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Die AfD in Sachsen-Anhalt führt in Umfragen vor der Landtagswahl mit über 40 Prozent, deutlich vor der CDU. Die Partei inszeniert sich professionell mit starkem Social-Media-Auftritt und Unterstützung aus rechten Netzwerken.
Wenige Tage vor der Landtagswahl hat die AfD in Sachsen-Anhalt Umfragewerte von mehr als 40 Prozent. Wie hat sie diesen Vorsprung geschafft und wer hilft ihr strategisch dabei?
Wahlkampfveranstaltung des AfD‑Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund: Er präsentiert sich persönlich und zugänglich. Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen
Berlin. Die AfD in Sachsen-Anhalt tritt auf, als hätte sie die Wahl schon gewonnen. Bei Wahlkampfveranstaltungen wird Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wie ein Popstar gefeiert. In Wittenberg etwa standen Menschen für Autogramme und gemeinsame Fotos Schlange. Amtsinhaber Sven Schulze erreicht laut aktuellen Umfragen nur halb so viele Wählerinnen und Wähler.
Was steckt hinter dieser Dynamik und wer agiert im Hintergrund?
Wie stark ist die AfD in Sachsen-Anhalt?
In Umfragen verschiedener Meinungsforschungsinstitute kommt sie auf mehr als 40 Prozent und liegt damit klar vor der CDU. Sollten mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, könnte die AfD sogar eine absolute Mehrheit der Landtagsmandate erreichen.
Unterstützung kommt vereinzelt auch aus der CDU. Ein Stendaler CDU-Kommunalpolitiker spendete dem AfD-Landesverband 10.000 Euro und kündigte an, die Partei selbst zu wählen. Er hofft auf eine Alleinregierung der AfD.
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Wie inszeniert sich die Partei?
Die AfD inszeniert sich als professionell organisierte Kraft. Parteivize Hans-Thomas Tillschneider beschrieb den Landesverband als „eine gut geölte Hochleistungsmaschine“. Zum Wahlkampfauftakt in Magdeburg kamen rund 3000 Anhänger in die Messehalle, weitere Tausende sahen im Livestream zu. Deutschlandflaggen, hellblaue Plakate und der Slogan „Alles ist möglich“ prägten das Bild.
Als Parteichefin Alice Weidel die Bühne betrat, jubelten die Zuschauerinnen und Zuschauer. Wahlempfehlungen per Video kamen unter anderem vom Chef der rechtsnationalistischen FPÖ aus Österreich, Herbert Kickl, und der republikanischen US-Kongressabgeordneten Anna Paulina Luna.
Welche Rolle spielt Ulrich Siegmund?
Die Kampagne ist stark auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten. Siegmund gibt sich teilweise staatstragend: „Die Leute möchten den politischen Wandel. Aber diese Wahl ist noch nicht gewonnen. Diese Demut sollten wir in uns tragen“, sagte er im Juli bei der Vorstellung des 100-Tage-Programms.
Siegmund präsentiert sich im Wahlkampf persönlich und zugänglich. Er lächelt viel und geht direkt auf die Menschen zu. Zu seinen Aktionen gehören auch Ausfahrten mit Simson-Mopeds, die in ostdeutschen Bundesländern als Kult gelten. Daran gibt es deutliche Kritik von der jüdischen Familie Simson, deren Name mit der Marke verbunden ist.
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Selbst scharfe Kritik verarbeitet Siegmund jedoch zu Material für seine Kanäle. Ein „Spiegel“-Cover mit der Überschrift „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ bezeichnete Siegmund als „sehr gute Werbung“. Ein Video zeigt ihn, wie er das Magazin wie eine Autogrammkarte signierte.
Wie groß ist der Vorsprung im Netz?
Der AfD-Wahlkampf setzt stark auf Social Media. Siegmund erreicht auf den Plattformen Instagram, Tiktok, Facebook und X ein Vielfaches der Nutzerzahlen seiner Konkurrenten. CDU-Ministerpräsident Sven Schulze und SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann kommen dort jeweils nur auf einige Tausend Menschen.
Fast täglich verbreitet die AfD professionell produzierte Aufnahmen von Kundgebungen, Infoständen und Haustürbesuchen. Darin inszeniert sich Siegmund als nahbarer und tatkräftiger Politiker.
Wer produziert die Videos?
