
Eine weltweite Verkaufswelle trifft Chipaktien wie SK Hynix, Samsung, Infineon und ASML. Ausgelöst wurde der Abverkauf durch Warnungen vor überzogenen KI-Erwartungen und steigenden Kapitalkosten.
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Chipaktien waren in der ersten Jahreshälfte ein starker Treiber der KI-Rally an den Börsen.
Die Chipbranche hat sich an der Börse zuletzt stabilisiert. Jetzt trifft sie eine neue Verkaufswelle – ausgelöst ausgerechnet von einem ihrer wichtigsten Vertreter.
Die Verkaufswelle bei Chipaktien trifft weltweit viele Unternehmen wie SK Hynix, Samsung, Infineon, ASML und US-Werte wie Micron Technology und Broadcom.
Broadcom-Chef Hock Tan warnt vor überzogenen KI-Erwartungen und Finanzierungsproblemen, was die fallenden Kurse der Halbleiterwerte verstärkt.
Die hohen Investitionen der großen Rechenzentrumsbetreiber könnten zu Kapitalknappheit und steigenden Kapitalkosten führen, was dem Chipgeschäft schadet.
Die Marktkonzentration im KI-Sektor birgt laut Analyst George Saravelos ein systemisches Risiko durch mögliche Störfälle im Ökosystem.
Düsseldorf. Börsen weltweit werden von einer erneuten Verkaufswelle bei Chipaktien erfasst. Am stärksten sind die Verluste in Südkorea: Dort brach die Aktie des Speicherchipherstellers SK Hynix um bis zu elf Prozent ein. Konkurrent Samsung verlor bis zu neun Prozent.
In Deutschland stehen die Aktien der Chipkonzerne Infineon, Suss Microtec und Aixtron unter Druck. In Europa fallen Aktien wie die des Chipzulieferers ASML ebenfalls. Dasselbe gilt im vorbörslichen Handel für US-Chipwerte wie Micron Technology und Broadcom.
Die Marktexperten der Dekabank führen die fallenden Kurse von Chipaktien ausgerechnet auf den Broadcom-Chef Hock Tan zurück.
In ihrem Marktkommentar schreiben sie: „Der Ausverkauf der Halbleiterwerte verschärft sich, nachdem der Broadcom-Chef vor zu hohen Erwartungen an KI und vor Finanzierungsproblemen beim Ausbau gewarnt hat.“
Tan hatte am Montag auf einer Technologiekonferenz in Singapur scharfe Kritik an den aktuellen Entwicklungen am Aktienmarkt geübt und KI-Investoren mit Glücksspielern verglichen. „Viele Investoren haben keine Ahnung, worin sie investieren“, zitiert ihn der Finanzdienst Bloomberg. Sie setzten „sehr extreme Erwartungen“ und stellten dann fest, dass es „fast so ist, als wären sie in einem Casino“.
Chipaktien waren in der ersten Jahreshälfte ein Schwungrad der KI-Rally. Insbesondere bei den Speicherchips traf eine hohe, bislang preisunempfindliche Nachfrage auf ein begrenzt erweiterbares Angebot. Das ermöglichte den Chipkonzernen ein außergewöhnliches Gewinnwachstum.
Aktien wie SK Hynix und Samsung profitierten davon enorm. Der südkoreanische Leitindex Kospi, der maßgeblich von den beiden Chipaktien abhängt, stieg seit Jahresbeginn um bis zu 150 Prozent. In den USA stieg der Branchenindex Philadelphia Semiconductor Sector um bis zu 106 Prozent.
Sorgen bezüglich der weiteren Wachstumserwartungen hatten die Aktien ab Mitte Juni deutlich fallen lassen, zuletzt schienen sie sich aber stabilisiert zu haben. Nun werden sie von einer neuen Verkaufswelle erfasst.
Denn Tan verglich den Aktienmarkt nicht nur mit einem Casino. Er warnte zudem, dass Kapitalknappheit den Chipengpass als wichtigsten Engpass beim KI-Ausbau ablösen könnte. Würde frisches Geld ausbleiben, um die Entwicklung neuer Modelle und den Bau von weiteren Rechenzentren zu finanzieren, würde auch das Geschäft der Chipkonzerne leiden.
Ökonom Thorsten Slok vom Vermögensverwalter Apollo Global Management hat ausgerechnet, dass die erwarteten Investitionen der großen Rechenzentrumsbetreiber (Hyperscaler) Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle in diesem Jahr auf 892 Milliarden Dollar steigen könnten. Vor einem Jahr waren Analysten noch von 465 Milliarden Dollar ausgegangen.
2027 könnten die Investitionen sogar auf 1,1 Billionen Dollar steigen. Vor einem Jahr hatten Analysten noch mit 495 Milliarden Dollar kalkuliert. Um die Dimension dieser Ausgaben zu verdeutlichen: Deutschland kam 2025 auf staatliche Bruttoanlageinvestitionen von umgerechnet 170,6 Milliarden Dollar. Darin sind Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen zusammengefasst.
