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Die Debatte um das ostdeutsche Sonderbewusstsein: Jammern oder Selbstbewusstsein?
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FAZ1 hour agoPolitics3 min readGermany

Die Debatte um das ostdeutsche Sonderbewusstsein: Jammern oder Selbstbewusstsein?

Quick Look

  • Seit Monaten diskutiert Deutschland über ein angebliches ostdeutsches Sonderbewusstsein, ausgelöst durch Wahlkampfveranstaltungen, einen F.A.Z.-Leitartikel und öffentliche Aussagen von Politikern wie Björn Höcke.
  • Ostdeutsche Politiker wie Sepp Müller und Linda Teuteberg warnen vor der Politisierung von Identität und betonen strukturelle Benachteiligungen, während andere das Gefühl von Benachteiligung als nachvollziehbar anerkennen.
  • Die Debatte spiegelt tief verwurzelte Vorurteile und unterschiedliche Wahrnehmungen von Ost und West wider.

AI-generated summary

Why It Matters

Die Debatte um ein ostdeutsches Sonderbewusstsein wurde durch Wahlkampfveranstaltungen, einen F.A.Z.-Leitartikel und Aussagen von Politikern wie Björn Höcke ausgelöst, die das Gefühl von Benachteiligung und Identität im Osten thematisieren.

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Seit Monaten blickt ganz Deutschland in den Osten. Auf Ulrich Siegmund, der auf einem alten DDR-Moped durch Sachsen-Anhalt fährt und gemeinsam mit Tino Chrupalla die DDR-Hymne singt. Auf Wahlkampfveranstaltungen, bei denen Politiker und Anhänger „Ost-, Ost-, Ostdeutschland!“ skandieren. Auf Björn Höcke, der sagt, nur im Osten seien „die Menschen noch Deutschen".

Im Westen der Republik warf das Fragen auf: Wollen die da drüben überhaupt dazugehören? Darf, wer betont, Ostdeutscher zu sein, die Spaltung zwischen Ost und West eigentlich beklagen? Und schließlich: Können die mal aufhören zu jammern?

Ausgelöst hatte die Debatte auch ein Leitartikel in der F.A.Z. vor zwei Wochen. Der Autor beklagte, dass gleich mehrere Parteien das ostdeutsche Sonderbewusstsein befeuerten. Nicht nur AfD, BSW und Linke, sondern auch CDU und SPD. Die Geduld im Westen stoße langsam jedenfalls, auch angesichts der hohen Zustimmungswerte für die AfD, an ihre Grenzen, bestätigten Journalisten anderer westdeutscher Medienhäuser.

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Wieder andere bezeichneten das, was dort passierte, als „Aufstand der Jammerwessis“, die nun alte Klischees aus der Kiste kramten, um ihrer angestauten Wut einmal Luft zu machen. Und Bildungsministerin Karin Prien meinte: „Darüber lohnt sich doch jetzt ein ernsthaftes Gespräch!“

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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Wir wollten sprechen. Mit ostdeutschen Politikern und Politikerinnen. Gibt es dieses Sonderbewusstsein tatsächlich? Und wenn ja: Ist das ein Problem? Einige unserer Anfragen wurden ignoriert, auf andere kamen Absagen. Vor der Wahl sei das ein heikles Thema. Aber manche wollten dann doch sprechen.

Zum Beispiel Sepp Müller. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag ist in diesen Tagen viel in Sachsen-Anhalt unterwegs, seinem Heimatverband. Er kann nicht feststellen, dass sich die Wähler dort gerade in besonderem Maße für das Verhältnis von Ost und West interessieren würden, Debatte hin oder her. An den Wahlkampfständen gehe es um die hohen Spritpreise, den Verlust von Industriearbeitsplätzen und das mangelnde Reformtempo in Berlin.

