Europäische Gaspreise steigen auf Höchststand seit drei Jahren wegen Nahost-Konflikt und niedriger Speicherstände
Quick Look
- Die Furcht vor Lieferunterbrechungen aufgrund der neu aufgeflammten Kämpfe im Nahen Osten treibt die europäischen Gaspreise auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren.
- Gleichzeitig sind die Füllstände der Gasspeicher in Europa und besonders in Deutschland auf einem historischen Tiefstand für diese Jahreszeit, was die Erreichbarkeit der gesetzlichen Vorgaben gefährdet und Analysten zu weiteren Preissteigerungen bis zu 120 Euro pro Megawattstunde im Winter führt.
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Why It Matters
Die Vorgabe, dass die meisten Speicher zum 1. November zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein müssen, ist ein Resultat der Gaskrise 2022. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine und der daraus resultierenden Gasknappheit, kombiniert mit hohen Preisen, hatte die Bundesregierung verpflichtende Vorgaben für die Speicherbetreiber eingeführt. 2025 wurden die Vorgaben auf den aktuellen Stand abgesenkt.
Die Furcht vor Lieferunterbrechungen wegen der neu aufgeflammten Kämpfe im Nahen Osten treibt die Gaspreise in Europa auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Der europäische Gas-Future zog heute in der Spitze gut zwei Prozent auf 71,50 Euro je Megawattstunde an. Seit Anfang August haben die Preise damit mehr als 20 Prozent zugelegt.
Hintergrund der Nervosität am Markt sind zudem die niedrigeren Füllstände der europäischen Gasspeicher. Diese sind nach Daten von Gas Infrastructure Europe derzeit zu rund 65 Prozent gefüllt. Das sei der niedrigste Stand für diese Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2011 und gut zwölf Prozentpunkte unter dem Niveau des Vorjahres.
Vorgaben kaum noch erreichbar
In Deutschland sind die Füllstände sogar noch geringer: Hierzulande sind die Gasspeicher derzeit nur zu etwas mehr als 50 Prozent gefüllt. Im vergangenen Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 67 Prozent. Die in Deutschland staatlich vorgegebene Befüllung der Gasspeicher auf 80 Prozent bis Anfang November ist nach Einschätzung aus der Energiebranche kaum mehr zu schaffen.
Diese Vorgabe, dass die meisten Speicher zum 1. November zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein müssen, ist ein Resultat der Gaskrise 2022. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine und der daraus resultierenden Gasknappheit, kombiniert mit hohen Preisen, hatte die Bundesregierung verpflichtende Vorgaben für die Speicherbetreiber eingeführt. 2025 wurden die Vorgaben auf den aktuellen Stand abgesenkt.
Preise könnten weiter steigen
Um nun aber am 1. November einen Füllstand von 80 Prozent zu erreichen, wären zwischen August und Oktober 25 Milliarden Kubikmeter Gaseinspeisung erforderlich und damit neun Milliarden Kubikmeter mehr als im Vorjahr. Eine solche Menge ist allerdings unrealistisch: Die EU geht davon aus, dass ihr aufgrund der aktuellen Lage kaum 14 Milliarden Kubikmeter zur Verfügung stehen werden. Analysten zufolge ist dies auf Lieferengpässe infolge des Krieges in Iran zurückzuführen.
Das könnte vor allem in den kommenden Monaten zu weiter steigenden Preisen führen: Laut Analysten von Morningstar könnte ein kalter Winter die Preise auf 90 bis 120 Euro je Megawattstunde treiben. Das liegt auch daran, dass Europa dann aggressiver mit Asien um das begrenzte Angebot konkurrieren würde.
Trotz der niedrigen Stände ist das Bundeswirtschaftsministerium bislang zufrieden mit der Befüllung der Gasspeicher. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet sei, heißt es. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lehnt einen staatlichen Eingriff ab. "Die Ministerin und auch das Wirtschaftsministerium gehen derzeit davon aus, dass der Markt weiter befüllt. Das ist die Aufgabe des Marktes", bekräftigte jüngst eine Sprecherin. "Das hat auch immer so funktioniert."
Algerien als neuer Partner
Im vergangenen Jahr waren die größten Gaslieferanten Deutschlands laut Bundesnetzagentur Norwegen (44 Prozent), die Niederlande (24 Prozent) und Belgien (21 Prozent). Über die deutschen LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran wurden 10,3 Prozent der gesamten Gasimporte abgewickelt. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft stammten im Jahr 2025 rund 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA.
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädierte deshalb zuletzt dafür, die Gasversorgung auf längerfristige Verträge umzustellen und die Vertragsstrukturen zu diversifizieren. Deutschland sei beim Flüssigerdgas LNG stark von den USA abhängig. "Wir müssten wirklich etwas tun, um uns mittelfristig resilienter aufzustellen - sonst sind wir dauernd im Krisenmodus."
Seine aktuellen Algerien-Reise hat Bundesaußenminister Johann Wadephul denn auch dafür genutzt, einen neuen Gaslieferanten zu gewinnen. Die Speicher in Deutschland mit Gas aus Algerien zu füllen sei "definitiv" möglich, sagte Wadephul heute in Algerien. Das Land sei in dieser Hinsicht ein "verlässlicher Partner", der auch bereits Gas nach Italien und Spanien liefere, betonte der Minister. "Sowohl bei der Sicherung kritischer Rohstoffe als auch bei Fragen der Energiesicherheit brauchen wir zuverlässige Partner und widerstandsfähige Lieferketten, gerade in unserer unmittelbaren Nachbarschaft."
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Gaspreise könnten im Winter auf 90 bis 120 Euro pro Megawattstunde steigen, falls ein kalter Winter eintritt.
Possible · Within months
Deutschland wird seine Gasverträge diversifizieren und die Abhängigkeit von US-LNG reduzieren.
Likely · Within months
Open Questions
- Wie wird Deutschland seine Gasversorgung langfristig diversifizieren, um die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu reduzieren?
- Welche konkreten Schritte plant die Bundesregierung, falls die Speicherziele nicht erreicht werden sollten?
- Wie zuverlässig ist Algerien tatsächlich als langfristiger Gaslieferant für Europa angesichts seiner eigenen politischen Stabilität und Produktionskapazität?






