
Das Handelsblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zur Fernwärme als zentralem Baustein der deutschen Wärmewende.
AI-generated summary
Das Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung verpflichtet Kommunen zur Erstellung von Wärmeplänen, um die Wärmeversorgung bis 2045 klimaneutral zu gestalten.
Fernwärme soll in Zukunft Millionen Haushalte in Deutschland klimaneutral versorgen. Doch was genau ist Fernwärme, lohnt sie sich und wie umweltfreundlich ist sie?
Düsseldorf. Die Zahl der Fernwärmenetze könnte deutlich steigen. Das seit Januar 2024 geltende Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung verpflichtet Kommunen bereits zur Erstellung einer Wärmeplanung – nun scheint die Umsetzung spürbar an Fahrt zu gewinnen. Damit soll die Wärmeversorgung bis 2045 auf klimaneutrale Erzeugung umgestellt werden.
Rückblick: Im Jahr 2024 wurden etwa 15,5 Prozent der fast 44 Millionen Wohnungen in Deutschland mit Fernwärme beheizt. Das ist nicht wesentlich mehr als noch im Jahr 1998. Damals waren es noch 14,3 Prozent des Wohnungsbestandes, wie Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigen.
Was hat Klimaneutralität mit Fernwärme zu tun? Wie genau funktioniert Fernwärme, und ist sie automatisch klimafreundlich? Das Handelsblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.
Was ist Fernwärme?
Fernwärme ist ein System, mit dem Haushalte heizen und Warmwasser nutzen können, ohne dass die Wärme dafür direkt am Gebäude erzeugt wird, wie bei Öl- oder Gasheizungen oder Wärmepumpen. Stattdessen wird die Wärme zentral erzeugt. Im Wesentlichen besteht das Fernwärme-System aus einem Wärmenetz und den daran angeschlossenen Erzeugungstechnologien. Das Wärmenetz verbindet die zentralen Wärmequellen durch Rohre mit den einzelnen Haushalten einer Stadt oder Kommune.
Wie wird Fernwärme erzeugt?
Die Wärme kann entweder aus fossilen oder erneuerbaren Energiequellen stammen. Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und Kraft-Wärme-Kopplung (AGFW) unterscheidet außerdem danach, ob die Anlagen zur Erzeugung extra dafür errichtet worden sind, wie etwa Heizwerke – oder ob die Wärme aus sogenannten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen bezogen wird.
Bei der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wird mit einer Anlage sowohl Strom als auch Wärme erzeugt. Dabei dienen zum Beispiel fossile Gas- oder Kohlekraftwerke dazu, Strom zu erzeugen. Hierbei entsteht jedoch Abwärme, die durch die KWK nutzbar gemacht und in das Wärmenetz eingespeist wird. Der AGFW zählt auch die Abwärme bei Abfallverbrennung oder erneuerbarer Geothermie zu den KWK-Anlagen.
Wie Wärme hingegen erneuerbar erzeugt werden kann, unterscheidet sich nach lokalen Gegebenheiten. Es ist unter anderem möglich, Wärme aus Flüssen mit großen Wärmepumpen nutzbar zu machen oder mit Solarthermie Wärme zu erzeugen.
Was ist der Nutzen von Fernwärme?
Auf dem Weg zur Klimaneutralität muss das Wärmesystem in Deutschland umgestellt werden, weil bislang noch ein Großteil der deutschen Haushalte mit fossilen Energieträgern wie Gas und Öl heizt. Jens Clausen, Mitbegründer und Senior Researcher des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit, sagt, dass Wärmenetze eine wichtige Ergänzung zu Wärmepumpen seien, weil sie zusätzliche attraktive Wärmequellen erschlössen und das Stromsystem entlasteten.
