
Immer mehr junge Chinesen in Dali und anderen Regionen wählen den Aussteiger-Weg „luoci“ und „tang ping“, um dem Druck des Arbeitsmarktes zu entkommen.
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Chinas Wirtschaft leidet unter hoher Jugendarbeitslosigkeit und einem intensiven Arbeitsdruck, was zu Phänomenen wie 'tang ping' und 'luoci' führt.
Chinas Aufstiegsversprechen bröckelt. Vor allem in der jungen Generation schwindet die Bereitschaft, sich aufzureiben. Das Handelsblatt hat junge Aussteiger besucht. Ihre Motive überraschen.
Dali. Huihui blickt auf den Erhai-See. Die 31-Jährige sitzt auf der Dachterrasse eines Cafés an der Uferpromenade unweit der Stadt Dali im Südwesten Chinas. Der blaue Himmel und die weißen Wolken spiegeln sich in dem See auf 2000 Metern Höhe. Am Horizont erstrecken sich Gipfel der Yu’an-Berge.
Im Juli 2025 hat Huihui ihre gut bezahlte Stelle als Mathematiklehrerin an einer Privatschule in der zentralchinesischen Millionenstadt Chongqing gekündigt. Oft habe sie von acht Uhr morgens bis 23 Uhr in der Nacht gearbeitet, teilweise auch samstags unterrichtet, sagt sie. Sie berichtet auch von Lehrern, die ihre Schüler teils treten. Nach sieben Jahren im Job ist sie deshalb ausgestiegen. „Ich mag dieses Leben nicht, bei dem man von Anfang an sieht, wie es enden wird“, sagt sie.
Huihui hat sich für „luoci“ entschieden. Das bedeutet wörtlich übersetzt „nackt kündigen“, also ohne neuen Job. In Chinas sozialen Medien wird „nackt kündigen“ glorifiziert. Auf der Plattform Xiaohongshu, international als Rednote bekannt, wurden Inhalte mit dem Hashtag #luoci insgesamt 3,6 Milliarden Mal aufgerufen.
Nun lebt Huihui mit fünf Gleichgesinnten in einem Hofhaus in einem kleinen Dorf in der Nähe von Dali, einer mit 800.000 Einwohnern für chinesische Verhältnisse kleinen Stadt.
Im Sommer drängen sich Touristen durch die Altstadtgassen zwischen den charakteristischen, weiß getünchten Hofhäusern der lokalen Bai-Ethnie, mehr als 100 Millionen Urlauber kommen pro Jahr. Das angenehme Hochlandklima lockt aber auch immer mehr Aussteiger.
Was treibt junge Chinesen in die Provinz? Warum geben sie trotz der steigenden wirtschaftlichen Unsicherheit ihre Jobs auf? Und welche Folgen hat das für China? Das Handelsblatt hat mit mehr als einem Dutzend der jungen Aussteiger gesprochen.
Einen Hinweis darauf, wie unzufrieden viele Chinesen mit ihrem Job sind, gibt eine Umfrage des großen chinesischen Jobportals, Zhilian Zhaopin, aus dem Jahr 2025: Knapp 35 Prozent der rund 38.000 Teilnehmer gaben an, ohne einen Anschlussjob kündigen zu wollen. Die Einstellung vieler Berufstätiger habe sich verändert, heißt es in der Mitteilung: „Themen wie ‚nackt kündigen‘ und ‚Auszeitjahr‘ werden breit diskutiert.“
10.000 Likes erhielt eine 35-Jährige im April für ihren Post auf der Plattform Douyin, dem chinesischen Tiktok, in dem sie ihre Kündigung begründete: „Das tägliche Hamsterrad von neun bis fünf ließ die Tage hastig verstreichen, während meine Seele dabei immer mehr abstumpfte.“ Nun könne sie „jedem Sonnenuntergang und jedem verschneiten Berg entgegenlaufen“.
Ein Wort fällt in fast jedem der Gespräche: „ziyou“, „Freiheit“. Demian etwa hat seinen Job beim Onlinehandels- und Logistikriesen JD.com in Peking gekündigt. „Es war schlimmer als 996“, sagt er. 996 bedeutet, arbeiten von neun bis 21 Uhr, sechs Tage die Woche. Es ist zum Synonym für den harten Arbeitsalltag in vielen chinesischen Unternehmen geworden, auch wenn es offiziell nicht mehr erlaubt ist.
Nach seiner Kündigung ging Demian erst nach Shanghai, verlor jedoch während der Pandemie 2022 seinen Job und kam nach Dali. Inzwischen kümmert er sich mit drei anderen um die Verwaltung des CYC‑Community-Hostels.
CYC, am Ende einer kleinen Gasse abseits der Touristenströme, ist für viele Aussteiger die erste Anlaufstelle. Demian hat das Gefühl, dass die Zahl der Aussteiger in letzter Zeit zugenommen hat. Die Wirtschaft laufe nicht toll. Auch die Veränderungen durch Künstliche Intelligenz (KI) brächten eine große Unsicherheit mit sich. Selbst Jobs wie Programmierer würden zunehmend ersetzt.
