VW-Aufsichtsrat beschließt Zukunftsplan 2030 mit Sparzielen und Strukturreform
Quick Look
- Der VW-Aufsichtsrat hat sich auf ein Sanierungspaket mit Renditezielen von 9 Prozent bis 2030 und dem Abbau von 50.000 Stellen geeinigt, darunter die Hälfte in Deutschland.
- Die Produktion an vier gefährdeten Werken könnte zwischen 2031 und 2034 auslaufen, während der Vorstand einen neuen Strukturentwicklungsauftrag erhielt.
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Why It Matters
Der VW-Aufsichtsrat hatte monatelang über ein Sanierungspaket gestritten, wobei der Vorstand, die Aktionärsfamilien Porsche und Piëch sowie der Betriebsrat und Land Niedersachsen gegenüberstanden. Der Streit eskalierte derart, dass der Vorstand eine außerordentliche Hauptversammlung drohte.
Nach langem Ringen hat der Aufsichtsrat von Volkswagen sich auf ein Gesamtpaket zur Sanierung des Konzerns geeinigt. Der Beschluss sieht konkrete Rendite- und Sparziele vor, außerdem ein Dutzend Handlungsfelder, auf denen das Unternehmen effizienter werden soll: von der Halbierung des Modellangebots bis zur Neuausrichtung des Nordamerika- und China-Geschäfts. Damit ist ein konkreter Rahmen gesetzt, innerhalb dessen der Vorstand um den Vorsitzenden Oliver Blume den Umbau vorantreiben will. Die Rede ist von einem „Zukunftsplan 2030“.
In den vergangenen Monaten hatte der Streit zwischen Betriebsrat und Land Niedersachsen auf der einen und den Aktionärsfamilien Porsche und Piëch sowie dem Vorstand auf der anderen Seite sich zugespitzt. Zuletzt drohte der Vorstand, den Konflikt auf einer außerordentlichen Hauptversammlung auszutragen. Land und Arbeitnehmervertreter wollten sich dagegen juristisch wehren. Die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation bewegte offenbar beide Seiten zum Einlenken. Der Vorstand hat nun grundsätzlich Rückhalt für seinen Kurs. In einigen strittigen Punkten bleibt offen, wie die Pläne in die Tat umgesetzt werden sollen.
Global sollen weitere 50.000 Stellen wegfallen, schätzungsweise die Hälfte davon in Deutschland. Der Abbau ist zusätzlich zu bisherigen Sparprogrammen geplant, die hierzulande schon einen Abbau von 50.000 Arbeitsplätze vorsehen. Über die Details muss noch verhandelt werden. Ausdrücklich wird erwähnt, dass es derzeit keine Fahrzeuge gibt, die an den Standorten Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm in einigen Jahren zu wettbewerbsfähigen Kosten gebaut werden können. Ohne eine Lösung wird dort also die Fahrzeugproduktion zwischen den Jahren 2031 und 2034 auslaufen.
Mit Blick auf die Werke wird eine sehr vorsichtige Formulierung gewählt. Demnach hat der Aufsichtsrat „zur Kenntnis genommen“, dass VW in Europa trotz vieler Eingriffe noch immer eine Überkapazität von rund 500.000 Fahrzeugen im Jahr habe und dass die Belegung der vier Standorte ein Problem ist. Der Betriebsrat und die IG Metall erklären in einer eigenen Mitteilung: „Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werksschließung besiegelt.“ Vom Tisch ist das mögliche Aus der Standorte aber nicht. Die Belegschaften müssen weiter zittern.
