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Wie präzise sind Prognosemärkte bei US-Vorwahlen?
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Handelsblatt1 hour agoBusiness5 min readGermany

Wie präzise sind Prognosemärkte bei US-Vorwahlen?

Das Handelsblatt hat die Wahlausgänge von US-Primaries mit den Wettquoten von Plattformen wie Polymarket abgeglichen. Die Ergebnisse zeigen Stärken bei Favoriten, aber Schwächen bei umkämpften Rennen.

Quick Look

  • Das Handelsblatt untersuchte die Vorhersagekraft von Prognosemärkten wie Polymarket bei US-Gouverneurs-Vorwahlen.
  • Während klare Favoriten oft korrekt identifiziert wurden, erwiesen sich hart umkämpfte Rennen als deutlich fehleranfälliger für Marktverzerrungen.

AI-generated summary

Why It Matters

Prognosemärkte wie Polymarket erlauben Wetten auf politische Ereignisse mittels Kryptowährungen. Kritiker sehen darin Glücksspiel und Manipulationsrisiken.

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Das Handelsblatt hat die Wahlausgänge aller US-Primaries ausgewertet und mit den entsprechenden Prognosemarkt-Wetten abgeglichen. Sind die Plattformen ein guter Indikator?

„Vertrau nicht den Umfragen, vertrau den Märkten.“ Dieser von Polymarket benutzte Slogan verrät viel über das Selbstverständnis des Prognosemarkt-Anbieters. Das junge Technologieunternehmen versucht, sich mit solchen Aussagen nicht nur vom klassischen Glücksspiel abzugrenzen, sondern seiner Technologie politische und wirtschaftliche Relevanz zu verleihen.

Aber kann man dem Wettmarkt wirklich mehr als Umfragen vertrauen? Wird die Plattform ihrem Selbstanspruch als Prognosemarkt gerecht? Das Handelsblatt hat dies anhand vergangener Wetten auf US-Vorwahlen überprüft.

Polymarket ist neben dem Konkurrenten Kalshi eine der beiden größten und prominentesten Anbieter von Wetten auf bevorstehende Ereignisse. Jedes Ereignis, auf das gewettet werden kann, wird als Prognosemarkt bezeichnet.

Das Geschäftsmodell ist einfach: Nutzer können „Ja“- oder „Nein“-Wetten auf den Ausgang realer Zukunftsereignisse kaufen und verkaufen. Abgewickelt werden die Wetten vollautomatisch über die Kryptowährung USDC, einen an den US-Dollar gekoppelten Stablecoin. Der Preis für jede Wette bemisst sich an der Eintrittswahrscheinlichkeit des Ereignisses, auf das gesetzt wird. Dabei bedeutet ein Preis von beispielsweise 85 Cent, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit bei 85 Prozent liegt. Kaufen viele Menschen „Ja“, steigt der Preis dieser Option, gleichzeitig sinkt der Preis für „Nein“.

Auch, wenn Experten uneins über die tatsächliche Aussagekraft von Prognosemärkten sind, wird anlässlich der Anfang November stattfindenden US-Zwischenwahlen voraussichtlich erneut viel Geld auf den Plattformen auf das politische Großevent gesetzt.

In den sogenannten Primaries bestimmen Demokraten und Republikaner, wer für sie im November antritt. Je nach Bundesstaat geht es um Gouverneursposten, einen Senatssitz und die Mandate im Repräsentantenhaus. Das Handelsblatt hat sich für die Auswertung auf die Wahlkämpfe um die Gouverneursposten beschränkt. Es ist das höchste Amt eines Staates, und Polymarket wies in 30 von 36 Staaten für diese Ämter Märkte auf. Das heißt, in 30 von 36 Staaten gab es Wetten auf den Wahlausgang. Das Gesamtvolumen belief sich dabei auf etwas mehr als 15 Millionen Dollar.

Politiker, vor allem Demokraten, Verbraucherschützer und ehemalige Regulierer kritisieren die Plattformen stark: Diese betrieben schlicht Glücksspiel auf demokratische Wahlen und eröffneten Möglichkeiten zur Manipulation, etwa wenn Kandidaten auf ihre eigene Kandidatur wetten. In mehreren Fällen ist dies nachweislich schon geschehen. Im Kongress liegt inzwischen ein Gesetzentwurf, der Wahlwetten ganz verbieten würde.

