Ein gemeinsamer Gastbeitrag der IG-Metall-Vorsitzenden mit Arbeitgebervertretern sorgt für scharfe Kritik bei Mercedes-Betriebsräten, die eine zu große Nähe zum Kapital beklagen.
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Christiane Benner veröffentlichte Ende Juni einen Gastbeitrag im Handelsblatt, in dem sie gemeinsam mit Wirtschaftsvertretern eine 'Haltungsänderung' und mehr Produktivität forderte. Dies stieß bei Mercedes-Betriebsräten auf heftigen Widerstand, da diese sich gegen Forderungen von Ola Källenius zur Aufhebung der 35-Stunden-Woche wehren.
Es waren ungewöhnliche Worte für eine Gewerkschafterin. Es brauche „eine Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland – die Kosten senkt, auch die vom Staat verursachten, und Arbeitsvolumen und Produktivität erhöht“, schrieb die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner Ende Juni in der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ zusammen mit dem Chef der Chemiegewerkschaft, Michael Vassiliadis, und dem Präsidenten des BDI, Peter Leibinger.
Innerhalb ihrer Gewerkschaft sorgt Benner mit dem Schulterschluss zu den Arbeitgebern für Irritationen – und offenen Widerspruch. Von ihrem „Erstaunen“ und ihrer „Empörung“ über den Gastbeitrag berichten die IG-Metall-Vertreter bei Mercedes in einem Brief an die Gewerkschaftsspitze, der WELT vorliegt: „Mit dem Kapital gemeinsam die Feder zu schwingen und gleichzeitig uns Mitgliedern die Kampfbereitschaft zu predigen hat mit Authentizität nichts zu tun.“
Die Gewerkschafter stören sich in ihrem Schreiben vom Anfang dieses Monats besonders an einem Satz aus dem Gastkommentar: „Notwendig ist jetzt eine Haltungsänderung im Land. Wir müssen mehr wollen und leisten.“
Die Mercedes-Arbeitnehmer argumentieren, Millionen Beschäftigte leisteten bereits jeden Tag mehr als genug. „Von einer Gewerkschaftsvorsitzenden hätten wir erwartet, dass sie diese Leistung verteidigt und nicht öffentlich Argumentationsmuster übernimmt, mit denen Arbeitgeber seit Jahren längere Arbeitszeiten, niedrigere Standards und weitere Verschlechterungen begründen.“ Die Mercedes-Betriebsräte wehren sich derzeit gegen Forderungen von Konzernchef Ola Källenius, die 35-Stunden-Woche aufzugeben und länger zu arbeiten.
„Mercedes als Rammbock der Verschlechterung“
Benners Kritiker fordern daher einen aggressiveren Kurs. Sie schreiben: „Wenn Källenius meint, Mercedes als Rammbock der Verschlechterung durch die deutschen Betriebe zu jagen, dann müssen wir die Schilder hochhalten und unseren Platz als starke Sturmtruppe endlich wieder aufnehmen!“
Auf Unmut stößt in Stuttgart auch das Timing von Benners Gastbeitrag, der fordert, „aus den ideologischen Gräben herauszukommen“. Denn nur zwei Wochen zuvor hatten die IG-Metall-Vertreter bei Mercedes einen Offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unter der Betreffzeile „Schluss mit dem Klassenkampf von oben!“ verfasst und sich darin gegen längere Wochenarbeitszeiten und die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 ausgesprochen. Benners Gastkommentar interpretieren sie als mögliche Distanzierung dazu. Benner müsse erklären, ob sie „sich öffentlich gegen uns betrieblich Aktiven und an die Seite unserer Gegner“ stelle.
„Wir erleben in unserem Betrieb jeden Tag, dass wir in einer Klassengesellschaft leben“, appellierten die Stuttgarter IG-Metall-Vertreter an Benner, klassische Gewerkschaftspositionen zu halten. Gemeinsam mit der Kapitalseite aufzutreten bedeute, die Kampfkraft der Gewerkschaft aufzugeben, warnen sie. Das nütze Rechtspopulisten.
„Werden weiteren Aufstieg der AfD bekommen“
„Wenn wir den Sozialabbau nicht entschlossen bekämpfen und in der Gesellschaft nicht unmissverständlich deutlich wird, dass die Gewerkschaften eine konsequente Gegenmacht zu Regierung und Kapitalseite sind, dann werden wir zwangsläufig einen weiteren Aufstieg der AfD bekommen.“ Das sei fatal: „Jeder weitere Stimmenzuwachs der AfD ist eine Niederlage für die gesamte Arbeiterbewegung.“
Es gebe nur einen Trost: „Man kann fast froh sein, dass das ,Handelsblatt’ in den meisten Betrieben kaum gelesen wird. Sollte dieser Kommentar in der Belegschaft die Runde machen, würden viele Kollegen sich in ihrer Entfremdung nur bestätigt fühlen.“ Statt mehr Nähe zu den Arbeitgebern brauche die Gewerkschaft wieder mehr Verwurzelung bei „den Kollegen an den Bändern, in den Werkstätten und Büros“. Dort entscheide sich die Zukunft der IG Metall.
Benner wandte sich in einem Antwortschreiben an ihre Stuttgarter Kritiker dagegen, die Diskussion öffentlich zu führen. Der Brief liegt WELT vor.
„Ich sage Euch ganz offen, dass ich die Art und Weise Eurer Kritik generell ablehne“, antwortete die 59-Jährige Mitte August. „Meine Glaubwürdigkeit in der von Euch gewählten Form infrage zu stellen und mir als der gewählten Vorsitzenden zudem abzusprechen, ‚im Namen von tausenden Kolleginnen und Kollegen zu sprechen‘, ist nicht akzeptabel.“
Benner ist seit 2023 Vorsitzende der IG Metall. Die Diplom-Soziologin ist die erste Frau in dem Amt. Sie arbeitet seit 1997 bei der mit zwei Millionen Mitgliedern größten deutschen Gewerkschaft.
Es sei kein Widerspruch, einerseits kämpferische Positionen einzunehmen und andererseits mit der Kapitalseite im Austausch zu sein, schrieb Benner: „Ein wettbewerbsfähiger Industriestrompreis, Förderung von Elektromobilität oder Zölle auf chinesische Hybrid-Autos sind Forderungen, die wir mit einigen Industrievertretern gemeinsam Richtung Politik erheben.“ In dem umstrittenen Gastbeitrag hatte Benner diese konkreten Punkte allerdings nicht genannt.
„Was die Vorstände bei VW, Mercedes und vielen anderen Automobil- und Zulieferunternehmen versuchen, erfordert starke Gegenwehr!“, gesteht die Gewerkschaftschefin ihren Kritikern zu, die etwa auf das Drängen nach längeren Arbeitszeiten und Arbeitsplatzabbau verwiesen hatten. Dazu werde es einen Aktionstag in der Autoindustrie am 21. September geben.
Mittlerweile versuchen beide Seiten, den Konflikt einzudämmen. „Die IG Metall ist eine lebendige Gewerkschaft, die mitunter auch leidenschaftlich um Sachfragen ringt. Wir glauben, dass diese Debatten intern geführt werden sollten“, sagte ein Sprecher von Benner auf Anfrage. Auch bei der IG Metall in Stuttgart heißt es inzwischen: „Wir führen die Debatte in dieser Sache intern.“
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Aktionstag der Autoindustrie am 21. September
Very likely · Within weeks

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