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Charlotte Knobloch und Ron Dekel warnen vor antisemitischer Gefahr durch AfD in Sachsen-Anhalt
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Charlotte Knobloch und Ron Dekel warnen vor antisemitischer Gefahr durch AfD in Sachsen-Anhalt

Quick Look

  • Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Ron Dekel von der Jüdischen Studierendenunion Deutschland warnen vor der antisemitischen Gefahr der AfD in Sachsen-Anhalt, wo die Partei eine absolute Mehrheit anstrebt.
  • Sie berichten von zunehmenden antisemitischen Vorfällen in Deutschland, darunter Gewalt und Hass, und fordern mehr Unterstützung von der Zivilgesellschaft für jüdisches Leben.

AI-generated summary

Why It Matters

Die AfD wird in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft und strebt eine absolute Mehrheit an. Gleichzeitig steigen antisemitische Vorfälle in Deutschland laut RIAS-Zahlen, wobei 2025 über 8700 Vorfälle bundesweit registriert wurden, darunter über 400 in Thüringen. Viele Juden fühlen sich zunehmend unsicher und verlassen sich stärker auf jüdische Gemeinschaften.

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Sie war nicht die erste Jüdin, die sich öffentlich gegen die AfD positioniert hat. Doch als Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, vor knapp zwei Wochen in einem Interview mit dem „Stern“ sagte, der Vergleich zwischen NSDAP und AfD sei zulässig, schlug das doch noch mal Wellen. „Auch die NSDAP hat einmal klein angefangen und ausprobiert, was alles möglich ist. Exakt das passiert bei der AfD“, sagte Knobloch über die Partei, die sich in Sachsen-Anhalt Hoffnung auf eine absolute Mehrheit der Sitze im Landtag macht.

Die meisten anderen Parteien, die am 6. September in dem Bundesland zur Wahl stehen, wollen das verhindern. Doch es gibt auch andere Akteure, die dieses Ziel teilen. Zum Beispiel die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD). Sie ist in diesen Tagen in Sachsen-Anhalt unterwegs und will in kleinen Ortschaften Leute ansprechen – insbesondere dort, wo AfD-Politiker in Machtpositionen sind, die AfD besonders hohe Wahlergebnisse erzielt hat oder rassistische Vorfälle bekannt geworden sind. Ron Dekel, der Vorsitzende der JSUD, sagt: „Wir wollen mit Menschen ins Gespräch kommen, die vielleicht noch nie eine Jüdin oder einen Juden persönlich getroffen haben, und ihnen auf persönlicher Ebene vermitteln: Diese Partei gefährdet uns enorm.“

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Will die AfD Juden schützen?

Die AfD, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem gilt, gibt sich selbst oft als Partei aus, die Juden schützen will. 2018 gründete sich ein Verein mit dem Namen „Juden in der AfD“, der gegen „unkontrollierte Masseneinwanderung“ junger Männer aus dem islamischen Kulturkreis mit „einer antisemitischen Sozialisation“ und die „Zerstörung der traditionellen, monogamen Familie“ durch Gender-Mainstreaming und Frühsexualisierung ist. So die Selbstdarstellung.

Dekel von der JSUD sieht die AfD in einem anderen Licht: Funktionäre hätten sich seit Beginn antisemitisch geäußert, wenn sie vom „Schuldkult“ sprachen oder die NS-Herrschaft als „Vogelschiss“ abtaten. „Wer eine Erinnerungskulturwende um 180 Grad fordert, kann keine Partei sein, die Juden schützt.“ Und auch im „Regierungsprogramm“ für Sachsen-Anhalt findet Medizinstudent Dekel Punkte, die ihm Angst machen, etwa, dass Gedenkstätten nicht mehr gefördert werden sollen – obwohl sie ein wichtiger Teil des deutschen Selbstverständnisses sind. Auch Synagogen könnten es schwerer haben als zuvor, da die AfD Staatsleistungen an Religionsgemeinschaften einfrieren will. Für viele jüdische Gemeinden in Ostdeutschland wäre das der Todesstoß. Sie sind meist sehr klein, allein können die Gemeinden sich heute meist nicht tragen.

Dass das Klima für Juden in Deutschland sich insgesamt verschlechtert hat, davon zeugt jeder neue Bericht, den Beobachtungsstellen herausgeben. Vor ein paar Tagen veröffentlichte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Zahlen für Thüringen. Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist dort so hoch wie nie. Sie lag im Jahr 2025 bei mehr als 400. 194 davon ereigneten sich im öffentlichen Raum, also auf der Straße. Die Zahlen sind jedoch keine Thüringer Spezialität. Im Jahresbericht aus dem Juni hatte RIAS 8725 Vorfälle für ganz Deutschland gezählt. Dazu gehören auch Schmierereien, Beleidigungen oder Hasskommentare im Internet. Es sind rechnerisch fast 24 pro Tag, einer jede Stunde.

