Markus Lanz im Interview: Kritik an medialer Berichterstattung und AfD-Umgang
Der ZDF-Talkmaster äußert sich in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu seiner journalistischen Rolle, dem Umgang mit der AfD und den Ursachen politischer Spaltung.
Quick Look
- In einem ausführlichen Interview mit der „Zeit“ reflektiert ZDF-Moderator Markus Lanz seine journalistische Arbeit.
- Er kritisiert den medialen Umgang mit der AfD, hinterfragt die Rolle der Medien bei gesellschaftlichen Spaltungen und erläutert seine Vorbereitungsmethoden.
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Why It Matters
Markus Lanz moderiert seit 18 Jahren seine Talkshow im ZDF. Das Interview in der „Zeit“ findet vor dem Hintergrund anstehender Landtagswahlen in Deutschland statt.
Er ist eine Institution im deutschen Fernsehen: Seit nunmehr 18 Jahren sendet Markus Lanz in seiner gleichnamigen Talkshow für das ZDF. Dreimal wöchentlich empfängt der gebürtige Südtiroler Gäste aus Politik, Kultur, Wissenschaft oder Medien. Anlass genug für die Wochenzeitung „Die Zeit“, Deutschlands „einflussreichsten Talkmaster“ einmal ausführlich zu Wort kommen zu lassen, auch und gerade vor den anstehenden Landtagswahlen in mehreren Bundesländern.
Worüber gesprochen werden soll, zeigt schon die Anmoderation des Interviews in der aktuellen Ausgabe der Zeitung: Ist Lanz ein Mann, der vielleicht „längst schon selbst“ Politik macht, statt nur noch Journalist zu sein?
Eine Behauptung, die der Moderator im Gespräch dann indirekt zurückweist, auch, indem er Kritik an der aktuellen medialen Berichterstattung über die AfD und den politischen Umgang (Stichwort „Brandmauer“) mit der Partei übt. Lanz sagt der „Zeit“: „Die entscheidende Frage ist doch: Was ist schiefgelaufen, wo haben wir (die Medien, d. Red.) versagt? Warum sind da plötzlich Leute wie Trump erfolgreich? Oder in Deutschland die AfD?“
Und folgert dann: „Sind wir als Journalisten vielleicht auch Teil einer Blase, die nicht gesehen hat, wie vor allem als Folge von Einwanderung harte Verteilungskämpfe entstanden sind: um günstige Wohnungen, um gute Schulen, um einigermaßen gut bezahlte Jobs?“
Die „Zeit“-Redakteure fragen: „Sind Sie nicht selbst so eine Art Zirkusdirektor? Jemand, der genau diese Spaltung mitproduziert?“ Lanz gibt umgehend Kontra. In der Antwort verteidigt er seine Praxis, immer wieder auch Vertreter der AfD in seine Sendung einzuladen. „Ist es spalterisch, wenn ich auf Missstände hinweise und kritisch nachfrage? Sollte ich Dinge lieber nicht sagen, weil ich vielleicht den Falschen helfe?“, fragt er.
