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Warum die befürchtete Ölkrise nach dem Iran-Krieg ausgeblieben ist
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Handelsblatt1 hour agoBusiness7 min readGermanyView translation

Warum die befürchtete Ölkrise nach dem Iran-Krieg ausgeblieben ist

Ölpreise von bis zu 200 Dollar wurden prognostiziert. Doch der Markt hat sich als robuster erwiesen als erwartet. Das Handelsblatt erklärt die Gründe.

Quick Look

  • Trotz des Irankriegs und der Schließung der Straße von Hormus blieben extreme Ölpreise von bis zu 200 Dollar aus.
  • Alternativwege wie Pipelines, geheime Schiffstransporte, US-Förderung und Chinas Rückgriff auf Reserven stabilisierten den Markt.

AI-generated summary

Why It Matters

USA und Israel griffen im Februar den Iran an, woraufhin Teheran die Straße von Hormus abriegelte und massive Preissteigerungen befürchtet wurden.

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Ölpreise von bis zu 200 Dollar pro Barrel prophezeiten Experten wegen des Irankriegs. IEA und EU warnten vor Engpässen. Das Handelsblatt erklärt, warum diese Prognosen nicht eingetreten sind.

Brüssel, Frankfurt, Paris. Als die USA und Israel Ende Februar den Iran angriffen und Teheran die Straße von Hormus abriegelte, warnten Händler und Experten die Welt vor einer Ölkrise, größer als jede zuvor. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl schoss von 72 Dollar innerhalb weniger Tage auf mehr als 119 Dollar.

In der Folge überschlugen sich die Warnungen regelrecht: Der Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Fatih Birol, erklärte die Krise für „ernster als die von 1973, 1979 und 2022 zusammen“. Der renommierte Energiehistoriker Daniel Yergin sprach von der „größten Energiekrise, Energiestörung und Energieunterbrechung der Geschichte“. Ökonomen warnten vor einer schweren Rezession.

Jeff Currie, lange Zeit Rohstoffchef von Goldman Sachs und heute bei Carlyle, stellte gemeinsam mit seinem Kollegen James Gutman fest: „Wir glauben, dass die Welt heute anfälliger für einen Ölschock ist als 1973, nicht weniger.“

Bliebe die Straße von Hormus einen weiteren Monat geschlossen, könne Brent in Richtung 150 Dollar steigen, erklärte JP-Morgan-Chefökonom Bruce Kasman Ende März. Ähnlich äußerten sich Experten von der Société Générale. Fast zeitgleich warnten Analysten von Macquarie, der Preis könne bis auf 200 Dollar steigen, falls der Krieg bis Ende Juni andauere. Blackrock-Chef Larry Fink warnt, ein dauerhaftes Preisniveau von 150 Dollar hätte noch schwerwiegendere Folgen: „Wir werden eine globale Rezession haben.“

Auch im Frühjahr, als der erste Preisschock bereits abgeklungen war, blieben die Prognosen düster. JP Morgan prognostizierte Preise von mehr als 150 Dollar, falls die Störungen in Hormus bis Mitte Mai anhielten. IEA-Chef Birol warnte Ende Mai vor Engpässen: Der Ölmarkt könne im Juli oder August in die „rote Zone“ geraten, wenn Exporte aus dem Nahen Osten ausblieben und die Vorräte weiter schrumpften. Auch die EU-Kommission warnte vor Versorgungsengpässen bei Kerosin und Diesel ab dem Sommer.

Doch Ende August ist davon erstaunlich wenig eingetreten. Der Krieg dauert inzwischen ein halbes Jahr, und ein Barrel Brent kostet aktuell rund 95 Dollar. Das ist zwar ein Wochenanstieg von fast sechs Prozent, nachdem die USA erneut den Iran bombardiert und dieser mit Gegenangriffen auf US-Stützpunkte reagiert hatte. Doch vor wenigen Monaten hätten die Preise extremer auf solche Neuigkeiten reagiert.

Es wirkt, als sei der Markt mittlerweile abgestumpft. Dabei liegen die Ölexporte aus der Golfregion noch immer bei lediglich etwa zwei Dritteln des Vorkriegsniveaus von täglich 20 Millionen Barrel (159 Liter).

Warum hat sich der Ölmarkt so fundamental anders entwickelt, als viele Experten erwartet hatten? Die Antwort liegt in einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Das Handelsblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie viel Öl fließt über Pipelines?