Besonders hart wurde um eine grundlegende Strukturreform im Konzern gekämpft, die den Einfluss des Betriebsrats und Niedersachsens zurückgedrängt hätte. Mit seiner Beteiligung von 20 Prozent hält das Land im Einklang mit dem VW-Gesetz eine Sperrminorität. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben eine größere Blockademacht als in anderen Unternehmen. Die Familien Porsche und Piëch wollten die Wolfsburger Stammmarke VW und andere Konzernteile als eigenständige Tochtergesellschaften ausgliedern, sodass sie dem direkten Zugriff des Aufsichtsrats ein Stück weit entzogen worden wären. Die IG Metall verbreitet nun, dass diese Pläne „vom Tisch“ seien. Im Umfeld der Landesregierung heißt es, man werde weiterhin jede Bestrebung in diese Richtung stoppen. VW ließ am Donnerstagabend wissen, dass das Management den Auftrag habe, „ein Modell für eine fortentwickelte Entscheidungs- und Konzernstruktur des Volkswagen-Konzerns zu entwickeln“. Ganz beendet sind die Überlegungen offenbar nicht. Womöglich wird darüber noch einmal Streit ausbrechen.
Anleger zeigten sich am Freitagmorgen erleichtert über die Einigung. Der Aktienkurs lag am Nachmittag rund sechs Prozent im Plus. Mit einem Wert von rund 81 Euro notiert der Anteilschein aber weiter so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr. Analysten äußerten sich positiv. Der Kapitalmarktstratege Tim Rokossa von der Deutschen Bank bezeichnete die Einigung als „fundamentalen Durchbruch“. Lag die Umsatzrendite zum Halbjahr noch bei 3,8 Prozent, sollen es bis zum Jahr 2030 neun Prozent werden. Zentraler Hebel dafür ist, die Kosten in den Fabriken auf eine Produktion von nur noch neun Millionen Fahrzeugen im Jahr zu senken. Das ist rund eine Million weniger, als die Fabriken derzeit bauen können, und drei Millionen weniger als vor der Corona-Pandemie.
Das Konzernmanagement um Blume will den Umbau unverzüglich vorantreiben. Allerdings müssen etliche Themen mit dem Betriebsrat verhandelt werden, etwa in der bevorstehenden Planungsrunde, einem jährlichen Ringen um Investitionen und die Belegung der Fabriken mit bestimmten Fahrzeugmodellen. Demnächst stehen Tarifverhandlungen an, die viel Raum für Konflikte bieten. Mit Blick auf die Standorte in Europa heißt es, dass VW bis Ende Juni kommenden Jahres ein „mit dem Zielbild zu vereinbarendes Konzept für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Produktionsstruktur“ entwickeln werde. Was das genau bedeutet, ist offen. Niedersachsen und der Betriebsrat pochen darauf, dass an den vier gefährdeten Standorten auch in Zukunft Autos gebaut werden. Das Management prüft auch Optionen wie die Rüstungsproduktion.
In den Jahren vor der Corona-Pandemie waren die Führungsspitzen davon ausgegangen, dass VW in einigen Jahren viel mehr Autos bauen würde. Mancherorts war von bis zu 15 Millionen Stück die Rede. Stattdessen hat der Konzern vergangenes Jahr nur etwas mehr als neun Millionen Fahrzeuge ausgeliefert. Ein weiteres Abrutschen auf 8,5 Millionen Stück ist nach manchen Prognosen nicht auszuschließen. Die amerikanischen Zölle und der steigende Preisdruck durch die Expansion chinesischer Marken lasten auf dem Gewinn. Der Mittelzufluss könnte schon übernächstes Jahr negativ werden. Das birgt die Gefahr, dass die mächtigen Ratingagenturen den Daumen senken. Die Standorte in Deutschland, so hat Blume vorgerechnet, können in diesem Wettbewerb nicht mithalten. Die Arbeitskosten lägen mehr als doppelt so hoch wie an anderen Standorten in Europa. Intern ist von einer „existenzbedrohenden“ Situation die Rede.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Produktionskapazität wird auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr reduziert.
Likely · Within years
Die Tarifverhandlungen werden ein neues Konfliktfeld zwischen Betriebsrat und Management öffnen.
Very likely · Within months
VW wird die Option der Rüstungsproduktion weiter prüfen.
Possible · Within years
Open Questions
- Wie genau sollen die 50.000 Stellenabbau verteilt werden?
- Welche konkreten Maßnahmen sind für die vier gefährdeten Werke geplant?
- Wie wird die Strukturreform des Konzerns aussehen?
- Wann beginnen die Tarifverhandlungen und welche Forderungen werden gestellt?







