
Immer mehr Bundesbürger wandern nach Polen aus. Was macht das östliche Nachbarland wirtschaftlich und digital so attraktiv – und was kann Deutschland lernen?
AI-generated summary
Im Jahr 2025 sind laut Statistischem Bundesamt fast 5000 Deutsche nach Polen ausgewandert, während deutlich weniger zurückkehrten.
Unser osteuropäischer Nachbar zieht so viele Deutsche an wie lange nicht mehr. Woran liegt das? Und was kann Deutschland von Polen lernen?
Warschau. Der blaue Porsche schleicht durch den Warschauer Feierabendverkehr, drinnen wummert Techno aus den Boxen, draußen geht es vorbei an Baustellen. „Hier war früher mal ein altes Brauereigelände“, sagt Kevin Wörner und zeigt aus dem Fenster, „heute ist alles voller Büros.“ Ein paar Straßen weiter entsteht gerade ein neuer Glasturm – das Warschauer Zentrum sieht fast aus wie das Frankfurter Bankenviertel.
Wörner fährt in die Tiefgarage eines sechsstöckigen Neubaus. Vor ein paar Monaten hat der 33-Jährige hier mit „Channel Craft“ sein Büro bezogen. Die Firma baut Social-Media-Content für Mittelständler in den USA und Deutschland.
Bis vor einem Jahr lebte Wörner in Berlin. Doch wegen seiner Exfreundin verbrachte er viel Zeit in Warschau. Über die Monate reifte die Idee, komplett hierherzuziehen.
2025 ist nicht nur Wörner nach Polen ausgewandert: 4941 weitere Deutsche haben es ihm gleichgetan. Das Land liegt damit noch vor Großbritannien, Italien und den Niederlanden. Seit der Pandemie sind nicht mehr so viele Bundesbürger ins östliche Nachbarland gezogen.
Gleichzeitig sind nur 1720 Deutsche wieder aus Polen zurückgekommen – damit ist der „Wanderungssaldo“, wie es im Behördendeutsch des Statistischen Bundesamts heißt, negativ.
Warum zieht es immer mehr Deutsche über die Oder? Was genau klappt in Polens Wirtschaft besser als in Deutschland? Und was sollten wir von unserem östlichen Nachbarn lernen, um Fachkräfte nicht dauerhaft zu verlieren?
Der neue Sog nach Osten
„Meine Mutter ist zwar Polin, aber ich habe mich mein Leben lang als Deutscher gefühlt“, sagt Wörner. „Du wächst in Deutschland auf, alle deine Kumpels sind Deutsche.“ Oft seien ihm auch Vorurteile begegnet: „Wenn ich mich früher als Halbpole vorgestellt habe, kam oft: Gib mal mein Auto zurück.“
Dabei habe das Polen von heute nichts mehr mit dem von früher zu tun: „Es gibt eine unglaubliche Aufbruchstimmung, alle sind hier sehr bullish“, sagt Wörner. Ein starker Kontrast zu Deutschland, wo er von seinen Kumpels immer nur höre, was alles schlecht laufe. „Das zieht einen nur noch runter.“
Warschau sei mittlerweile sehr international. „Ich habe hier Freunde aus der Ukraine, aus Indien, dem Iran, der Türkei.“ Alle seien sehr motiviert, viele lernten auch die Sprache, um sich zu integrieren – obwohl hier fast jeder Englisch spreche. Mittlerweile klingt auch Wörners Polnisch fließend.
Kevin Wörner streift die Slipper neben seinem Schreibtisch ab, schlüpft in schwarze Hotelschlappen und setzt sich aufs Bürosofa. Sechs Leute beschäftigt er fest in Warschau, dazu kommen Freelancer.
Bei Youtube fing Wörner schon mit 16 an. Nach dem Abitur arbeitete er bei Roland Berger in der Strategieberatung, wechselte dann in den Venture-Capital-Bereich und zog für drei Jahre nach Shanghai. Irgendwann bastelte er nebenbei Youtube-Kanäle für Unternehmen – der Grundstein für seine heutige Firma.
Im Schnitt ist Polens Wirtschaft in den vergangenen 20 Jahren um drei bis vier Prozent gewachsen – pro Jahr. Jens Althoff war zum ersten Mal 2001 in Warschau. Heute ist er Leiter des Warschauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung. „Wir haben in Deutschland oft immer noch ein ziemlich verqueres Bild von Polen.“
Auch weil die polnische Wirtschaft nach dem Ende der Sowjetunion vor 30 Jahren noch schwächer dastand als die ukrainische. Vielen in Deutschland sei nicht bewusst, in welchem Ausmaß sich Polen verändert habe. Dabei werde Polen aus seiner Sicht zum deutschen Gegenpol: „Es wird in Infrastruktur investiert und ausgebaut, der Digitalisierungsgrad ist hoch, die Züge fahren pünktlich, die Bahnhöfe sind in Topzustand“, sagt Althoff.