Diese gewaltigen Summen könnten selbst die finanzstärksten Hyperscaler wie Alphabet und Amazon nicht mehr aus dem laufenden Geschäft stemmen. Sie finanzieren sich deshalb zunehmend über den Anleihemarkt. Dort konkurrieren sie mit anderen Unternehmen und vor allem mit Staaten, deren Finanzierungsbedarf ebenfalls wächst.
Dadurch steigt das Angebot an Anleihen. Staaten und Unternehmen geraten in direkte Konkurrenz um Kapital, und die Zinsen steigen. Lip-Bu Tan, Chef des US-Chipkonzerns Intel, sagte auf einer Konferenz in Singapur: „Wenn es eine Herausforderung gibt, dann sind es das Kapital und die Kapitalkosten.“
Die US-Denkfabrik Brookings Institution hat zuletzt errechnet, dass KI-Unternehmen bis 2032 Umsätze von knapp vier Billionen Dollar erzielen müssten, um die Investitionen in Rechenzentren zu amortisieren. Dafür wäre ein jährliches Wachstum von rund 85 Prozent nötig, ausgehend von einer geschätzten kombinierten Umsatzbasis von etwa 100 Milliarden Dollar bei den KI-Start-ups OpenAI und Anthropic.
Zu den Sorgen um den weiteren KI-Ausbau kommt eine Entwicklung aus China hinzu, die Chipwerte belastet. Wie die „South China Morning Post“ berichtet, hat der chinesische Speicherchiphersteller CXMT bei der Entwicklung einer neuen DRAM-Architektur gute Fortschritte erzielt.
DRAM ist der weltweit am weitesten verbreitete Speicherchiptyp. Derartige Bauteile dienen als Arbeitsspeicher, damit Programme zügig laufen. Analyst Andreas Lipkow vom Broker CMC Markets sagt daher: „Die technologische Konkurrenz aus dem Reich der Mitte nährt die Sorge, wie lange sich die hohen Bewertungen und Gewinnmargen der etablierten Chipkonzerne noch rechtfertigen lassen.“
Wie groß die Bedenken sind, lässt sich bereits am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) einiger Aktien ablesen. Auf Basis der im Geschäftsjahr 2027 erwarteten Nettogewinne beträgt das KGV bei SK Hynix und Samsung knapp vier. Micron kommt auf einen Wert von sechs.
Damit werden Teile der boomenden Chipbranche gemessen am KGV so günstig bewertet wie Aktien aus der kriselnden europäischen Autobranche. Dass Anleger trotzdem nicht zugreifen, gilt als Zeichen dafür, dass sie daran zweifeln, dass die Gewinne langfristig tatsächlich so stark steigen.
Einige Marktbeobachter zeigen sich allerdings überrascht von der Kursreaktion. Phillip Wool, Chefmarktstratege bei Rayliant Global Advisors, verweist mit Blick auf CXMT darauf, dass diese noch keine Serienproduktion nachgewiesen hätten und beim Marktanteil weiterhin hinter Samsung und SK Hynix zurücklägen.
„Noch wichtiger ist: Wir sprechen hier nicht einmal von HBM“, sagte Wool dem Börsensender CNBC. HBM ist die anspruchsvollste Variante von DRAM. Wichtigster Abnehmer von HBM ist Nvidia, der global führende Anbieter von KI‑Infrastruktur. Für Wool ist der Abverkauf daher eher ein Zeichen, wie anfällig die Stimmung im KI-Sektor ist.
Den Aktienmarkt trifft das in einer Phase, in der er ohnehin angeschlagen ist. Der marktbreite US-Index S&P 500 ist zwar seit Juli um vier Prozent gestiegen. Er wird aber nur von der Performance fewer großer Unternehmen getragen wie Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Nvidia. Der gleichgewichtete S&P 500, in dem alle Aktien dasselbe Gewicht haben, liegt seit Anfang Juli leicht im Minus.
Analyst George Saravelos von der Deutschen Bank sieht mit Blick auf die starke Marktkonzentration daher in einem möglichen „Störfall“ im KI-Ökosystem das größte systemische Risiko für den Markt: „Etwa ein Sicherheitsvorfall, ein gescheiterter Börsengang oder enttäuschende Umsatzzahlen.“ Das Risiko werde an den Märkten derzeit am stärksten unterschätzt.
Genau in diese Phase fällt nun die Berichtssaison für das abgelaufene Quartal. Den Auftakt machen an diesem Dienstag die ersten US-Banken, Ende des Monats legen die ersten Hyperscaler ihre Zahlen vor. Mit überzeugenden Ergebnissen könnten sie die Marktstimmung wieder zum Positiven drehen. Enttäuschen sie, würde das dem Aktienmarkt den nächsten Schlag versetzen.
AI outlook — possibilities, not facts
Hyperscaler legen Ende des Monats ihre Quartalszahlen vor
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