Und: „Wenn ich manchmal Politikern zuhöre, frage ich mich, wie selbstlos die eindringlich vorgetragenen Warnungen vor der AfD wirklich sind. Es ist deutlich einfacher, sich an der AfD abzuarbeiten, statt sich selbstkritisch zu fragen, welche Fehler man gemacht hat, dass eine so radikale Partei so groß werden konnte. Zur Erinnerung: 2015 stand sie bei drei Prozent. Heute bei dreißig.“
„Wir reden erst einmal mit jedem“, verteidigt Lanz seine AfD-Gäste
Auf die Frage hin, ob er nach einer Sendung auch AfD-Politiker in seine Garderobe zum Plaudern einlädt, antwortet er mit einer klaren Ansage: „Ja, natürlich. Wir begegnen uns doch weiterhin als Menschen! Ich erlebe oft, dass man AfD-Politikern nicht einmal die Hand gibt. Das hat etwas Ideologisches, Verhärtetes und befremdet mich. Wir sind doch Journalisten! Wir reden erst einmal mit jedem.“
Die „Zeit“-Redakteure haken nach; wollen dann noch wissen, ob die Gäste hinter den Kulissen „anders reden“ als in der Sendung. Lanz antwortet ebenso diplomatisch wie pragmatisch: „Ja, aber das gilt für jeden, der in der Öffentlichkeit steht: Die Leute spielen eine Rolle, auch ich. Ich kenne niemanden, bei dem das private Bild mit dem öffentlichen deckungsgleich ist.“ Dies gelte auch und insbesondere für die AfD, deren Führungsleute „aus ganz unterschiedlichen Welten“ kämen. „Hören Sie sich an, was Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt über sein Familienbild erzählt, und schauen Sie, wie Alice Weidel lebt (in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, d. Red.) – das passt überhaupt nicht zusammen.“
Befragt nach möglichen Gründen für den aktuell besonders großen Erfolg der AfD in Ostdeutschland, blockt Lanz zudem ab: Es sei ja wohl „anmaßend“, wenn ausgerechnet er jetzt die Ostdeutschen „erklären“ würde.
Aber: „Nur ein Argument würde ich gerne nennen: Mein Sohn hat zwei Sommer lang in Bulgarien gearbeitet. Ich habe ihn dort öfter besucht, und wir sind zusammen durch dieses schöne Land gereist. Dabei ist mir etwas klar geworden, was man in ganz Osteuropa sehen kann: die Folgen von Arbeitsmigration, wenn man sie von der anderen Seite betrachtet.“
In Bulgarien, aber auch in Moldau könne man gut sehen, was es mit einer Gesellschaft mache, wenn „die Jungen in den Westen gehen, um Geld zu verdienen“. Und weiter: „Wenn man eine alte Frau auf dem Markt in Chișinău fragt: ‚Wo sind deine Kinder?‘, antwortet sie: ‚Meine Tochter putzt in Griechenland, mein Sohn arbeitet auf einer Baustelle in England.‘ Dann siehst du, wie ihre Augen feucht werden.“ Eine ähnliche Wanderungsbewegung habe auch Ostdeutschland nach den Wendejahren erlebt, viele Ostdeutsche hätten ihre Kinder und Enkelkinder nun nicht mehr vor Ort.
„Mein Telefon ist ein mobiles Archiv mit Zehntausenden Seiten“, sagt der ZDF-Moderator
Anschließend erlaubt das Gespräch noch einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise der Redaktion (Produzent ist Markus Heidemans, die Produktionsfirma ist vom ZDF redaktionell unabhängig). Wie sich Lanz auf seine Gäste vorbereite, will die „Zeit“ wissen. Seine Redaktion würde ihm zu jedem Gast ein Dossier (also eine Sammlung von Daten, Fakten und Unterlagen) zusammenstellen, lautet die Antwort. „Und mein Telefon ist ein mobiles Archiv mit Zehntausenden Seiten, die ich auf Stichwörter durchsuchen kann“, verrät der 57-Jährige dann noch.
Die Sendung folge – anders als bei „anderen Mitbewerbern“ – keinem „strikten Drehbuch“, betont Markus Lanz dann noch und führt dann aus: „Manchmal entscheidet sich erst am Tag der Aufzeichnung, welcher Politiker kommt. Ich beschäftige mich mit Leuten häufig über Monate hinweg, auch wenn sie noch gar nicht auf der Einladungsliste stehen.“ Zudem erklärt der Moderator, dass er inhaltlich unabhängig arbeite: „Es gibt niemanden im ZDF, der ‚Positionen‘ vorgibt“, sagt Lanz – weder bei Themen wie Migration oder dem Nahost-Konflikt.
Open Questions
- Wie bewerten andere Medienvertreter die Kritik von Lanz?