Aus Wörners Sicht sprechen für Polen gleich mehrere Aspekte:
Finanzen: Vorteile bei der Steuer
Bis zu einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro zahlt Wörner nur neun Prozent Körperschaftsteuer für seine „Sp. z o.o.“, das Äquivalent zur GmbH. In Deutschland wären es 15 Prozent, dazu kämen noch der Solidaritätszuschlag und, je nach Gemeinde unterschiedlich, die Gewerbesteuer. Insgesamt käme Wörner damit bei mindestens 30 Prozent heraus.
Alles, was in Polen über die zwei Millionen hinausgeht, wird mit 19 Prozent versteuert. Bei der zusätzlichen Personengesellschaft, die er für persönliche Projekte gegründet hat, fallen sogar nur 8,5 Prozent Umsatzsteuer an. Obendrein können Menschen, die ihren Steuersitz nach Polen verlegen, für bis zu vier Jahre einen Betrag von knapp 20.000 Euro komplett einkommensteuerfrei bekommen. „Steuerlich ist das hier viel attraktiver“, sagt Wörner.
Vor Kurzem hat sein Unternehmen die monatliche Umsatzgrenze von 100.000 Euro geknackt. 30 Kunden hat Wörner bislang. Polnische sind noch nicht dabei, aber auch hier im Land will er wachsen.
Das Sales-Team will er bald auf zehn Leute aufstocken. Für Mitarbeiter gibt es einen Staffelplan: Im ersten Jahr muss er nur einen fest anstellen, im zweiten Jahr zwei. Dadurch bleibt Wörner flexibel. „Ich habe das Gefühl, es ist hier alles ein bisschen einfacher und unternehmerfreudlicher.“
Modernisierung: Digital und unbürokratisch
Zusätzlich habe er das Gefühl, dass die Steuergelder besser eingesetzt werden. „Was mir hier in der Stadt geboten wird, wie sauber alles ist, wie gut die Infrastruktur funktioniert, das ist kein Vergleich mit Deutschland.“ Hier habe er ein Netzwerk, Start-up-Kultur, dazu Opern und Nationaltheater, Regierungssitz und alle Unternehmen, die Rang und Namen hätten.
Auch beim Thema Digitalisierung und Bürokratie sei Polen Deutschland mittlerweile voraus: Die Anmeldung in Polen sei extrem einfach gewesen. „Wenn ich dran denke, wie lange damals die GmbH gedauert hat, da gab es tausend kleine Hiccups.“ Der Notartermin sei damals nicht online möglich gewesen, auf den Handelsregistereintrag musste er lange warten, genau wie auf die Steuernummer. In Polen dauerte der ganze Prozess nur zwei Tage: „Es gibt ein Portal namens S24, jeder Bürger hat ein digitales Profil, darüber lässt sich alles online anmelden.“ Auch die Steuernummer werde direkt vergeben.
Und die Lebenshaltungskosten seien niedriger. Es gebe etwa aus kommunistischen Zeiten noch das Konzept der „Milchbar“. „Das ist quasi Kantinenessen, aber mit Restaurant-Setting“, sagt Wörner. Für ungefähr fünf Euro bekomme man ein Schnitzel mit Beilagensalat und Kartoffeln, dazu noch ein Getränk. „Es schmeckt so, als hätte Mama gekocht. Und ist bei Weitem günstiger als die zehn Euro, die ich letztens in Frankfurt für einen Döner zahlen musste.“
Die Kehrseite: Polens Erfolg hat seinen Preis
Die Kehrseite von Warschaus Attraktivität ist der Preisanstieg. In dem Viertel im Zentrum, in dem Wörners Büro liegt, lägen die Kaufpreise bei rund 25.000 Złoty per Quadratmeter, umgerechnet knapp 6000 Euro. „Das hat schon krass angezogen“, sagt Wörner. Seine polnischen Freunde könnten sich Immobilien im Warschauer Zentrum mittlerweile nicht mehr leisten. Für das 110-Quadratmeter-Büro mit Dachterrasse, auf die bald noch eine Hantelbank soll, zahlt er monatlich um die 11.000 Złoty Miete. „In den Außenlagen ist es aber noch sehr günstig, auch in kleineren Städten abseits von Warschau. Insgesamt bewegen wir uns immer noch unter dem deutschen Großstadtniveau.“
„Wie dynamisch sich dieses Land insgesamt entwickelt hat, würde ich als die europäische Erfolgsgeschichte der letzten Jahrzehnte bezeichnen“, sagt Stiftungsleiter Althoff. Natürlich gebe es noch ländliche Gebiete, die abgehängt seien. Aber insgesamt könne Deutschland sehr viel von Polen lernen, was die Dynamik angeht, die Umsetzung von Projekten.