Die Kursdaten von 270 Prognosemärkten zu 48 Gouverneurs-Vorwahlen wurden über die öffentliche Schnittstelle der Polymarket-Plattform abgerufen. Wer ein Rennen tatsächlich gewann, hat das Handelsblatt mit amtlichen Quellen wie dem offiziellen Kongressverzeichnis congress.gov abgeglichen.

Gezählt wurden nur Märkte mit einer klaren Frage nach dem Wahlsieg eines benannten Kandidaten. Sowie einem aussagekräftigen Kurs rund drei Monate vor der Abstimmung. Sehr dünn gehandelte Märkte wurden gekennzeichnet, aber nicht ausgeschlossen.

Die Technologie kam an mehreren Stellen zum Einsatz. Ein mehrstufig arbeitender KI-Agent half, die passenden Märkte den einzelnen Rennen und amtlichen Ergebnissen zuzuordnen und die wissenschaftliche Literatur zum Thema auszuwerten. Zusätzlich prüften drei voneinander unabhängige KI-Modelle die Methode kritisch. Die veröffentlichten Zahlen stammen ausnahmslos aus dem geprüften Code, und jede inhaltliche Aussage lässt sich auf eine belegte Quelle zurückführen.

Grundlegend lassen sich die stattgefundenen Wahlkämpfe in drei Kategorien unterteilen: in Vorwahlen, die von Beginn an einen eindeutigen Favoriten hatten, in Vorwahlen, die eine klare Tendenz zu einem Kandidaten hatten, und in hart umkämpfte Vorwahlen. Die zeitliche Distanz bis zum tatsächlichen Wahltag ist dabei ebenfalls ein wichtiger Faktor. Das Handelsblatt hat sich dafür auf die Marktdaten 90, 30 und sieben Tage vor der Wahl konzentriert.

Ein genauer Blick auf die Daten einen Monat vor der Wahl zeigte, dass in allen Fällen, in denen der Markt einen klaren Gewinner identifiziert hatte, dieser auch gewann. Als eindeutiger Favorit gilt in diesem Fall, wenn der Einsatz auf ihn mindestens 85 Cent beträgt. Geht das Ereignis anders als die Wette aus, ist der Einsatz verloren. Da sich die Eintrittswahrscheinlichkeiten und damit die erforderlichen Einsätze für Wetten verändern, je mehr Wetten abgeschlossen werden, können auch die Gewinne unterschiedlich ausfallen. Liegt die Person mit dem Einsatz korrekt, gewinnt sie immer einen Dollar, unabhängig von ihrem Einsatz.

In zehn der untersuchten 30 Märkte gab es eine deutliche Tendenz, die Einsätze auf den Favoriten lagen dabei zwischen 65 und 85 Cent. Einen Monat vorher lag Polymarket bei sieben von zehn solcher Vorwahlen letztlich mit der Prognose richtig. Besonders interessant: Überschätzt wurden jeweils die Bewerber mit den größten politischen Namen, darunter ein US-Senator und ein Kongressabgeordneter, die das Nachsehen gegenüber unbekannteren Landespolitikern hatten.

So verlor Michael Bennet in Colorado als amtierender US-Senator und ehemaliger Kandidat für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten im Jahr 2020. Genauso wie Randy Feenstra, republikanischer Kongressabgeordneter aus Iowa, der mit einem Prozentpunkt hauchdünn verlor, und Megan Degenfeld, republikanische Inspekteurin des öffentlichen Schulsystems in Wyoming. Der Verdacht liegt daher nahe, dass die dort Wettenden prominente Kandidaten nicht neutral bewerteten.

Besonders interessant wird es bei den umkämpften Wahlkämpfen. Einige der Vorwahlen wurden nur mit wenigen Prozentpunkten Abstand gewonnen und wiesen sehr hohe Summen auf. So war der größte Prognosemarkt im Staatenvergleich die Frage nach dem Gewinner der demokratischen Vorwahlen in Wisconsin. Es wurden Wetten für mehr als 3,5 Millionen Dollar geschlossen, was deutlich über dem Median von etwa 13.000 Dollar lag.