Der Osten sollte selbstbewusster werden

Trotzdem kann Müller der aufgeflammten Ost-West-Debatte etwas abgewinnen, weil er noch viel zu oft hört, die Wiedervereinigung sei die Ursache für die Probleme der Menschen im Osten, und weil er sieht, wie die AfD daran anknüpft. „Die AfD versucht das zu vollenden, was die PDS auf den Weg gebracht hat: eine Umkehrung von Ursache und Wirkung“, sagt Müller. „Wir müssen deutlich machen: Die Ursache dafür, dass viele Menschen im Osten kein Vermögen aufbauen konnten, dass ihnen vierzig Jahre erzählt wurde, der Staat regelt alles für dich, ist nicht die Wiedervereinigung, sondern vierzig Jahre SED-Parteiendiktatur und ein System, das völlig abgewirtschaftet war.“

Statt ein Sonderbewusstsein zu pflegen, sollte der Osten Selbstbewusstsein aufbauen, findet Müller und nimmt Bezug auf das alte Klischee des „Jammerossis“, wenn er sagt: „Ich halte wenig von Jammern und mehr von Machen.“ Müller hält es schon für problematisch, dass es in Berlin noch einen Ostbeauftragten gibt, der einmal im Jahr in einem Bericht festhält, was noch immer nicht gut ist in den neuen Ländern – so, als seien die Ostdeutschen eine bemitleidenswerte Minderheit. „Wir haben Dinge, die andere nicht haben, wir haben Fläche, wir haben erneuerbare Energien, und das können wir selbstbewusst zeigen“, sagt Müller und verweist auf das riesige Rechenzentrum, das die Schwarz-Gruppe für 5,6 Milliarden Euro in Mecklenburg-Vorpommern bauen will, weil es dort ausreichend günstigen Strom aus Windkraft gibt.

Den Vorwurf, statt auf ostdeutsche Stärken auf ostdeutsche Befindlichkeiten zu setzen, musste sich zuletzt aber auch Müllers Partei anhören. Da war der Vorstoß von Ost-Ministerpräsidenten zur Rente mit 63, dem sich inzwischen auch Länderchefs aus dem Westen angeschlossen haben. Da waren die Auftritte des sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Sven Schulze, auf denen der Komiker Didi Hallervorden die Rüstungspolitik der Bundesregierung kritisieren durfte. Beides steht quer zur Linie der Bundes-CDU, die auch Müllers Linie ist. Darauf angesprochen, antwortet er, im Jahr des Mauerfalls in Wittenberg geboren, mit einem variierten Luther-Zitat: Man sollte dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden.

Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein

Schaut man den Ost- und den Westdeutschen aufs Maul, erfährt man schnell: Es gibt nach wie vor viele Anknüpfungspunkte für Parteien, deren Geschäftsmodell es ist, einen Keil ins deutsch-deutsche Verhältnis zu treiben. Als Forscher vor einigen Jahren west- und ostdeutsche Vertreter der Nachwendegeneration darum baten, die jeweils anderen mit Attributen zu beschreiben, fielen diesen vor allem alte Klischees ein. Die Wessis sagten über die Ossis, diese seien rassistischer, dümmer und fauler, und die Ossis attestierten den Wessis, diese seien arroganter und eingebildeter. Auch das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, hält sich ausweislich von Umfragen unter vielen Ostdeutschen hartnäckig.

Linda Teuteberg versteht, warum Menschen so fühlen. Die gebürtige Brandenburgerin bearbeitet das Ost-West-Thema seit vielen Jahren und wirbt vor allem im Osten für Positionen, die dort nicht überall populär sind: für die Unterstützung der Ukraine, für mehr Vertrauen in marktwirtschaftliche Mechanismen, gegen ein verklärtes DDR-Bild. Zugehört wird ihr auch, weil sie sich über verbreitete Sorgen und Empfindlichkeiten nicht erhebt, zum Beispiel in der Migrationspolitik.

Die neu aufgeflammte Debatte besorgt die FDP-Politikerin nicht nur, weil sie emotional viel Porzellan zerschlage. „Die Debatte lenkt von den wahren Themen ab und entfernt uns als Bundesrepublik noch mehr von den nötigen Reformen“, sagt sie. Dabei weist sie darauf hin, dass viele Haltungen, die pauschal dem Osten zugerechnet werden, ebenso im Westen zu finden seien. Die in Ostdeutschland – bis hinauf in die Staatskanzleien – vertretene Kritik an der Rentenreform werde genauso vom DGB und von westlichen SPD-Leuten vertreten. Auch Russland-Nähe finde sich im Westen, und selbst die Verharmlosung des DDR-Unrechts sei schon Teil der alten westdeutschen SPD gewesen.

