Volkswagen steht vor massiven Überkapazitäten und Druck durch China und US-Zölle
Quick Look
- Volkswagen-Chef Oliver Blume versuchte in acht Betriebsversammlungen, die schwierige Lage des Konzerns zu erklären: geringere Einnahmen aus China, hohe Kosten durch US-Zölle und massive Überkapazitäten in Europa.
- Betriebsratschefin Daniela Cavallo kritisierte die vagen Zukunftsperspektiven, während über eine mögliche Rüstungsproduktion im Osnabrücker Werk und einen staatlichen Einstieg durch Niedersachsen oder den Bund debattiert wird.
- Der Aufsichtsrat tagt am 4.
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Why It Matters
Volkswagen leidet unter sinkenden Einnahmen aus China, wo heimische Wettbewerber den Marktanteil reduzieren, sowie unter zusätzlichen Kosten durch US-Zölle. Gleichzeitig bestehen in Europa massive Überkapazitäten, da die Nachfrage niedriger ist als die Produktionsmöglichkeiten.
Bei Volkswagen geht eine denkwürdige Woche zu Ende. In acht Betriebsversammlungen haben Konzernchef Oliver Blume und weitere Vorstandsmitglieder versucht, den Beschäftigten von Angesicht zu Angesicht zu erklären, wie es gerade um VW bestellt ist. Wörter, die dabei besonders häufig fielen: Kosten. Sparen. Anpassungsbedarf.
Nach Blumes Einschätzung ist das VW-System, das vielfach als überkomplex beschrieben wird, zu teuer. Weitgehend unbestritten ist, dass das Problem viele Jahre von den Milliarden überdeckt wurde, die VW in China verdiente. Jetzt ist die Situation eine andere: Etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr fließen weniger an den Wolfsburger Konzern aus China, wo heimische Wettbewerber Volkswagen das Geschäft ruinieren. Dazu kommen weitere fünf Milliarden Euro Kosten wegen der US-Zölle - und plötzlich ist der Handlungsdruck hierzulande groß. Sehr groß.
Oliver Blume: beliebt, aber zunehmend unter Druck
Vielen Beschäftigten ist das durchaus klar. Und so schildern Teilnehmende der Betriebsversammlungen - Journalistinnen und Journalisten waren nicht zugelassen -, dass Blume, etwa in Wolfsburg, seine Pläne tatsächlich einigermaßen in Ruhe erklären konnte. Zwar gab es am Anfang offenbar einige Buhrufe und Pfiffe, danach wurde aber, so schildern es Teilnehmende, erst mal zugehört.
Grundsätzlich gilt Oliver Blume als durchaus beliebter Konzernchef. Er ist geborener Braunschweiger, mit einer Kindheit in der VW-Region und einem Berufsleben im VW-Konzern. Der Topmanager gilt als unprätentiös und nahbar, Spitzname: der Olli.
Perspektiven in sechs bis zwölf Monaten
Nach dieser Woche muss man allerdings sagen: Das Bild "vom Olli" hat Kratzer bekommen. "Beschädigt" sei das Verhältnis zu ihm, sagte Daniela Cavallo, die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats. "Nicht irreparabel, aber beschädigt." Sie wirft ihm vor allem vor, viel zu spät das direkte Gespräch mit der Belegschaft gesucht zu haben und viel zu vage zu bleiben bei den Perspektiven für die Zukunft.
In sechs bis zwölf Monaten gebe es für jedes Werk "eine Perspektive", so das Versprechen von Oliver Blume in dieser Woche. In der Vergangenheit hatte er häufig davon gesprochen, dass es "intelligentere Lösungen" als Werksschließungen gebe. Nur: welche eigentlich? Auf die Frage gab er auch in dieser Woche keine Antwort. Nicht in Wolfsburg am Montag und auch nicht in Emden oder Zwickau am Mittwoch.
Massive Überkapazität in Europa
Die Reaktion von Daniela Cavallo, die auf die Betriebsversammlungen mit dem Vorstand gedrängt hatte, fiel entsprechend deutlich aus. Ihr Fazit: Chance vertan, "das reicht an Infos alles bei Weitem nicht". Für die Beschäftigten sei auch nach dieser Woche wenig klarer geworden. Vor allem in den Werken in Hannover, Emden und Zwickau, aber auch im Audi-Werk Neckarsulm ist die Verunsicherung groß, weil dort offen ist, was über 2030 hinaus überhaupt noch produziert werden soll.