Die Golfproduzenten fanden schnell Alternativwege für ihr Öl und sorgten so dafür, dass der Preis nicht weiter hochkletterte. Vor allem Saudi-Arabiens East-West-Pipeline spielte dabei eine wichtige Rolle. Durch sie transportiert Saudi-Arabien Öl quer durchs Land zum Yanbu-Hafen am Roten Meer.

In den intensivsten Phasen der Hormus-Blockade leitete Saudi-Arabien der Schweizer Großbank UBS zufolge Rekordmengen von bis zu fünf Millionen Barrel pro Tag über diese Route um. Vor dem Krieg, im Januar und Februar, seien es noch 1,4 Millionen Barrel pro Tag gewesen.

Allerdings ist die Infrastruktur verwundbar: Eine Verdichterstation der Pipeline wurde bereits von Geschossen getroffen und reduzierte die Exportkapazität tagelang um zehn Prozent, wie Energieexperte Francesco Sassi von der Universität Oslo schreibt.

Zudem haben die Huthi-Rebellen Schiffe angegriffen, die Öl von Yanbu aus in Richtung Asien transportieren wollten. Zwar können die Tanker einen Umweg über den Suezkanal nehmen, doch verlängert sich dadurch die Reisezeit laut UBS um bis zu 40 Tage mit entsprechend höheren Kosten.

Saudi-Arabien plant dennoch, die Pipeline auszubauen, um zusätzliche Kapazitäten von bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag zu ermöglichen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate wollen ihre Pipeline ausbauen und mehr als drei Millionen Barrel pro Tag an zusätzlichen Kapazitäten ermöglichen. Aktuell verfügt die Abu Dhabi Crude Oil Pipeline über eine Kapazität von bis zu 1,8 Millionen Barrel pro Tag. Sie führt zum Hafen Fujairah außerhalb des Persischen Golfs.

Der Irak verfügt hingegen über weniger Alternativen zu Hormus. Die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline zur Türkei kann bis zu 1,6 Millionen Barrel pro Tag transportieren, sie war aber wegen eines langen Rechtsstreits lange außer Betrieb. Aktuell fließen durch sie laut Commerzbank nur 190.000 Barrel pro Tag.

Können andere Produzenten den Ölausfall aus der Region auffangen?

Statt der Golfregion wurden vor allem die USA zur neuen Ölmacht, also das Land, das den Krieg ausgelöst hat. Die US-Ölexporte stiegen im Mai, zur Hochphase der Krise, laut dem Analysehaus Kpler auf ein Rekordniveau von 5,66 Millionen Barrel pro Tag, fast 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Einige US-Schieferölproduzenten haben die hohen Preise genutzt, um ihre Förderkapazität auszubauen, so etwa Diamondback Energy. Der mit Abstand größte Schieferölproduzent, Exxon, konnte seine Produktion im zweiten Quartal um 12,5 Prozent auf 1,8 Millionen Barrel pro Tag steigern.

Dennoch erwartet die US-Energiebehörde EIA für dieses Jahr insgesamt nur ein Produktionswachstum von 200.000 Barrel pro Tag. Denn andere Ölkonzerne nutzen ihre Gewinne vor allem, um ihren Aktionären höhere Dividenden auszuzahlen und Schulden zu begleichen. Zudem stammen viele der US-Ölexporte aus den strategischen Reserven, die sich nun auf Tiefstständen bewegen.

Allerdings konnte auch Brasilien seine Produktion deutlich erhöhen. Das staatliche Unternehmen Petrobas steigerte seine Förderung im Juni um 19 Prozent auf 4,5 Millionen Barrel pro Tag, berichtete Bloomberg.

Welche Rolle spielen heimliche Transporte durch die Straße von Hormus?

Weder andere Produzenten noch die alternativen Pipelines können den Transport durch die Meerenge also bisher vollständig ausgleichen. Deshalb gingen Analysten bis in den Sommer von weiter steigenden Preisen aus. Womit viele nicht gerechnet hatten: Trotz der Blockade der Straße von Hormus gelangt weiter Öl durch die Meerenge. Die Schätzungen, wie groß diese Mengen sind, liegen jedoch weit auseinander. Zwischenzeitlich gelangten rund zehn Millionen Barrel Öl pro Tag durch die Straße von Hormus, als zwischen den USA und dem Iran ein fragiler Waffenstillstand bestand.

Auch nachdem die Kämpfe Anfang Juli wiederaufgenommen wurden, beharrte US-Energieminister Chris Wright darauf, dass weiterhin knapp neun Millionen Barrel pro Tag durch die Straße von Hormus verschifft werden.