Derzeit ist das Hostel mit 30 Personen voll belegt. Einige bleiben nur ein paar Tage, um auszuspannen, andere mehrere Monate. Die Bewohner kommen aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten und Regionen Chinas. Viele seien Mitte 20, hätten ein, zwei Jahre geschuftet, „und wollten nun nie wieder arbeiten“, sagt Demian. Sie lebten von ihren Ersparnissen. Er hat vor Kurzem einen Blogbeitrag geschrieben: „Wie man mit 100 Yuan einen Monat in Dali leben kann.“ Das sind knapp 13 Euro.
Wie die meisten der jungen Aussteiger will der 28-Jährige seinen richtigen Namen nicht nennen. Sein englischer Name stamme aus dem Roman von Hermann Hesse, in dem Max Demian den jungen Protagonisten Emil Sinclair ermutigt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, statt sich den Erwartungen anderer unterzuordnen. Demian will Leuten, die gekündigt haben oder gekündigt wurden, helfen, sich selbst zu verwirklichen.
In der Generation der nach 1990 Geborenen in China gibt es viele Demians. Sie entfliehen dem Hamsterrad des Arbeitslebens, freiwillig oder nicht, und reduzieren ihren Konsum. „Früher herrschte in China die Überzeugung: Solange ich mich anstrenge, kann ich Erfolg haben“, sagt Xu Jilin, Professor für Geschichte an der East China Normal University in Shanghai im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er setzt sich mit der Entwicklung des politischen und gesellschaftlichen Denkens im modernen China auseinander.
Bei den nach 1990 Geborenen sei das anders, sagt der Experte. Heute führe ein hoher Arbeitseinsatz nicht zwangsläufig zum Erfolg. Junge Chinesen reagierten darauf, indem sie aufhörten, sich anzustrengen. Sie wechseln in weniger herausfordernde, schlechter bezahlte Gelegenheitsjobs.
Als „tang ping“, „flach liegen“, wird dieses Verhalten in China bezeichnet. Dabei handele es sich um eine „passive geistige Selbstverteidigung“, sagt Xu. Oft passiere dies nicht freiwillig. Vor allem Hochschulabsolventen fällt es schwer, adäquate Jobs zu finden.
Der chinesischen Statistikbehörde zufolge waren im August 18,9 Prozent der 16‑ bis 24-Jährigen arbeitslos, so viele wie zuletzt im Vorjahresmonat. Es ist der höchste Stand, seit die Statistik nach einem Rekordwert von 21,3 Prozent im Juni 2023 geändert wurde. Inzwischen werden etwa Studenten auf Jobsuche nicht mehr mitgezählt.
Experten wie die Arbeitsökonomin Zhang Dandan von der Peking-Universität gehen davon aus, dass die „verdeckte Arbeitslosigkeit“ deutlich höher ist. Sie sorgte 2023 mit einem Artikel für Aufsehen, indem sie den Anteil der jungen Chinesen ohne Arbeit auf bis zu 46,5 Prozent taxierte.
Rund 16 Millionen hätten sich zurückgezogen und würden nicht arbeiten, schätzte sie damals. Ein Grund dafür sei die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt. Im März bestätigte sie die Größenordnung. Allerdings würden einige der Aussteiger später wieder Arbeit suchen, auch weil die Unsicherheit am Arbeitsmarkt zunehme.
Historiker Xu beobachtet bei der jungen Generation ein „eigentümliches psychologisches Phänomen, das ihren Eltern völlig unverständlich ist: ein vollständiges Vertrauen in die Zukunft der Nation, gepaart mit völliger Verzweiflung über das eigene persönliche Schicksal“, schrieb er 2021 in einem Aufsatz. Sie reagiere mit der passiven Haltung der „fünf Nein“: kein Auto kaufen, keine Wohnung kaufen, nicht daten, nicht heiraten und keine Kinder haben. „Der Körper liegt flach, das Innere ist unruhig“, beschreibt er den Zustand.
CYC in Dali sei ein Ort, um den „inneren Frieden“ zu finden, sagt Demian. Der Gemeinschaftsraum mit Bücherwand und Sofas ist zum Innenhof offen. Im Winter machen sie dort ein Lagerfeuer, um das sich alle versammeln. Es gibt einen Büroraum mit sechs Arbeitsplätzen. Am Eingang hängt ein Flyer, der auf einen Hackathon hinweist. Jemand spielt Gitarre, ein paar andere setzen sich dazu und singen mit. In der Wechat-Gruppe für Bewohner und „gute Freunde“ werden gemeinsame Aktivitäten angekündigt. Sie hat 395 Mitglieder.
Elf von ihnen treffen sich an diesem Dienstag zum Mittagessen im Restaurant Ruzhuxiang, „Zum duftenden Spanferkel“. Unter ihnen eine Investmentmanagerin aus Peking, die ihren Job in Singapur gekündigt hat, eine Versicherungsmaklerin, die im Sommer von Dali aus arbeitet, ein Therapeut, einer hat zuvor in Japan gearbeitet, eine Science-Fiction-Autorin. Alle sind nach 1990 geboren.
