Gasspeicherung in Deutschland: Aktueller Stand und Versorgungssicherheit
Wie funktionieren Gasspeicher, welche gesetzlichen Vorgaben gelten und wie wahrscheinlich ist eine Gasmangellage?
Quick Look
- Angesichts niedriger Gasspeicherstände von 51 Prozent diskutieren Experten über die Versorgungssicherheit in Deutschland.
- Trotz gesetzlicher Füllvorgaben und neuer LNG-Kapazitäten bleibt die Lage angespannt, wobei eine Gasmangellage derzeit als unwahrscheinlich gilt.
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Why It Matters
Die Gasspeicherfüllstandsverordnung wurde 2022 als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine eingeführt. Ziel ist die Sicherstellung der Versorgung ohne russische Gaslieferungen.
Wie wird Gas gespeichert?
Gas wird in Deutschland hauptsächlich in unterirdischen Speichern gelagert. Dabei wird zwischen sogenannten Kavernen- und Porenspeichern unterschieden. Diese Speicher dienen dazu, Schwankungen über den Jahresverlauf auszugleichen, also im Sommer Vorräte für den Winter anzulegen, in dem in der Regel mehr Gas verbraucht wird. Bei Kavernenspeichern handelt es sich um künstliche Hohlräume in Salzstöcken; Porenspeicher sind natürlich vorkommende unterirdische Räume in durchlässigen Gesteinsformationen.
Diese unterirdischen Speicher liegen in mehreren Hundert bis 2.000 Meter Tiefe, es gibt laut der "Initiative Energien Speichern", dem Zusammenschluss der Gas- und Wasserstoffspeicher, 47 solcher unterirdischen Gasspeicherstandorte. Die Größe variiert von 0,5 Terawattstunden (Kiel-Rönne) bis hin zu 35,7 Terawattstunden (Rehden). Die Kapazitäten in den Speichern werden in Auktionsverfahren vergeben.
Wie stark sind die Speicher aktuell gefüllt?
Laut den Daten, die die Bundesnetzagentur von den Speicherbetreibern über die Transparenzplattform AGSI+ erhält, lag der Füllstand zuletzt bei 51 Prozent. Vor einem Jahr waren es zu diesem Zeitpunkt knapp 69 Prozent.
Welche gesetzlichen Vorgaben gibt es zur Gasspeicherung?
Wie viel Gas zu welchem Zeitpunkt gespeichert sein soll, regelt in Deutschland die Gasspeicherfüllstandsverordnung. Gesetzlich vorgeschrieben ist beispielsweise, dass die meisten Gasspeicher in Deutschland zum 1. November mindestens zu 80 Prozent gefüllt sein müssen. Für einige große Speicher (zum Beispiel in Bad Lauchstädt, Frankenthal und Uelsen) liegt die Vorgabe lediglich bei 45 Prozent.
In der Summe ergibt sich daraus laut Bundesnetzagentur ein durchschnittlicher deutschlandweiter Speicherstand von 70 Prozent, der Anfang November erreicht sein muss. Aktuell gehe man davon aus, so eine Sprecherin der Bundesnetzagentur, dass Speicherstände zwischen 60 und 70 Prozent zu Beginn des Winters grundsätzlich ausreichten, um die durchschnittliche Gasnachfrage während des Winters zu decken - wenn parallel weiter Gas importiert werden könne.
Die Sprecherin weist darauf hin, dass es dem Energiemarkt bislang auch unter widrigsten Bedingungen gelungen sei, Deutschland mit ausreichend Erdgas zu versorgen. Was der Markt nicht leisten könne, sei die Vorsorge für "exogene Schocks" wie beispielsweise große Sabotageakte. Genau aus diesem Grund plane die Bundesregierung auch eine strategische Gasreserve aufzubauen.
Warum gibt es diese gesetzlichen Vorgaben - und seit wann?