Unter anderem das sogenannte „Filmkunstkollektiv“. Die Aktivisten aus dem Umfeld der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ seien „Siegmunds Hofpropagandisten“, sagt der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje. „Sie sind sein persönliches Kamerateam im Wahlkampf.“ Etwa dann, wenn er zu Ausfahrten mit Simson-Mopeds einlädt.
Das „Filmkunstkollektiv“ hatte bereits einen aufwendigen Imagefilm über den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke produziert. Inzwischen begleitet es regelmäßig Wahlkampfveranstaltungen der AfD und erstellt Videos mit dramatischer Musik, schnellen Schnitten und kinoähnlicher Bildsprache. „Der Verein steht beispielhaft für die Professionalisierung der PR- und Medienarbeit der rechtsextremen Szene“, sagt Hillje.
Mehrere Landesverfassungsschutzbehörden erwähnen die Gruppe in ihren Jahresberichten.
Was hat es mit den rechten Streamern auf sich?
Sie übertragen Wahlkampfauftritte der AfD teilweise über Stunden und erreichen damit Tausende Menschen. Eine journalistische Einordnung fehlt meist. Die Streamer handeln laut AfD aus eigenem Antrieb.
Siegmund bestreitet ausdrücklich, den Videoblogger Matthäus Westfal, der unter dem Namen „Aktivist Mann“ auftritt, oder die Youtuber von „Utopia TV Deutschland“ beauftragt oder finanziert zu haben. Westfal soll Interviews gestört, Reporter beschimpft und einen „Spiegel“-Mitarbeiter angerempelt haben. Auf der Plattform X kursiert ein Video des Vorfalls.
Siegmund verwies anschließend auf Regeln für AfD‑Veranstaltungen, die es verböten, Pressevertreter zu bedrängen oder verbal anzugreifen. Für seine Kampagne sind die Übertragungen der Streamer in jedem Fall nützlich: Sie verschaffen seinen Auftritten weitere Reichweite.
Wie viel Geld steckt in der AfD-Kampagne?
Siegmund beziffert das Budget seiner Partei auf 1,4 Millionen Euro. Die AfD verweist auf Spenden aus ganz Deutschland, Unterstützung der Bundespartei und Rücklagen, ohne diese aufzuschlüsseln.
SPD und Grüne investieren nach einem Bericht des MDR jeweils rund eine Million Euro, Linke und BSW jeweils etwa 600.000 Euro. Ein Teil des Grünen-Budgets kommt aus Spenden, bei der Linken ebenfalls. CDU und FDP machten keine Angaben.
Hinzu kommt personelle Unterstützung. Helfer aus mehreren Landesverbänden arbeiten vor Ort mit. Die Bundespartei schickt regelmäßig prominente Vertreter wie Alice Weidel und Tino Chrupalla nach Sachsen-Anhalt.
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Wie bewertet der Verfassungsschutz den Landesverband?
Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt stuft den dortigen Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein. Im Jahresbericht 2025 heißt es, Funktionäre und Mandatsträger unterhielten Verbindungen in das gesamte rechtsextremistische Spektrum. Ihre Agitation richte sich gegen wesentliche Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.
Als ein Beispiel nennt die Behörde die engen Kontakte zur Identitären Bewegung. Der hohen Zustimmung schadet diese Bewertung bislang offenkundig kaum.
Warum kann die AfD so viele Helfer mobilisieren?
Der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der TU Chemnitz verweist auf besonders motivierte und engagierte Mitglieder. Gemeinsame Aktionen stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Ankämpfen gegen einen gemeinsamen Gegner schweiße zusammen.
Hinzu kommt eine klare Arbeitsteilung in der Führung der Landespartei, wie der Bochumer Politikwissenschaftler Oliver Lembcke sagt. Siegmund sei das „medienwirksame Gesicht“ und der „telegene Verkäufer der AfD als demokratische Regierungsalternative“, während Landeschef Martin Reichardt die Partei organisatorisch zusammenhalte und der Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider die ideologische Ausrichtung präge.
„Gerade diese Kombination aus Organisation, Ideologie und professioneller Kommunikation macht die Landespartei derzeit so erfolgreich“, sagt Lembcke.
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Wie reagiert die Konkurrenz?
Mit mehr öffentlichen Terminen. Sven Schulze räumte ein, die CDU müsse wieder stärker auf Marktplätzen und in Vereinen präsent sein. Seit seinem Amtsantritt absolviert er nahezu täglich Auftritte, von Spatenstichen und Schulbesuchen bis zu Veranstaltungen von Landfrauen-Vereinen oder Jugendfeuerwehren.
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