
Hensoldt-Chef Oliver Dörre spricht im Handelsblatt-Interview über die wachsende Bedrohung durch Drohnen, die Notwendigkeit einer integrierten Abwehrkette, den Rüstungsboom bei Hensoldt mit über zehn Milliarden Euro Auftragsbestand, technologische Souveränität durch MDOcore und Partnerschaften sowie Expansionspläne bis 2030 mit Fokus auf Deutschland, Europa und ausgewählte internationale Märkte wie Indien.
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Hensoldt ist ein führender deutscher Rüstungskonzern mit Sitz in Taufkirchen, der Sensoren, Elektronik und Optronik für militärische und zivile Anwendungen entwickelt. Das Unternehmen ist stark von Aufträgen der Bundeswehr abhängig und arbeitet an Lösungen für Drohnenabwehr und technologische Souveränität im Verteidigungssektor.
München. Wer Oliver Dörre treffen will, sollte flexibel sein. Wegen eines wichtigen Termins verlegte der Hensoldt-Chef das Interview kurzfristig an den Münchener Flughafen, auf dem Weg zu einem geheimen Auslandsziel. Mit Radaren, Sensoren und der Kompetenz, militärische Daten auswerten zu können, ist das Unternehmen aus Taufkirchen weltweit sehr gefragt. Der wichtigste Kunde bleibt aber die Bundeswehr. Im Handelsblatt-Interview spricht Dörre über den Schutz vor Drohnen und Expansionspläne.
Herr Dörre, haben Sie schon überlegt, eine eigene Drohnenabwehr für Hensoldt anzuschaffen?
Anschaffen brauchen wir die nicht, die haben wir ja praktisch im Regal. Aber Spaß beiseite. Vorfälle wie der in Leipzig zeigen, dass hybride Bedrohungen zunehmen. Und wir treffen durchaus Vorbereitungen. Am Ende geht es aber um die Frage, ob wir uns bei Bedarf wirklich verteidigen dürfen.
Sie meinen, eine Drohne abzuschießen oder anderweitig vom Himmel zu holen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) denkt darüber nach, Firmen diese Kompetenzen zu geben. Halten Sie das für richtig oder sollte das Verteidigen gegen Drohnen eine hoheitliche Aufgabe bleiben?
Aktuell halte ich es noch nicht für sinnvoll, dass die Industrie selbst Drohnen bekämpft. Aber wir müssen alle Vorbereitungen für den Fall treffen, dass die Situation weiter eskaliert. Die Zuständigkeiten müssen Politik und Gesetzgeber klären. Im Ernstfall ist keine Zeit mehr für Grundsatzdiskussionen.
Im Zweifel wissen Sie ja gar nicht, was an einer Drohne über dem Werksgelände dranhängt. Die Drohnen von Leipzig waren mit Sprengstoff bestückt. War das ein Schockmoment?
Der Vorfall in Leipzig hat einige in der Wirtschaft aufgeweckt. Das Innen- und das Verteidigungsministerium oder die Verantwortlichen an den Flughäfen, die sind längst wach. Aber die Bedeutung des Themas Drohnenabwehr kommt jetzt auch bei der Bevölkerung an. Nur dürfen wir jetzt nicht in Aktionismus verfallen.
Was benötigen wir stattdessen?
Wir haben eine Lücke im bodennahen Bereich. Und wir haben Lücken beim Übergang von der Luftverteidigung zum Objektschutz. Hier müssen wir von der Detektion über die Identifikation bis hin zur Wirkung eine saubere integrierte Kette aufbauen. Denn Sie wollen ja im Zweifel auch wissen, wo die Drohne über Ihrem Werksgelände hergekommen ist.
Sie fordern ein flächendeckendes Sensornetz?
