Krise bei Turning Point USA nach Charlie Kirks Tod
Ein Jahr nach der Ermordung des Gründers kämpft die konservative Jugendorganisation mit internen Machtkämpfen, sinkenden Besucherzahlen und Kontroversen.
Quick Look
- Ein Jahr nach der Ermordung von Charlie Kirk steckt die konservative US-Jugendorganisation Turning Point USA in der Krise.
- Unter seiner Nachfolgerin und Witwe Erika Kirk kämpft die Gruppe mit internen Entlassungen, Verschwörungstheorien und sinkendem Zuspruch.
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Why It Matters
Nach der Ermordung des MAGA-Aktivisten Charlie Kirk übernahm seine Witwe Erika Kirk die Führung der konservativen Organisation Turning Point USA.
Als Erika Kirk auf der Trauerfeier für ihren Ehemann im Funkenregen weißer Leuchtfontänen ans Rednerpult trat, tat sie das nicht nur als trauernde Witwe. Neben ihrem Namen stand auf den Stadionbildschirmen in Glendale, Arizona, auch die neue Aufgabe: Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende der konservativen Jugendorganisation „Turning Point USA“. Eine Woche nach der Ermordung des MAGA-Aktivisten Charlie Kirk bei einem Auftritt in Utah war Erika Kirk als seine Nachfolgerin bestimmt worden. Sie wurde damit zum neuen Gesicht einer Gruppe, die sich bis dahin über eine Person definierte: ihren Ehemann.
Die neue Geschäftsführerin zeigte sich erfolgssicher. Wer die Organisation bislang schon für mächtig gehalten habe, solle genau hinschauen, sagte sie damals. „Ihr habt keine Ahnung, was ihr gerade in diesem Land und auf der ganzen Welt entfesselt habt.“ Es folgten Wochen und Monate, in denen Journalisten ständig über Erika Kirk und Veranstaltungen von „Turning Point USA“ berichteten, Präsident Donald Trump und Vizepräsident J. D. Vance die Organisation beworben. Die fast ausschließlich spendenfinanzierte Gruppe sprach von Rekordeinnahmen und 54.000 Anfragen für neue Ortsgruppen an Schulen und Hochschulen. Doch ein Jahr später ist das Interesse geringer geworden, und die Berichte über Unruhe in der Gruppierung häufen sich.
Eine Organisation sucht ihren Kurs
Auf der Website prangt nach wie vor das Konterfei des Gründers. Dazu heißt es: „Charlies Vision. Amerikas Zukunft. Der Kampf geht weiter.“ Auch der amerikanische Präsident sagte nach dem Attentat, niemand könne Kirk ersetzen. Er sei „einzigartig“ gewesen. Trump verdankt dem Aktivisten viel. „Turning Point USA“ legt es darauf an, Schüler und Studenten mit mitunter provokativen Thesen für konservative Politik zu begeistern. Mit seinen in den sozialen Medien verbreiteten Streitgesprächen wurde Charlie Kirk zu einer der einflussreichsten Figuren der Rechtskonservativen im Land. 2021 organisierte seine Organisation Busfahrten für junge Anhänger zu einer Protestkundgebung in Washington, bei der Trump gegen die angeblich gestahlene Wahl mobilisierte. Im Wahlkampf 2024 tourte Kirk persönlich über die Campusse amerikanischer Universitäten, um für den Republikaner zu werben.
Die tatsächliche Größe der Organisation zu bestimmen, ist schwierig. Zum Zeitpunkt von Kirks Ermordung im September 2025 hatte „Turning Point“ nach eigener Aussage mehr als 3500 Schul- und Hochschulgruppen in den Vereinigten Staaten. Die Idee: traditionell liberale Lehreinrichtungen zu beeinflussen, Schüler- und Studierendenvertretungen zu übernehmen, Aufmerksamkeit für konservative Belange zu schaffen. Es gibt „Beobachtungslisten“ mit Lehrkräften, die angeblich „linke Propaganda“ verbreiten. Inzwischen ist auf der Website von mehr als einer Million jungen Leuten die Rede, die in mehr als 5000 Gruppen an Universitäten und Schulen organisiert sind.
Doch es blieb nicht bei Erfolgsmeldungen. Im vergangenen Dezember fand das erste „Americafest“ der Organisation ohne Charlie Kirk statt. Statt demonstrativer Einigkeit gegen die „woke Linke“ zerlegte sich der MAGA-Flügel auf der Konferenz in Phoenix über den Antisemitismus in der Bewegung, Verschwörungstheorien und die Frage, was einen Amerikaner ausmache. Erika Kirk fand dafür zwei Begründungen: Das zeige noch mehr, dass ihr Ehemann ein Versöhner gewesen sei. Und außerdem habe Kirk eine gute Diskussion geschätzt; bei der Veranstaltung gehe es nicht um „Echokammern“.