Wisconsin ist ein klassischer Swing State. Weil der demokratische Gouverneur Tony Evers nach zwei Amtszeiten nicht erneut antrat, war das Rennen um seine Nachfolge offen, und das Bewerberfeld der Demokraten führte mit Ex-Vizegouverneur Mandela Barnes anfangs ein landesweit bekannter Name an. Dieser zog seine Kandidatur nach Vorwürfen des sexuellen Fehlverhaltens Ende Juni jedoch zurück.

Schlussendlich gab es ein sehr knappes Rennen zwischen Polymarket-Favoritin Francesca Hong und David Crowley, der die Wahl mit einem Vorsprung von 0,46 Prozentpunkten gewann. Ein höheres Marktvolumen erhöht also nicht zwangsläufig die Vorhersagekraft von Prognosemärkten.

Dass mehr Geld nicht automatisch bessere Prognosen bedeutet, zeigte auch die republikanische Vorwahl in Minnesota. Dort forderte My-Pillow-Gründer Mike Lindell, ein besonders auf Social Media bekannter Wahlverschwörungstheoretiker, die spätere Siegerin Lisa Demuth heraus, und auf keinen Kandidaten des Rennens wurde mehr Geld gewettet als auf ihn.

Eine Woche vor der Wahl trieben die Käufe seinen Kurs auf 71 Cent. Auf Lindells Ja-Kontrakte kamen in der Schlusswoche mehr als doppelt so viele Käufe wie Verkäufe.

Genau vor dieser Schwäche warnen Forscher wie Martin Spann, Experte für digitale Geschäftsmodelle an der LMU Munich School of Management, seit Langem: Je illiquider ein Markt, desto eher lasse sich sein Preis bewegen, und gemessen an den Milliardenmärkten der Präsidentschaftswahl sind Vorwahl-Märkte wie dieser winzig. Der Markt korrigierte jedoch noch vor dem Wahltag. Am Vorabend der Abstimmung lag Demuth wieder vorn und gewann schlussendlich mit 43 zu 33 Prozent.

Von den insgesamt zwölf umkämpften Rennen setzte Polymarket auf acht der tatsächlichen Gewinner und prognostizierte damit einen Monat vor der Wahl mehr als 84 Prozent der Gewinner richtig. Bei den umkämpften Vorwahlen lagen die Einsätze auf die Favoriten zwischen 38 und 62 Cent und im Schnitt bei 50 Cent. Vorwahlen mit eindeutigen Favoriten identifizierten die Prognosemärkte zuverlässig. Je umkämpfter die Vorwahl jedoch wurde, desto ungenauer wurden die Prognosemärkte in Summe.

Die Forschung kommt zu einem ähnlichen Befund wie die Auswertung: Prognosemärkte sind kurz vor der Entscheidung und bei klaren Favoriten treffsicher, in umkämpften Konstellationen aber kaum besser als ein Münzwurf. Eine Studie der Vanderbilt University etwa prüfte rund 2000 politische Ereignisse des Jahres 2024: 86 Prozent der aktiv gehandelten Wetten schlugen den Münzwurf, bei Kursen zwischen 40 und 60 Cent waren es nur noch 55 Prozent. Die Handelsblatt-Auswertung deckt sich mit den Befunden.

Dabei korrigierte der Prognosemarkt auch nicht immer in die richtige Richtung. Bei den Republikanern in Georgia hatte dieser 90 und 30 Tage vor der Wahl den Geschäftsmann Rick Jackson als Favoriten ausgemacht, schwankte eine Woche vorher aber deutlich zum bisherigen Vizegouverneur Burt Jones, der am Ende aber knapp gegen Jackson verlor.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Viel Geld wird auf die US-Zwischenwahlen bei Prognosemärkten gesetzt.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wird ein gesetzliches Verbot von Wahlwetten in den USA verabschiedet?
  • Wie entwickeln sich die Handelsvolumina bei den US-Zwischenwahlen?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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