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Hape Kerkeling setzte sich bereits 1980 als 15-Jähriger mit Artikel 20 des Grundgesetzes auseinander und gewann einen Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung. Seitdem engagiert er sich gesellschaftspolitisch, zuletzt mit einer Rede zur Befreiung von Buchenwald, in der er vor der AfD warnte.
Er hatte sich damals als 15-Jähriger bei einem Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung mit Artikel 20 des Grundgesetzes auseinandergesetzt („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“), gewann den 3. Preis und wurde von Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU) im noch nicht umgebauten Reichstagsgebäude geehrt.
Kerkeling will nicht wieder in die hintere Reihe
Die Lage der SPD ist ja eher bescheiden gerade, es entstand die Idee, Kerkeling für die Klausur der 120 Bundestagsabgeordneten um einen Input zu bitten, denn nichts kann sie so begeistern und motivieren wie jener Kampf, den auch Kerkeling gerade führt. In einer Zeit, in der politische Reden großer Kulturschaffender, das gemeinsame Aufstehen, seltener geworden sind. Die Klausurtagung findet wegen Umbauarbeiten nicht im Fraktionsaal im Reichstagsgebäude statt, sondern im großen Protokollsaal.
„Ich bin ein bisschen aufgeregt, so was in der Art habe ich auch noch nie gemacht. Und Sie auch nicht“, meint der 61-Jährige. Und erzählt erst mal, wie das mit der Ehrung 1980 weiterging. Einen weißen Rollkragenpullover hatte er damals an, erinnert sich der Komiker, Schauspieler und Buchautor.
Stücklen wurde ja vor allem durch Joschka Fischer berühmt, der ihm mal entgegenschleuderte: „Mit Verlaub Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Nun, auch die Übergabe der Ehrenurkunde an Kerkeling verlief nicht komplikationslos. Die Zweitplatzierte hatte kurz vorher die Kontrolle über einen Obstsalat verloren, der landete auf Kerkelings Pulli und so musste er beim Abschlussfoto in die hinterste Reihe.
„Ich hoffe, wenn es heute ein Abschussfoto gibt, dass sie mich nicht in die hintere Reihe stellen“, meint er zu den Abgeordneten. Er schafft etwas, das es so in der SPD-Fraktion schon länger nicht mehr gab: echten Jubel, frenetischen Applaus. „Wir haben uns schon lange darauf gefreut“, sagt Fraktionschef Matthias Miersch. Unter anderem über Michelle Müntefering war der Kontakt hergestellt worden.
Rasch geht es um die AfD
Im April hatte Kerkeling die Rede zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald gehalten, als Enkel von Hermann Kerkeling, der als Widerstandskämpfer in Buchenwald inhaftiert worden war. In seiner Rede dort warnte er vor der „Bequemlichkeit des Wegsehens“, wenn eine Demokratie angegriffen werde. „Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, der macht sich mitschuldig.“ Er erntete von der ganz rechten Seite viel Hass in sozialen Medien, in einer Härte und einem Umfang, wie es für ihn unvorstellbar war.
Es mag ein Zufall der Terminplanung sein, dass Kerkeling wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hier zu Gast ist – vor einer Wahl, bei der die AfD klar gewinnen dürfte. „Alles Ansichtssache, wo die Toleranz in einer Demokratie ihre Grenzen hat“, laut der Titel seines Vortrags. Und rasch ist er da wieder bei seinem Thema, dass zu viele, auch aus Bequemlichkeit, sich nicht mehr genug gegen das Erodieren dieses hohen Gutes der Demokratie einsetzen würden.
„Wir haben uns in diesem Land mittlerweile angewöhnt, fast alles zur Ansichtssache zu erklären, aus lauter Angst, jemandem zu nahe zu treten. Der menschengemachte Klimawandel angeblich Ansichtssache, die Wirksamkeit von Impfstoffen angeblich Ansichtssache“, sagt er. Oder als der AfD-Politiker Alexander Gauland sagte, die zwölf Jahre Nationalsozialismus seien nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren deutscher Geschichte: „Da haben viel zu viele erst einmal höflich diskutiert, ob man das nicht vielleicht auch irgendwie verstehen könne und ich glaube, das ist keine Debattenkultur, das ist tatsächlich die Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke.“
Kerkeling hat die Dinge immer wieder von der komischen Seite her aufs Korn genommen, unvergessen Horst Schlämmer, der sich als Reporter des Grevenbroicher Tagblatts dazu aufmachte, in die große Politik zu gehen: „Isch kandidiere.“ Hier zeigt er aber seine ernste Seite, Abgeordnete berichten, wie still es plötzlich im Saal war.
