
Der 3. Oktober als Anlass zur Frage nach dem kollektiven Traum der Deutschen, geprägt von historischen Brüchen, geteilten Erinnerungen und dem Aufstieg der AfD.
AI-generated summary
Der Autor reflektiert über die deutsche Identität, historische Traumata und den politischen Wandel von der Nachkriegszeit bis zum Aufstieg der AfD.
Der 3. Oktober sollte mir ausreichend Deckung geben, die einzige nationale Frage zu klären, die zählt: Welchen Traum haben die Deutschen eigentlich von ihrem Land? Träumen sie noch von mehr als davon, eine weitere Fußball-WM zu gewinnen?
Die Frage stellt sich gerade jetzt, weil die AfD da steht, wo sie steht. Aber darauf gebracht hat mich das Kino. In der wunderbaren Komödie „Tootsie“ von 1982 verkörpert Dustin Hoffman einen erfolglosen Schauspieler, der so verzweifelt ist, dass er sich als Frau verkleidet, um einen Gig an Land zu ziehen. Hoffmans besten Freund, ebenfalls Schauspieler und ebenfalls ohne Job, spielt der ebenfalls wunderbare Bill Murray.
Dessen Figur schreibt an einem Theaterstück, das nie richtig fertig wird, sitzt mit Partygästen im Schummerlicht der WG-Küche und versucht, vor ihnen profund daherzureden. Eines sei doch traurig, sinniert er: Wenn Menschen in diesen Tagen träumen, spielen ihre Träume nicht mal mehr in ihrem eigenen Land.
Warum ich mir diese Sentenz gemerkt habe, beim ersten Hören schon, vermag ich nicht zu sagen. Der Charakter, der sie ausspricht, ist ein offensichtlicher Windbeutel, wenngleich ein liebenswerter. Doch der Spruch fand in mir eine eigentümliche Resonanz. Ja, wo, dachte ich, spielen eigentlich deutsche Träume?
Deutschland, schwierig Vaterland
Als ich ungefähr 16 war und politisch zu denken begann, fiel mir auf, dass ich als Deutscher ein „schwieriges Vaterland“ habe, in den Worten eines ehemaligen Bundespräsidenten. Ein früherer Klassenkamerad erzählte mir einmal, er habe sich in jungen Jahren bei Reisen im Ausland als Norweger ausgegeben, und ich verstehe den Impuls.
In was für ein Land man hineingeboren wird, kann man sich nicht aussuchen – und man muss in aller Regel eine ganze Weile damit leben. Man kann sich, wenn die Sache unerträglich wird, davon trennen wie von einem toxischen Partner. Wie bei einem Partner kann das so einiges kosten. Aber so ganz lässt sich dieses Band nicht kappen.
Mein Mitschüler, ich und andere, die Mitte der Sechziger im Westen geboren wurden, waren nicht nur die umfangreichsten Alterskohorten in der Geschichte der Republik. Wir waren auch unter den ersten, die in ganzer Breite mit den deutschen Verbrechen in Nationalsozialismus und Weltkrieg konfrontiert wurden und diese Vergangenheit nun „bewältigen“ sollten.
Es war für viele der prägende Teil ihrer politischen Sozialisation: die Erkenntnis, dass wir Deutschen eine Art Rekord der Barbarei aufgestellt hatten, der lange Bestand haben würde. Die Mordlust der Nazis brachte es mit sich, dass der Vorrat an Geschichten über deutsches Unwesen nicht zur Neige gehen würde. Das „tausendjährige Reich“, in der Tat.
Nach Auschwitz, so fand Adorno bekanntlich, sei das Gedichteschreiben unmöglich geworden. In der jungen Bundesrepublik setzten sich solche Ansichten nur zögerlich durch. Wenigstens kleine Fluchten ermöglichte den Westdeutschen das Reisen, das sich anschickte, zu einer Art nationalem Hobby zu werden. Der Aufenthalt an einem Strand sollte uns aus uns selbst herausführen: über die Alpen und bis nach Rimini. Selbst wenn es nur für drei oder vier Wochen im Jahr war.
Der Imperativ der Bundesrepublik: Nie wieder
Doch mächtig blieb der Schatten der deutschen Albtraumorte: „Nur von Stalingrad erzählt er nie“, hieß es 1981 (dialektbereinigt) in einem Lied der Kölner Band BAP über einen fabulierenden Obdachlosen namens Jupp. „Wo liegt das, Stalingrad? In welchem Land ist das? Stalingrad packt er nie, irgendwie.“ Wenn man überhaupt von „den“ Deutschen sprechen kann und es damals so etwas wie eine kollektive Vorstellung davon gab, wie das eigene Land aussehen sollte, dann vor allem als Gegenentwurf dazu, wie es gewesen war. In einem Imperativ: Nie wieder!