In der Ukraine gibt es mittlerweile ein landesweites Netz von akustischen Sensoren. So etwas brauchen wir auch: ein Netz von Augen und Ohren über das ganze Land. Wir sprechen beispielsweise gerade mit der Telekom, ob wir die Mobilfunkmasten mit zusätzlichen Sensoren ausstatten können. Wir sollten vorhandene Infrastruktur nutzen. Es gibt viele Möglichkeiten, Drohnen zu erkennen. Aber wir brauchen eine Architektur, die sie zusammenbindet. Am Ende müssen wir gewappnet sein, wenn eines Tages ganze Drohnenschwärme kommen sollten.
Deutschland will sich nicht nur gegen Drohnen wappnen, sondern insgesamt verteidigungsfähig werden. Erste Stimmen sagen schon, wir können die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse nicht ewig bestehen lassen. Kommt der Rüstungsboom vielleicht schneller zu einem Ende, als wir denken?
Ich sehe das nicht. Für mich war das vierte Quartal 2025 wirklich ein Meilenstein, weil wir viele Aufträge, über die wir zwei, drei Jahre geredet hatten, dann auch bekommen haben. Unser Auftragsbestand lag nach dem ersten Halbjahr bei mehr als zehn Milliarden Euro, und diese Aufträge werden nicht wieder zurückgedreht.
Also haben Sie keine Angst, dass der Geldfluss irgendwann versiegt?
Wenn sich die Bedrohungslage entspannen sollte, was ich momentan nicht sehe, wird es vielleicht wieder eine Prioritätenverschiebung geben. Aber wir dürfen dann nicht den Fehler der Friedensdividende wiederholen und Fähigkeiten wieder vollständig abbauen. Es muss ein Niveau unserer Verteidigungsfähigkeit geben, das wir nicht mehr unterschreiten.
Hensoldt entwickelt mit MDOcore eine Software, die Sensoren und Waffensysteme in einer Datencloud zusammenbindet. Wird das die europäische Alternative zum Angebot des US-Konzerns Palantir?
Ich will diesen Vergleich gar nicht ziehen. Wir arbeiten mit Partnern wie der Schwarz-Gruppe und der Telekom sowie Helsing an einer souveränen Lösung, bei der wir die Kontrolle über die Daten behalten und die wir jederzeit selbst verändern können, wenn wir das für geboten halten. Daran können bestehende Systeme wie das Battlemanagement-System Sitaware angebunden werden. Unser Beitrag beginnt aber schon am Sensor: Wir verstehen die Daten und ihren militärischen Zusammenhang. So müssen wir bei begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten nicht ständig alle Rohdaten übertragen.
Sie sprachen gerade das Thema technologische Souveränität an. Die Luftwaffe wird bald ihren ersten F-35-Kampfjet aus US-Produktion entgegennehmen, während das deutsch-französische Projekt FCAS gescheitert ist. Wie geht es weiter?
Das müssen Sie in erster Linie die Politik fragen. Wir werden ein bemanntes Flugzeug der sechsten Generation brauchen, das mit unbemannten Systemen kooperieren kann. Deshalb engagiert Hensoldt sich ja auch im „Team Generation 6“ mit anderen Unternehmen, die das Thema ebenso vorantreiben wollen.
Was soll das bringen?
Wir müssen das, was im Rahmen von FCAS von deutscher Seite schon entwickelt wurde, erhalten und gegebenenfalls in neue Kooperationen einbringen – mit schwedischen Partnern oder in das britisch-italienisch-japanische GCAP-Projekt. Und wenn ein partnerschaftlicher Ansatz nicht trägt, muss Deutschland sich so aufstellen, dass es zur Not auch national ein solches Kampfflugzeug entwickeln kann. Das ist am Ende eine politische Entscheidung. Wir sollten unser Licht nicht unter den Scheffel stellen und müssen keine falschen Kompromisse eingehen. Aber wir brauchen jetzt eine Richtungsentscheidung.
Die Alternative wäre, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) einfach noch weitere F-35-Bestellungen im Gepäck hat, wenn er demnächst in die USA fliegt.