„Wie das Land Dinge vorantreibt, ist bemerkenswert“, sagt Althoff. Auch die jüngere Generation sei hervorragend ausgebildet. „In Deutschland gibt es in dieser Generation sehr oft sofort die Diskussion um Work-Life-Balance.“ Hier in Polen hingegen würden die Jungen etwas schaffen wollen, etwas reißen, würden sich dafür anstrengen.
Die Suche nach Polschland
Der Kabarettist Steffen Möller sieht aber auch Ähnlichkeiten zwischen den Bewohnern beider Länder. Es werde Bier getrunken und gern gegrillt, beide seien Schrebergärtenvölker, die polnische Sprache habe allein 2000 deutsche Lehnwörter. „Auch die Küche ist recht ähnlich: Fleisch, Kartoffeln, Klöße“, sagt Möller.
Der Kabarettist hat mehrere Bücher und Bühnenprogramme über die deutsch-polnischen Beziehungen geschrieben, seit vielen Jahren pendelt er zwischen Warschau und Berlin. Mindestens alle sechs bis acht Wochen ist er hier.
Auch wenn er selbst kein Smartphone hat und mit einem alten Nokia telefoniert: Wie sehr die Polen den Deutschen technisch voraus sind, begeistert auch ihn. Etwa „Scan-Cars“, die hier im Vorbeifahren prüfen, ob die Parkgebühr bezahlt wurde. „In Berlin ist das aus Datenschutzgründen gescheitert.“ Auch dass die Regierung einfach mal entscheidet, die Bürger mit einem Tankrabatt um 15 Prozent zu entlasten, imponiert ihm. „Polen steht oft für radikal bürgerfreundliche Maßnahmen“, sagt Möller.
Drei Millionen Polen lebten aktuell in Deutschland. „Viele vermissen in ihrem deutschen Leben das Easy Going, die polnische Lebensfreude“, weiß Möller. Sein neues Bühnenprogramm heißt deshalb „Polschland“ – es ist der Versuch, einen Staat zu schaffen, der das Beste aus beiden Ländern vereint. „Denn Rückkehrer gibt es nicht. Wer einmal weg war, ist in keinem der beiden Länder wieder je so richtig zu Hause“, sagt Möller.
Polens Gesellschaft nimmt er insgesamt als sehr konservativ wahr. „Die CDU wäre den Leuten hier schon zu sozialistisch.“ Auch er bezeichnet den Aufstieg des Landes als „wirtschaftliche Erfolgsgeschichte“. Aber: „Hier ist kein Paradies, es gibt enorme Probleme.“ Die Gesellschaft sei zutiefst zerrissen zwischen konservativ und liberal. „Dieser Riss zieht sich durch Familien und Lehrerkollegien“, sagt Möller. Nicht darüber zu reden, wäre so, „als würde man in Deutschland das Phänomen AfD ausblenden“.
Die rechte PiS-Partei habe seit der ersten Machtübernahme Einfluss auf Medien und Gerichte genommen. Auch das Fernsehen, in dem Möller einst in einer polnischen Telenovela einen deutschen Bauern spielte und berühmt wurde, sei immer mehr zur „Propagandamaschine“ geworden. „Was uns Polen aber auch lehrt: Es wird eine Zeit nach der AfD geben“, glaubt Möller.
Deutschland kann von Polen lernen
Klar, auch hier laufe nicht alles perfekt, sagt Christine Schmitt. „Aber du merkst, welcher Wille da ist, Dinge lösungsorientiert umzusetzen.“ Schmitt ist seit fünf Jahren regelmäßig in Polen. Ihr Partner ist dort Anwalt, sie arbeitet in der Führungskräfteentwicklung. Immer wieder pendelt sie zwischen den zwei Welten, hat in beiden Ländern einen Wohnsitz: in Schweppenhausen, am Rande des Hunsrücks, und in Krakau.
„Ich habe vor Kurzem eine polnische Muttergesellschaft und eine deutsche Tochtergesellschaft gegründet“, erzählt Schmitt. In Polen habe sie die Eintragung ins Firmenregister gerade mal drei Tage gekostet. „In Deutschland beschäftigt mich ein ähnlicher Vorgang zweieinhalb Monate mit Dutzenden Schreiben und rechtlichen Problemen – und ich bin kein Großkonzern.“ In Polen seien die Menschen pragmatischer, auf Ämtern werde man als Kunde gesehen.