Unter diesem Vorzeichen haben wir Westdeutschen über Jahrzehnte hinweg eine lebendige Demokratie gebaut, auch wenn die frühen Wetten gegen uns standen, und manche der späteren ebenfalls. Wir haben uns eine tragfähige Kultur der Erinnerung an die Jahre 1933 bis 1945 erarbeitet, auch wenn viele in den Jahren direkt danach schwiegen: aus Scham, aus Abwehr, als Mittäter.
Was, bitteschön, ist eine „Nation“?
Der amerikanische Politologe Benedict Anderson hat Nationen als „imagined communities“ beschrieben: vorgestellte politische Gemeinschaften, deren Mitglieder einander zum größten Teil nie begegnen, die keine selbstverständliche gemeinsame Geschichte teilen – und sich dennoch als Teil eines Kollektivs begreifen. An meiner eigenen Zugehörigkeit zum Kollektiv „Deutsche“ habe ich bisweilen gelitten. Oder sagen wir: Ich habe damit gehadert. Etwa damit, dass Menschen aus anderen Ländern es sich mit dem Verhältnis zu ihrem Land leichter machen können. Mit Interesse höre ich, wie Deutsche dafür gelobt werden, wenn sie angeblich den „Patriotismus neu denken“, indem sie sich „die Fahne zurückholen“ (Jürgen Klopp). Dann denke ich: Ah ja, so geht das also. Schon ist das Vaterland nicht mehr so schwierig.
Ein Amerikaner würde es für recht überflüssig halten, sich selbst zu befragen, wovon er und seine Landsleute denn kollektiv träumen. Er kann auf den sprichwörtlichen „amerikanischen Traum“ zurückgreifen: als Minimalkonsens von ganz erheblicher Reichweite. And er hat die Vision von den USA als einem Leuchtfeuer der Freiheit für die Welt. Da können „blue states“ und „red states“ mental und politisch im Detail ruhig unterschiedlich ticken. Und doch schätze ich persönlich hierzulande das Zögern und Zaudern, in das wir oft verfallen. Sein oder nicht sein? Wie soll es sein? Wir Deutsche grübeln und debattieren ja selbst ernsthaft darüber, ob wir unser freiheitliches Lebensmodell verteidigen wollen.
Mark, Rente, Eigenheim und NATO
Freiheit: Ist das vielleicht etwas, wovon Deutsche träumen? Die Meinungsforscher von Allensbach, die regelmäßig das Werteprofil der Deutschen scannen, kommen zu einem anderen Befund: dass Freiheit in Deutschland zwar hoch geschätzt wird, hinter der Gerechtigkeit aber häufig zurücktritt. Im Mix der gesellschaftlichen Leitmotive finden sich aber auch andere. „Die Suche nach Sicherheit“ nannte der Historiker Eckart Conze 2009 seine gut 1000 Seiten umfassende Geschichte der Bundesrepublik von 1949 bis in die Gegenwart; hier haben Mark, Rente, Eigenheim und NATO ihren Auftritt.
Freiheit ist ein zentraler Wert der inzwischen gesamtdeutschen Verfassung und zugleich eine oft umkämpfte Wirklichkeit. Ein positiver nationaler Traum, ein emotionaler Markenkern aber ist Freiheit hierzulande lange nicht gewesen.
Das änderte sich erst spät, für einen historischen Augenblick – mit dem Fall der Mauer. Damit sind wir fast bei Ostdeutschland und der AfD; aber das ahnten Sie als aufmerksamer Leser bereits.
Die Revolution, den Zusammenbruch der DDR und die Einheit las der Historiker Conze im Rückblick nicht als Sonderfall der deutschen Sehnsucht nach Stabilität, sondern als massiven Verlust an Gewissheiten, der die Sehnsucht nur erneuerte. Die DDR war ein autoritärer Staat gewesen, aber sie hatte ihren Bürgern innerhalb ihrer streng bewachten Grenzen ein Sicherheitsversprechen gegeben: soziale Grundversorgung, staatlich organisierte Lebensläufe und berechenbare Verhältnisse – erkauft durch Repression.
Zunächst aber schien die Geschichte gut auszugehen. Die Zukunft schien offen, und das war gut so.
Amerikanisch, jung – und begeistert von „West Germany“
Wie es sich ergab, verbrachte ich das akademische Jahr 1989/90 als Austauschstudent an einem großartigen kleinen College in Connecticut. Dass die deutsche Teilung plötzlich enden würde, konnte in diesem Sommer noch niemand ahnen. Irgendwann in jenen Monaten kam ich im „Campus Center“ mit einem schwarzen Studenten ins Gespräch, der mitbekommen hatte, woher ich stammte. Im Souterrain des Gebäudes holte man seine Post ab, weiter oben bei „Itza Pizza“ besorgte man sich zwischen den Einsätzen in der Bibliothek einen Snack.