Die Gasspeicherfüllstandsverordnung ist noch relativ neu. Sie wurde 2022 als Reaktion auf die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine eingeführt. Mit dem Ziel, in Deutschland so viel Gas vorrätig zu halten, dass Bevölkerung und Wirtschaft gut durch den Winter kommen - auch ohne Gaslieferungen aus Russland. 2025 wurden die ursprünglich noch strengeren Vorgaben (Speicherstände von bis zu 90 Prozent am 1. November) gelockert, weil die Bundesregierung die Versorgungslage heute als stabiler einschätzt als unmittelbar während der Gaskrise 2022/23.
Woher kommt das in Deutschland verbrauchte Gas?
Die Gasimporte nach Deutschland schwanken leicht von Tag zu Tag. Nach Angaben der Bundesnetzagentur bezog Deutschland am 24. August 2026 insgesamt 2.465 Gigawattstunden - davon kamen etwa 20 Prozent aus den Niederlanden, 24 Prozent aus Belgien und 42 Prozent aus Norwegen. 328 Gigawattstunden und damit etwa 13 Prozent der Gasimporte kamen als Flüssiggas (LNG) nach Deutschland.
Wer ist dafür verantwortlich, dass Gasspeicher gefüllt werden?
Nicht der Staat, sondern die Marktteilnehmer, wie die Bundesnetzagentur betont. Das sind unter anderem Gashändler oder Energieversorger, aber auch große Industrieunternehmen. Sie alle kaufen Gas am Markt, buchen Speicherkapazitäten bei den Speicherbetreibern und lagern entsprechend Gas ein.
Welche Strafen gibt es, wenn die vorgeschriebenen Füllstände nicht erreicht werden?
Die Bundesnetzagentur überwacht die gesetzlichen Füllstandsvorgaben. Werden diese nicht eingehalten, kann die Behörde darauf reagieren. Die rechtlichen Folgen richten sich nach den Paragraphen 35a ff. des Energiewirtschaftsgesetzes EnWG.
Da es oberstes Ziel ist, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, spielen Geldstrafen bei den Sanktionsmaßnahmen so gut wie keine Rolle: Lagert ein Marktteilnehmer weniger Gas in einen Speicher ein als angekündigt, droht ihm in erster Linie der Entzug der gebuchten Speicherkapazität. Die kann dann an einen anderen Interessenten vergeben werden.
Diese Form der Sanktionierung erklärt sich nach Angaben der Bundesnetzagentur aus der Entstehungszeit der Gasspeicherfüllstandsverordnung: Nach dem Ausbleiben russischer Gaslieferungen sei es vor allem darum gegangen, Bevölkerung und Wirtschaft ausreichend mit Gas zu versorgen. Geldbußen oder vergleichbare Strafen könnten nach Ansicht einer Sprecherin der Bundesnetzagentur gegebenenfalls genau den gegenteiligen Effekt haben: dass keine Kapazitäten in Deutschland mehr gebucht würden oder zumindest deutlich weniger.
Können die Gasspeicher in Deutschland noch rechtzeitig voll werden?
Nach Einschätzung von Stefan Lechner, Professor für Energiewirtschaft und Energiesysteme an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), ist das zwar möglich, aber nur theoretisch. "Es würde circa acht Wochen bei voller Einspeicherleistung dauern, den politisch erwünschten Füllstand von 80 Prozent zum 1. November zu erreichen. Ein so schnelles Hochfahren der Gaseinspeicherung wird es aber sehr wahrscheinlich nicht geben."
Als Gründe für den niedrigen Füllstand nennt Lechner einerseits den sehr niedrigen Füllstand am Ende des Winters 2025/26 und andererseits den höheren Gaspreis seit Beginn des Iran-Kriegs im März 2026. Üblicherweise ist das Gas im Sommer günstiger als im Winter, dann werden die Speicher gefüllt. Wegen des Kriegs ist diese Logik aber außer Kraft gesetzt. "Sollte sich die politische Lage am weltweiten Gasmarkt beruhigen, könnte im nächsten Winter Gas voraussichtlich günstiger eingekauft werden als heute", erläutert Lechner.
Wie wahrscheinlich ist eine Gasmangellage in Deutschland?