Von Anfang an hat die 40-Jährige beeindruckt, wie extrem weit Polen in der Digitalisierung ist. „Schon vor fünf Jahren gab es hier Tankstellen-Apps: Das Kennzeichen wird gescannt, du tankst, fährst wieder weg, der Betrag wird automatisch abgebucht.“ Beim Supermarkt Żabka lasse sich mitunter 24/7 einkaufen, „ein Roboterarm macht dir den Hotdog“. Deutschland zeigt solche Prototypen auf Messen, in Polen seien sie schon im Einsatz.
Oder Blik, das polnische Bezahlsystem: eine App, so wie Wero, nur dass es sie hier schon seit zehn Jahren gibt. „Kaum jemand nutzt hier noch Paypal“, sagt Schmitt. Ein weiteres Beispiel sei die Bürgerapp mObywatel. Dort liegen der Personalausweis, der Führerschein, die Fahrzeugpapiere, die Gesundheitskarte, die elektronische Krankenakte. „Beim Immobilienkauf schaltet man der Bank für einen gewissen Zeitraum die Daten frei, sie prüft den Bonitätsscore und bewilligt dir innerhalb von 15 Minuten den Kredit“, sagt Schmitt.
Im April 2025 kaufte sie mit ihrem Partner eine Wohnung in einem Krakauer Vorort. Das Einfamilienhaus mit 200 Quadratmetern wurde abgerissen, nun entsteht ein Mehrfamilienhaus mit vier Einheiten. Voraussichtlich im Oktober können sie einziehen. „Es hat gerade mal eineinhalb Jahre von der ersten Idee über Notartermin und Bauantrag bis zum Innenausbau gebraucht“, sagt Schmitt. Die ehemaligen Hausbesitzer, jenseits der 70, bekommen kein Geld, sondern eine der neuen Wohnungen. „In Deutschland ist das undenkbar. Hier in Polen ist das ganz normal.“
Für ihre 75 Quadratmeter mit 200 Quadratmetern Garten wird Schmitt, inklusive Innenausbau, zwischen 300.000 und 350.000 Euro ausgeben. Kitas sind in der Nähe, eine Schule um die Ecke und Ärzte. Was man beim Hauskauf allerdings wissen müsse: Es gibt in Polen nur variable Zinsen. „Dadurch kann eine Finanzierung unter Umständen wesentlich teurer werden“, sagt Schmitt.
Zudem sei das Preisniveau in Krakau ein ganz anderes als etwa in Warschau. In der Hauptstadt würde der Bruttolohn im Schnitt bei 4400 Euro liegen. „In Krakau, Danzig, Schlesien, überall, wo Wirtschaft ist, liegt das Durchschnittseinkommen bei 2200 Euro.“ In Ostpolen, im ländlichen Raum, seien es sogar nur 900 bis 1200 Euro. „Wenn in ganz Polen die Preise steigen, führt das natürlich zu Frust“, sagt Schmitt.
Deutschland sollte sich etwas mehr Pragmatismus von Polen abschauen – und nicht von oben herab auf das Land gucken. „Wir sollten endlich anfangen, auch von unseren Nachbarn zu lernen.“ In Deutschland setze man nicht auf Vertrauen, sondern auf Regeln. In Polen sei das anders: „Regeln haben lange Zeit dafür gesorgt, dass das Land wie im Kommunismus unterdrückt wurde.“ Deshalb werde hier durch den Staat eher versucht, Vertrauen wiederaufzubauen. „Das empfinde ich als sehr hohen Wert.“
Gerade hat sie ihr Unternehmen so aufgebaut, dass es gut in beiden Ländern funktioniert. Sie hat Kunden in Deutschland, aber auch immer mehr in Polen, wo sie interkulturelle Trainings anbietet.

After a massive wave of emigration during the debt crisis, an increasing number of Greek skilled workers from Germany are returning to their homeland. The government is advertising tax breaks, while experts warn of persistently low wages in Greece.

During the Russian parliamentary election there were massive Ukrainian drone attacks on Moscow and oil refineries. At the same time, Macron and Trump are discussing an energy ceasefire, while the World Bank is providing Ukraine with $841 million.

According to a diplomat, Iran is holding out the prospect of opening the Strait of Hormuz within seven days if the USA lowers its military-economic pressure. At the same time, the country is negotiating conditions for an end to the war.

China's young generation is losing faith in the traditional promise of upward mobility. More and more people are quitting without a new job or are taking precarious odd jobs, while places like Dali are becoming refuges for dropouts.

A Venezuelan man shot by a US immigration officer in Texas has been taken back to the hospital with the bullet still lodged in his body and signs of paralysis, according to his lawyer.

French President Macron and US President Trump are discussing an energy ceasefire in the Ukraine war. At the same time, unprecedented Ukrainian drone attacks on Moscow and Russian regions are shaking up the last day of parliamentary elections.