Der Kommilitone schwärmte mir ausführlich von meiner eigenen Heimat vor, von Effizienz, harter Arbeit und materieller Sicherheit – war aber selbst noch nicht da gewesen. Ich weiß noch, dass ich dachte: Deutschland – ein Traum von einem Land? Wie ungewöhnlich.
Das Wirtschaftswunder als ideelles Exportgut
Wenn ich anderen Studenten sagte, dass ich aus „West Germany“ kam, bemühten manche einen alten Scherz: „Is that our part or theirs?“ Ist das unsere Hälfte oder die der anderen? Das meinte natürlich: die der Sowjets.
Den Deutschland-Begeisterten hingegen beschäftigte zuvörderst der spektakuläre ökonomische Erfolg – der auch bei den Bewohnern der Bundesrepublik zu einer wesentlichen Stütze ihrer Identität geworden war. Für den Enthusiasten spiegelte das deutsche Wirtschaftswunder, ohne dass er den Begriff gekannt hätte, seine eigene Erwartung an einen gesellschaftlichen Aufstieg, den das elitäre, teure College ihm ermöglichen sollte. Made in Germany: ein besseres Leben.
Vom Fall der Mauer erfuhr ich dann, als ich am 10. November die Main Street von Middletown, Connecticut, entlangschlenderte und auf der Titelseite der New Yorker Boulevardzeitung „Daily News“ die Schlagzeile „FREEDOM! Berlin Wall comes tumblin‘ down“ sah. Damit trat ein Traum auf den Plan, der weltgeschichtliche Weiterungen hatte und in diesem Moment allein den Deutschen gehörte: der Traum von Freiheit nicht nur für den Westen. Die Deutschen waren, wie man so sagt, Urlaubs-, Export-, Fußball- und Erinnerungsweltmeister. Jetzt konnten wir beweisen, dass uns auch andere Dinge wichtig waren.
Für die Barkeeperin war Freiheit kaum der Rede wert
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: An jenem Tag fand ich auf der Main Street von Middletown die nächstgelegene Bar. Es war um die Mittagszeit, so oder so keine gute Zeit für einen Drink. Aber ich musste, die Zeitung noch in der Hand, mit jemandem reden. Sofort. Und auf der Straße war kaum jemand unterwegs.
In den folgenden Tagen würden die Bilder aus Berlin über den Bildschirm der kleinen Schwarzweißglotze flimmern, die in meinem Studentenzimmer auf einer Obstkiste in der Ecke stand. Die Barkeeperin muss sich nicht wenig gewundert haben, dass da jemand an ihrem Tresen auftauchte und wissen wollte, was sie von dem halte, was gerade fast 4000 Meilen entfernt passiert war. Vielleicht fragte sie sich auch nur, ob sie dem Jungen vor sich Alkohol ausschenken durfte. Dass die Mauer gefallen war, fand sie „great“, oder etwas Ähnliches. Das bedeute doch, sagte sie, dass die Leute dort jetzt frei würden, oder?
Die Angst zu Gast im „Deutschen Haus“
Mein Zimmer befand sich in einer Haus-WG, „German House“ genannt, die für Studenten vorgesehen war, die deutsche Eltern hatten, Deutsch studierten oder sich irgendwie für Deutschland interessierten. Ein Mitbewohner, dessen Mutter Deutsche war, besorgte sich umgehend ein Ticket und flog nach Berlin. Das wollte er sich nicht entgehen lassen.
Ich dagegen, erst wenige Monate zuvor angereist, verzichtete darauf, den historischen Augenblick mitzuerleben. Allzu gut hatte ich die Warnungen deutscher Leitdenker in den Ohren: Ein womöglich wiedervereinigtes, größeres Deutschland in der Mitte Europas müsse notwendigerweise für seine Nachbarn gefährlich werden. Von einem „Vierten Reich“ sprach man. „A Fourth Reich?“ hieß denn auch der Vortrag eines Deutsch-Professors, den das „German House“ organisierte; ich machte das Poster dazu.
Die Denkfigur hatte eine lange Tradition: Vor allem in linksliberalen Milieus galt die Bundesrepublik bis in die Achtzigerjahre hinein als eine Demokratie auf Bewährung; vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte erschien sie als nicht belastbar. Ich hatte solches Reden zumeist als eine politisch motivierte Diffamierung der deutschen Neugründung betrachtet.