Unabhängige Analysten halten diese Schätzung jedoch für deutlich zu hoch. Die meisten Schätzungen liegen bei drei bis fünf Millionen Barrel pro Tag, schreibt Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst beim dänischen Analysehaus Global Risk Management. Etwas höher fällt die aktuelle Schätzung der US-Investmentbank Goldman Sachs aus: acht bis zehn Millionen Barrel pro Tag. Die Schätzung von Bloomberg liegt genau in der Mitte, bei sechs bis acht Millionen Barrel pro Tag.

Laut den Experten von Goldman sollen die Ölexporte aus dem Persischen Golf insgesamt wieder bei rund zwei Dritteln des Vorkriegsniveaus liegen, also bei 15 bis 16 Millionen Barrel pro Tag.

Reedereien und Produzenten sind kreativ dabei geworden, Öl trotz der iranischen und der US-amerikanischen Drohungen durch die Passage zu transportieren. Sie setzen zum Beispiel auf das sogenannte Shuttling: Dabei pendeln deutlich kleinere Tanker als üblich zwischen verschiedenen Umschlagpunkten und durchqueren dabei mehrfach die Straße von Hormus.

Um ihre Bewegungen schwerer nachvollziehbar zu machen, schalten viele Schiffe zeitweise ihre AIS-Transponder ab, die normalerweise deren Standort und Route an andere Schiffe und Behörden senden. So sind die Schiffe für potenzielle iranische Angriffe schwer auszumachen. Zudem sind die Versicherungskosten für kleinere Schiffe niedriger, und das Risiko wird verteilt.

An den Umschlagplätzen wird die Ladung häufig im sogenannten Ship-to-Ship-Verfahren (STS) auf größere Tanker umgepumpt. Diese übernehmen dann den Weitertransport in Richtung der internationalen Märkte. Durch die Kombination aus Shuttling und Umladungen auf offener See lassen sich auch die Lieferketten deutlich schwerer nachvollziehen.

Was Experten schon seit Wochen vermuten, bestätigte ein großer Energiekonzern Ende August erstmals: „Ich kann Ihnen sagen, dass heute Rohöl ganz still und fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit durch die Straße von Hormus transportiert wird“, sagte Patrick Pouyanné, Vorstandschef des französischen Energiekonzerns Total Energies auf einer Energiekonferenz im norwegischen Stavanger.

Sein Konzern halte so möglichst diskret den Rohölhandel durch die Straße von Hormus aufrecht. „Es ist nicht einfach, weil man Reeder finden muss, die bereit sind, das zu tun“, sagte er. Total Energies sei derzeit vermutlich der größte Händler von Öl aus dem Irak oder Katar. Auf Nachfrage des Handelsblatts machte das Unternehmen jedoch keine Angaben, welche Mengen das Unternehmen transportiert.

Trotz der Gefahren, die die Passage mit sich bringt, rechnet sich der Transport für Total Energies. Nach Pouyannés Angaben kostet es rund 20 Millionen Dollar, einen sehr großen Rohöltanker – einen sogenannten VLCC – durch die Straße von Hormus und zurück zu bringen. Bei einer Ladung von etwa zwei Millionen Barrel entspricht das zusätzlichen Transportkosten von ungefähr zehn Dollar je Fass. Diese Mehrkosten würden durch die hohen Preisnachlässe der Produzenten mehr als ausgeglichen. „Rohöl wird Ihnen für 50 oder 60 Dollar je Barrel verkauft – nicht zum Brent-Preis, weil die Produzenten verzweifelt versuchen, ihr Öl auf den Markt zu bringen“, sagte Pouyanné. Eine Gebühr an den Iran zahle man nicht.

Liegt das Problem gar nicht beim Rohöl, sondern bei raffinierten Produkten?

Die Rechnung für die riskante Passage vorbei an den iranischen Revolutionsgarden geht beim Rohöl auf, weil es mit besonders großen Supertankern transportiert werden kann. Anders sei die Situation bei raffinierten Produkten wie Benzin und Diesel, sagte Pouyanné. Dafür kommen kleinere Tanker zum Einsatz. Dadurch steige laut Pouyanné der Transportaufschlag auf etwa 50 Dollar je Barrel – ein Niveau, bei dem sich die Passage wirtschaftlich nicht mehr lohne.