Teuteberg, stellvertretende Vorsitzende der Liberalen, meint, dass die Fixierung auf die AfD die Spannung noch erhöhe. Als der Linke Bodo Ramelow und die Sozialdemokratin Manuela Schwesig die DDR in Reden verherrlicht hätten, sei dies im Westen nicht weiter skandalisiert worden; es habe als „salonfähig“ gegolten. Wenn sich die AfD im Osten entsprechend äußere, sei die Empörung hingegen groß.

Mit Überzeugung stemmt sich Teuteberg gegen das Konstrukt einer Sonderidentität Ost. „Diese war eine Erfindung der Neunzigerjahre, die von der PDS und später dann auch von der AfD bewirtschaftet wurde. Wenn aber, wie gerade wieder, mit Ressentiments gegen Ostdeutsche gearbeitet wird, wird diese mystische Identität auch noch bestätigt und verfestigt.“

Anknüpfen konnten die vermeintlichen Anwälte der Ossis an deren Erfahrung, im westdeutsch dominierten Diskurs nicht immer für voll genommen zu werden. Teuteberg selbst musste sich anhören, dass ihre kritische, gleichwohl differenzierte Position zur Migration wohl mit ihrer Herkunft zu tun habe: „Wer nicht mit dem türkischen Gemüsehändler an der Ecke aufgewachsen ist, hat eben weniger Empathie für Migranten“, habe ihr ein westdeutscher Politiker einmal ins Gesicht gesagt.

Nach zahllosen Gesprächen auf Marktplätzen und Panels wehrt sich Teuteberg gegen das Pauschalurteil, dass die Ostdeutschen „kollektiv ein Problem mit der Demokratie“ hätten. „Vielmehr gibt es beides gleichzeitig: die, die die Diktaturerfahrung in der DDR bis heute prägt, aber eben auch jene, die besonders sensibel für Fehlentwicklungen in einer Demokratie sind und sie vielleicht früher erkennen als manche im Westen.“

„Wenn, dann bin ich Süddeutscher"

Pauschalurteile will auch Georg Maier nicht fällen, doch auf das Demokratieverständnis des Ostens blickt er durchaus kritisch. Maier stammt nicht aus dem Osten, aber ist dort seit vielen Jahren politisch aktiv. Der thüringische Innenminister sagt, er fühle sich weder ost- noch westdeutsch. „Ich habe Jahrzehnte in Ost und West gelebt und gearbeitet. Wenn es eine geographische Zuordnung braucht, dann bin ich Süddeutscher, weil ich am Bodensee geboren bin.“

Maier findet es gut, wenn politisch heikle Themen aufgegriffen werden. So auch bei der jetzigen Debatte. Im Gespräch betont er immer wieder, dass es nicht „die“ Ostdeutschen gebe, ebenso wenig wie „die“ Westdeutschen. Aber wenn man mal in diesen Kategorien bleibt, fallen ihm dann doch ein paar Sachen ein, die ihn nerven.

An „den“ Westdeutschen zum Beispiel stört Maier, dass sie zu lange zu wenig Interesse am Osten gezeigt hätten. Er erzählt von einem Volksfest in Südbaden und seiner Rede in einem Festzelt über die gravierenden Unterschiede bei Löhnen, Renten und Vermögen zwischen Ost und West – und von den fragenden Gesichtern seiner Zuhörer. „Dieses mangelnde Interesse ist das, was viele Ostdeutsche verletzt.“

Und bei „den“ Ostdeutschen? Maier kritisiert die Nähe zu Russland. Die Verschwörungserzählung, dass die NATO Mitschuld am russischen Überfall auf die Ukraine trage, sei weit verbreitet. „Ich verstehe nicht, woher das kommt, wo doch die Menschen hier jahrzehntelang unter der autoritären Politik der UdSSR und ihrer Handlanger in Ostberlin gelitten haben.“ Im Osten sei außerdem ein libertäres Demokratieverständnis weiter verbreitet als im Westen. „Die hohen Wahlergebnisse der AfD werden von vielen als Legitimierung der AfD als normale Partei gesehen“, sagt Maier. Im Westen sei die Akzeptanz einer wehrhaften Demokratie hingegen höher. „Noch“, fügt er hinzu.