Vor allem in Städten, wo Wärmepumpen oft aus Platzgründen unpraktisch sind, kann laut Clausen Fernwärme künftig die Versorgung übernehmen. Das bestätigt auch John Miller, stellvertretender Geschäftsführer des AGFW, der Fernwärme als „Multitool der Wärmewende“ bezeichnet – unter anderem wegen der Vielfalt der Erzeugungstechnologien.
Auch die Forschenden bei Scientists for Future sehen Wärmenetze in vielen Fällen als optimale Lösung. Endkunden hätten besonders dann Vorteile, wenn die Netze durch die Kommunen oder in deren Auftrag betrieben werden, urteilt eine Studie der Forscher. So sei beispielsweise in Dänemark die Fernwärmeversorgung häufig gemeinnützig, genossenschaftlich oder kommunal organisiert. Dadurch sei die Wärme klimafreundlich bei geringeren und stabileren Kosten als fossile Energien.
Gebäudemodernisierungsgesetz: Was sich ab 2026 ändert
Seit dem 29. Juli 2026 gilt das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) der aktuellen Bundesregierung. In diesem wurden viele Vorgaben aus dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) der vorherigen Ampel-Regierung gelockert oder fallen gänzlich weg.
Verbraucher haben damit wieder mehr Optionen. Wer möchte, kann sich weiterhin eine Gas- oder Ölheizung einbauen. Für diese gelten jedoch eine neue Regelung: die Biotreppe. Laut GModG müssen Gebäudeeigentümer bei solchen Heizungen sicherstellen, dass ab 2029 zehn Prozent des verwendeten Brennstoffs aus klimaneutraler Erzeugung kommen. Danach wird der Anteil schrittweise angehoben, 2040 soll er bei sechzig Prozent liegen.
Die Vorgaben zur Wärmeplanung für Kommunen gelten nach wie vor. Fernwärmeversorger müssen weiterhin ihre Wärmeerzeugung dekarbonisieren, wie es das Gesetz für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung der Wärmenetze (WPG) vorschreibt. Energieverbände kritisieren, dass dadurch unterschiedliche Maßstäbe an die verschiedenen Versorgungsoptionen gelten.
Außerdem, so Experte Jens Clausen, steige durch die GModG-Novelle in erster Linie die Unsicherheit. Denn Bio-Brennstoffe seien in ausreichender Menge künftig keineswegs sicher verfügbar. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) würde dies erhebliche Mehrkosten bei Verbrauchern verursachen und die Wärmewende insgesamt verteuern.
Robert Meyer, Forscher am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, erklärt, dass gegenüber einem Gaskessel auch in Zukunft die Fernwärme in den meisten Situationen preislich vorteilhaft sei.
Welche Fristen gelten beim Heizungstausch?
Mit dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz gelten seit Juli 2026 keine Fristen mehr für einen Heizungstausch. Wer perspektivisch einen Fernwärme-Anschluss erwägt, ist also an keine Frist gebunden. Für Eigentümer, die sich eine neue Heizung auf Gas-, Heizöl- oder Flüssiggas-Basis einbauen, sind jedoch nun die Fristen für die Beimischung von Bio-Brennstoffen relevant.
Die sogenannte Biotreppe gilt ab Januar 2029. Ab dann müssen Eigentümer einen Anteil klimaneutraler Brennstoffe von zehn Prozent nachweisen können. Dieser wird ab 2030 auf 15 Prozent sowie ab 2035 auf 30 Prozent angehoben. Schließlich erreicht er 2040 die finalen 60 Prozent.
Wie teuer ist Fernwärme?
Fernwärme gilt als teuer. Laut dem Heizspiegel für Deutschland war Fernwärme beispielsweise für eine durchschnittliche 70 Quadratmeter große Wohnung im Mehrfamilienhaus im Jahr 2024 mit etwa 1.225 Euro die teuerste Option. Währenddessen liegen Erdgas und Heizöl zusammen auf Platz zwei mit circa 1.030 Euro.
