Konstituierende Sitzung des Landtags in Sachsen-Anhalt
Genau einen Monat nach der Wahl in Sachsen-Anhalt konstituiert sich in Magdeburg der neue Landtag. Im Fokus steht die Wahl des Parlamentspräsidenten.
Quick Look
- Genau einen Monat nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt konstituiert sich der neue Landtag in Magdeburg.
- Im Mittelpunkt steht die Wahl des Parlamentspräsidenten, für die der AfD-Abgeordnete Tobias Rausch nominiert ist.
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Why It Matters
Genau einen Monat nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt konstituiert sich der neue Landtag in Magdeburg.
Genau einen Monat nach der Wahl in Sachsen-Anhalt konstituiert sich in Magdeburg der neue Landtag. Wichtigster Tagesordnungspunkt ist die Wahl des Parlamentspräsidenten und seiner Stellvertreterinnen und Stellvertreter.
Mit Tobias Rausch könnte erstmals ein Abgeordneter der vom Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextrem« eingestuften Wahlsiegerin AfD Parlamentspräsident werden.
Das neue Landesparlament hat 83 Sitze, 39 davon belegt die Fraktion der AfD. Diese wird erstmals nicht rechts, sondern in der Mitte des Parlaments sitzen.
Die CDU-Fraktion stellt nur noch 15 Mandate und sitzt im Plenarsaal künftig ganz links. Rechts der AfD‑Fraktion nehmen die je acht Abgeordneten von Linken, SPD und Grünen Platz, ganz rechts die BSW-Fraktion.
Alle Artikel zum Thema finden Sie auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Neben eigenen Recherchen verwenden wir auch Material der Nachrichtenagenturen AP, AFP, epd, dpa, KNA und Reuters.
Landtagswahl 2026 : Ergebnisse der Wahl in Sachsen-Anhalt
Stimmenverteilung : Vorläufiges Ergebnis
77,8 % Wahlbeteiligung • Stand: 3.27 Uhr •
Quelle: Statistisches Landesamt
AfD
43,8 % +23,0
’21 2026
CDU
17,2 % −19,9
SPD
9,3 % +0,9
Grüne
8,9 % +3,0
Linke
8,6 % −2,4
BSW
5,3 % –
FDP
2,6 % −3,8
Mögliche Koalitionen
Mehrheit mit 42 Sitzen
AfD +BSW ( Duldung)
44 Sitze
AfD allein
39 Sitze
CDU +SPD +Grüne +Linke ( Duldung)
39 Sitze
CDU +SPD +Grüne
31 Sitze
Wahlkreise
41 / 41 ausgezählt
Yannick von Eisenhart
Von Angern zitiert »Antifaklausel« der Verfassung
Sachsen-Anhalt habe »eine sehr kluge Landesverfassung«, sagt von Angern. Diese verpflichte dazu, zu verhindern, dass die Geschichte vergessen werde. Sie kritisiert AfD und CDU dafür, dass diese im Stadtrat Heidenau gemeinsam entschieden haben, keine Stolpersteine mehr zu verlegen. Stolpersteine aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, »entsorge« die Geschichte. »Lassen Sie uns das gemeinsam in Sachsen-Anhalt verhindern.«
Von Angern zitiert aus Artikel 37 der Landesverfassung, der »sogenannten Antifaklausel«, wie sie sagt. »Die Wiederbelebung und Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts, die Verherrlichung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems sowie rassistische und antisemitische Aktivitäten nicht zuzulassen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt und Verantwortung eines jeden Einzelnen.«
Mathis Gann
Von Angern erinnert an deutsche Diktaturen
Die Dienstalterspräsidentin des Landtags, Eva von Angern, erinnert in ihrer Eröffnungsrede auch an die beiden deutschen Diktaturen. Mutige Sozialdemokraten hätten sich 1933 den Nationalsozialisten im Reichstag entgegengestellt, Kommunisten seien zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr Teil des Reichstags gewesen, viele von ihnen bereits in erste Konzentrationslager verschleppt. In diesem Kontext zitiert von Angern den Sozialdemokraten Otto Wels: »Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.«
Im Anschluss geht die Alterspräsidentin auf die kommunistische Diktatur im Osten Deutschlands ein. Diese habe den Parlamentarismus in Sachsen-Anhalt zu Grabe getragen. Von Angern mahnt:
„Wir alle stehen in der Pflicht, mit dem Vorgefundenen, dem Guten wie dem Schlechten, dem gelungenen wie dem misslungenen Menschenwerk verantwortungsbewusst umzugehen und standhaft zu sein. Dafür sind wir gewählt.“
Yannick von Eisenhart
Die Sitzung beginnt
Als die am längsten dem Landtag angehörende Abgeordnete eröffnet Eva von Angern von der Linkspartei die Sitzung. Zunächst begrüßt sie einige Ehrengäste.
