
Ein scharfer Wettbewerb und die EZB-Zinserhöhung treiben die Tagesgeldzinsen. Experten verraten, worauf Sparer achten sollten.
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Hohe Inflationsraten und Zinserhöhungen der EZB haben zu einer Belebung des Einlagengeschäfts und starkem Wettbewerb unter Banken geführt.
Ein scharfer Wettbewerb und die Zinserhöhung der EZB treiben die Zinsen auf Tagesgeldkonten in die Höhe. Was Fachleute nun raten und wie hoch der Zins mindestens sein muss.
München. Als im Mai die Onlinebank Chase mit vier Prozent Zinsen auf Tagesgeld startete, war das der mit Abstand höchste Zins am Markt. Inzwischen gehört die Offerte der Tochter der größten Wall-Street-Bank zu einem ganzen Feld von Hochzinsangeboten. Derzeit gibt es sechs Banken und Broker, die ihr täglich verfügbares Sparkonto mit vier Prozent und höher verzinsen. Acht weitere Geldhäuser versprechen 3,5 Prozent und mehr.
Sparerinnen und Sparer profitierten derzeit von zwei Entwicklungen, sagt Ania Scholz Orfanidis, Leiterin der Zinsvergleiche bei der FMH‑Finanzberatung: den durch die Inflation gestiegenen Zinsen und einem scharfen Wettbewerb unter den Banken. „Junge Banken und Broker locken neue Kunden mit hohen Tagesgeldzinsen an, etablierten Geldhäusern bleibt in dieser Situation nichts anderes übrig, als nachzuziehen“, erklärt Scholz Orfanidis. Dieser Wettbewerb hat nach den Worten von Rudolf Krux vom Verbraucherportal biallo.de sogar auch Bankengruppen erfasst, die selten mit hohen Zinsen von sich reden machen.
Antworten auf die wichtigsten Fragen, die Sparer sich nun stellen sollten, und warum Angebote unter drei Prozent Zinsen aus Sicht von Fachleuten nicht mehr akzeptabel sind.
Sind die Tagesgeldzinsen nun auf dem Höhepunkt?
Während im Frühjahr Banken, deren Tagesgeldzins eine Drei vor dem Komma hatte, in den einschlägigen Zinsübersichten ganz oben standen, finden sich solche Angebote momentan nur noch unter „ferner liefen“ und sie werden auch noch weiter nach unten durchgereicht. Dessen ist sich Oliver Maier sicher. Der Chef der Zinsvergleiche beim Portal Verivox sieht keine Anzeichen, dass der Wettbewerb beim Tagesgeld unter den Banken und Brokern bald abflauen wird.
Krux ist da etwas zurückhaltender: „Wenn es keine größeren Überraschungen bei der Inflation oder beim Wettbewerb mehr gibt, dürften wir uns zumindest nah am Gipfel befinden. Noch geht der Trend aber nach oben“, sagt der Tagesgeldfachmann.
Eine weitere Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) im Herbst, die Volkswirte nicht ausschließen, wird seiner Meinung nach aber nicht zwangsläufig für höhere Tagesgeldzinsen sorgen. „Zum Ende des jüngsten Zinshochs im September 2023 sind die üblichen Tagesgeldzinsen nach einem Zinsschritt der EZB nicht mehr weiter gestiegen, sondern haben sich auf dem neuen Niveau eingependelt“, sagt Krux.
Während der Wettbewerb unter den Banken weiter stark bleiben dürfte, richtet sich die Politik der Notenbank nach der Inflation. Bleibt sie auf dem aktuellen Niveau von 3,3 Prozent in Deutschland und in der Euro-Zone, sind weitere Zinsschritte denkbar. Sinkt die Inflation wieder Richtung zwei Prozent, sind nach Rudolf Krux’ Dafürhalten im kommenden Jahr auch wieder Zinssenkungen denkbar.
Worauf sollten Tagesgeldsparer nun achten?
Aus Sicht von Scholz-Orfanidis sollten sich Tagesgeldsparer an der Inflationsrate orientieren. „Nur mit Angeboten, die mehr als 3,3 Prozent bieten, erzielen Sparer eine reale Rendite, alles andere wäre Schadensbegrenzung“, sagt sie. Die Expertin weiß aber auch, dass Zinshopping, yani das ständige Wechseln von einer Bank zur nächsten, um stets hohe Zinsen zu bekommen, nicht jedermanns Sache ist. Sie rät daher, auf die Zinsgarantien zu achten.