Die Folge sei ein ungewöhnlicher, zweigeteilter Markt: Während Rohöl angesichts der Preisnachlässe der Produzenten günstiger werde, seien raffinierte Produkte auf dem Weltmarkt knapp und entsprechend teuer. Ein Geldsegen für Unternehmen wie seines, die Rohöl raffinieren.

Der Preis für Gasöl, dem Vorprodukt von Diesel und Heizöl, ist tatsächlich deutlich stärker gestiegen als der Rohölpreis.

Zudem wurden Raffineriekapazitäten in der Golfregion durch iranische Angriffe zerstört. Insgesamt fallen derzeit rund zwei Millionen Barrel pro Tag an Raffineriekapazitäten im Nahen Osten weg, sagt Kerstin Hottner, Leiterin Rohstoffe bei der Schweizer Bank Vontobel.

Weltweit fallen ihrer Aussage nach derzeit sogar sieben Millionen Barrel pro Tag weg. 1,5 Millionen Barrel pro Tag fehlen aus Asien, da die asiatischen Länder zu wenig Rohöl erhalten.

Und 3,5 Millionen Barrel pro Tag fehlen aus Russland. Die Ukraine hat seit Mai ihre Angriffe auf russische Raffinerien ausgeweitet. Laut Hottner sind derzeit etwa 50 bis 60 Prozent der russischen Raffinerien außer Betrieb.

Russland, normalerweise einer der wichtigsten Exporteure von Diesel, hat mittlerweile mit einem Engpass im Inland zu kämpfen und musste Diesel bereits für Verbraucher rationieren. Daher verhängte die Regierung nun ein Exportverbot für Diesel.

Die Folgen sind inzwischen auch auf dem Weltmarkt spürbar. Nach Daten des Finanzinformationsdiensts Bloomberg und des britischen Analysehauses Vortexa fielen die russischen Exporte von Diesel und Gasöl in den ersten sieben Augusttagen auf ein Rekordtief von nur noch 80.000 Barrel pro Tag. Ende vergangenen Jahres lagen die Ausfuhren noch bei mehr als einer Million Barrel täglich.

Zusammen mit den Ausfällen aus dem Nahen Osten fallen derzeit weltweit rund 15 Prozent an Dieselexporten weg, sagt Vontobel-Expertin Hottner. Die Folge: Die Lagerbestände sinken rasant. So sind die Dieselvorräte in den USA, gemessen an dem für Ende August typischen Niveau, laut Bloomberg so niedrig wie noch nie. Der US-Einzelhandelspreis für Diesel ist daher am Freitag auf ein Rekordhoch gestiegen.

Wie hilft China, den Ölpreis zu stabilisieren?

Neben den Transporten durch die Pipelines und den heimlichen Transporten durch die Hormus-Passage ist es vor allem China, das dafür gesorgt hat, dass die Ölpreise nicht explodiert sind. Der weltweit größte Ölimporteur hatte im vergangenen Jahr, als die Preise niedrig waren, in großen Mengen Öl gekauft und damit seine strategischen Reserven gefüllt. Davon profitiert die Volksrepublik aktuell. Statt teures Öl zu importieren, kann China auf seine riesigen Reserven zurückgreifen.

Die Folge: Die Rohölimporte Chinas fielen im Juni laut Bloomberg auf nur noch 6,4 Millionen Barrel pro Tag und damit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2016. Das sind rund vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag weniger als vor dem Konflikt.

Kann der große Öl-Schock noch kommen – und was müsste dafür passieren?

Dass der Ölpreis nicht die befürchteten Höchststände erreicht hat, ist also Verschleierungstaktiken der Reedereien, die sich dennoch durch Hormus wagen, den Pipeline-Transporten und der verringerten Nachfrage Chinas zu verdanken. Wie groß Chinas Lagerbestände sind, ist unbekannt, da die Volksrepublik diese Zahl geheim hält. Im Juni lag die Abbaugeschwindigkeit laut Energy Aspects allerdings bei mehr als einer Million Barrel pro Tag. Laut Schätzungen von Kpler lagen die Bestände bei bis zu 1,2 Milliarden Barrel.

Sollten also die militärischen Konflikte in der Straße von Hormus so stark eskalieren, dass heimliche Transporte durch die Meerenge zu riskant werden oder wichtige Infrastruktur getroffen wird, könnte der Preis schnell wieder steigen.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Saudi-Arabien und VAE treiben den Ausbau ihrer Pipelines voran.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wie groß sind Chinas geheime Ölreserven genau?
  • Wie lange halten die geheimen Schiffstransporte durch Hormus stand?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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