Es sei ihr eine besondere Ehre, das Amt der Alterspräsidentin wahrnehmen zu dürfen. Der Frauenanteil im neuen Landtag sei »auf erschreckend niedrige« 21,7 Prozent gesunken. »Liebe Frauen, ich sitze heute hier vorne auch stellvertretend für euch und für Sie«, sagt von Angern.
Sie zitiert die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sie »sehr schätze«. Diese habe gesagt, sie glaube, dass es in unserer Zeit wichtig sei, sich immer wieder der historischen Bindungen bewusst zu werden. Es sei wichtig, dass man seine Wurzeln kenne. »Lassen Sie uns auf diese gemeinsamen Wurzeln schauen.«
Der Landtag in Magdeburg konstituiert sich. Sean Gallup/Getty Images
Mathis Gann
AfD-Politiker Rausch schließt Auflösung des Landtags im Dezember nicht aus
Vor seiner möglichen Wahl zum Landtagspräsidenten hat der AfD-Politiker Tobias Rausch eine Neuwahl in Sachsen-Anhalt nicht ausgeschlossen. Mit Blick auf die schwierige Regierungsbildung und die von der AfD angestrebte Wahl von Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten im Dezember sagte Rausch den Sendern RTL und ntv: »Wenn wir im ersten Wahlgang keine Mehrheit haben, haben wir auch auf die Dauer der Periode keine Mehrheit. Dann ist es vom Parlament nicht gewollt, dass wir regieren.« In dem Fall werde man darüber nachdenken, das Parlament aufzulösen.
Tobias Rausch im September 2026. Karina Hessland/Reuters
In der heutigen konstituierenden Sitzung des Landtags wird das Parlamentspräsidium gewählt, nicht aber der Ministerpräsident. AfD-Kandidat Siegmund hatte angekündigt, sich im Dezember zur Wahl zu stellen. Dabei ist er, zumindest in den ersten beiden Wahlgängen, neben den Stimmen seiner Fraktion auch auf weitere Stimmen aus mindestens einer anderen Partei angewiesen. Die AfD sucht derzeit eigenen Angaben zufolge in Gesprächen mit dem BSW und mit einzelnen Abgeordneten anderer Fraktionen nach Unterstützung. Mit ihr koalieren will keine andere Partei.
Mathis Gann
»Es gibt nur einen, der die AfD stoppen kann«
Der Linkenpolitiker Bodo Ramelow kennt die AfD: Als Ministerpräsident und Landespolitiker in Thüringen hat er den Aufstieg und die Radikalisierung des dortigen Landesverbands mitverfolgt. Inzwischen ist er Vizepräsident des Bundestags, wo die AfD größte Oppositionspartei ist.
Im Interview mit meinem Kollegen Johannes Schneider spricht Ramelow über den Nationalsozialismus, über den Umgang mit der AfD und über die heutige Landtagssitzung in Sachsen-Anhalt.
Lesen Sie hier das Interview:
Mathis Gann
AfD ändert Sitzordnung im Landtag
Eigentlich, so ist es Tradition in Deutschland, entspricht die Sitzordnung in Parlamenten hierzulande dem politischen Links-rechts-Schema. Die als rechtsextrem eingestufte AfD in Sachsen-Anhalt will mit dieser Tradition jedoch brechen – und damit wohl das eigene Narrativ verbreiten, eine Partei der Mitte zu sein. Im Vorältestenrat des Landtags erwirkte die Partei eine Änderung der Sitzordnung.