Je höher die Zinsen gestiegen sind, desto länger sind die Zeiträume geworden, in denen die Banken ihren Tagesgeldzins garantieren. Bei den Anbietern, die vier Prozent und mehr bieten, sind vier Monate laut der FMH-Finanzberatung Standard.
Noch längere Zinsgarantien müssen nach den Worten von Krux mit deutlichen Einbußen beim Zins bezahlt werden. So gilt der Aktionszins der Bank of Scotland ein Jahr lang, allerdings beträgt er nur drei Prozent.
Tagesgeldangebote sind laut Oliver Maier klassische Ankerprodukte. Das heißt, Banken und Broker nutzen sie, um neue Kunden an sich zu binden. Nicht selten muss ein Depot oder ein Girokonto eröffnet werden, um den Zins zu bekommen. Daher lohnen sich nach den Worten des Verivox-Fachmanns einige Angebote in erster Linie für Menschen, die auch ein neues Girokonto oder Depot suchen.
Aus Sicht von Scholz-Orfanidis sollten solche „Beiboote“ auch für alle, die nur den Zins wollen, kein Hindernis darstellen, sofern sie keine Kosten verursachen. „Wichtig ist nur, die Bankverbindung wieder komplett zu beenden, wenn der Aktionszins abgelaufen ist“, sagt sie.
Banken umwerben nicht mehr nur neue Kunden mit hohen Zinsen. Inzwischen gibt es auch hohe Zinsen für treue Kunden. Während Trade Republic seinen Bestandskundenzins an den Einlagenzins der Europäischen Zentralbank gekoppelt hat und derzeit folglich 2,5 Prozent bietet, zahlt die zweite große heimische Neobank Scalable Capital 2,6 Prozent. Noch mehr bietet derzeit die Hamburger Ascory Bank mit 2,75 Prozent.
„An der Mehrheit der Bestandskunden gehen die hohen Zinsen beim Tagesgeld bislang weitgehend vorbei“, sagt Maier. Nach seinen Zahlen liegt der durchschnittliche Zins der bundesweit verfügbaren Angebote aktuell bei 1,42 Prozent. Im Juni, als die EZB zum ersten Mal die Zinsen erhöht hat, lagen die Durchschnittszinsen noch bei 1,33 Prozent. „Die jüngste Leitzinserhöhung dürfte diesen leichten Aufwärtstrend zwar festigen, mit großen Ausschlägen nach oben ist bei den Durchschnittszinsen aber nicht zu rechnen“, sagt Maier.
Ab wann lohnt es sich, die hohen Zinsen mithilfe eines Festgeldkontos zu sichern?
Ein Blick auf die Entwicklung der Festgeldzinsen zeigt: Hier gab es bereits zu Beginn der Kämpfe im Nahen Osten einen Anstieg, der sich seitdem fortgesetzt, aber deutlich verlangsamt hat. Das zeigt sich auch bei den Zinssätzen, die etwa bei Festgeldern mit sechs Monaten Laufzeit noch deutlich unter den aktuellen Tagesgeldangeboten liegen. So bietet die deutsche Dependance der türkischen Isbank 3,2 Prozent, fast einen Prozentpunkt weniger als die 1822direkt bei ihrem Tagesgeld, das ein halbes Jahr garantiert ist.
Bei einem Jahr Zinsbindung wendet sich das Blatt zugunsten des Festgelds: Über den Zinsvermittler Raisin, früher bekannt unter dem Namen Weltsparen, gibt es 3,55 Prozent.
Zwar gibt es bei Festgeldern auch nicht bei zehn Jahren Zinsbindung vier Prozent, aber Krux hält die langen Laufzeiten trotzdem für interessant, um sich langfristig gegen sinkende Zinsen abzusichern. Bei fünf Jahren gibt es in der Spitze über 3,50 Prozent.
Um flexibel zu bleiben, raten er und die beiden anderen Fachleute aber auch, sich beim Festgeld noch etwas Zeit zu lassen. Und auch dann sollte nicht alles auf eine Karte gesetzt werden. „Es lohnt sich, mit verschiedenen Laufzeiten und Tagesgeld flexibel zu bleiben“, sagt Krux. „In den vergangenen Jahren hatten wir bereits mehrere Inflationsschocks, weitere können nicht ausgeschlossen werden.“
AI outlook — possibilities, not facts
Leichte Festigung der Durchschnittszinsen durch jüngste Leitzinserhöhung
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