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Lars Klingbeil ist seit neun Jahren in der engsten SPD-Führung, vier Jahre als Generalsekretär und bald fünf als Parteichef. Nach dem Rückzug seiner Co-Chefin Bas steht er vor einem Sonderparteitag im Januar, bei dem die gesamte Parteispitze neu gewählt werden soll. Seine Wiederwahl im Juni 2025 erfolgte mit nur 65 Prozent, was ihn tief getroffen hat und zu verstärkter Kritik führte.
Nach den Tumulten in Berlin versucht der SPD-Chef, in Thailand für 48 Stunden Abstand zur Innenpolitik zu gewinnen. Doch eine Frage begleitet ihn auch nach Bangkok: Was wird aus ihm?
Lars Klingbeil in Bangkok: Zwischen Stadtführung und Koalitionskrise. Foto: Soeren Stache/dpa
Bangkok. Es ist ein Termin nach dem Geschmack von Lars Klingbeil (SPD). Der Bundesfinanzminister steht in einer Gasse im Bangkoker Viertel Talat Noi. An einer Mauer vor ihm sind Street-Art-Bilder gepinselt, ein Stadtführer erklärt dem Gast aus Deutschland, wie Ehrenamtliche mit Aktionen wie diesen den Tourismus in ihren Vierteln fördern. Kunst und Kultur, Einsatz für den Kiez. So stellt sich ein SPD-Politiker ein intaktes Gemeinwesen vor.
Für Klingbeil ist das Kulturprogramm am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Bangkok eine willkommene Abwechslung vom Ärger zuhause. Und von den schwierigen Gesprächen, in denen Klingbeil in den nächsten Tagen die SPD-Spitze neu aufstellen und die eigene Zukunft neu sortieren muss. Dabei hängt viel davon ab, ob Manuela Schwesig für den Parteivorsitz zur Verfügung steht – und ob sie die SPD mit Klingbeil führen würde.
Klingbeil liebt Auslandsreisen, sie böten ihm einen anderen Blick, die Möglichkeit des „Rauszoomens“, wie er einmal erzählte. Auf der Fahrt zum Berliner Regierungsflughafen hat Klingbeil am Mittwochmittag aus dem Auto heraus noch mit SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf letzte Details zum Sonderparteitag geklärt, der Mitte Januar in Bremen stattfinden soll. Danach will er aber wenigstens für zwei Tage dem Streit in Berlin entfliehen und sich auf die internationale Politik konzentrieren, die seit Juso-Tagen Klingbeils große Leidenschaft ist.
Sorgen vor neuer Finanzkrise
In Bangkok geht es auch um die große Weltpolitik. Mit seinen G7-Kollegen tauscht sich Klingbeil über die finanzielle Unterstützung der Ukraine aus. Er trifft Kollegen von „Mittelmächten“, um eine engere Zusammenarbeit auszuloten. Auch die jüngsten Turbulenzen an den Anleihemärkten sind Thema. Asiatische Vertreter warnen vor einer neuen Finanzkrise, weil die Schuldenwelle aus den USA und Europa auf ihre Länder überzuschwappen drohe.
Am Montag nach dem Bas-Rücktritt hatte Klingbeil seine Reise zunächst auf Eis gelegt. Am Ende flog er doch, wenn auch verkürzt. Auch international wachsen die Sorgen vor einem instabilen Deutschland. Zuletzt wurden deutsche Politiker auf Auslandsreisen immer wieder gefragt, was denn bei ihnen los sei. Wenn Klingbeil wegen innenpolitischer Querelen nicht zum IWF-Treffen gefahren wäre, hätte das wieder nicht gut ausgesehen.
Bangkok: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (l, SPD) und Ajay Banga, Präsident der Weltbank, unterhalten sich während des Empfangs zur Gründung der Nord-Süd Kommission. Foto: dpa
Klingbeil beteuert, die deutsche Innenpolitik sei in Bangkok „kein Thema“ gewesen. „Niemand ist auf mich zugekommen, hat mich in den Arm genommen und mir gesagt, wie schwer ich es in Deutschland habe.“ Stattdessen bekam der Finanzminister zur Abwechslung sogar mal eine Prise Lob ab, weil in Deutschland das Wachstum zurückkehrt, was die anderen Finanzminister anerkennend zur Kenntnis nahmen. „Wir sind wieder da“, frohlockt Klingbeil.