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Mariya Martiyenko
Magdeburg
Grünen-Chefin geht mit »Bauchschmerzen« ins Parlament
Susan Sziborra-Seidlitz, die Vorsitzende der Grünen in Sachsen-Anhalt, hat auf der Demo vor dem Landtagsgebäude gerade den Artikel 8 des Grundgesetzes vorgelesen, den zur Versammlungsfreiheit. »Die heutige konstituierende Sitzung droht zur Zäsur zu werden«, sagt die Parteichefin. Sie ist ab 11 Uhr als Abgeordnete im Landtag. »Ich habe das erste Mal seit Langem wieder Bauchschmerzen vor einer Rede.«
Susan Sziborra-Seidlitz, Vorsitzende der Grünen in Sachsen-Anhalt, hat auf dem Domplatz den Artikel 8 des Grundgesetzes vorgelesen. Mariya Martiyenko / DIE ZEIT
Mathis Gann
Wird er der erste AfD-Präsident eines deutschen Landtags?
Um ihn wird es heute vor allem gehen: Tobias Rausch. Die AfD-Fraktion hat den 35-Jährigen als künftigen Landtagspräsidenten nominiert – seine Wahl ist der wichtigste Tagesordnungspunkt für die heutige Sitzung.
Mit den Stimmen der AfD allein kann Rausch nicht gewählt werden, doch die BSW-Fraktion hat bereits angekündigt, sie werde einen AfD-Bewerber für das Amt des Landtagspräsidenten unterstützen. Damit könnte Rausch auf Anhieb die nötige Mehrheit erhalten und als erster AfD-Politiker an die Spitze eines deutschen Parlaments gewählt werden.
Wer ist Tobias Rausch? Lesen Sie hier den Text von meinem Kollegen Martin Nejezchleba, Redakteur bei ZEIT im Osten:
Mariya Martiyenko
Magdeburg
Ulrich Siegmund stellt sich den Demonstranten
Lautes Pfeifen und Buh-Rufe hallen über den Domplatz, als AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund vor dem Landtag auftaucht. Sofort ist er von einer Traube von Journalisten umgeben. »Wir lesen weiter!«, ruft eine Rednerin ins Mikrofon. »Er muss das hören!« Es geht um die Lesung aus dem Grundgesetz.
Siegmund fordert die Demonstranten zum Gespräch auf, es ist laut vor dem Parlamentsgebäude. »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus«, schreien die Demonstrierenden über den Platz.
Ulrich Siegmund ist auf den Domplatz gekommen. Mariya Martiyenko / DIE ZEIT
Fabian Albrecht
Anhaltiner in Maagdeburg
Im Parlament geht es dem Namen nach ums Reden. Wer als Außenstehender mit den Menschen in Sachsen-Anhalt reden möchte, begeht oft schon in ihrer Anrede entlarvende Fehler und bezeichnet sie als Sachsen-Anhaltiner. Das sind allerdings deutsche Zuchtpferde (Warmblüter). Anhaltiner nennt man Angehörige des Adelsgeschlechts von Anhalt. Der Landtag, der sich heute konstituiert, wurde hingegen von Sachsen-Anhaltern gewählt.
Die Menschen in Magdeburg legen zudem größten Wert auf die korrekte Aussprache ihrer Stadt. Wer sie mit langem A ausspricht, wird spätestens am Ende des Satzes unterbrochen und korrigiert. Ein kurzes A nach dem M ist das Mindeste, das die Menschen erwarten. Wer sichergehen will, sagt Machdeburch, wenn er mit Machdeburjern spricht.
Yannick von Eisenhart
BDI-Vorsitzende warnt vor AfD-Regierung
Aus der Industrie kommen Warnungen vor einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. »Ein Aufschwung wäre mit einer AfD-Regierung nicht zu erwarten, weil das Vertrauen in gute Rahmenbedingungen leidet«, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Tanja Gönner, der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die AfD sei keine Wirtschaftspartei, sagte die ehemalige CDU‑Politikerin.