Toleranz – aber nicht ohne Grenzen
Er sei kein ausgewiesener Experte oder Sachverständiger. „Ich stehe hier heute vor ihnen als jemand, der seit 40 Jahren beruflich ganz genau hinschaut.“ Kerkeling verweist auf den Philosophen Karl Popper, dass uneingeschränkte Toleranz zum Verschwinden der Toleranz führe, „denn wenn wir sie sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaft gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten am Ende verdrängt“. Und das sei keine akademische Spitzfindigkeit aus dem vergangenen Jahrhundert. „Ich glaube, das ist eine Gebrauchsanweisung für den September 2026.“
Man säge am gemeinsamen Ast, auf dem alle sitzen, wenn man jedem Verfassungsfeind im Namen vermeintlicher Fairness denselben Resonanzraum gebe. „Und diese Säge wird inzwischen mit bemerkenswerter Präzision geführt.“ Rechtsextreme Strategen hätten längst begriffen, dass man eine offene Gesellschaft nicht mehr mit Panzern erobern müsse. Es reiche, ihre eigenen Werte gegen sie zu wenden, ihre Toleranz, ihre Liebe zum fairen Dialog, ihre Angst, illiberal zu wirken. „Man nennt es dann nur eine Meinung, nur eine Frage, nur ein Denkanstoß. Aber wer ständig nur fragt, ob Menschen weniger wert sind, der stellt keine Fragen mehr, der bereitet eine Antwort vor und die kennen wir aus der leidvollen Geschichte dieses Landes.“
Kerkeling macht deutlich, dass er ein Verbotsverfahren für geboten hält, lobt wie es gelungen sei, das Bundesverfassungsgericht gegen politische Einflussnahmen und Blockaden zu stärken. „Da war der wehrhafte Rechtsstaat in Aktion sichtbar, mehrheitsfähig, in Kraft getreten, und ich glaube, genau diese Entschlossenheit, die brauchen wir jetzt wieder. Nicht irgendwann, sondern jetzt, wo die Umfragewerte explodieren und die Zeit gegen uns arbeitet.“
Es lägen viele Beweise gegen die AfD auf dem Tisch. „Meine Damen und Herren, Zurückhaltung ist manchmal Weisheit, manchmal ist sie aber auch nur ein hübscheres Wort für Feigheit.“ In der SPD sind viele für ein Verbotsverfahren. Kerkeling erinnert daran, wie sich Otto Wels für die SPD-Fraktion gegen das Ermächtigungsgesetz der NSDAP 1933 gestemmt hätte. „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“, hatte Wels gesagt. Wels hätte auch schweigen können. „Schweigen wäre bequemer gewesen.“
Er sei ein Vorbild. Kerkeling mahnt an die heutige Verantwortung, auch der Koalition von Union und SPD. „Ihre Partei weiß das nun wirklich besser als jede andere in diesem Haus: 163 Jahre Sozialdemokratie, das sind auch 163 Jahre Erfahrung darin, Anfeindungen auszuhalten, ohne dabei die eigene Stimme zu verlieren.“ Das gibt Abgeordneten neuen Mut, wie sie berichten - und plötzlich dreht sich auch ein bisschen was in den Umfragen. In Sachsen-Anhalt könnte die Partei sogar am Ende über dem Ergebnis von 2021 (8,4 Prozent) liegen – und in Mecklenburg-Vorpommern, wo am 20. September gewählt wird, rückt die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bis auf drei Prozentpunkte an die AfD heran.
AI outlook — possibilities, not facts
Die SPD wird in Sachsen-Anhalt besser abschneiden als bei der Wahl 2021.
Possible · Within weeks
Die SPD wird in Mecklenburg-Vorpommern bis auf drei Prozentpunkte an die AfD herankommen.
Possible · Within weeks
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