Dieser Preisnachteil ergibt sich laut Clausen mitunter deshalb, weil Betreiber für den Auf- und Ausbau der Netze sowie für klimafreundliche Erzeugungstechnologien „jetzt und in Zukunft hohe Investitionen tätigten“, die über die nächsten Jahre abgeschrieben werden müssten.
So rät die Verbraucherzentrale dazu, einen Vollkostenvergleich aufzustellen. Damit könnten Verbraucher abwägen, ob sich ein Fernwärme-Anschluss für sie individuell lohnt. Bei einem Vollkostenvergleich werden nicht nur die reinen Heizkosten verglichen, sondern alle anfallenden Kosten über die Nutzungsdauer der Heizung. Dazu gehören auch die Anschaffung und Wartung.
Wie sich die Kosten für Fernwärme künftig entwickeln, ist angesichts der neuen Regelungen noch unklar. Dennoch gilt: Ein Netzanschluss ist recht günstig. Die Verbraucherzentrale nennt für die Umstellung eines Bestandsgebäudes Kosten in Höhe von 8.000 bis 15.000 Euro. So seien die Anschaffungskosten geringer als die Installation einer Wärmepumpe, die zwischen 20.000 und 63.000 Euro kosten kann. Diese Preisspanne basiert auf 160 Angeboten, welche die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in dem Bundesland im vergangenen Jahr eingeholt hat.
Wichtig: Fernwärmeanbieter sind in ihrer Region Monopolisten. Denn pro Region gibt es jeweils nur ein Wärmenetz. Das heißt für Verbraucher, dass sie keinen Anbieterwechsel vornehmen können und je nach Vertrag längere Zeit von ihrem Anbieter und dessen Preissetzung abhängig sind. Dabei dürfen Verträge für eine Dauer von bis zu zehn Jahren geschlossen werden.
In manchen Kommunen sind Anwohner sogar gezwungen, ihren Haushalt an das Fernwärmenetz anzuschließen und diese Wärme zu nutzen, so zum Beispiel in Frankfurt am Main oder Dachau. Häufig können sie aber alternativ auch andere Heiztechnik auf Basis erneuerbarer Energien nutzen, müssen dies jedoch nachweisen. Das regelt dann die Satzung der jeweiligen Gemeinde.
Warum unterscheiden sich die Kosten für Fernwärme regional?
Laut einer Auswertung der Verbraucherzentrale im April 2025 lag der durchschnittliche Preis für Fernwärme bei 17 Cent pro kWh. In dieser Rechnung ist der Grundpreis anteilig enthalten. Jedoch fielen die Preise regional stark unterschiedlich aus. In jedem vierten Netz zahlten Verbraucher 20 Cent oder mehr, in jedem zehnten sogar 25 Cent oder mehr. Dies bedeutet im Vergleich zum Durchschnittspreis Mehrkosten von 290 Euro im Jahr für 20 Cent pro kWh. Für 25 Cent pro kWh zahlen Haushalte pro Jahr sogar 770 Euro mehr.
Miller vom AGFW erklärt diese Preisunterschiede damit, dass Wärmenetze eine lokale Angelegenheit seien. Deutschlands 11.000 Kommunen hätten je einen Wärmemarkt mit unterschiedlichen Gegebenheiten: Kundenstruktur, Netz und auch die Beschaffenheit der Böden zur Verlegung spielten etwa eine Rolle. Zudem gebe es laut Clausen „gut und schlecht geführte Unternehmen“. So komme es stets auch auf die Führung der Stadtwerke an. Diese könnten in der Vergangenheit zu wenig investiert haben oder noch mit alten Anlagen arbeiten.
Für wen kommt Fernwärme infrage?
In Deutschland sind aktuell rund 3.800 Fernwärmenetze in Betrieb, wie der AGFW angibt. Sie versorgen rund 14 Prozent der Haushalte in Deutschland. Dabei seien laut Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) in vielen Regionen Wärmenetze noch nicht vorhanden – oder eine entsprechende Planung sei nicht gesichert. Dementsprechend gebe es aktuell noch begrenzte Verfügbarkeiten.