»Sollte es in Sachsen-Anhalt zu einer AfD-Regierung kommen, dann wünsche ich mir für die Menschen und den Standort, dass das Bestehende zumindest erhalten bleibt«, sagte Gönner. »Die Frage ist doch: Wer investiert künftig auf den großen Industrieflächen in Sachsen-Anhalt?« Jeder Investor brauche Fachkräfte, oft auch aus dem Ausland. »Wenn diese Menschen sich nicht willkommen fühlen, wird das schnell zu einem Argument gegen den Standort.«
Tilman Steffen
Demonstranten verteilen Grundgesetze
Das Bündnis Solidarisches Magdeburg hat auf dem Magdeburger Domplatz am Landtagsgebäude Exemplare des Grundgesetzes verteilt. Gemeinsam lesen etwa 300 Demonstrantinnen und Demonstranten in der Morgensonne einzelne Artikel des Grundgesetzes im Sprechchor laut vor. Es geht um die Würde des Menschen und um Freiheit und Demokratie. Ihre Stimmen hallen über den Platz.
»Omas gegen Rausch«, hat jemand auf ein Schild geschrieben. Tobias Rausch ist der AfD-Abgeordnete, der heute im Landtag zum Parlamentspräsidenten gewählt werden soll. Auch der Protestbus des Zentrum für politische Schönheit ist vorgefahren.
Demonstrantinnen und Demonstranten lesen Artikel des Grundgesetzes gemeinsam auf dem Magdeburger Domplatz. Tilman STEFFEN/Die Zeit
Yannick von Eisenhart
Wer für die AfD in den Landtag einzieht
Nach dem deutlichen Sieg bei der Wahl hat die AfD mit Abstand die größte Fraktion im neuen Landtag von Sachsen-Anhalt. 39 Abgeordnete stellt die Partei, 37 davon sind Männer. Einige sind mit völkischen und rassistischen Äußerungen aufgefallen. Gegen zwei Abgeordnete wird ermittelt, weil sie an der Fortführung eines verbotenen rechtsextremen Vereins beteiligt gewesen sein sollen.
Hier finden Sie Kurzporträts aller Abgeordneten der AfD:
Tilman Steffen
Die SPD ist schon da
Armin Willingmann wirkt gut gelaunt, rechnet aber schon mal damit, heute hier in Magdeburg nicht zum Landtagsvizepräsidenten gewählt zu werden. Er ist Minister für Wissenschaft und Umwelt der noch amtierenden Landesregierung. Und insbesondere die Mehrheit aus AfD und BSW im Landtag ist der Meinung, dass ein Minister nicht gleichzeitig Landtagsvizepräsident sein dürfe.
Armin Willingmann auf dem Weg ins Landtagsgebäude . Tilman Steffen/Die Zeit
Fabian Albrecht
Magdeburgs feinste Adresse
Parlamente sind in Deutschland, ähnlich wie Universitäten, meist entweder in betont bescheidenen Nachkriegsklötzen untergebracht – oder in historistischen Repräsentationsbauten. Der Magdeburger Landtag gehört zur zweiten Kategorie. Das Barock-Ensemble besteht aus ursprünglich mehreren Palais aus dem frühen 18. Jahrhundert, die nach der deutschen Wiedervereinigung verbunden und zum Parlamentssitz umgebaut wurden.
Vis-à-vis vom berühmtesten Bauwerk des Landes, dem mehr als 800 Jahre alten Dom, tagt das Landesparlament seit 1991 mitten in der Ottostadt. An der Westseite des Parlaments liegt mit der Grünen Zitadelle von Friedensreich Hundertwasser ein weiteres international bekanntes Bauwerk, östlich des Landtags führt ein Skulpturenpark ans Elbufer.
What to Watch
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Wahl des Parlamentspräsidenten und Entscheidung über das Präsidium in der konstituierenden Sitzung
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Open Questions
- Wird Tobias Rausch zum Parlamentspräsidenten gewählt?
- Kommt es zu einer Regierungsbildung oder Neuwahlen?