Doch im Ausland waren die deutschen Selbstzweifel nicht ohne Wirkung geblieben. Deshalb bot ich der Studentenzeitung „Argus“, deren Büros in einem Gebäude ganz in der Nähe des „German House“ untergebracht waren, einen Artikel an, der emphatisch um Vertrauen für das „new Germany“ warb: Man könne jetzt auf uns zählen.
Wenn aus dem Traum ein Trauma wird
Von der „Ironie der Geschichte“ redet man gerne, und das klingt leicht und putzig. Doch wo Ironie Welt wird, ist sie meist bitter. Traurig. Nicht selten hässlich. Innerhalb von gerade mal drei Jahrzehnten ist der einstige „Wahnsinn!“-Traum für den östlichen Teil Deutschlands in ein Trauma gemündet– und in politische Mehrheiten für eine Partei wie die AfD, die derart von Ressentiments getrieben ist.
Für mich ist das ein Fiasko, das ich durchaus persönlich nehme, auch wenn ich im Westen lebe. Als in den Achtzigerjahren darüber gestritten wurde, ob auf deutschem Boden amerikanische Mittelstreckenraketen stationiert werden sollten, um sich im Kalten Krieg zu behaupten, war ich dafür; ich galt als „Falke“. Im Bonner Hofgarten versammelten sich Hunderttausende, die dagegen waren; einer der Slogans war: „Lieber rot als tot.“ Mein Argument hingegen lautete: Würdet ihr denn wirklich so leben wollen wie die Menschen in der DDR, die noch nicht mal nach Heilbronn fahren dürfen?
Inzwischen hat Deutschland Erfahrungen mit gleich zwei Diktaturen hinter sich: dem völkermörderischen Nationalsozialismus und der angeblich vergleichsweise „kommoden“ SED- und Stasiherrschaft, wie Günter Grass aus sicherer Entfernung über die DDR sagte. Ich persönlich hatte fest darauf gezählt, dass die Deutschen durch diese historische Prägung für absehbare Zeit immunisiert wären gegen die Verführungen völkischen oder autoritären Denkens. Welch ein Irrtum.
Viele Ostdeutsche erlebten eine Entwertung ihrer Biographie
Gerade in diesen Tagen wird heftig darüber gestritten, warum es anders gekommen ist. Ob wir es vor allem mit einem Phänomen des Ostens zu tun haben; welche Umstände die Erfolge der AfD im Westen erklären. Enttäuschung, Statusangst – das sind offenbar gesamtdeutsche Erscheinungen. Die „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ steht als Ziel im Grundgesetz. Pointiert könnte man sagen: Mit dem Vormarsch der AfD in West wie Ost ist die innere Einheit vollendet. Aber eben auf unselige Weise.
Wenn man weiter darüber nachdenkt, findet man noch weitere Momente historischer Ironie, einer trauriger als der andere. Die Menschen im Osten haben nach dem Krieg einen hohen Preis für den nationalsozialistischen Irrsinn aller Deutschen bezahlt, indem sie für den realsozialistischen Großversuch herhalten mussten. Jenen im Westen derweil stand dank der Gnade des Geburtsorts eine Welt der Gelegenheiten offen.
Dass so viele ehemalige DDR-Bürger sich heute für die Ideen der AfD gewinnen lassen, lässt sich vermutlich mit Verweis auf vermeintliche oder tatsächliche Demütigungen und Enttäuschungen durch „den Westen“ erklären. Ein weiteres Opfer der Verbitterung war offenbar auch der Respekt für das unter Mühen aufgebaute westdeutsche Parteiensystem.
In the current Insa Sunday trend, the AfD reached a new high of 30 percent, while the Union slipped to 18 percent. The SPD and Greens are at 14 percent, the FDP and BSW miss the five percent hurdle.
Green politician Michael Kellner criticizes the G7 decision to release oil reserves to reduce fuel prices. He sees this as an election campaign maneuver by US President Trump and calls for a fundamental realignment of German energy policy.

In Bremen, Federal President Steinmeier warned against political demagoguery and extremism. On German Unity Day, he emphasizes the threat to social unity. Accompanying celebrations and an Antifa demonstration took place.

In the Brazilian presidential election, 80-year-old Luiz Inácio Lula da Silva is running against Flávio Bolsonaro, who is running as a deputy for his imprisoned father Jair Bolsonaro. Polls currently see the leftist Lula narrowly in the lead.
On German Unity Day, Federal President Frank-Walter Steinmeier warns against the destabilization of democracy by populist parties. He calls for a determined fight against extremism and a professional government policy.

Berlin is often perceived as dysfunctional, but economic data and S-Bahn punctuality partially refute this. As the city grows economically, deep-rooted residents' gripes and a complex political history shape the picture.