Zwar sei der aktuelle Füllstand der deutschen Gasspeicher besorgniserregend, sagt Lechner. Allerdings hätten die Gasspeicher nicht mehr die Bedeutung, die ihnen früher zugekommen sei: "Durch die zunehmenden Anteile an LNG-Importen - also Flüssig-Erdgas per Schiff - in Europa und auch durch die neuen LNG-Kapazitäten in Deutschland ist der Markt nicht mehr im selben Maß wie früher auf die Gasspeicher angewiesen."
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt deswegen zur Einschätzung: "Eine Gasmangellage ist derzeit nicht das wahrscheinlichste Szenario." Ganz unproblematisch sei die Situation aber nicht: "Die niedrigen Speicherstände machen das System verwundbarer. Bei einem sehr kalten Winter, Lieferausfällen oder neuen geopolitischen Krisen kann das Risiko deutlich steigen. Deshalb ist die Lage nicht dramatisch, aber sie ist angespannt."
Was erwartet Gaskunden, wenn es zu einer Mangellage kommt?
Sollte es zu einer Gasmangellage kommen, wären deutlich höhere Preise am Gasmarkt zu erwarten, vermutet Lechner von der THM. Im Jahr 2022 habe sich gezeigt, dass Haushalte zwar kurzfristig kaum betroffen seien, die höheren Preise aber mittel- und langfristig bei ihnen angekommen seien: "Spätestens zur nächsten Abrechnungsperiode würden Haushalte spürbare Preiserhöhungen bekommen."
Anders sehe das bei den Groß- und Industriekunden aus: Die wären unmittelbar von den Preissteigerungen betroffen, das hätte wiederum Folgen für die Stromerzeugung und die Strompreise. Lechner: "Erdgas ist häufig an der Strombörse preisbestimmend, entsprechend wäre eine echte Gasmangellage zugleich eine neue Strompreiskrise."
Wenn es tatsächlich zu wenig Gas für den gesamten Bedarf gebe, würde die Bundesnetzagentur zum Entscheider, wer zuerst auf Erdgas verzichten muss: "Hier würde es wahrscheinlich vor allem die Industrie treffen. Es gibt sogenannte geschützte Verbraucher, dazu gehören Haushalte, Krankenhäuser und Heizkraftwerke. Es ist also selbst dann nicht zu befürchten, dass zu Hause die Heizung nicht mehr läuft." Nur eben zu einem deutlich höheren Preis.
Zeigt der Speicher-Füllstand verlässlich, wie sicher die Versorgung ist?
"Ja, aber nicht allein", sagt die Energiemarktexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Die Professorin plädiert dafür, bei der Beurteilung der Versorgungssicherheit mit Gas das Gesamtbild zu betrachten.
Dazu gehören für Kemfert neben Speicherständen auch die Importe von verflüssigtem Erdgas LNG, Pipelinegas, europäische Speicher, Netzinfrastruktur und Verbrauch. Trotzdem blieben die Speicher ein zentraler Sicherheitspuffer. Je niedriger diese sind, desto stärker hängt Deutschland der Expertin zufolge davon ab, dass im Winter kontinuierlich ausreichend Gas nachkommt. Kemfert warnt deshalb davor, niedrige Füllstände zu verharmlosen.
Was können Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt tun?
Claudia Kemfert betont, aktuell bestehe bezüglich der Gasversorgung kein Grund zur Panik. Sie sagt aber auch: "Gas zu sparen bleibt sinnvoll." Wichtig sei jetzt vor allem, strukturell schneller weg vom Gas zu kommen: "Wer eine Heizung ersetzt, sollte möglichst nicht noch einmal in eine neue Gasheizung investieren, sondern auf Wärmepumpen, erneuerbare Wärme und effiziente Gebäude setzen". Jede dauerhaft vermiedene Kilowattstunde Gas senke Kosten, stärke die Versorgungssicherheit und reduziere die Abhängigkeit von fossilen Importen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Kein Erreichen der 80-Prozent-Marke bis 1. November bei aktueller Einspeiseleistung.
Likely · Within weeks
Open Questions
- Wie entwickeln sich die Gaspreise bei anhaltend niedrigen Füllständen?
- Welche konkreten Auswirkungen hätte eine Gasmangellage auf die Industrie?