Dass im Osten zu viel gejammert wird, will Maier so pauschal nicht bestätigen. Zumal manches eben nicht von der Hand zu weisen sei. „Ostdeutsche sind in den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten deutlich unterrepräsentiert. Das ist mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht gut.“

Das ostdeutsche Sonderbewusstsein ist keine Erfindung

Dass die gefühlten und tatsächlichen Benachteiligungen, aber auch die eigene Geschichte zu etwas geführt haben, das man Sonderbewusstsein nennen kann oder auch spezifische ostdeutsche Identität, ist keine Erfindung von debattenfreudigen Leitartiklern. Bringen Forscher zum Beispiel nur West- oder nur Ostdeutsche zu einer Gruppendiskussion zusammen, dann fällt den Wessis die gemeinsame Herkunft gar nicht auf, während die Ossis sofort bemerken, dass sie offenbar die Ossigruppe sind, und Anstoß daran nehmen. Dazu passen Umfragen, wonach sich Bürger aus dem Osten relativ häufig als Ostdeutsche identifizieren, während recht wenige Menschen aus dem Westen sich in erster Linie als Westdeutsche sehen.

Nora Zabel bewegt sich in beiden Welten. Zabel ist dreißig Jahre alt, geboren in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern und CDU-Mitglied, seitdem sie 15 ist. Zuletzt arbeitete sie für die Abgeordnete Serap Güler. Gerade unterstützt sie den Wahlkampf in ihrer Heimat.

Zabel gehört zu jener Generation, die die Mauer selbst nicht mehr gesehen hat und doch immer wieder mit den Unterschieden zwischen Ost und West konfrontiert ist. In ihrem Buch über die ostdeutsche Gen Z, „Vereint in Zerrissenheit“, beschreibt sie, dass sie beides in sich trage. Sich also mit den Menschen im Osten solidarisch fühlt, aber sich in anderen Fragen abgrenzt. Etwa, wenn es um Migrations-, Klima- oder Verteidigungspolitik geht.

Als sie sah, wie hitzig jetzt in den sozialen Netzwerken debattiert wurde, war Zabel überrascht. Sie habe diesen Ton aus dem Westen selten so wahrgenommen. Ein bisschen versteht Zabel den Unmut aber auch. Auch sie machen die Bilder aus Sachsen-Anhalt wütend. „Es gibt auf jeden Fall Anlass zu fragen: Warum wählen die so?“, sagt sie. Dennoch hält sie die Debatte für zugespitzt, befürchtet einen Rückfall in alte Plattitüden. Und vor allem komme es darauf an, wer so eine Kritik übe. „Wenn’s ein Wessi macht, hat’s immer so was Anrüchiges.“ Schließlich sei es nur Zufall, wenn man als Westdeutscher in Freiheit geboren wurde. Anders als ihre Eltern.

Zabel hat in der Schule gelernt, dass Amerika der starke Partner ist. Aber zu Hause bezeichneten ihre Eltern Russland als den großen Bruder. Zabel ist das Kultmoped Simson gefahren, und im Wohnzimmer ihrer Familie stand ein Fliesentisch. Sie sagt, es gebe nun mal eine ostdeutsche Identität. Die dürfe nur nicht politisiert werden – und nicht als Rechtfertigung für eine Opferrolle dienen. „In der DDR wurden Menschen an der Mauer erschossen. Das waren Opfer. Für alle anderen ist es, würde ich meinen, nach der Wende besser geworden.“ Der Kapitalismus sei hart, aber man müsse sich irgendwann daran gewöhnen, dass nicht alles vom Staat aufgefangen werde.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die Ost-West-Debatte wird im Vorfeld der nächsten Wahlen weiter an intensity gewinnen.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wie lässt sich das ostdeutsche Sonderbewusstsein von strukturellen Benachteiligungen unterscheiden?
  • Welche konkreten Maßnahmen könnten das Gefühl von Benachteiligung im Osten verringern?
  • Inwiefern beeinflusst die AfD die Wahrnehmung von ostdeutscher Identität?

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This article was originally published by FAZ.

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