls genau. „Ricks zieht durch mit seiner Entscheidung des Investitionsrückzugs, und daran orientieren sich auch die Chefs der anderen Pharmagrößen“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person.
Eli-Lilly-Chef Ricks begründete seine Entscheidung gegenüber dem Handelsblatt mit deutlichen Worten: „Es gibt eine ganze Abteilung in der Bundesregierung, die ausländische Investitionen anziehen soll. Ironischerweise hat diese Abteilung mir in derselben Woche des Investitionsrückzugs eine E-Mail geschickt, ob ich im Herbst auf ihrer Konferenz sprechen möchte. Die linke und rechte Hand wissen nicht, was die jeweils andere tut.“
So fehlt ausgerechnet eine Schlüsselbranche bei der Veranstaltung der Bundesregierung, die internationale Akteure eigentlich zuversichtlich stimmen soll. Ein Insider sagt: „Es ist etwas absurd, dass Pharma die Zukunftsindustrie Deutschlands sein soll, aber niemand zum Gipfel kommt.“
Unternehmen drohen mit geringerer Investitionsbereitschaft
Auch in der Energiebranche sind viele Unternehmen unzufrieden. In mehreren wichtigen Bereichen ist unklar, welche Regeln künftig gelten sollen.
Für besonders viel Aufregung sorgt das Thema Batteriespeicher. Bei kaum einer anderen Technologie kann Deutschland so punkten wie bei dieser. Sjoerd Bazen, Managing Director bei dem Batteriespeicherentwickler Return Energy, sagt: „Deutschland ist einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für Batteriespeicher in Europa.“ Ziel des Unternehmens sei es, ab dem kommenden Jahr jedes Jahr ein Gigawatt Batteriespeicherleistung in Deutschland zu installieren und dabei jährlich zwischen 750 Millionen und 1,2 Milliarden Euro zu investieren.
Doch solche Ambitionen erhalten gerade einen Dämpfer: Die Unternehmen hatten sich darauf verlassen, dass alle Batteriespeicher, die bis August 2029 in Deutschland in Betrieb gehen, von Stromnetzentgelten befreit sind. Dieses Privileg macht die Projekte besonders attraktiv.
Klar war zwar schon lange, dass die Befreiung im Jahr 2029 enden soll. Jetzt aber will die dem Wirtschaftsministerium unterstellte Bundesnetzagentur eine zusätzliche Bedingung einführen: Batteriespeicherprojekte müssen bereits bis Ende 2026 eine finale Investitionsentscheidung nachweisen, um von der Netzentgeltbefreiung zu profitieren. Um eine solche Investitionsentscheidung nachzuweisen, müssen die Betreiber hohe finanzielle Risiken eingehen – und können trotzdem nicht sicher sein, dass ihnen die Befreiung schließlich garantiert wird.
Till Stehr, Analyst bei Modo Energy, sagt: „Die Bedingungen, unter denen die Bundesnetzagentur eine finale Investitionsentscheidung akzeptiert, orientieren sich nicht unbedingt an den branchenüblichen Standards. Dadurch müssen Projekte, für die intern bereits eine finale Investitionsentscheidung gefallen ist, neu aufgerollt werden, zum Beispiel mit anderen Bestellungen.“
Return Energy hat deshalb gemeinsam mit anderen Branchenunternehmen und großen Investoren ein Schreiben verfasst, das dem Handelsblatt vorliegt. Darin heißt es: „Investoren betrachten Deutschland als Gesamtmarkt. Wenn bestehende Rahmenbedingungen rückwirkend oder kurzfristig verändert werden, wirkt sich dies in der Breite aus. Es drohen eine höhere Risikowahrnehmung, steigende Finanzierungskosten und eine insgesamt geringere Investitionsbereitschaft.“
Auch bei der Offshore-Windenergie droht Deutschland Investitionen zu verlieren. Üblicherweise schreiben Staaten Flächen für solche Windparks auf See in Auktionen aus und garantieren den Gewinnern der Auktionen teils finanzielle Unterstützung. In Deutschland aber gab es die letzte Auktion im August 2025, und die Bedingungen waren so schlecht, dass kein Unternehmen ein Gebot abgab.
Frank Klose, Senior Partner und Energieexperte bei der Unternehmensberatung BCG, sagt: „Viele europäische Länder hatten Probleme mit ihren Auktionsregimen, aber anderswo wurde das System bereits vereinfacht, und Investitionsrisiken wurden stark reduziert.“ Deutschland hingegen brauche sehr lange, um ein neues Auktionssystem zu finden.
Ähnlich äußert sich Martin Neubert, Chief Operating Officer des dänischen Investors Copenhagen Infrastructure Partners (CIP): „Im Offshore-Bereich gab es auch in Dänemark mal Ausschreibungen, die nicht funktioniert haben. Aber Dänemark hat das Problem innerhalb von 18 Monaten gelöst. In Deutschland wird jetzt seit zwei Jahren diskutiert und auf rechtliche Bedenken verwiesen.“
Dass die Bundesregierung mit regulatorischen Versäumnissen im großen Stil Investoren abschreckt, steht zwar nicht zu befürchten: Deutschland sei als Markt zu wichtig und biete zu große Chancen, um sich ganz zurückzuziehen, ist aus fast allen Gesprächen mit Investoren herauszuhören.
Große Investmentgesellschaften wie der kanadische Konzern Brookfield schauen ohnehin mehr auf die groben Leitlinien als auf politisches Klein-Klein. Brookfield-Partner Ignacio Paz-Ares sagt: „Wir sehen vielversprechende Möglichkeiten, in die deutsche Energieinfrastruktur zu investieren und die langfristige industrielle Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu stärken.“
Was aber vielen fehlt, ist ein Ziel, in welche Richtung Deutschland in den kommenden Jahren wirklich steuern will. CIP-Manager Neubert sagt: „Gerade der Irankrieg macht klar, dass Deutschland und Europa eine wichtige Transformation durchlaufen müssen. Aber die Bundesregierung sendet widersprüchliche Signale, ob sie die Energiewende und die Elektrifizierung jetzt forcieren oder bremsen will.“

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