AfD-Auftritt im Kika: Eine völkische Volldusche für Kinder
Im KiKa-Kinderkanal äußerte sich AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zu Schul- und Bildungspolitik. Das unkritische Interview sorgt für scharfe Kritik am Sender.
Quick Look
Im Kinderkanal KiKa äußerte sich der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in einem unkritischen Interview zu Schulplänen, was scharfe Kritik an der redaktionellen Führung auslöst.
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Why It Matters
Der Kinderkanal Kika führte im Rahmen der Kindernachrichten 'logo!' Interviews mit den Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund (AfD) und Sven Schulze (CDU) vor der Landtagswahl.
Wenn die AfD an diesem Sonntag die Landtagswahl gewinnt, wovon auszugehen ist, und wenn die Mehrheit, die sie erringt, „stabil“ genug ist, dass Ulrich Siegmund meint, es reiche für eine Regierung, dann wissen die Kinder und Jugendlichen in diesem Bundesland, die Schülerinnen und Schüler, schon einmal, was auf sie zukommt. Denn beim Kinderkanal Kika hat Siegmund kurz vor der Wahl verkündet, was die AfD mit der Bildung und den Schulen anstellen will.
Dargelegt hat Siegmund das in genau der Weise, in der es nicht erlaubt ist – durch Überwältigung und Indoktrination. Was der 1976 formulierte Beutelsbacher Konsens für die politische Bildung in der Schule ausschließt (und worauf die AfD immer wieder herumreitet, um Lehrer zu kujonieren), ist bei Siegmund und seiner Partei ganz selbstverständlich der Modus Operandi. Im öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehen war das klar zu erkennen.
Warum der Kika vor der Landtagswahl auf die Idee kam, Siegmund und den amtierenden Ministerpräsidenten und Spitzenkandidaten der CDU, Sven Schulze, für die Kindernachrichten „logo!“ zu interviewen, liegt auf der Hand: Einer von beiden dürfte demnächst die Landesregierung anführen. Ein paar Fragen, gestellt von der früheren Landesschülersprecherin Lucienne Balke, mögen da doch angebracht sein.
Das kann man denken, wenn man die Sache nicht bis zu Ende denkt. Was sowohl bei Siegmund als auch bei Schulze harmlos beginnt – Was waren Ihre Lieblingsfächer? (Geographie bei beiden, bei Siegmund auch noch Sport) Haben Sie jemals abgeschrieben? (Kam bei beiden schon mal vor) –, verwandelt sich bei dem AfD-Spitzenkandidaten in ein halbstündiges Ideologieseminar, dargeboten als Verkaufsshow für ein besseres, schöneres Leben.
Er redet wie ein Wasserfall, mit hohem Tempo, und sagt alles dreimal. Nachzufragen traut sich seine Interviewerin nicht, sie hakt ihren Zettelkatalog ab. Und so geht es dann los: Unterrichtsausfall? Den gibt es, weil sich viele Lehrer krankmelden. Sie melden sich krank, weil sie die Freude an ihrem Beruf verloren haben. Die will ihnen die AfD zurückgeben, indem sie den Lehrern Aufgaben, für die sie eigentlich gar nicht zuständig sind, abnimmt. Welche, bleibt offen. Die Ablösung der Schulpflicht und Heimunterricht gibt es unter einer AfD-Regierung, vor allem, weil Kinder, die extrem gemobbt werden, sich vor der Schule fürchten. Ihnen wolle man, so Siegmund, es ermöglichen, „am Leben teilzuhaben“. Getrennte Klassen mit deutschen und nichtdeutschen Schülern – Geflüchteten – soll es geben, weil nicht alle die Sprache gut genug sprechen, um gemeinsam einen Lernerfolg zu erzielen.
Die Flüchtlinge müssten ja auch wieder „nach Hause“ zurück – „wir möchten uns nicht ausnutzen lassen“, sagt Siegmund – , gerade die Ukrainer, es herrsche schließlich nicht in der gesamten Ukraine Krieg. Im Geschichtsunterricht soll es mehr um Bismarck als um die „ganz dunkle“ Epoche der deutschen Geschichte gehen – Stichworte wie Nationalsozialismus und Judenvernichtung kommen Siegmund nicht über die Lippen –, positive Aspekte sollen im Vordergrund stehen, damit wir auch wieder „stolz auf unser Land“ sein können.
Einigkeit, Frieden und Zusammenhalt, darum gehe es, hören wir Siegmund unwidersprochen im öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehen sagen. Es habe Zeiten gegeben, da hätten alle zusammengehalten, die Menschen hätten sich gegenseitig unterstützt, zurzeit halte das Land nicht zusammen, den Stolz auf unser Land aber, den bräuchten wir zurück.
Eine derartige völkische Volldusche inklusive subkutaner Remigrations-Suada und Ukraine-Bashing muss man erst einmal abschütteln. Der ehemaligen Landesschülersprecherin ist kein Vorwurf zu machen, den Senderverantwortlichen schon. So unbedarft, ohne jede Nachfrage, sollte man ein solches Interview nicht führen, schon gar nicht in einer Sendung, die sich an Acht- bis Zwölfjährige richtet. Da hilft auch die in der Sendung mit dem Zusammenschnitt nachgeschobene Erklärung des Moderators, die AfD sei umstritten und werde vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft, wenig.
Noch vor der Ausstrahlung des Kurzzusammenschnitts der Interviews mit Schulze und Siegmund – in der die problematischen Stellen nicht enthalten sind – am vergangenen Donnerstag schrieb die Leiterin der „logo!“-Nachrichten, Constanze Knöchel, auf Linkedin: „Am Ende orientieren wir uns nicht an der Frage, welcher Shitstorm droht, sondern an unserem Auftrag: Kinder brauchen verlässliche Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch dann, wenn es unbequem wird.“
Am Ende „unbequem“? Das ist eine bequeme Ausrede für redaktionelles Versagen. Was macht der Kika mit seinen Kindernachrichten erst, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommt?
Open Questions
- Wie reagiert der Kika intern auf die anhaltende Kritik?
- Welche konkreten Aufgaben will die AfD Lehrern abnehmen?