Die F-35 bringt heute eine überlegene Fähigkeit ein und ist ein wichtiges Element. Ich glaube aber nicht, dass sie allein den Anspruch an langfristige Handlungsfähigkeit erfüllen kann. Man muss die Themen F-35 und Next Generation Fighter deutlich trennen. Gleichzeitig muss man unbemannte Systeme einbinden – da sichert das aktuelle Projekt Combat Fighter System Nucleus, kurz CFSN, souveräne Interessen.
Wenn Deutschland und Europa irgendwann aufgerüstet sind, brauchen Sie neue Absatzmöglichkeiten. Wenden Sie sich auch neuen Märkten zu?
Wir wollen bis 2030 rund die Hälfte unseres Umsatzes in Deutschland, 30 Prozent im übrigen Europa und 20 Prozent in ausgewählten internationalen Märkten erwirtschaften, die auch von der Bundesregierung als Fokusregionen angesehen werden. Wir haben im vergangenen Jahr beispielsweise einen Rahmenvertrag mit Indien über ein Hinderniserkennungssystem geschlossen. Das optische System warnt Piloten vor Hindernissen wie Hochspannungsleitungen. Zur Zusammenarbeit mit unseren indischen Partnern gehören auch Technologietransfer und Fertigung vor Ort.
Indien ist eine sehr selbstbewusste Regional- und Atommacht. Fürchten Sie keinen Technologietransfer?
Die Bundesregierung will die Zusammenarbeit mit Ländern in der Asien-Pazifik-Region wie Indien vertiefen. Sonst wenden sie sich China oder Russland zu. Zu solchen Partnerschaften gehören auch Forderungen nach Technologietransfer. Aber jeder Export bleibt an die erforderlichen Genehmigungen gebunden. Wir achten natürlich darauf, dass wir unsere „Kronjuwelen“ schützen und nicht weitergeben. Ähnliches gilt für Kanada, Singapur oder Länder im Mittleren Osten.
Wo wir gerade von der Asien-Pazifik-Region sprechen: Wie groß ist noch Ihre Abhängigkeit von China als Rohstofflieferant, etwa von seltenen Erden?
Kurz- bis mittelfristig sehe ich da keine Gefahr – auch weil Hensoldt keine Riesenmengen an seltenen Erden braucht. Wir stehen zwar auf Chinas Sanktionsliste, aber das hat weder Auswirkungen auf unsere Lieferketten noch auf unsere Jahresprognose. Es gibt Lieferanten und am Ende ist es vor allem eine Frage des Preises. Der hat sich bei den betroffenen Rohmaterialien verfünf- bis verzehnfacht. Deshalb begrüße ich schon, dass das Wirtschaftsministerium das Thema Rohstoffsicherheit verstärkt angeht.
Stichwort Preise. Normalerweise sinken die, wenn die bestellten Stückzahlen steigen. Diesen Eindruck erweckt Ihre Branche nicht. Erleben wir eine Rüstungsinflation?
Über die gestiegenen Einkaufspreise haben wir gesprochen. Und dann haben wir eben noch ganz oft Rahmenverträge, die zwar große Mengen vorsehen, aus denen aber bisher nur kleine Stückzahlen fest bestellt sind. Wir können nicht mit der Aussicht auf eine Karotte, die an einer langen Leine hängt, die Preise senken.
Die Politik sagt, dass gerade diese Rahmenverträge der Industrie Planungssicherheit geben sollen.
Noch mal: Ein Rahmenvertrag allein sichert mir noch keine Abnahme. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich die Investitionen in den Ausbau unserer Fertigung ebenfalls in den Preisen niederschlagen.
Wie sieht der Ausbau aus?
Hensoldt hat in den Jahren 2022 bis 2025 eine Milliarde Euro investiert – gut ein Viertel davon für die Sicherung der Lieferketten. Wir bauen gerade das dritte Lager. Deshalb müssen wir laufende Stückkosten und Investitionen in zusätzliche Kapazität unterscheiden. Bei verbindlich abgerufenen größeren Mengen können die Stückpreise sinken. Solche Abschläge sind in vielen Rahmenverträgen bereits hinterlegt.