Zahl der gewalttätigen Angriffe auf hohem Niveau

Viele der Vorfälle sind gravierend: In einem Supermarkt in Bad Homburg schubste ein Mann einen Rabbiner vor den Augen seiner Kinder. In Hamburg würgte ein Unbekannter eine Frau, während sie einen Stolperstein putzte. In Erfurt riss ein Angreifer einem Mann die Davidsternkette vom Hals – mitten in der Straßenbahn, am helllichten Tag. In Coburg stach ein Geflüchteter auf einen Mitbewohner ein, weil er glaubte, der andere sei Jude. In Berlin schlitze ein Mann einem Besucher des Holocaust-Mahnmals die Kehle auf, weil er ihn für einen Juden hielt, nur eine Notoperation konnte den Touristen retten.

Zwar ist die absolute Zahl dieser gewalttätigen Angriffe auf Juden gesunken, von 187 im Jahr 2024 auf 178 im Jahr 2025. Doch das Niveau ist damit immer noch weit höher als vor dem 7. Oktober 2023. 2022 hatte RIAS 58 Angriffe dokumentiert, etwa ein Drittel der heutigen Zahl.

Auch für Ron Dekel von der Studierendenunion hat sich die Welt verändert seit dem 7. Oktober. Nachdem es nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel auch in Deutschland zu immer mehr antisemitischen Vorfällen kam, hatten viele Juden Angst, ihre Identität zu zeigen. Dekel trägt seitdem öffentlich Kippa. Sie ist Ausdruck seines Glaubens; sie ist aber auch ein Kleidungsstück, mit dem Dekel misst, ob es noch geht, in Deutschland zu leben. Er findet: Wenn er die Kippa ablegen müsste, wäre es an der Zeit, diesem Land den Rücken zu kehren. „Wenn es so unsicher in einem Land geworden ist, dass man das nicht tragen kann, muss man gehen.“ Er ist lauter geworden: „Sachen, die ich vorher toleriert habe, die vorher sagbar waren, lasse ich nicht mehr unwidersprochen stehen.“ Wo er vorher weggelächelt hat, hält er jetzt dagegen.

Was kann die Zivilgesellschaft tun?

Sichtbar zu sein hat seinen Preis. Dekel wird bedroht. Als er vor einer Weile eine Straße in Berlin zu Fuß überqueren wollte, beschleunigte plötzlich ein Auto, das noch ein ganzes Stück weit weg gewesen war, raste plötzlich auf ihn zu. Kurz vor ihm bremste es abrupt ab, aus den heruntergelassenen Scheiben tönte palästinensische Musik. So ähnlich ist ihm das noch ein zweites Mal passiert, wie er der F.A.Z. berichtet. Angespuckt wurde er auch, vor der Synagoge wurde ihm aufgelauert von Leuten, die ihn am Vortag mit einem Auto verfolgt hatten. Und das sind nur die Vorfälle, die er selbst erlebt hat. „Aber das ist Alltag, das passiert allen. Meine Erfahrung ist nicht besonders einzigartig“, sagt Dekel im Gespräch mit der F.A.Z.

Dekel vermisst Unterstützung. Die Vorfälle ereigneten sich oft abends, in belebten Umgebungen, „wo es Leute mitkriegen“, aber niemand interessiere sich dafür oder springe den Betroffenen bei. Er versteht, dass Beobachter Angst haben, selbst angegriffen zu werden, wenn sie dazwischengehen. Doch er wünscht sich von der Mehrheitsgesellschaft zumindest, dass sie sich zu jüdischem Leben in Deutschland bekennt. Dass Nichtjuden auf Demonstrationen für Juden gehen, und dass sie sich bewusst machen, wie Juden ihre Realität gerade wahrnehmen. Dass sie sich in den sozialen Medien informieren über antisemitischen Ressentiments, bei Schmierereien nicht wegschauen, vielleicht auch ihre eigene Biographie bearbeiten – sich also mit der NS-Vergangenheit der eigenen Familie auseinandersetzen.

Viele Juden fühlen sich alleingelassen. Eine Befragung von mehr als hundert jüdischen Gemeinden durch den Zentralrat der Juden in Deutschland aus dem April belegt, dass zwei Drittel der Befragten sich unsicherer fühlen als früher. Unterstützung aus der Zivilgesellschaft vermissen viele: 2023 fühlten sich noch 62 Prozent der Juden von ihr unterstützt. In diesem Jahr gaben noch 35 Prozent an, diese Unterstützung wahrzunehmen. Viele ziehen sich daher eher in jüdische Strukturen zurück, nehmen stärker am Gemeindeleben teil als früher, wie die Befragung zeigt. Dort fühlen sie sich sicherer und verstanden. So erklären es Mitglieder der Community.