Aber natürlich verfolgt die Innenpolitik den SPD-Chef bis nach Bangkok. Am Donnerstag muss er für längere Zeit ans Telefon, um einen Streit um die Regeln für Verbrenner-Autos zwischen Kanzler Friedrich Merz und Umweltminister Carsten Schneider (SPD) zu schlichten. Und die mitgereisten Journalisten konfrontieren Klingbeil bei jeder Gelegenheit mit Fragen zur Zukunft der Koalition und seiner persönlichen als SPD-Chef.
» Lesen Sie auch: Totalschaden in der Koalition – die SPD schaut auf Schwesig
„Klingbeil ist gut beraten, nicht mehr anzutreten“
Denn auch Klingbeils Rolle ist seit vergangenem Montag ungeklärt. Klingbeil blieb nach dem Rückzug seiner Co-Chefin Bas keine andere Wahl, als auf einem Sonderparteitag Mitte Januar die gesamte Parteispitze neu wählen zu lassen – ein Hochrisikospiel für ihn.
Schon bei seiner Wiederwahl im Juni 2025 hatte Klingbeil mit 65 Prozent eine Klatsche einstecken müssen, was ihn tief getroffen hatte. Seitdem ist die Kritik am Niedersachsen noch lauter geworden. Regierungs- und Parteiamt vertrügen sich nicht, es fehlten Impulse für eine Erneuerung der Partei, mosern Parteifreunde seit Monaten an Klingbeil herum. Den Zustand der Partei könne man an den miesen Umfragewerten ablesen.
Mehrere SPD-Politiker haben öffentlich erklärt, Klingbeil solle nicht mehr antreten, wie der Sprecher der Ruhr-SPD, Markus Töns. Und hinter vorgehaltener Hand halten es selbst Kollegen von Klingbeils eigenem Parteiflügel für keine gute Idee, wenn er sich nochmal zur Wahl stellt. „Klingbeil ist gut beraten, nicht mehr anzutreten“, sagt ein Fraktionsmitglied. „Würde er auf einem Parteitag ein noch schlechteres Ergebnis einfahren als beim letzten Mal, kann er auch als Vizekanzler einpacken.“
Klingbeil hat eine erneute Kandidatur als SPD-Chef offengelassen, nur klargemacht, Finanzminister und Vizekanzler bleiben zu wollen. Angeblich soll er sich noch nicht entschieden haben, heißt es aus seinem Umfeld. Er selbst soll die Sache mit Verweis auf seine lange Amtszeit nicht völlig verbissen sehen. Klingbeil ist jetzt neun Jahre in der engsten Parteiführung, vier als Generalsekretär, bald fünf als Parteichef, womit er so lange amtiert wie sein Ziehvater Gerhard Schröder. Die Wetten in der SPD stehen aber darauf, dass Klingbeil eigentlich Parteichef bleiben will.
Manuela Schwesig: In der SPD gibt es Stimmen, die sich die Ministerpräsidentin als Parteichefin wünschen. Foto: Jens Büttner/dpa
Zünglein an der Waage ist jetzt Schwesig
Nur ist Klingbeil nicht mehr in der Position wie nach der Bundestagswahl, wo er diktieren konnte, wer was in der SPD wird. Und vor allem: was er selbst wird. Zünglein an der Waage ist nun eine andere: Manuela Schwesig.
Für den weiblichen Part einer Doppelspitze kommt aus Sicht vieler in der SPD vor allem sie infrage, weil Anke Rehlinger aus dem Saarland sich im April 2027 zur Wiederwahl stellen muss und eine Übernahme des Parteivorsitzes dem nicht dienlich wäre.