Dem soll das Gesetz für kommunale Wärmeplanung entgegenwirken. Die Wärmeplanung analysiere laut BMWSB für die Zukunft, wo Wärmenetze verfügbar sein könnten. Diese Pläne sollen laut Gesetz für Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohnern bis Mitte 2026, für kleinere Kommunen bis Mitte 2028 vorliegen.
Kommunen deutschlandweit planen, etwa 37 Prozent der Wärmeversorgung über Fernwärmenetze bereitzustellen. Das zeigt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und des Öko-Instituts aus dem August 2026. Dafür wurden 380 bereits fertiggestellte Wärmepläne für etwa 940 deutsche Kommunen ausgewertet. Die Fernwärme liegt demnach auf dem zweiten Platz hinter Wärmepumpen. Erdgas und Heizöl seien hingegen Auslaufmodelle.
Aktuell können sich Verbraucher über Online-Verfügbarkeits-Checks bei ihren lokalen Energieversorgern darüber informieren, ob ein Anschluss für ihren Haushalt möglich ist.
Wie klimafreundlich ist Fernwärme?
Nach Angaben des Branchenverbands AGFW stammen rund 31 Prozent der Fernwärme aus erneuerbaren oder als klimaneutral eingestuften Quellen. Etwa 15 Prozentpunkte entfallen dabei auf Abwärme aus Müllverbrennung. Weitere zwölf Prozentpunkte stammen aus Geothermie, Biomasse und sogenannten EE‑Gasen. Dabei handelt es sich um brennbare Gase, die mithilfe von Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt werden und nicht fossil sind. Der Großteil dieser Wärme entsteht in KWK-Anlagen.
Die restlichen rund vier Prozentpunkte der als klimaneutral ausgewiesenen Fernwärme kommen aus Heizwerken ohne Stromerzeugung. Davon entfallen etwa drei Prozentpunkte auf Müllverbrennung.
Ob diese Anteile jedoch tatsächlich klimaneutral sind, ist umstritten. Müllverbrennungsanlagen werden beispielsweise zwar im Gebäudeenergiegesetz als klimaneutral eingestuft, doch Umweltverbände wie der BUND und das Recyclingunternehmen Alba kritisieren diese Einordnung. Alba sieht darin sogar einen Widerspruch zu europäischem und deutschem Recht.
AI outlook — possibilities, not facts
Kommunen über 100.000 Einwohner müssen bis Mitte 2026 Wärmepläne vorlegen.
Very likely · Within months

The planned green gas quota will require fuel suppliers to add climate-friendly gases for private households from 2028. While the Ministry of Economics emphasizes availability, the VKU warns of supply bottlenecks and cost increases.

The IEA warns of a persistent diesel shortage well into next year. The reasons are delivery failures from the Middle East and Russia as well as falling inventories. Despite G7 reserves, prices could rise in Europe, Africa and Latin America.

The EU Commission plans to postpone the next stage of the methane regulation by one year. Uniper boss Michael Lewis criticizes this as too short and calls for three years to set up the necessary certification systems to ensure security of supply.

The federal government is planning an increasing blending quota for climate-friendly fuels in gas and oil deliveries to private households from 2028. Industry and commerce are excluded. The VKU warns of bottlenecks and unclear price consequences.

Consumers in Germany pay around 170 euros for 100 liters of heating oil instead of 90 euros before the war. According to a Greenpeace analysis, oil companies have made 858 million euros in excess profits since the outbreak of war. Greenpeace is calling for these profits to be skimmed off.

The Federal Ministry of Economics is planning a national gas reserve from October 2027, which will be financed through a levy. The costs for households are estimated at 3.77 to 7.20 euros annually to secure supply in the event of infrastructure failures.