Feldzug einer Verschwörungstheoretikerin
Besonders viel Aufmerksamkeit erregte die Fehde zwischen der antisemitischen Verschwörungstheoretikerin Candace Owens, vormals Kommunikationsdirektorin bei „Turning Point“, und der Organisation selbst. Sie verbreitete unter ihren rund 14 Millionen Followern in den sozialen Medien die Verschwörungstheorie, Kirks Tod sei von Israel geplant und von der israelischen Regierung, Mitarbeitern von „Turning Point“ und Erika Kirk selbst verschleiert worden. Die Ehefrau müsse zum Verhör „ins Gefängnis“. Außerdem verdiene „Turning Point USA“ schamlos Geld mit Kirks Tod – etwa bei einer Spendengala, bei der an einem einzigen Abend angeblich 40 Millionen Dollar eingenommen worden sein sollen.
Andere MAGA-Figuren warnten vor einer Spaltung. Owens wolle Zwietracht säen, „und es funktioniert“, schrieb der Podcaster Ben Shapiro. Owens ließ jedoch nicht ab. Sie verbreitete angebliche Video- und Audioaufnahmen von Mitarbeitertreffen mit Erika Kirk. In einer sagte sie, die Trauerfeier für ihren Ehemann sei „einfach verrückt“ gewesen, eine „Jahrhundertveranstaltung“. Für Owens wiederum Beweis, Kirk sei keineswegs eine trauernde Witwe.
Es knirschte nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der Organisation. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte eine frühere Mitarbeiterin ein 13 Minuten langes Video in den sozialen Medien, in dem sie über die angeblich schlechte Behandlung von Mitarbeitern sprach. Auch sie nahm Bezug auf Owens Theorie und behauptete, sie sei vermutlich wegen Zweifeln an der Darstellung von Kirks Tod gefeuert worden. Die rechte Podcasterin sprang abermals auf den Zug auf. Es habe „Massenentlassungen“ gegeben, behauptete sie in einem Video, das in ihrem Umfeld vielfach geteilt und kommentiert wurde. Der Tenor: Menschen, die ihr Leben in den Dienst Charlie Kirks gestellt hätten, würden nun einfach ausgetauscht.
Vom Weg abgekommen?
Hinzu kam in diesem Jahr der Vorwurf aus mehreren Ortsgruppen, „Turning Point“ sei in der Sache vom Weg abgekommen. Im März kündigte die Gruppe an der University of Arkansas in Fayetteville an, sich von der Organisation zu lösen und umzubenennen. In einer Stellungnahme hieß es, „Turning Point USA“ habe seit Kirks Tod den Kampf für „konservative Politik, Prinzipien und Werte“ aus den Augen verloren. Stattdessen gehe es um den „nächsten viralen Kulturmoment“ und das Streben nach Relevanz. Es folgte die vielleicht vernichtendste Kritik: Die Gruppe sei abgestoßen davon, wie Kirk seit seiner Ermordung instrumentalisiert werde. Bemerkungen wie „Charlie hätte gesagt ...“ und „Charlie hätte gewollt ...“ wirkten oft „unaufrichtig und manipulativ“. Die Mitteilung kam eine Woche, nachdem Erika Kirk in einer anderen Stadt in Arkansas aufgetreten war.
Mehrere Szenen lassen am dauerhaften Erfolg der Organisation zweifeln. Im April etwa kamen zu einer „Turning Point“-Veranstaltung mit Vizepräsident Vance in Georgia 1300 Besucher in eine Arena, die fünfmal so viele Leute gefasst hätte. Eine Woche später trat die Vorsitzende der Gruppe an der University of Georgia zurück. Es sei „überdeutlich“ geworden, dass die Organisation „ihre Mission und ihren Auftrag“ verloren habe. Sie habe „große Bedenken“ angesichts der Botschaften und der aktuellen Ausrichtung. Auch die jährliche Frauenkonferenz im Juni hatte etwa tausend Besucherinnen weniger als noch im vergangenen Jahr – trotz Erika Kirk als Gastgeberin.
All das könnte erklären, warum die Organisation zwischen ihren aktuellen Beiträgen weiterhin alte Videos von Charlie Kirks Streitgesprächen auf Youtube veröffentlicht. Besonders viel geklickt werden diese inzwischen aber nicht mehr.
Open Questions
- Wie hoch sind die aktuellen Einnahmen und Spendengelder wirklich?
- Wie stark spaltet sich die Basis in den Ortsgruppen auf?
- Welche Rolle spielt Candace Owens langfristig für die Bewegung?