Das Problem: VW könnte in seinen Fabriken in Europa rechnerisch etwa 500.000 Autos mehr bauen, geht aber davon aus, dass diese Kapazität nie wieder zurückkehren wird. Zu gering ist die allgemeine Nachfrage, zu groß der Druck der neuen Wettbewerber aus China.
Rüstungsproduktion in Osnabrück geplant
Trotzdem bleibt Cavallo dabei: kein Werk dürfe geschlossen werden. Konkrete Alternativen präsentiert sie nicht - anders als Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). In öffentlichen Reden spricht Lies davon, dass "Industriearbeitsplätze" erhalten werden müssten - also nicht mehr speziell in der Automobilbranche, sondern es könnten auch andere Branchen sein.
Für das Werk in Osnabrück zeichnet sich eine entsprechende Lösung offenbar ab. An dem Standort mit seinen rund 2.000 Beschäftigten werden im kommenden Jahr die letzten Cabrios mit VW-Logo vom Band rollen. Im Gespräch ist seit Längerem, dass der israelische Rüstungskonzern Rafael dort zukünftig Komponenten für bestimmte Flugabwehrsysteme bauen lassen könnte. Offiziell bestätigt ist das allerdings nicht.
Land Niedersachsen Teil der Lösung?
Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass das Land Niedersachsen bei der Zukunftsperspektive für den Standort eine entscheidende Rolle spielen könnte. Nach NDR-Informationen soll Anfang September eine Absichtserklärung unterzeichnet werden, in der es um einen Einstieg des Landes geht - in einem Konstrukt mit Rafael.
Die Debatte über einen staatlichen Einstieg in ein zukünftiges Konzept am VW-Standort Osnabrück hat jetzt auch den Bund erreicht. In den Regierungsfraktionen in Berlin sind die Ansichten über einen Staatseinstieg geteilt. Andreas Schwarz etwa, Haushaltspolitiker der SPD, kann sich einen Einstieg - sogar des Bundes - in bestimmten Fällen durchaus vorstellen. Gerade für Rüstungsprojekte könne es sinnvoll sein, wenn der Bund Produktionsstätten erwerbe, um sie dann zeitlich befristet an Unternehmen zu vermieten. Das würde den Staat bei der Beschaffung flexibler machen, sagte Schwarz dem NDR.
Der CDU-Haushaltspolitiker Andreas Mattfeldt dagegen sagte, er werde sich einem Einstieg des Landes Niedersachsen am VW-Standort Osnabrück zwar nicht entgegenstellen, wenn es zum Beispiel um Rüstungsproduktion gehe. Eine Beteiligung des Bundes steht aber aus seiner Sicht derzeit nicht zur Diskussion. Linke und Grüne im Bund wollen, dass die Krise bei Volkswagen Anfang September Thema einer Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses ist.
Fronten im Aufsichtsrat extrem verhärtet
Bei Volkswagen selbst steht der nächste wichtige Termin nun schon Ende kommender Woche an: Am 4. September tagt erneut der Aufsichtsrat, um über die Zukunft des Autokonzerns zu beraten. Nach allem, was nach außen dringt, sind die Fronten zwischen denen, die harte Einschnitte fordern und denen, die auf Konsens und Kompromisse setzen, maximal verhärtet.
Die Zeichen stehen jedenfalls nicht auf schnelle Einigung: Gleich drei Beschlussvorlagen zum weiteren Vorgehen liegen auf dem Tisch - vom Vorstand, von der Arbeitnehmerseite und vom Land Niedersachsen als Anteilseigner. Es gilt als höchst unwahrscheinlich, dass eine der drei Varianten beschlossen wird. Für die Beschäftigten heißt all das: Sie werden mit der Ungewissheit noch eine ganze Weile leben müssen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Der Aufsichtsrat wird am 4. September keine endgültige Entscheidung treffen, sondern die Beratungen vertagen.
Likely · Within days
Die Debatte über einen staatlichen Einstieg in das Osnabrücker Werk wird in den nächsten Wochen intensiver werden.
Very likely · Within weeks
Open Questions
- Welche konkreten 'intelligenten Lösungen' statt Werksschließungen schlägt Volkswagen vor?
- Wird die geplante Rüstungsproduktion in Osnabrück durch Rafael offiziell bestätigt?
- Unterschreiben Niedersachsen und der Bund tatsächlich eine Absichtserklärung für den Einstieg in das Osnabrücker Werk?
- Wie sollen die 500.000 Autos Überkapazität in Europa langfristig abgebaut werden?



