
Warum wir in einer Kultur der falschen Gewissheiten leben, warum KI keine Intelligenz besitzt und weshalb wir Fehler und Unwissenheit wieder zulassen müssen.
Ein Interview über die Kultur der Überklugheit, kognitiven Egozentrismus und die Grenzen Künstlicher Intelligenz, die keine echten Gesprächspartner darstellt, sondern menschliche Unsicherheiten verstärkt.
AI-generated summary
Das Interview beleuchtet das Verhältnis von Wissen, Dummheit und moderner Technologie in der heutigen Gesellschaft.
Dass immer mehr Menschen bereit sind, gegen Erkenntnisse der Wissenschaft zu stimmen. Oder der Zulauf zu Rechtspopulisten: Man kann wissen, dass rechtspopulistische Wirtschaftspolitik den Wohlstand nicht mehren wird, auch den eigenen nicht. Und wählt sie trotzdem.
Wir waren immer beschränkt und haben immer Fehler gemacht – und waren gleichzeitig immer wieder großartig. Menschen bauen sehr viel Mist, aber eben auch Pyramiden. Trotzdem bin ich ganz bei Ihnen, dass wir in unserer Zeit einen qualitativen Unterschied bemerken. Dieser besteht darin, dass wir eine starke Egozentrik des Denkens erleben. Nicht in dem Sinne, dass die Leute nur auf ihren Vorteil bedacht wären. Sondern kognitiv egozentrisch: Sie denken stark aus der eigenen Perspektive und orientieren sich nur an eigenen Werten. Ein regelrechter Clash von Sichtweisen auf die Welt.
Ist das ein Prozess der Verdummung?
Das ist eine Thesis, die man haben kann. Ich glaube aber eher: Wir leben in einer Kultur mit extrem viel Wissen. Dadurch entsteht der Anschein, man könne überall alles besser wissen. Das überfordert den Einzelnen, es erzeugt Druck – und es führt zu einer Frontstellung. Wenn jemand sagt, ich ignoriere die Fakten der Medizin, ich impfe nicht mehr, dann ist das eine Frontstellung gegen die etablierte Klugheit. Ich nenne das im Buch Überdummheit. Und sie ist strategisch. Diese Leute sagen ja nicht von sich: „Ich mache jetzt mal etwas ganz Dummes.“ Im Gegenteil, sie sagen: „Ich will eure Klugheit nicht mehr, ich will Platz für meine.“
Das müssen Sie bitte noch mal genauer erlären.
Es gibt einen aufschlussreichen Moment bei J.D. Vance in seiner „Hillbilly-Elegie“: Früher, sagt er, dachte ich, ich sei ein Idiot – aber damals hatte ich noch nicht verstanden, dass es einen Unterschied gibt zwischen Intelligenz und Wissen. Diese Leute stellen ihre Intelligenz gegen das Wissen einer Gesellschaft, die ihren Lebenswunsch aus ihrer Sicht nicht mehr abdeckt. Deshalb frage ich mich: Ist unser Problem wirklich eine Verdummung? Oder ist es eine Verklugung? Der unbedingte Wille, es besser wissen zu wollen. Bezeichnenderweise sagt keiner von sich: Ich bin vielleicht auch dumm, ich habe einen Fehler gemacht. Alle wollen auf der Seite der Klugen stehen. Mein Eindruck ist: Lieber verstehen wir einander nicht, als zuzugeben, dass wir etwas nicht verstehen.
Der Überschuss an Klugheit produziert die Gegenbewegung.
Das ist die Dialektik von Dummheit und Klugheit. Johann Eduard Erdmann, ein Zeitgenosse Hegels, hat es auf den Punkt gebracht: Leute, die klug sein wollen, neigen dazu, an ihrer Perspektive festzuhalten. Aber jede Perspektive ist beschränkt. So beschränken sie sich selbst. Umgekehrt sind Menschen, die wir für weltoffen halten, schnell bereit zu sagen: Das ist nur meine Perspektive, ich bleibe beweglich. Eine Intelligenz, die glaubt, sie sei nur klug, wird dumm. Und eine intelligente Dummheit, die weiß, dass sie immer beschränkt ist, wird klug, weil sie sich öffnet – für andere Menschen und für die Wirklichkeit.
Es gibt aber Entscheidungen, die objektiv falsch sind, weil sie Folgen haben, die der Verursacher gar nicht wollte. Wer sich in einer Masernepidemie nicht impft, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit Masern.