Für Dekel hat dieser Befund zwei Ebenen der Enttäuschung: die persönliche, der vielen Einzelfälle. Die Angriffe, die Hasskommentare. Die zweite Ebene der Enttäuschung ist die große gesellschaftliche Bühne: Dekel versteht nicht, wie die Gesellschaft verkennen kann, dass es bei Judenhass auch um Demokratie geht. „Wir haben gesehen, dass Hunderttausende aufstehen konnten, als das Remigrationstreffen der AfD bekannt wurde“, sagt er. Auf Demos gegen Antisemitismus sieht das anders aus. Da zählt eine Stadt wie Frankfurt am Main, die sich selbst gern „jüdischste Stadt Deutschlands“ nennt, 5000 Demonstranten bei einer Kundgebung gegen Judenhass. Und das ist eine, bei der großer Andrang herrschte.

Judenhass aus vielen Richtungen

Der Alltag ist nicht ohne antisemitische Vorfälle zu denken, sagt Dekel. Wenn man wie Dekel in einer bayerischen Kleinstadt aufgewachsen ist, kennt man Anfeindungen gegen Juden auch von früher. Hitlergrüße, die explizit ihm gezeigt werden, Trinksprüche wie „Ex oder Jude“ in seine Richtung. Neu sind judenfeindliche Taten nicht. Und sie kommen aus verschiedenen Richtungen. Der israelbezogene Antisemitismus herrscht jetzt vor, wie die Erlebnisse Dekels und die Erhebungen von RIAS zeigen. 807 der für 2025 verzeichneten antisemitischen Vorfälle hatten demnach einen rechtsextremen Hintergrund. Das sind neun Prozent aller Fälle. Dennoch markiert die Zahl den höchsten Wert seitdem die Informationsstelle diese erhebt.

Auch in der AfD gibt es Antisemitismus. Vor allem im Zuge der Corona-Pandemie teilten viele Mitglieder und Funktionäre Verschwörungserzählungen über „globalistische Eliten“, etwa der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke. Der Thüringer Landtagsabgeordnete Thomas Rudy teilte im Februar 2022 nach der Vollinvasion Russlands in die Ukraine auf Facebook einen Text, der mutmaßt, dass jüdische Verschwörer ganz Russland erobern wollten. Die Bundestagsabgeordnete Christina Baum teilte im gleichen Jahr einen Post, der einen Interviewschnipsel des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck neben ein Foto von ihm mit einer Kippa stellte. Es soll als Beleg für seinen angeblichen Hass auf Deutschland dienen. Gauck äußert sich in dem Interview negativ über NS-Deutschland. Im Zusammenschnitt wird dies jedoch nicht deutlich, ein Betrachter könnte denken, dass er den heutigen deutschen Staat ablehne. Die ganze Zeit ist daneben das Bild Gaucks eingeblendet, das ihn mit gesenktem Haupt und der Kippa beim Gedenken zeigt.

Die AfD pocht stets darauf, dass dies Einzelfälle seien. Selbst im Gutachten des Verfassungsschutzes heißt es dazu: „Die festgestellten Äußerungen weisen in der Gesamtschau allerdings weder in der Anzahl noch in der Qualität der Beleg eine solche Intensität auf, dass für die Gesamtpartei AfD von einer vorherrschenden antisemitischen Prägung gesprochen werden kann.“ Die Häufung, mit der zumindest antisemitische Codes in den Reden von Funktionären verwendet werden, hinterlässt bei vielen Juden dennoch ein ungutes Gefühl.

Auch für Ron Dekel ist klar: Die AfD sei eine „riesige Gefahr für Jüdinnen und Juden in Deutschland“. Wie sie abschneide am 6. September in Sachsen-Anhalt, spiele auch eine große Rolle für die Frage, ob man als Jude in Deutschland bleiben wolle.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die AfD wird bei der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September ein starkes Ergebnis erzielen, möglicherweise nahe an einer absoluten Mehrheit.

    Likely · Within days

  • Antisemitische Vorfälle in Deutschland werden weiterhin auf hohem Niveau bleiben oder steigen, insbesondere wenn die AfD bei Wahlen erfolgreich ist.

    Possible · Within months

  • Die Jüdische Studierendenunion Deutschland und ähnliche Organisationen werden ihre Aufklärungs- und Begegnungsarbeit in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands intensivieren.

    Likely · Within weeks

Open Questions

  • Wie wird die AfD bei der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September abschneiden?
  • Welche konkreten Maßnahmen plant die AfD hinsichtlich Gedenkstätten und staatlicher Leistungen an Religionsgemeinschaften?
  • Wie wird die Zivilgesellschaft auf die wachsende antisemitische Bedrohung reagieren?
  • Welche langfristigen Auswirkungen könnte ein AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt auf jüdisches Leben in Ostdeutschland haben?

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This article was originally published by FAZ.

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