Die entspannte Atmosphäre, das angenehme Klima, das gute Essen, die niedrigen Lebenshaltungskosten – all das spreche für Dali. In vielen Tempeln könne man sogar umsonst essen.
Man dürfe Dali nicht als Gradmesser betrachten, warnt Experte Xu. Es sei schon lange ein Sehnsuchtsort. Er ziehe Menschen an, die einen „buddhahaften Lebensstil“ pflegten. Es seien vor allem in den 1980ern Geborene, die in wirtschaftlich guten Zeiten Ersparnisse angesammelt haben. Der Begriff „nackt kündigen“ stamme ursprünglich aus einer Zeit, als Chinas Wirtschaft noch stark wuchs, und beschreibe eine gut ausgebildete Elite, die sich eine Auszeit gönnte, bevor sie einen neuen Job suchte, erläutert der Historiker. Die Gruppe derjenigen, die sich diesen Luxus leisten können, werde aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit jedoch immer kleiner.
In der Generation der nach 1990 Geborenen, beobachtet er jedoch eine neue Art des „Nacktkündigens“. Junge Chinesen schmissen oft hin, wenn ihnen eine Firma nicht passe oder der Chef sie schlecht behandele, „schon bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit“. Womit sie anschließend ihren Lebensunterhalt verdienten, interessiere sie nicht. Diese Generation sei „von klein auf eigensinnig und sehr ichbezogen“.
Die 29-jährige Caicai sitzt an einem Sommertag mit ihren Freundinnen Bobo und Xiatian im Innenhof der Pension Jiushi in einem kleinen Dorf, rund vier Kilometer von Dalis Altstadt entfernt.
Caicai stammt aus der ostchinesischen Provinz Jiangxi. Sie arbeitete mehrere Jahre als Wanderarbeiterin in Marketing- und Vertriebsjobs in südchinesischen Städten wie Foshan und Shenzhen, bevor sie vor einem Jahr kündigte. Die Arbeit sei zu monoton gewesen.
Ursprünglich wollte sie nur eine kurze Auszeit nehmen. Doch nun lebt sie seit einem halben Jahr in Dali. Wie lange sie bleibt, weiß sie nicht: „Wir haben alle keine Pläne“.
Viele der jungen Aussteiger, die nach Dali kommen, hoffen, als Influencer Geld zu verdienen. Auch Caicai. Regelmäßig berichtet sie auf Douyin über ihr Aussteigerleben in Dali. Online-Beiträge über Dali, warnt sie, täuschten eine Idylle vor, die es so nicht gibt: „Morgens Vorhang aufziehen, Bergblick – sehr inszeniert.“ Für echte Social-Media-Einnahmen brauche man eine gewisse Reichweite, „und die habe ich, ehrlich gesagt, nicht“. Sie hat 15.000 Follower.
Stattdessen arbeitet sie nun, wie viele andere, als Herbergsmanagerin. Viele würden diese Art von Job als Freiwilligendienst übernehmen, gegen freie Kost und Logis. „Das löst sowohl die Unterkunftsfrage als auch den wirtschaftlichen Druck“, sagt Caicai.
Doch die Freiwilligenjobs hätten versteckte Bedingungen, die in den sozialen Medien nie erwähnt werden, warnt sie. Sie berichtet von schmutzigen Unterkünften oder einem Zimmer für zwei mit Doppelstockbett. Für sie kommt das nicht infrage. Sie arbeitet deshalb gegen Bezahlung.
Der Wettbewerb um gute Jobs sei aber groß. Herbergsbesitzer oder Ladeninhaber suchten explizit nach jungen Leuten, die filmen, schneiden und Inhalte produzieren können – um ihre Gästehäuser oder Shops in den sozialen Medien zu bewerben. Viele von ihnen betrachteten die jungen Leute als leicht verfügbare Arbeitskräfte. „Die wissen: Diese Leute brauchen die Stelle“, sagt Caicai.
Die Lokalregierung pflegt indes das idyllische Image. Mit umgerechnet rund 240.000 Euro förderte die Kultur- und Tourismusbehörde die Produktion der Fernsehserie „Dorthin, wo der Wind weht“, in der eine gestresste Hotelmanagerin aus Peking kündigt und nach Dali geht. Dort findet sie sich selbst – und ihre große Liebe.
Historiker Xu ist überzeugt, dass die meisten diese Flexibilität nicht freiwillig wählen. Durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz verschärfe sich das „tang ping“-Problem. Nicht nur weil die Gruppe derer, die in prekäre Jobs gedrängt werden, immer größer wird. Sondern auch weil diese Jobs zunehmend durch KI und Roboter ersetzt werden. Er beobachtet bei den Betroffenen einen inneren Groll gegen Reiche, gegen die soziale Ungleichheit. Das sei eine „Bedrohung für die Gesellschaft“, die zu einer „Quelle sozialer Konflikte“ werden könnte.

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