Diese Leute würden die Folgen nie mit ihrem eigenen Denken in Verbindung bringen. Ich bin ja nicht der Meinung, dass wir gar nicht mehr von Dummheit sprechen sollen. Aber die eigentliche Form dessen, was Sie beschreiben, ist Idiotie: wirklich unbelehrbar zu sein. Der kluge Mensch macht auch dumme Fehler – aber er weiß es, und er steht dazu. Wogegen wir uns zu Recht sträuben sollten, ist nicht die Dummheit. Es ist die Unbelehrbarkeit. Wenn wir uns nämlich einseitig von der Dummheit abgrenzen, verlieren wir zwei wichtige Dinge aus den Augen: dass Dummheit uns verbindet, weil wir alle immer mal wieder auch dumm sind. Und zweitens die kreativen Aspekte der Dummheit: Jeder Fehler, jede dumme Frage kann auch eine neue Perspektive eröffnen und Veränderung anstoßen.
Jetzt treiben wir mit der Künstlichen Intelligenz eine Technik voran, die Ausgewogenheit schon technisch nicht leisten kann. Sie gewichtet nicht, sie berechnet die wahrscheinlichste Antwort und stellt sie als absolut dar.
Die KI ist der Gipfelpunkt der Bewegung zur Überklugheit. Eine Maschine, die alles weiß, in Anführungszeichen, und immer souverän antwortet. Der Prompt ist ja keine Frage. Er ist der Startpunkt meines Denkens, den die KI autovervollständigt – ein bisschen wie das alte Nokia-Telefon, das meine Wörter sehr schlecht ergänzt hat. Ein Gespräch ist das, was wir beide hier machen. Ich habe keine Ahnung, was Sie als Nächstes sagen. In diesem Pingpong verändern wir uns beide permanent. Das kann ich bei einer KI nicht, weil sie immer assimiliert, statistisch, und auf meinen Prompt reagiert.
Deshalb schlagen Sie vor, KI als „keine Intelligenz“ zu lesen.
Um klarzumachen, dass wir in ihr keinen Gesprächspartner haben. Ich würde nie sagen, KI sei Teufelszeug. Als mathematische Technologie, die Muster erkennt, kann sie sehr nützlich sein, in der Tumorerkennung etwa. Und für ein komplexes Bahnsystem kann eine KI wahrscheinlich viel besser einen Fahrplan erstellen als jede menschliche Planungsinstanz. Autonomes Agieren in der Wirklichkeit dagegen halte ich nicht ohne Weiteres für möglich. Dafür braucht es Intelligenz, und Intelligenz heißt, sich verunsichern lassen zu können. Eine Maschine lernt nie etwas über sich selbst, weil sie kein Verhältnis zu sich und anderen hat.
Für das, wofür KI ursprünglich gedacht war, taugt sie also. Ausgerechnet der Chatbot, der sich gerade rasant verbreitet, taugt dafür nicht?
Beim Chatbot müssen wir uns klarmachen, dass das eine kommerzialisierte, gamifizierte Industrie ist. Wenn man die Sprachmuster erkennt, sieht man: Da wird der tolle Gesprächspartner simuliert, der Buddy, die verständnisvolle Freundin. Dahinter steckt das Interesse, Nutzer zu binden. Die ganze Rede von der Künstlichen Intelligenz ist erst einmal Marketingjargon und Budenzauber.
Gleichzeitig bedient die KI ein reales Bedürfnis. Wir stecken alle täglich in Situationen, in denen wir uns beweisen müssen.
Es ist ein Feedback-Loop. Wir leben in einer Kultur, die dieses ständige Bescheidwissenmüssen befeuert, und die KI macht es noch rasanter. Ich muss mich für jedes Meeting durch die KI vorbereitet haben. Am Schluss kann ich nur noch die KI ins Meeting schicken, das Gegenüber schickt seine, und die beiden erledigen das wechselseitig. Was auf der Strecke bleibt, ist das menschliche Gespräch – und eine existenzielle Dimension. Fragt man Menschen, ob sie sich in dieser Welt zu Hause fühlen, zerfällt das schnell in eine Simulation von „Ich weiß Bescheid“ und die Verzweiflung darüber, dass man es nicht immer tut. Ich bin sicher: Hundert Prozent aller Menschen sind unsicher.
In der Hochphase des Silicon Valley gab es einen regelrechten Scheiterkult. Mein Eindruck ist, dass wir davon wieder weggekommen sind – dass es heute vor allem darauf ankommt, Unsicherheit zu überspielen. Warum der Rückschlag?