Der Auftragseingang hat sich im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdoppelt. Sie haben Aufträge für mehr als zehn Milliarden Euro in den Büchern. Kommen Sie denn mit der Produktion noch hinterher?
Bei den Kapazitätserweiterungen seit dem Jahr 2022 reden wir – je nach System – vom Faktor fünf, Faktor zehn, bei kleineren Systemen vereinzelt vom Faktor 100. Darauf können unsere Mitarbeitenden stolz sein und da fehlt mir manchmal ein bisschen die Wertschätzung. Weil wir das in weiten Teilen selbst finanziert haben. Obwohl wir gerade erst mit Minister Pistorius unser neues Optronikwerk in Oberkochen eröffnet haben, bauen wir bis Mitte 2027 ein drittes Optronikwerk. Mit der zweiten Radarproduktion werden wir im ersten Quartal 2027 eine neue Dimension erreichen. Trotzdem haben wir beim weiteren Ausbau noch einiges vor uns.
Kommen auch weitere Firmenübernahmen infrage, um schneller expandieren zu können?
Wir sind mit Cash und Finanzierung gut unterwegs, wir haben Firepower. Mit der Übernahme des niederländischen Optronik-Spezialisten Nedinsco haben wir gezeigt, dass wir zu Zukäufen bereit sind. Und wenn wir im Rahmen unserer Internationalisierungsstrategie schnell wachsen wollen, sind wir sicher zu Joint-Ventures bereit oder sichern auch Partnerschaften mit Beteiligungen ab. Aber wir bleiben sehr selektiv, was das Thema angeht. Wachstum allein ist für uns kein Selbstzweck.
Die Börse hat auf Ihre guten Halbjahreszahlen nicht gerade euphorisch reagiert. Trauen die Aktionäre dem Wachstumsversprechen nicht?
Es geht, glaube ich, weniger um die Substanz und mehr um Sentiment. Nachrichten über Friedensverhandlungen oder eine Verschärfung der Bedrohungslage bewegen die Kurse mehr als unsere harten Zahlen. Seit ich Chef bin, hat sich der Aktienkurs fast vervierfacht.
Der Staat ist 2021 mit einer Sperrminorität von 25,1 Prozent bei Hensoldt eingestiegen, um unerwünschte ausländische Einflussnahme auf Schlüsseltechnologien zu verhindern. Sind Sie noch glücklich über den Ankeraktionär?
Absolut. Wir zeigen aber auch jeden Tag, was Hensoldt als eigenständiges Unternehmen auszeichnet: Wir sind plattformunabhängig und können über alle militärischen Bereiche hinweg mit unterschiedlichen Herstellern zusammenarbeiten. Wir verbinden unsere Erfahrung in der Sensorik mit Software, die den Wert der Sensordaten für unsere Kunden erschließt. Diesen Weg gehen wir gemeinsam mit Partnern weiter.
Wo steht Hensoldt in fünf Jahren?
Wir stehen kurz davor, eine fünfstellige Mitarbeiterzahl zu erreichen, allein dieses Jahr stellen wir 1600 Beschäftigte ein. Und schon für 2030 peilen wir sechs Milliarden Euro Umsatz an. Durch unser internationales Wachstum wird der Deutschlandanteil am Umsatz von aktuell etwa 70 Prozent auf rund 50 Prozent sinken. Zugleich wird unser Geschäft ausgewogener zwischen Sensorik und Software sein. Mit unserem Anspruch „Neo Systemhaus“ öffnen wir derzeit für Hensoldt eine ganz neue Dimension.
AI outlook — possibilities, not facts
Hensoldt wird bis 2030 etwa die Hälfte seines Umsatzes in Deutschland, 30 Prozent im übrigen Europa und 20 Prozent in ausgewählten internationalen Märkten erzielen.
Likely · Within years
Hensoldt wird bis Mitte 2027 ein drittes Optronikwerk in Betrieb nehmen.
Very likely · Within years
Die zweite Radarproduktion wird Hensoldt im ersten Quartal 2027 eine neue Dimension ermöglichen.
Likely · Within months

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