Die Frage ist, ob Schwesig sich den Job antun will. Bislang heißt es aus der SPD von allen Seiten, sie wolle es nicht. Auch die Aufgaben als Ministerpräsidentin und SPD-Chefin in Doppelfunktion wären kein Zuckerschlecken. Zudem hat Schwesig vor Augen, wie der SPD-Vorsitz jeden verschleißt. Als Parteichefin könnte sie sich nicht länger gegen die Bundesregierung profilieren, sondern müsste deren Entscheidungen verteidigen.
Auf der anderen Seite dürfte der Druck auf Schwesig in den nächsten Tagen immens werden. Die SPD-Politikerin hat eine Kandidatur für den Parteivorsitz schon mehrfach ausgeschlossen. Eine erneute Absage könnten ihr Parteifreunde als Flucht aus der Verantwortung auslegen, mit der sie der SPD schade. Ein Verzicht könnte Schwesig auch eine mögliche Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2029 erschweren. SPD-Chefin traut sie sich nicht zu, das Kanzleramt aber schon?
Wenn Schwesig sich breitschlagen lässt, halten es viele in der SPD für möglich, dass sie die Partei allein führen will. „Schwesig ist sehr dominant und ein absolutes Alphatier“, sagt ein SPD-Politiker. „Unnahbar und kalt, egoistisch ohne Rücksicht auf die Bundesregierung für Mecklenburg-Vorpommern unterwegs.“ Eine Doppelspitze mit Klingbeil sei daher „schwer vorstellbar“.
Olaf Scholz (l.) und Lars Klingbeil: Der frühere Bundeskanzler und der Bundesfinanzminister bei einer Pressekonferenz am Rande der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok. Foto: Bloomberg
Es könnte alles wieder auf Klingbeil hinauslaufen
Ein SPD-Fraktionsmitglied, wie Klingbeil im pragmatischen Parteiflügel, sagt: „Die Doppelspitze ist Quatsch, Schwesig soll es machen.“ Partei- und Ministeramt müssten getrennt werden, damit der Parteichef „Kante zeigen kann“. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, Schwesig wisse, wie herausfordernd der SPD-Vorsitz ist. Und sie eine Doppelspitze deshalb wohl für keine so schlechte Idee halte. Die Frage wäre dann, in welcher Kombination. Doch mit Klingbeil? Oder jemand Anderem?
Verzichtet Schwesig, könnte mangels Alternativen aber wieder alles auf Klingbeil hinauslaufen. Boris Pistorius hat eine Kandidatur ausgeschlossen. Ansonsten werden nur dem früheren Arbeitsminister Hubertus Heil Ambitionen nachgesagt, dem aber die Rückendeckung im eigenen Landesverband fehlt. Auf eine Kampfkandidatur wollen es weder Heil noch Klingbeil ankommen lassen.
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Viel Zeit bleibt der SPD für ihre Neuaufstellung nicht, der Parteitag ist in drei Monaten. Klingbeil, so heißt es, wolle in den nächsten Tagen mit allen Protagonisten Gespräche führen. Ein Drehbuch für diese Gespräche soll aber noch nicht stehen.
Vielleicht konnte sich Klingbeil in Bangkok Rat holen. Dort traf der SPD-Chef auf Altkanzler Olaf Scholz, der künftig die wiederbelebte Nord-Süd-Kommission leitet, die die Zusammenarbeit mit dem globalen Süden verbessern soll. Am späten Freitagabend haben sich Scholz und Klingbeil noch auf ein Glas Wein zusammengesetzt. Die beiden dürften viel zu besprechen gehabt haben.
Mehr: Droht ein Koalitionsbruch? Bei Union und SPD geht die Angst um
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AI outlook — possibilities, not facts
Manuela Schwesig wird für den SPD-Vorsitz kandidieren.
Possible · Within weeks
Lars Klingbeil wird nicht mehr für den SPD-Vorsitz antreten.
Possible · Within weeks
Der SPD-Sonderparteitag in Bremen wird zu einer Führungsänderung führen.
Likely · Within months

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