Klar, die Fuck-up-Nights. Ich kann mich da aber des Eindrucks nicht erwehren, dass wir das immer in ein Optimierungsnarrativ einbinden: Da war ich schwach, aber diese Schwäche hat mich stärker gemacht. Eine offene Fehlerkultur heißt erst einmal: Ich mache tatsächlich Fehler, manchmal auch echt dumme. Aber genau das ist nicht schlimm, es gehört zu uns.
Versuchen Sie damit mal, durch den Berufsalltag in den meisten Unternehmen zu kommen.
In Arbeitskulturen erkennen Sie das sofort. Über manche Fehler wird gesprochen, aber es gibt eine Grenze zu den wirklich peinlichen, über die nie gesprochen wird. Das bewirkt genau das Gegenteil dessen, was Fehlerkultur verspricht. Es entsteht kein echter Safe Space, sondern ein simulierter – und der ist wesentlich schlechter. Ich bin ein großer Fan der Idee eines Safe Space for Stupidity, wie ihn das Centre for the Less Good Idea in Südafrika verfolgt. Die sagen: Leute müssen wirklich das Gefühl haben, sie dürfen blöd sein. Erst dann entsteht ein Terrain, auf dem wir die Unterschiedlichkeit unserer Intelligenzen schätzen lernen.
Wobei diese Unterschiedlichkeit manchmal auch ganz schön anstrengend ist.
Unsere Errungenschaft als Homo sapiens hat nichts mit individueller Leistung zu tun, sondern mit der Fähigkeit, gemeinsam etwas zu bewegen, dabei immer wieder etwas falsch zu machen und trotzdem weiterzukommen. Zum Leben gehört das Misslingen. Das Schlimmste aus der Perspektive eines überklugen Typen wie Elon Musk ist ja das Sterben, für ihn ist es die absolute Dummheit.
Das macht ihn womöglich so verzweifelt aggressiv.
Er versucht quasi alles. Und das ist geradezu eine Metapher für das, was ich mit Dummheit meine: dass mitten in unserem Leben ein massiver Punkt der Unverständlichkeit liegt, den wir verdrängen. Er bedeutet, dass Dinge beschränkt sind, nicht zuletzt unser eigenes Leben. Da tun wir uns gut, wenn wir mehr zeigen, in wie vielen Fällen wir scheitern und von anderen getragen werden. Wir sind in jeder Hinsicht auf andere angewiesen. Nur deswegen können wir sprechen, nur deswegen kommen wir über die Straße.
In der Menschheitsgeschichte hat aber wenig so zuverlässig funktioniert, um Massen zu vereinen, wie eine Idee, die alle anderen Ideen für falsch erklärt. Sozialismus, Faschismus, heute MAGA. Ihr Konzept ist emotional vermutlich weniger anschlussfähig.
Mein Eindruck ist im Gegenteil, dass da eine Riesensehnsucht liegt. Nennen wir es Brain Positivity: ein wertschätzendes Verhältnis zum eigenen Denken in all seiner Unperfektheit. Jeder leidet unter dem Perfektionszwang. Wir haben immer Angst, irgendwo zu versagen. Wie ich in diesem Interview zum Beispiel. Da denke ich: Lasst uns erkennen, dass wir gerade dadurch, dass wir Dinge mutig ausprobieren, gleichzeitig demütig sein dürfen. In der Unperfektheit steckt unsere größte Stärke. Sie führt zu Kollaboration und Kreativität – während das Leistungsparadigma dazu führt, dass die Leistung abnimmt, weil jeder gegen jeden kämpft und sich auf seine eigene Position versteift.
Ich könnte an dieser Stelle sagen: Die andere Seite ist undemokratisch, deshalb endet meine Gesprächsbereitschaft hier.
Das Toleranzparadox – man kann die absolute Form der Intoleranz nicht tolerieren. Es muss eine diskursive Grenze geben, und die hat mit Gewalt zu tun, in einem umfassenden Sinn. Wenn Menschen niedergebrüllt, beleidigt, erniedrigt oder körperlich bedroht werden. Noch glaube ich, dass wir uns einfach nur besser zuhören müssen. Wir müssen im Zuhören auch offensiv sein können und sagen: Ich finde das komplett falsch. Aber eben auch: Ich verstehe es vielleicht nicht. Denn darin liegt eine Chance: etwas irgendwann auch anders verstehen zu können. Und uns weiterzuentwickeln.

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